{"id":707003,"date":"2026-01-10T05:43:17","date_gmt":"2026-01-10T05:43:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707003\/"},"modified":"2026-01-10T05:43:17","modified_gmt":"2026-01-10T05:43:17","slug":"nachruf-auf-frank-steffen-dittrich-bitte-keine-blumen-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707003\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Frank Steffen Dittrich: Bitte keine Blumen mehr!"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspASg3 tspASg4\">Frank wusste, dass er bald sterben w\u00fcrde. Jedes Mal, wenn er ins Krankenhaus musste und nicht klar war, ob er zur\u00fcckkommen w\u00fcrde, schrieb er seinem Mann Francesco einen Brief. Wenn er dann doch wieder entlassen wurde, versteckte er den Brief in seinem Aktenkoffer.&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">\u201eEin Jahr nach seinem Tod traute ich mich dann endlich an seinen Koffer. 60 Briefe\u201c, erz\u00e4hlt Francesco. \u201eWenn ich die Kraft dazu habe, \u00f6ffne ich einen. Elf habe ich bisher lesen k\u00f6nnen. Sie fangen alle mit ,Maus\u2018 an, so hat er mich genannt.\u201c&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">\u201eH\u00f6re auf, Schwarz zu tragen, das steht dir wirklich nicht\u201c, stand gleich im ersten Brief. \u201eBitte auch keine Blumen mehr vor die T\u00fcr stellen. Genug der Trauer.\u201c Es sei an der Zeit, die Adidas-Klamotten wieder anzuziehen, am Leben teilzunehmen. \u201eWir waren das Adidas-P\u00e4rchen. Sneakers, Hosen, Jacken, alles nur Adidas. Daf\u00fcr waren wir im Viertel bekannt\u201c, sagt Francesco.<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Es waren die 2000er, Frank stand an der Theke, schaute sich die M\u00e4nner an. War denn heute Abend kein h\u00fcbscher, netter dabei? Da sah er Francesco. \u201eDiese Blicke, er h\u00f6rte gar nicht auf, mich anzusehen. Richtig schnuffig fand ich ihn, 1,77, schlank, Glatze.\u201c Doch Frank war sch\u00fcchtern, also lie\u00df er den Barkeeper ein Getr\u00e4nk servieren. \u201eVom Herrn da dr\u00fcben\u201c, sagte dieser zu Francesco. \u201eDas kann ich so nicht annehmen. Der Herr soll das Getr\u00e4nk doch bitte selber herbringen\u201c, erwiderte Francesco. Frank kam r\u00fcber und ging nie wieder weg.&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Frank wurde in Pirna bei Dresden geboren. Er war das j\u00fcngste von drei Kindern. Sein Vater arbeitete im Bergwerk, Schichtdienst. Es herrschte Zucht und Ordnung, Umarmungen waren selten. Frank war noch klein, als die \u00c4rzte einen Hirntumor bei ihm entdeckten. Er wurde operiert, bekam Metallplatten in seinen Sch\u00e4del gesetzt, \u00fcberlebte.&#13;<\/p>\n<p> So was von verweichlicht! <\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Aber, so warnte der Arzt die Eltern, der Junge w\u00fcrde von nun an etwas langsamer sein, in allem. Ob jemals etwas Vern\u00fcnftiges aus Frank werden w\u00fcrde?&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Sein Sohn schwul? Das konnte der Vater nicht hinnehmen. Immer wieder stichelte er, war abf\u00e4llig und provozierte. Einmal, so hat es Frank berichtet, zog er sich aus, baute sich vor Frank auf und sagte: \u201eNa, gef\u00e4llt dir, was du siehst?\u201c Und dass Frank dann auch noch seine Maurerlehre abbrach, das war einfach zu viel. So was von verweichlicht!&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">\u201eFrank hat mir beigebracht, was Liebe ist. Er hat f\u00fcr sein Leben gerne gekuschelt. Harmonie war ihm wichtig. Streit mochte er gar nicht. Ich hingegen war \u00fcberhaupt kein Kuschelmann. Am Anfang zumindest. Doch Frank hat nicht lockergelassen. Wir haben immer wieder dar\u00fcber geredet, dann hat er mich gefragt, ob er mich immerhin dr\u00fccken darf. Nach und nach habe ich gelernt, dass ich mich bei Frank fallen lassen darf.\u201c&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Als Frank seinen ersten festen Freund hatte, seine erste Liebe, da muss er 17 gewesen sein, gl\u00e4tteten sich die Wogen. Zusammen lebten sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung, die von den Eltern des Freundes bezahlt wurde. Es soll sogar vorgekommen sein, dass sich beide Elternpaare und die S\u00f6hne um die Sonntagstafel versammelten.&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Die Wende war f\u00fcr Frank ein Wunder. Er fuhr nach Berlin, lief an den Grenzern vorbei und st\u00fcrzte sich in die schwule Szene von Berlin: Kneipen, Discos, es gab eine Menge zu entdecken. \u201eFrank war eine Partymaus. Wie oft hat er mich ins KitKat geschleppt! Und wenn ich keine Lust hatte, dann drehte er die Anlage auf und tanzte eben zu Hause.