{"id":704950,"date":"2026-01-09T10:37:11","date_gmt":"2026-01-09T10:37:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/704950\/"},"modified":"2026-01-09T10:37:11","modified_gmt":"2026-01-09T10:37:11","slug":"david-bowie-ein-gespraech-zwischen-jim-kerr-und-frank-schaetzing-ueber-ungeahnte-verbindungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/704950\/","title":{"rendered":"David Bowie: Ein Gespr\u00e4ch zwischen Jim Kerr und Frank Sch\u00e4tzing \u00fcber ungeahnte Verbindungen"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der Stern auf Jim Kerrs schwarzem T-Shirt leuchtet auch auf dem Bildschirm. Dazu tr\u00e4gt er eine beige Jeansjacke, im Hintergrund Sizilien: Taormina, seit Jahren Wahlheimat des Simple-Minds-S\u00e4ngers. Frank Sch\u00e4tzing sitzt in K\u00f6ln, dunkelgr\u00fcner Sweater, B\u00fccherregal. WELT AM SONNTAG hat Kerr, 66, und den Bestsellerautor Sch\u00e4tzing, 68, anl\u00e4sslich des zehnten Todestages von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article151368709\/David-Bowie-So-sah-er-Berlin-nach-dem-Mauerfall-1990.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article151368709\/David-Bowie-So-sah-er-Berlin-nach-dem-Mauerfall-1990.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">David Bowie <\/a>erstmals in einem Zoom-Gespr\u00e4ch zusammengebracht. Pers\u00f6nlich kannten sie sich zuvor nicht. Doch schon nach zehn Minuten wirkt es, als w\u00fcrden sie sich seit Jahren austauschen. David Bowie ist das verbindende Element zwischen zwei Kennern, die sich mit Fachwissen, Erinnerungen und Anekdoten gegenseitig stimulieren.<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzing, dessen Romane wie \u201eDer Schwarm\u201c oder \u201eLimit\u201c Bestseller waren, hat dem Jahrhundertk\u00fcnstler gerade ein sehr pers\u00f6nliches Buch gewidmet: \u201eSpaceboy. \u00dcber David Bowie. \u00dcber mich\u201c (Kiepenheuer &amp; Witsch). Darin spiegelt er seine eigene Vita an Bowies Leben und Werk. Am 9. Januar w\u00fcrdigt Sch\u00e4tzing Bowie zudem gemeinsam mit<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/gesellschaft\/plus6913232071dafa6e0afd0225\/ina-mueller-wenn-ich-ein-mann-waere-haette-ich-mit-mir-die-beste-frau-an-meiner-seite.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/gesellschaft\/plus6913232071dafa6e0afd0225\/ina-mueller-wenn-ich-ein-mann-waere-haette-ich-mit-mir-die-beste-frau-an-meiner-seite.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Ina M\u00fcller <\/a>bei einem Talk-Event im Meistersaal der Hansa Studios in Berlin \u2013 jenem Ort, an dem Bowie Ende der 1970er-Jahre einen seiner legend\u00e4rsten Songs aufnahm. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. <\/p>\n<p>Kerr wiederum blickt in dem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch \u201eOur Secrets Are The Same. Friendship &amp; Fame At The Heart Of Simple Minds\u201c (Constable)  mit Gitarrist Charlie Burchill auf eine Bandgeschichte zur\u00fcck, in der Bowie immer wieder auftaucht \u2013 nicht zuletzt, weil eine Songzeile von ihm den Namen Simple Minds inspirierte. Die deutsche Ausgabe erscheint am 30. April unter dem Titel \u201eUnsere Musik, unsere Geheimnisse\u201c im Hannibal Verlag. Die Band, die mit Alben wie \u201eNew Gold Dream\u201c (1982), \u201eSparkle In The Rain\u201c (1984) oder \u201eOnce Upon A Time\u201c (1985)  und Hits wie \u201eDon\u2019t You (Forget About Me)\u201c oder \u201eAlive And Kicking\u201c Popgeschichte schrieb, erlebt seit einigen Jahren ein eindrucksvolles Comeback \u2013 mit ausverkauften Arenen in Europa und den USA.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wissen Sie noch, wo Sie waren, als Sie vom Tod Bowies am 10. Januar 2016 erfuhren?<\/p>\n<p><b>Jim Kerr: <\/b>Ich war hier in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/reise\/nah\/article241722635\/Sizilien-Wandern-mit-Simple-Minds-Saenger-Jim-Kerr.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/reise\/nah\/article241722635\/Sizilien-Wandern-mit-Simple-Minds-Saenger-Jim-Kerr.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Taormina auf Sizilien, meiner Wahlheimat<\/a>. Ich wei\u00df noch, dass es ein wundersch\u00f6ner Morgen war, als ich die Nachricht von seinem Tod h\u00f6rte. Das kam einerseits wie aus heiterem Himmel, obwohl ich seit l\u00e4ngerer Zeit eine Ahnung hatte, dass es ihm nicht gut ging. Bowie und ich, wir hatten denselben Tournee-Agenten f\u00fcr Europa. Als ich ihm gegen\u00fcber mal erw\u00e4hnt hatte, Bowie werde doch sicher wieder Konzerte in Europa geben, antwortete er mir daraufhin sehr deutlich: \u201eBowie wird nie wieder auf Tour gehen.\u201c Der Tag, an dem ich dann von seinem Tod erfuhr, war trotzdem ein Schock. Der erste, mit dem ich dar\u00fcber sprach, war Charlie Burchill, mein Freund aus Kindheitstagen und der Gitarrist der Simple Minds. Als wir alt genug waren, unsere eigenen Alben zu kaufen, hatten wir diese oft getauscht: Er gab mir sein Bowie-Album \u201eThe Man Who Sold The World\u201c, ich gab ihm mein \u201eThe Rise And Fall Of Ziggy Stardust\u201c. Charlie hatte viele Bowie-Songs auf der Akustik-Gitarre gespielt. Die Nachricht von seinem Tod hatte uns beide sehr mitgenommen.