{"id":707129,"date":"2026-01-10T06:56:19","date_gmt":"2026-01-10T06:56:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707129\/"},"modified":"2026-01-10T06:56:19","modified_gmt":"2026-01-10T06:56:19","slug":"kreativer-genius-und-meister-der-neuerfindung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707129\/","title":{"rendered":"kreativer Genius und Meister der Neuerfindung"},"content":{"rendered":"<p>David Bowie war ein rastloser Erfinder seiner selbst. Ein Allrounder, dessen Lebenswerk weit \u00fcber Welthits wie \u201eSpace Oddity\u201c (1969) und \u201eLet\u2019s Dance\u201c (1983) hinausreicht. Musik, Film, Mode: Bowie war ein Gesamtkunstwerk. Einer, der in Rollen schl\u00fcpfte und sie auf der st\u00e4ndigen Suche nach dem Neuen bald wieder abstreifte.<\/p>\n<p>Ein Meister der Inszenierung \u2013 selbst sein Tod am 10. Januar 2016 wurde zur Performance. Das zwei Tage zuvor erschienene Album \u201eBlackstar\u201c markierte das Ende seiner musikalischen Reise. David Bowies gr\u00f6\u00dftes Verm\u00e4chtnis aber bleibt seine Wandelbarkeit. <\/p>\n<p>Im Laufe seiner fast 50-j\u00e4hrigen Karriere erfand sich David Bowie immer wieder neu: Musikstil, Identit\u00e4t, Sound. Manchmal irritierend, stets seiner Zeit voraus. Jede Platte revoltierte gegen die vorherige \u2013 ganz gleich, wie erfolgreich diese gewesen war. Was dabei herauskam, sind 26 h\u00f6chst unterschiedliche Studioalben: von Folk \u00fcber Glamrock, Soul und Punk bis hin zu Disco, Elektronik und Jazz-Elementen. <\/p>\n<p>Er versuche, seine Musik so spannend wie m\u00f6glich zu gestalten, erkl\u00e4rte er sich im Jahr 1999. \u201eJedes neue Album bricht mit dem Ansatz seines Vorg\u00e4ngers. So arbeite ich nun einmal. Ich entferne mich immer ein bisschen von meiner vorherigen Position.\u201c Stillstand oder \u201eimmer denselben Boden zu beackern\u201c, wie er sagte, war f\u00fcr ihn keine Option. Und das ging weit \u00fcber die Musik hinaus \u2013 Design, Mode, Schauspiel: David Bowie war ein Verwandlungsk\u00fcnstler, ein Cham\u00e4leon, sagen manche, obgleich das Bild nur teilweise greift. Denn nicht er war es, der sich seiner Umgebung anpasste. Er bestimmte die Farben. <\/p>\n<p>Konstant scheint im Lebenswerk des 1947 als David Jones im Londoner Stadtteil Brixton geborenen K\u00fcnstlers nur eines gewesen zu sein: die st\u00e4ndige Suche nach dem Neuen. Im Laufe seiner Karriere schuf Bowie unterschiedliche Alter Egos, stand mal als exzentrischer Aladdin Sane auf der B\u00fchne, mal als d\u00fcsterer Thin White Duke. Seine aber wohl bekannteste Kunstfigur ist Ziggy Stardust, ein androgyner Alien-Rockstar.<\/p>\n<p>David Bowies Konzeptalbum \u201eThe Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars\u201c (1972) war ein avantgardistischer Gegenentwurf zu den g\u00e4ngigen Rockklischees und schlug im spie\u00dfigen, tristen Gro\u00dfbritannien der 1970er-Jahre ein wie ein Blitz. <\/p>\n<p>Die Geschichte klingt wie aus einem Science-Fiction-Film: In einer apokalyptischen Zukunft kommen Aliens auf die Erde, um die Menschheit vor einer Naturkatastrophe zu retten. Angef\u00fchrt werden sie von einem au\u00dferirdischen Messias mit knallrotem Vokuhila, der den Weltuntergang durch Liebe zu verhindern versucht \u2013 und schlie\u00dflich an seiner Mission scheitert. <\/p>\n<p>Bowies B\u00fchnenfigur vereinte verschiedene Stile: Sie verband Glamrock und Science-Fiction, brachte Theatralik, Tanz und Pantomime in die Rockmusik \u2013 und traf damit den Nerv der Zeit.