\u201c&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Frank ging nach Z\u00fcrich, wo er als Barkeeper arbeitete. Das gab gutes Geld, und es f\u00fchlte sich nach der gro\u00dfen Welt an. Gleichzeitig entdeckte er sein Interesse an Computern. Fuchste sich in Hardware und Software ein und las alles, was es dazu zu lesen gab. Und lernte Torsten kennen, der die Technik ebenfalls spannend fand. Erst wurden sie ein Paar, dann er\u00f6ffneten sie zusammen ein Computerfachgesch\u00e4ft im Friedrichshain. <\/p>\n<p> \u201eMein Leben bist doch du!\u201c <\/p>\n<p class=\"tspASg3\">\u201eFrank hat nie einfach etwas hingenommen und hat auch nie gesagt: Ich kapier das nicht. Stattdessen hat er sich an die Reparaturen gemacht.\u201c Acht Jahre sp\u00e4ter stellte ihn eine gro\u00dfe Firma f\u00fcr Sicherheitstechnik ein. Bis zum Abteilungsleiter stieg er dort auf. \u201eVon wegen, dass aus dem nicht werden w\u00fcrde!\u201c&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Erst hatte Frank ein Lymphom in der Lunge, dann bekam er Krebs. Er lie\u00df alle OPs und Behandlungen \u00fcber sich ergehen. Seine Schwester schenkte ihm ein Tagebuch, darin schrieb er immer wieder nur diese drei S\u00e4tze: \u201eIch m\u00f6chte leben. Ich m\u00f6chte gesund werden. Ich will meinen Schatz heiraten.\u201c Und nat\u00fcrlich machte er sich Sorgen, dass sein Francesco ihn nicht mehr lieben w\u00fcrde, mit dem Wasser im Bauch und den Elefantenbeinen.&#13;<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">\u201eIch wei\u00df, du willst dein altes Leben zur\u00fcck.\u201c \u2013 \u201eDu Arsch, mein Leben bist doch du!\u201c<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Frank konnte nicht mehr arbeiten. Francesco ist aufgrund einer Behinderung in Fr\u00fchrente. \u201eWir waren schlicht und einfach arm.\u201c Frank war das egal und schenkte der alten Frau trotzdem einen F\u00fcnf-Euro-Schein. Es w\u00fcrde schon weitergehen. Nur dass sie sich nicht einfach das Essen kaufen konnten, auf das sie gerade Lust hatten, das \u00e4rgerte ihn.<\/p>\n<p>Unsere Nachrufe auf Nicht-Prominente<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Wir schreiben regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber nicht-prominente Berliner, die in j\u00fcngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, \u00fcber den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei  uns. Telefon: (030) 29021-14712 oder E-Mail:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/mailto:nachrufe@tagesspiegel.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">nachrufe@tagesspiegel.de<\/a>.<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Wie die Nachrufe entstehen, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/wie-unsere-nachrufe-entstehen-4060504.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\">erfahren Sie hier.<\/a><br \/>Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/themen\/nachrufe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" aria-describedby=\"message-target-blank\"> lesen Sie hier.<\/a><br \/>Weitere Texte des Autors dieses Textes, Karl Gr\u00fcnberg, <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/autoren\/karl-grunberg\" class=\"link link--external\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"external\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">lesen Sie\u00a0hier<\/a><\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Rein ins Krankenhaus, raus aus dem Krankenhaus, f\u00fcnf Jahre Ausnahmezustand. \u201eIch brachte ihm immer Essen ins Krankenhaus, zweimal am Tag war ich da, und nie wusste ich, ob er noch leben w\u00fcrde, wenn ich komme.\u201c Erst ging es noch auf die Palliativstation, hier kam sein Bruder zu Besuch, sie sprachen das erste Mal seit Jahren wieder miteinander. Frank war so gl\u00fccklich, ihn wiederzusehen, hing an seinen Lippen. Dann ging es nach Hause, hier wollte er sterben, das war sein letzter Wunsch.<\/p>\n<p class=\"tspASg3\">Auf dem Alten St.-Matth\u00e4us-Friedhof ist er begraben, da, wo auch die Gebr\u00fcder Grimm liegen. \u201eEr liebte ihre M\u00e4rchen.\u201c Jeden Tag geht Francesco ihn besuchen. \u201eIch habe versprochen, dass er einen Grabstein bekommt, bisher habe ich das nicht bezahlen k\u00f6nnen. Doch das ist jetzt ein gro\u00dfes Ziel in meinem Leben.\u201c&#13;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Frank wusste, dass er bald sterben w\u00fcrde. 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