<\/p>\n<p><b>Frank Sch\u00e4tzing:<\/b> Ich kam an dem Tag aus der Dusche, als meine Frau mich in den Arm nahm und sagte: \u201eDavid Bowie ist gestorben.\u201c Was \u00fcberhaupt keinen Sinn ergab. Zwei Tage zuvor hatte ich <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article150747794\/David-Bowie-Neues-Album-Blackstar-ist-sein-spaetes-Meisterwerk.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/article150747794\/David-Bowie-Neues-Album-Blackstar-ist-sein-spaetes-Meisterwerk.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eBlackstar\u201c <\/a>gekauft, sein neues Album, und es wie im Rausch ein Dutzend Mal geh\u00f6rt. Grandios d\u00fcster, zugleich die supervitale R\u00fcckmeldung eines Mannes, der sich in 50 Jahren \u00f6fter neu erfunden hatte als jeder andere Popstar. \u201eBlackstar\u201c war aufregend, avantgardistisch! Ich dachte: \u201eDa kann was nicht stimmen. Man bringt doch kein solches Meisterwerk raus und stirbt zwei Tage sp\u00e4ter.\u201c Hinzu kam, dass ich in jenem Januar 2016 das Vergn\u00fcgen hatte, mit Bowies legend\u00e4rem Pianisten und engem Freund Mike Garson f\u00fcr mein eigenes Album \u201eTaxi Galaxi\u201c zu arbeiten. Wir hatten uns zu Proben verabredet, unmittelbar nach Bowies Tod. Mike sa\u00df in Los Angeles am Fl\u00fcgel, ich rief ihn an: \u201eMike, wir k\u00f6nnen es verschieben oder bleiben lassen. Wenn ich schon unter Schock stehe, wie muss es dir erst gehen?\u201c Aber Mike war da rigoros: \u201eNein, wir ziehen das durch. So wie David es durchgezogen h\u00e4tte. Jede Sekunde nutzen. Er hatte diese Lebensfreude, wei\u00dft du, diese Power.\u201c Wir redeten dann eine Weile, Mike erz\u00e4hlte, was f\u00fcr ein gro\u00dfartiger Produzent Bowie gewesen sei, der seinen Musikern alle Freiheiten gelassen habe, stets zugewandt und respektvoll \u2013 und dann haute er in die Tasten. Und das war die Situation: Bowie hatte ein Meisterwerk ver\u00f6ffentlicht, war gestorben, ich hatte Mike Garson auf meinem Album \u2013 alles binnen weniger Tage. Ich war einigerma\u00dfen \u00fcberfordert. Zumal Bowie selbst daf\u00fcr gesorgt hatte, dass sein Tod vollkommen irreal schien.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Woran genau hast du das festgemacht?<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> An seinen Videos. Nat\u00fcrlich wollte der Mann leben, kein Mythos sein. Er litt, k\u00e4mpfte an gegen die Krankheit, verlor. Gleichzeitig gelang es ihm, noch \u00fcber sein Sterben die k\u00fcnstlerische Kontrolle zu wahren. Es gab ja keine Bilder seines Verfalls wie bei Freddie Mercury. Stattdessen Videos voller r\u00e4tselhafter Andeutungen. Was sah man da? Einen diamantbesetzten Sch\u00e4del. Ein Skelett, das einer schwarzen Sonne entgegentrieb. Bowie, der in einem Schrank verschwand. Geniales, unheilvolles Theater, aber nichts davon wirkte, als sei er wirklich gestorben. Eher wie Gandalf in eine andere Sph\u00e4re gewechselt, eine weitere seiner Selbstinszenierungen, ein fast augenzwinkerndes: Ich bin dann mal weg. Erst Monate sp\u00e4ter habe ich wirklich begriffen, dass er tot war.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Interessant, dass du mit Mike Garson aus Bowies Band zusammengearbeitet hast. Robin Clark, die als Background-S\u00e4ngerin auf Bowies Alben wie \u201eYoung Americans\u201c oder \u201eStation To Station\u201c mitgewirkt hatte, hatte auch uns bei den Aufnahmen von \u201eOnce Upon A Time\u201c unterst\u00fctzt. \u00dcber sie hatten wir auch ihren Ehemann Car-los Alomar kennengerlernt.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Bowies langj\u00e4hrigen Gitarristen und musikalischen Leiter.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Ja. Als Bowie seinerzeit abgemagert und finanziell abgebrannt in New York auftauchte, k\u00fcmmerten sich die beiden eine Zeit lang um ihn, Robin bekochte ihn ein paar Tage. Bob Clearmountain, der unser Album \u201eOnce Upon A Time\u201c mit produziert und auch als Toningenieur an Bowies \u201eLet\u2019s Dance\u201c mitgewirkt hatte, erz\u00e4hlte mir, dass Bowie dieses Album in nur zweieinhalb Wochen aufgenommen hatte. Er sagte uns auch, dass Bowie w\u00e4hrenddessen eine besondere Inspiration brauchte.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>Ah! Welche?<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Er lie\u00df sich VHS-Cassetten der legend\u00e4ren britischen TV-Seifenoper \u201eCoronation Street\u201c in die USA schicken. Als ich das h\u00f6rte, war ich fassungslos, denn jeder, der sich \u00f6ffentlich als Fan dieser Serie outete, galt als das Uncoolste \u00fcberhaupt \u2013 mal abgesehen von meiner Mutter, die \u201eCoronation Street\u201c liebte. Vielleicht hat Bowie darin ja irgendeine intellektuelle Ebene entdeckt, die mir selbst entgangen ist. Ich jedenfalls war \u00fcber seine Vorliebe derart irritiert, dass ich eine Zeitlang dachte: \u201eIch wei\u00df nicht, ob ich weiterhin Bowie h\u00f6ren kann, nachdem ich jetzt wei\u00df, dass er Fan der ,Coronation Street\u2018 ist\u201c. (lacht) <\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Sie hatten beide als Zw\u00f6lfj\u00e4hrige Initiations-Momente mit Bowie. Sie, Jim, sahen ihn erstmals 1973 im \u201eGreen\u2019s Playhouse\u201c in Glasgow.  Und Ihnen, Frank, wurde im Musikunterricht auf dem Gymnasium erstmals \u201eSpace Oddity\u201c vorgespielt. Was machte diese Erlebnisse so nachhaltig f\u00fcr Sie, dass sie Ihrer beider Leben derart gepr\u00e4gt haben? <\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Zu dem Konzert kam ich nur, weil der Bruder meines Klassenkameraden Kenny Campbell Manager des Konzertclubs war. Es war das erste Mal, dass ich eine Discokugel sah. Noch bevor Bowie erschien, spielten sie als Intro Beethovens Musik aus \u201eClockwork Orange\u201c. Und dann kam Bowie selbst zu den Kl\u00e4ngen von \u201eThe Spiders From Mars\u201c auf die B\u00fchne. Ich hatte in dem Augenblick wirklich den Eindruck: Der Typ ist von einem anderen Planeten hier gelandet. Wenn Sie zw\u00f6lf Jahre alt sind, bis dahin nur das triste Glasgow kannten, w\u00e4ren allein Lautst\u00e4rke, Licht und Rock \u2019n\u2019 Roll schon \u00fcberw\u00e4ltigend genug gewesen. Bei Bowie kamen noch all die anderen Zutaten hinzu, deren Hintergr\u00fcnde ich erst viel sp\u00e4ter verstanden habe: der Einfluss des japanischen Kabuki-Theaters auf seine Performance, Beethoven, Rock \u2019n\u2019 Roll, Androgynit\u00e4t, Sexualit\u00e4t oder auch Jacques Brel \u2026<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Oder sein Sinn f\u00fcrs Obskure, f\u00fcr Okkultisten wie Aleister Crowley. Was ist Ihnen von dem fr\u00fchen Bowie-Konzert sonst noch in Erinnerung geblieben? <\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Kennys Bruder nahm uns dann noch mit in einen Gang unter der B\u00fchne, noch bevor das Konzert zu Ende war. Dort sah ich das erste Mal \u00fcberhaupt einen Schwarzen, das war Bowies Bodyguard. Und der rief uns zu: \u201eAlle Platz machen, und stellt euch an die Seite.\u201c Dann rauschten Bowie und seine Band an uns vorbei, in all diesen verr\u00fcckten, schwei\u00dfdurchtr\u00e4nkten Kost\u00fcmen. Ich h\u00e4tte den Saum ber\u00fchren k\u00f6nnen. Wie h\u00e4tte ich so einen Moment je vergessen k\u00f6nnen? (lacht)<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Klingt, als h\u00e4ttest du dein Erweckungserlebnis gehabt.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Der Moment bedeutete einfach alles, Frank. Ich habe in dem Moment entschieden: Ich wei\u00df nicht von welchem Planeten Bowie kam, aber ich will auch auf diesem Planeten leben. Wie war\u2018s bei dir?<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Ich war ja wie du zw\u00f6lf, als unser neuer Musiklehrer raunte: \u201eIch spiele euch jetzt die Zukunft der Popmusik vor\u201c \u2013 und dann legte er Bowies \u201eSpace Oddity\u201c auf, ohne N\u00e4heres \u00fcber Bowie zu verraten. Dieser Lehrer war das einsame Licht an unserem finsteren Gymnasium, wo sie alles daransetzten, uns das Tr\u00e4umen auszutreiben. Die Platte drehte sich, ich sah Raumschiffe und Universen und dachte: Wow! Dieser Bowie ist der K\u00f6nig aller Tr\u00e4umer! Es war nicht allein die Musik. Der Song wirkte wie ein Film auf mich, mit Bowie in mehreren Rollen. Er war der Astronaut, er war Ground Control. Ich h\u00f6rte Kl\u00e4nge, wie ich sie nie geh\u00f6rt hatte, und in allem die Message: Entwickle deine Kreativit\u00e4t. Lass die vielen Pers\u00f6nlichkeiten raus, die in dir leben. Du musst dich nicht entscheiden, nur eine Person zu sein. Sei einfach alle. Pl\u00f6tzlich wusste ich: Wenn der damit Erfolg hat, kann sogar aus mir noch was werden.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Kann ich gut nachvollziehen. Aber nicht jedem in deiner Klasse \u2013 und nicht jedem im Publikum beim Bowie-Konzert in Glasgow \u2013 ging es so wie dir und mir, also, dass sie verr\u00fcckt danach wurden und st\u00e4ndig daran dachten. Bowie war ein Portal, durch das man selbst in andere Welten gehen konnte, um dort Einfl\u00fcsse aufzusaugen, die wir von anderen Rock-\u2019n\u2019-Roll-Leuten nicht bekommen haben. Kabuki und all das hatten wir schon erw\u00e4hnt, aber Bowie sprach ja auch \u00fcber Warhol, als er noch nicht Mainstream war, \u00fcber William Burroughs, oder Ikonen der Minimal Music wie Steve Reich. Und in jedem Interview, das er dem \u201eNew Musical Express\u201c gab, erw\u00e4hnte er irgendein Buch, das er gerade las. \u201eThe Tibetan Book Of The Dead\u201c beispielsweise \u2013 das hatte ich mir dann sofort gekauft.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Er war ein Entdecker. Einer, der Universen erkundete und uns einlud, ihm dorthin zu folgen. Ohne zu verhehlen, wen er alles belieh. 1972 in der Russell-Harty-Show erkl\u00e4rte er, er sei ein Sammler, sammle Pers\u00f6nlichkeiten und Stile. Aus denen er faszinierend Neues erschuf! Er hat sein Zukunftsgesp\u00fcr in ein Motto gefasst: Tomorrow belongs to those who can hear it coming. Wobei ihn tats\u00e4chlich mehr als die Musik B\u00fccher und Filme beeinflussten: Stanley Kubrick, Science-Fiction-Autoren, die Beat-Poeten. Im Buch \u201eBowie\u2019s Books\u201c sind 200 seiner Lieblingsb\u00fccher vorgestellt, ein rauschhafter Trip durch die Literaturgeschichte. Er las wie besessen. Wusstest du, Jim, dass er seine Bibliothek auf Reisen in Schrankkoffern mit sich f\u00fchrte aus Angst, sie k\u00f6nnte ihm zu Hause gestohlen wer-den?<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Ja, irre! Ich glaube, Bowie war der literarischste Mensch \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Reden wir \u00fcber Bowie als Vision\u00e4r: 1999 sagte er in einem Interview mit der BBC, die Kraft des Subversiven, Rebellischen, Chaotischen und Nihilistischen, gehe heute vom Internet, nicht mehr von der Musik aus. Als der Journalist skeptisch entgegnete: \u201eEs ist doch nur ein Werkzeug, oder?\u201c, antwortete Bowie entr\u00fcstet: \u201eDas Internet ist wie eine au\u00dferirdische Lebensform, die gerade hier gelandet ist. Sie wird unsere Vorstellungen von Medien zerschlagen. Es wird jede Form unseres Lebens durchdringen. Und wir, wir haben absolut keine Vorstellung davon, was auf uns zukommt.\u201c Diese Vorhersage war so pr\u00e4zise, das ist fast schon be\u00e4ngstigend wirkt, oder?<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Bowie dachte nicht in zaghaften Prognosen. Er dachte in Szenarien, und er dachte sie zu Ende. Wo andere den n\u00e4chsten Schritt sahen, sah er das ganze Potenzial. Ich sch\u00e4tze, daf\u00fcr musste er sich nicht mal anstrengen, er hatte einfach diese Gabe. Er verstand, dass das Internet die Beziehung zwischen K\u00fcnstlern, Musikindustrie und Publikum, die komplette Popkultur radikal ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Dass es v\u00f6llig neue R\u00e4ume und Ausdrucksformen er\u00f6ffnen, Fans und Idole einander n\u00e4herbringen, sie zugleich aber verk\u00fcnstlichen und jede Grenze zwischen Realit\u00e4t und Illusion aufheben w\u00fcrde.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>All das sah er schon damals. <\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Und zwar tiefenscharf. Social Media und Apps, damit erschaffen wir uns heute unsere Alter Egos im virtuellen Space, unsere Avatare. Bowie hatte sich schon in der pr\u00e4virtuellen Welt seine Avatare zugelegt: Ziggy Stardust, Aladin Sane, Thin White Duke. Das Spannende war, dass er diese Figuren auch abseits der B\u00fchne verk\u00f6rperte. Einerseits, um seine Unsicherheit zu kaschieren, er war ja zu Anfang sehr sch\u00fcchtern. Andererseits wusste er sehr genau um die manipulative Kraft seiner Figuren. Ziggy hatte er nicht von ungef\u00e4hr als Messias angelegt. Die Vorstellung, welche Macht seine Sch\u00f6pfungen im Internet entfesseln w\u00fcrden, das endg\u00fcltige Verflie\u00dfen von Wahrheit und Illusion, muss ihm mit nuklearer Wucht vor Augen gestanden haben. <\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Ja, Bowie hatte die Wirkmacht des Internets vorausgesehen. Die interessante Frage, auf die es keine befriedigende Antwort gibt, ist: Woher hatte er diese \u00fcberaus scharfsichtigen Visionen? Wir hatten auf unserem zweiten Album einen Song namens \u201eVeldt\u201c, der Begriff stammt aus einer Science-Fiction-Kurzgeschichte von Ray Bradbury. Darin lebt eine Figur in einem Raum mit Bildschirmen, irgendwann vermischen sich Realit\u00e4t und die Figuren auf den Bild-schirmen \u2013 und dann passiert ein Gemetzel. Als 20-J\u00e4hriger dachte ich: Das k\u00f6nnte uns in Zukunft erwarten.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Heute gibt es KI-Bands und -Schauspieler und auch KI-generierte Songs und Texte. Viele K\u00fcnstler wie Paul McCartney protestieren dagegen, fordern Gesetze und Regulierungen, um die Rechte von K\u00fcnstlern zu sch\u00fctzen. Was glauben Sie, wie w\u00fcrde Bowie darauf reagieren?<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Ich bin mir sicher, Bowie w\u00fcrde sich vollends in die KI-Welt st\u00fcrzen. KI w\u00e4re f\u00fcr ihn ein wichtiges Werkzeug. Die aktuellen Debatten dar\u00fcber sind vermint wegen all der berechtigten politischen und finanziellen Fragen wie: \u201eWem geh\u00f6ren die Inhalte, die KI aus von Menschen erschaffenen Inhalten generiert?\u201c Das ist alles be\u00e4ngstigend, aber das ist eine andere Debatte.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> KI ist ein gewaltiges Thema. Voller Verhei\u00dfungen und Abgr\u00fcnde. Ich bin deiner Meinung: Bowie w\u00fcrde KI mit Begeisterung nutzen, er w\u00e4re ganz versessen darauf. Fasziniert von der Beschleunigungszunahme der technologischen Entwicklung. Er w\u00fcrde pausenlos dar\u00fcber nachdenken, wie die Welt 2030, 2050 aussieht. Vor allem aber w\u00fcrde er am Gestaltungsprozess teilhaben wollen. In Michael Apteds \u201997er-Dokumentation \u201eInspirations\u201c pr\u00e4sentiert er ein Computer-Programm namens \u201eVerbasizer\u201c, das er zusammen mit Brian Eno entwickelt hatte.  Man gibt S\u00e4tze ein, die das Programm in Fragmente zerschneidet. Durch Dr\u00fccken des Verbasize-Buttons werden die Fragmente neu sortiert. Es entstehen Zufallskombinationen, neue Bedeutungen. Das Ganze war im Grunde eine fr\u00fche KI, eine digitale Weiterentwicklung der Cut-up-Technik, die Bowie gern anwandte.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Zu der ihn William Burroughs inspiriert hatte. Interessant. Ich bin mir nicht sicher, ob ich je vom \u201eVerbasizer\u201c geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ich habe mal Chat GPT gepromptet, es m\u00f6ge einen Song-Text im Stile David Bowies schreiben und Motive aus seinen bekanntesten Songs ber\u00fccksichtigen \u2013 also Cat People, den Bahnhof Zoo in Berlin und dem Leben auf dem Mars. Hier das Ergebnis: \u201eThe cat people prowl through neon haze around the Zoo, eyes like quiet sirens in the U-Bahn, burning blue. A girl is counting stardust blooming faintly on the ground, whispers, somewhere out there, a new heart will be found.\u201c<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Klingt, als h\u00e4tte es ein Zehnj\u00e4hriger geschrieben.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Das ist richtig mies. Obwohl &#8211; schon beeindruckend, dass eine Maschine so was \u00fcberhaupt kann. Andererseits zeigt es, dass KI keine Seele und keine Bed\u00fcrfnisse, der Welt nichts mitzuteilen hat. Wenn Du, Jim, einen Song schreibst, tust Du das vielleicht aus Euphorie oder Verzweiflung oder einfach aus guter Laune. Wir K\u00fcnstler erschaffen Fiktionen im Spannungsfeld von Gef\u00fchl und Verstand \u2013 bewusste Akte, uns die Welt zu erkl\u00e4ren. KI ist sehr gut darin, das zu imitieren. Sie wird jeden Tag besser, aus dem Vorhandenen neue kreative Inhalte zu synthetisieren, und manches ist echt gro\u00dfartig! Medienk\u00fcnstler wie Refik Anadol, Musiker wie Arca und Grimes nutzen KI als Partnertechnologie, mit beeindruckenden Ergebnissen. Ich selbst drehe meine Instagram-Videos mit KI und liebe es. Die Systeme sind irre schnell, ihre M\u00f6glichkeiten praktisch unbegrenzt, sie lernen in atemberaubender Geschwindigkeit. Nur: KI hat keine Emotionen. Sie leidet nicht, entbrennt f\u00fcr nichts, wei\u00df nicht mal, dass sie existiert. Und solange sich das nicht \u00e4ndert, werden Jim und ich wohl immer noch die authentischeren Popsongs und Romane schreiben.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Ich befinde mich in einer Art Zwischenzustand. Ich habe KI noch nie benutzt, um Songtexte zu schreiben. Nie. Ich schreibe allerdings jeden Morgen \u2013 das kann so eine Art Prosa sein. Manchmal denke ich: \u201eOkay, ich jage den Text jetzt nochmal durch die KI und bitte sie um eine Alternative.\u201c In ungef\u00e4hr der H\u00e4lfte der F\u00e4lle ist die alternative Version besser als meine \u2013 oder sie beinhaltet bessere Passagen, so dass ich eine Hybrid-Version aus beiden Texten erstelle. Anl\u00e4sslich von Jim Morrisons 80. Geburtstag hatte ich f\u00fcr die BBC eine Podcast-Dokumentation gemacht. Ich stellte mir daf\u00fcr unter anderem die Frage, ob, wenn Jim Morrison noch lebte, ich ihn an seinem Geburtstag nach Sizilien einladen k\u00f6nnte \u2013 und was ich dann mit ihm unternehmen w\u00fcrde. Ich fragte die KI nach Vorschl\u00e4gen. Sie spuckte sofort mehrere aus, bezog sich auf Morrisons Interesse an griechischer und r\u00f6mischer Geschichte. Die Bucht beispielsweise, auf die ich jetzt w\u00e4hrend unseres Interviews gerade aus meinem Fenster schaue, ist der Ort, wo die ersten Griechen nach Sizilien kamen. Jim w\u00fcrde dort hingehen wollen. Die KI erw\u00e4hnte auch einen Ort auf Sizilien, den ich immer schon besuchen wollte, was ich aber noch nie geschafft hatte. Das ist eine H\u00f6hle, in der die Akustik \u00fcberw\u00e4ltigend gut ist. Morrison w\u00fcrde ganz sicher in dieser H\u00f6hle singen wollen. Und: Morrison trank bekannterma\u00dfen auch gern. Ganz sicher w\u00fcrde er die sizilianischen Weine m\u00f6gen, um seinen Geburtstag zu feiern. Wenn ich mir dieselben Fragen um acht Uhr morgens gestellt h\u00e4tte, h\u00e4tte ich bis 14 Uhr am Nachmittag sicher auch ein paar \u00e4hnliche Antworten gefunden. Die KI kam in 15 Sekunden darauf. Und das ist jetzt schon wieder zwei Jahre her.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Jim, Sie haben Bowie mehrere Male getroffen. Haben Sie ihm je erz\u00e4hlt, dass Sie die Idee zu Ihrem Bandnamen aus seinem Song \u201eThe Jean Genet\u201c und der Zeile \u201eHe\u2019s so simple minded\u201c entnommen hatten?<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Nein. Ich kam mir viel zu cool vor, als dass ich mir die Bl\u00f6\u00dfe gegeben h\u00e4tte, ihm das zu beichten: \u201eHey, wei\u00dft du eigentlich, dass wir unseren Bandnamen aus deinem Song geklaut haben?\u201c Er wird es vermutlich gewusst haben, denn die Geschichte \u00fcber unsere Namensfindung ist ja ziemlich gut dokumentiert.  <\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Mussten Sie wegen Ihres Namens \u2013 die schlichen Gem\u00fcter \u2013 anfangs sehr viel H\u00e4me aushalten?<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Zun\u00e4chst einmal mochten wir einfach den Song, \u201eThe Jean Genet\u201c, aus dem wir die Zeile entnommen hatten. Gleichzeitig muss ich damals wohl auch an mein erstes buddhistisches Buch gedacht haben, in dem sinngem\u00e4\u00df stand, dass Schlichtheit die Antwort auf fast alles sei. Aber klar: Wenn man jemandem sagt, er sei \u201esimple minded\u201c, also: ein schlichtes Gem\u00fct, bedeutet das nichts anderes, als dass er ein Idiot ist. Aber auch in diesem Kontext befanden wir uns in guter Gesellschaft: Iggy Pop hatte eines seiner Alben \u201eThe Idiot\u201c genannt, von Dostojewskis gleichnamigem Roman ganz zu schweigen. <\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Auf den Iggy ja anspielte. Das Ganze war so wunderbar typisch daf\u00fcr, wie er und Bowie die Kunstformen zusammenw\u00fcrfelten: Pop, Literatur, Malerei. Die Cover-Ideen f\u00fcr Iggys \u201eIdiot\u201c und Bowies \u201eHeroes\u201c holten sie sich im Berliner Br\u00fccke-Museum bei Erich Heckels Gem\u00e4lde \u201eRoquairol\u201c.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Die waren ihrer Zeit voraus. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber unseren Namen hat sich bei meinen Begegnungen mit Bowie allerdings nie ergeben. Er hatte mich mal angerufen und gefragt, ob er unser damaliges am schottischen Loch Earn gelegenes Studio mieten k\u00f6nne. Und, da er wusste, dass ich in Italien lebte, wollte er von mir einen Rat hinsichtlich seiner in Italien geplanten Tournee. Er machte sich Sorgen wegen der Mafia, dass er nicht bezahlt werden w\u00fcrde. Ich konnte ihn dahingehend aber beruhigen: \u201eDu wirst dein Geld bekommen.\u201c Jetzt w\u00fcrde ich dich gern etwas zu Bowie fragen, Frank.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Nur zu.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Ich habe mich immer gefragt, ob die Deutschen stolz darauf sind, dass Bowies zwischen 1977 und 1979 erschienene drei Alben \u201eLow\u201c, \u201eHeroes\u201c und \u201eLodger\u201c heute als Berlin-Trilogie gelten, weil er einen Teil davon in der damaligen Mauerstadt aufgenommen hatte. Er h\u00e4tte ja in jede andere Stadt gehen k\u00f6nnen. Bist du stolz darauf, dass er Berlin w\u00e4hlte, Frank?<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>Klar! Die Berlin-Trilogie ist unser heiliger Pop-Mythos. Wobei ja nur \u201eHeroes\u201c komplett in den Hansa Studios eingespielt wurde, \u201eLow\u201c in Frankreich, \u201eLodger\u201c in der Schweiz und in New York. Aber der Song \u201eHeroes\u201c entstand in Berlin. Und: Bowie singt Deutsch! \u00dcber die Mauer! F\u00fcr uns wurde er damit ein bisschen ein Deutscher.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Aber wegen ihrer \u00c4sthetik und konzeptionellen N\u00e4he gelten alle drei Alben als zusammengeh\u00f6rig. Es ist interessant, dass diese Trilogie heute als Klassiker gilt, aber beim Erscheinen war \u201eHeroes\u201c damals kein Hit. Damals war Punk angesagt, und Bowie war out, experimentierte mit Kraut-Rock. Heute  dagegen wird \u201eHeroes\u201c bei allen m\u00f6glichen Sport-Events als Hymne gespielt, das Lied hat eine \u00e4hnliche Strahlkraft wie sonst vielleicht nur \u201eWe are the champions\u201c. Bemerkenswert finde ich auch, dass Bowie Ende der 70er-Jahre seinen Freund Iggy Pop mitnahm nach Berlin, der war damals wie eine Art Sancho Panza f\u00fcr ihn. Iggy war wie eine Art Schatten f\u00fcr Bowie, der nach vorn sprang und f\u00fcr ihn schon mal die T\u00fcr eintrat, wenn sie in die Nacht- und Travestie-Clubs gingen.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>The Odd Couple! Bowies und Iggys Drogenkonsum war in L.A. aus dem Ruder gelaufen. Es war wohl Bowies Vertraute Coco Schwab, die vorschlug, nach Berlin umzusiedeln. Schon kurios: In die Heroin-Hauptstadt Europas zu gehen, um clean zu werden. Aber Bowie war pleite, Englands Fiskus sa\u00df ihm im Nacken. Berlin war ein Tr\u00fcmmerhaufen, daf\u00fcr billig und reich an Subkultur. Der perfekte Ort, um unterzutauchen und sich neu zu erfinden. Au\u00dferdem musste Gras \u00fcber jenes unheilvolle Interview wachsen, das Bowie dem \u201ePlayboy\u201c in den USA gegeben hatte und worin er behauptete, Hitler sei der erste Rockstar gewesen\u2026<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> In jener Zeit trat Bowie im Gestapo-Look auf. Sp\u00e4ter hat er sich von der Hitler-Aussage distanziert, sie als Fehler bezeichnet. Wie haben Sie damals als Fan auf diese Provokation reagiert?<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Naja, sein Hirn schwamm in Drogen, als er das Interview gab. Alle um ihn herum waren high wie Big Lebowski. In LA hatte er sich mit John Lennon angefreundet, der soff wie ein Loch, Kumpel Iggy hing am Heroin. In so einer Gesellschaft fasst du keinen klaren Gedanken. Bowie hatte sich in seinen Alter Egos verloren, vor allem in jenem b\u00f6sartigen Thin White Duke, diesem Mr. Hyde, den er sich zugelegt hatte. Wie alle seine Kunstfiguren nahm er auch den Duke von der B\u00fchne mit ins reale Leben und lie\u00df ihn Dinge \u00fcber Hitler und den Faschismus sagen, den Bowie bei Verstand nie gesagt h\u00e4tte. Er bildete sich ein, die Leute w\u00fcrden das Konzept dahinter verstehen: dass da eben nicht David Bowie, sondern der Duke sprach. Und im Grundsatz hatte er sogar recht. Klar gibt es Parallelen zwischen Popstars und Autokraten, allein wie eine distanzlose Menge sie in Machtpositionen hievt, siehe Trump.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Nur schwadronierst du dar\u00fcber nicht beim \u201ePlayboy\u201c mit dem Kopf voller Amphetamine. <\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>So ist es. Pl\u00f6tzlich schrieb die Weltpresse, Bowie sei ein Faschist. Wie er sich davon distanzierte, fand ich allerdings absolut glaubw\u00fcrdig. Und auch dabei hat ihm Berlin geholfen. Den Thin White Dukes hat er in Sch\u00f6neberg sang- und klanglos beerdigt. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Jim, 1979 haben Sie bei den Aufnahmen von \u201eReal To Real Cacophony\u201c David Bowie und Iggy Pop getroffen, die im selben Studio arbeiteten. Gemeinsam nahmen Sie dann die Backing Vocals f\u00fcr Iggy Pops Song \u201ePlay It Safe\u201c von dessen Album \u201eSoldier\u201c auf, das auch noch von der Berlin-Phase gepr\u00e4gt war. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Session?<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Manchmal frage ich mich, ob das wirklich passiert ist. Unsere Plattenfirma hatte uns dieses Studio auf dem Land in Wales empfohlen \u2013 es war Teil eines Bauernhofes, der noch in Betrieb war. Es gab dort zwei Studios, ein gro\u00dfes und ein kleines, in dem wir waren. Iggy Pop nahm im gro\u00dfen Studio auf, auch er war einer unserer Helden. Wir fragten uns, ob wir ihn je zu Gesicht bekommen w\u00fcrden. Nun waren wir zwar nicht gerade eine verr\u00fcckte, exzessive Heavy-Metal-Band, aber wir waren mit Drogen und ein paar Frauen aus Glasgow angereist. Iggy kam dann jeden Abend zu uns ins kleine Studio, weil wir Hasch und Speed hatten und weil bei uns Frauen abhingen. Was soll ich sagen, er war wie ein liebestoller Kater. Eher beil\u00e4ufig erz\u00e4hlte er dann, dass am n\u00e4chsten Tag David Bowie kommen w\u00fcrde, um ihn bei Aufnahmen zu unterst\u00fctzen. Wir dachten nur: \u201eVerdammt. Echt jetzt? Bowie kommt hierher? Auf diesen Bauernhof?\u201c Am n\u00e4chsten Abend fuhr er tats\u00e4chlich in einer Limousine vor \u2013 direkt auf den Bauernhof. Er war ganz in Schwarz gekleidet, in der einen Hand ein Heineken-Bier, in der anderen ein gro\u00dfes St\u00fcck K\u00e4se. <\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>W\u00e4re das nicht ein guter Zeitpunkt gewesen, um dich bei ihm zu bedanken, dass er mit einem seiner Songzeilen Taufpate der Simple Minds war?<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>(lacht) Nein, ich habe ihm auch in diesem Moment nicht gesagt, dass uns einer seiner Songs zu unserem Namen inspiriert hatte. Stattdessen fragte ich ihn: \u201eWarum hast du ein so gro\u00dfes St\u00fcck K\u00e4se in der Hand?\u201c Er sagte, er habe starken Hei\u00dfhunger, weil er zu viel geraucht habe. Dann gingen sie in ihr Studio. Eine Stunde sp\u00e4ter meinte ihr Produzent, wir sollten mal r\u00fcberkommen, um als Backup-S\u00e4nger einen neuen Song namens \u201ePlay It Safe\u201c einzusingen. Wir waren zu sechst oder siebt, standen vor dem Mikro. Bowie war der Chef, er sagte uns exakt, wo wir stehen sollten. Nach der ersten Aufnahme meinte er jedoch: \u201eDas m\u00fcssen wir nochmal machen. Und, k\u00f6nnten bitte alle, die nicht beruflich singen, von dem Mikro zur\u00fccktreten?\u201c <\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>Ha! Wie cool.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Dann waren wir nur noch zu Dritt: Iggy Pop, David Bowie und ich. Wenn ich nicht in den Credits auf dem Album-Cover erw\u00e4hnt w\u00e4re, k\u00f6nnte ich bis heute nicht glauben, dass das wirklich passiert ist. <\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wenn David Bowie noch lebte und Sie ihn treffen k\u00f6nnten \u2013 welche Frage w\u00fcrden Sie ihm gern stellen?<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Ich w\u00fcrde ihn gern fragen, ob es ihm bewusst war, was f\u00fcr ein unglaubliches Gl\u00fcck er doch in seinem Leben gehabt hatte. Dass er die F\u00e4higkeit hatte, auf diese unnachahmliche Weise zu singen. <\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Dabei mochte er seine Stimme gar nicht besonders.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Das ist bei S\u00e4ngern ja oft der Fall. Was ich meine ist: Bowie konnte alles singen, er h\u00e4tte auch das Telefonbuch singen k\u00f6nnen und es h\u00e4tte gro\u00dfartig geklungen. Ich w\u00fcrde ihm also diese eine, einfache Frage stellen: \u201eDavid, wissen Sie eigentlich, wie viel Gl\u00fcck Sie hatten \u2013 ja oder nein?\u201c Nun k\u00f6nnte man einwenden, dass er, da er relativ jung gestorben ist, nicht wirklich Gl\u00fcck hatte. Er war ja ein starker Raucher. Wenn ich mich an Fotos mit ihm erinnere, hatte er darauf jedes Mal eine Zigarette in der Hand. Ich habe das Rauchen immer gehasst, fand das alles andere als cool. Ob es einen Zusammenhang gibt, zwischen seinem Tod und dem Rauchen? Man kann annehmen, dass es nicht hilfreich war. Ich w\u00fcrde ihn trotzdem gerne nach den Gl\u00fccksmomenten in seinem Leben befragen. Das ist ein Thema, \u00fcber das auch ich in letzter Zeit viel nachdenke.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>Geht mir \u00e4hnlich. Ich sch\u00e4tze, mit seiner zweiten Frau Iman und der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Lexi begann Bowies wirklich gl\u00fcckliche Zeit. Fr\u00fcher hatte er sich davor gef\u00fcrchtet, in seine Gedanken einzutauchen. Nietzsches Abgrund: Schaust du lange genug hinein, schaut der Abgrund auch in dich hinein. Iman und Lexi schenkten ihm Frieden, er schien wie neugeboren. Und rang umso mehr mit der gro\u00dfen Kr\u00e4nkung der Natur.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Die Natur kr\u00e4nkt uns?<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Und wie! Weil sie uns all diese Intelligenz, Tatkraft und Leidenschaft schenkt, so viel Ehrgeiz \u2013 und uns zugleich um unsere Endlichkeit wissen l\u00e4sst. Was also ist der Sinn des Lebens, wenn am Ende aller Ambitionen die Ausl\u00f6schung steht? Warum Zukunft erstreben, wenn man keine hat? Soweit mir bekannt ist, hat keine andere Spezies eine solche Vorstellung ihres eigenen Endes. Wir Menschen haben es st\u00e4ndig vor Augen.<\/p>\n<p><b>Kerr: <\/b>Dar\u00fcber denke ich, je \u00e4lter ich werde, auch sehr oft nach. <\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing: <\/b>Ich ebenso. Und ich glaube, das Ende wertet unser Schaffen nicht ab, sondern im Gegenteil auf! Es macht unsere Zeit, unser Werk nur kostbarer. Auch Bowie klammerte sich daran. Mag sein, er sagte sich: Okay, ich muss wie jeder andere sterben, aber die Zeit, die mir bleibt, werde ich bis zur letzten Sekunde nutzen, um Neues zu erschaffen. Dieser Haltung f\u00fchle ich mich immer verbundener.<\/p>\n<p><b>Kerr:<\/b> Wenn ich mir Bowie vor seinem Tod als gl\u00fccklichen Menschen vorstelle, stimmt mich das vers\u00f6hnlicher, als mir beispielsweise das Ende von Prince zu vergegenw\u00e4rtigen. Er starb ja, wie man wei\u00df, allein in einem Fahrstuhl in seinem Studio-Komplex in Minnesota. Ich f\u00fchle mich immer elend, wenn ich daran denke. Aber Frank, du hast noch nicht verraten, welche Frage du Bowie stellen w\u00fcrdest.<\/p>\n<p><b>Sch\u00e4tzing:<\/b> Ganz einfach: \u201eWas m\u00f6chtest du trinken?\u201c<\/p>\n<p>Zu den Personen:<\/p>\n<p><b>Frank Sch\u00e4tzing<\/b><\/p>\n<p>Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften machte sich Frank Sch\u00e4tzing zun\u00e4chst als Mitgr\u00fcnder und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Werbeagentur Intevi einen Namen. Sein literarisches Deb\u00fct gab er 1995 mit dem historischen Krimi \u201eTod und Teufel\u201c. Der internationale Durchbruch gelang dem am 28. Mai 1957 in K\u00f6ln geborenen Autor 2004 mit dem \u00d6kothriller \u201eDer Schwarm\u201c, der in 27 Sprachen \u00fcbersetzt wurde und sich weltweit rund 4,5 Millionen Mal verkaufte. Zuletzt erschien sein autobiografisches Buch \u201eSpaceboy. \u00dcber David Bowie. \u00dcber mich\u201c (Kiepenheuer &amp; Witsch).<\/p>\n<p><b>Jim Kerr<\/b><\/p>\n<p>Seit der Gr\u00fcndung von Simple Minds im Jahr 1978 pr\u00e4gt Jim Kerr als S\u00e4nger und Songwriter eine der erfolgreichsten britischen Bands der 80er Jahre. Geboren am 9. Juli 1959 in Glasgow, feierte er mit der Gruppe internationale Erfolge, darunter Hits wie \u201eDon\u2019t You (Forget About Me)\u201c und \u201eAlive and Kicking\u201c. Zuletzt erschien der Konzertmitschnitt \u201eLive in the City of Diamonds\u201c (2025). Ende April folgt die deutsche Ausgabe der gemeinsamen Autobiografie mit Charlie Burchill \u201eUnsere Musik. Unsere Geheimnisse\u201c im Hannibal Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Stern auf Jim Kerrs schwarzem T-Shirt leuchtet auch auf dem Bildschirm. 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