\u00a0Die extravaganten und androgynen Outfits, Glitzerkost\u00fcme und lacklederne Plateaustiefel, seine schrille Schminke und die auff\u00e4llige Frisur machten Bowie alias Ziggy Stardust zur zentralen Figur der Glamrock-\u00c4ra der Siebzigerjahre. <\/p>\n<p>Und in der wurden auch die sexuellen Karten neu gemischt: Die Grenzen verschwammen, Bowie und Stars wie Lou Reed oder Iggy Pop kokettierten mit ihrer Bisexualit\u00e4t und \u00f6ffneten den Raum f\u00fcr ein neues, fluides Bild von M\u00e4nnlichkeit und Sexualit\u00e4t. <\/p>\n<p>Ziggy Stardust wurde zur Identifikationsfigur f\u00fcr Millionen \u2013 und David Bowie zur queeren Ikone. Er spielte mit Geschlechterzuschreibungen und lotete die Grenzen des Sagbaren aus. Er machte jungen queeren Menschen Mut, \u201ezu ihrer Sexualit\u00e4t zu stehen, ihr Coming-out zuzulassen\u201c, meint Musikkritiker Jens Balzer. Pophistoriker Bodo Mrozek sagt, Bowie habe sich stets als Gegenfigur zu den \u201eMachos der Rockmusik\u201c begriffen.<\/p>\n<p>Dabei war David Bowie eine \u201eextrem artifizielle Kunstfigur\u201c, sagt Mrozek \u2013 und zugleich ein Konsens-Popstar. Der Musikhistoriker f\u00fchrt das auf seine vielen Rollenwechseln zur\u00fcck. Bei David Bowie ist \u2013 salopp gesagt \u2013 f\u00fcr jeden etwas dabei. Er war \u201eder Andy Warhol der Popmusik\u201c, sagt Mrozek: Kein anderer au\u00dfer Warhol habe die Sph\u00e4ren von Pop und Kunst so vers\u00f6hnt wie David Bowie.<\/p>\n<p>Rund ein halbes Jahrhundert nach seinem Deb\u00fct \u2013 schlicht \u201eDavid Bowie\u201c (1967) betitelt \u2013, mehr als 20 Alben und diverse Kunstfiguren und Stilwechsel sp\u00e4ter erschien an Bowies 69. Geburtstag seine letzte Platte: \u201eBlackstar\u201c (2016). D\u00fcster und verst\u00f6rend wirkt sein neues Werk. <\/p>\n<p>Ein \u201egrandioser, fulminanter Albtraum\u201c, umgesetzt mit einem Jazzquartett, sagt Frank Sch\u00e4tzing, der das Buch \u201eSpaceboy\u201c \u00fcber sein Idol verfasst hat. Fans und Kritiker \u00fcberschlugen sich mit Lobeshymnen. Nur zwei Tage nach seinem Erscheinen, am 10. Januar, wurde das Album zum Verm\u00e4chtnis: Die Nachricht von Bowies Tod \u00fcberraschte die Musikwelt. <\/p>\n<p>Er selbst wusste l\u00e4ngst, dass \u201eBlackstar\u201c sein Abschiedsalbum sein w\u00fcrde. Eineinhalb Jahre lang lebte er mit seiner weitgehend geheim gehaltenen Krebsdiagnose und entwarf ein pers\u00f6nliches Requiem. \u201eEr hat es geschafft, selbst \u00fcber seinen Tod und sein Sterben noch die Hoheit zu behalten\u201c, sagt Sch\u00e4tzing. \u201eDas, was die Welt sehen sollte und was sie nicht sehen sollte, hat er in den H\u00e4nden gehalten.\u201c <\/p>\n<p>David Bowie, der Meister der Selbstinszenierung. \u201eLook up here, I&#8217;m in heaven\u201c, singt er im Song \u201eLazarus\u201c auf seinem letzten Album. Auch sein Abgang von der gro\u00dfen B\u00fchne wird zur Performance. Bowies Freund und Produzent Tony Visconti schreibt auf Facebook: &#8222;Sein Tod war nichts anderes als sein Leben \u2013 ein Kunstwerk.\u201c <\/p>\n<p>Sein Verm\u00e4chtnis lebt weiter: David Bowie pr\u00e4gte die Poplandschaft \u00fcber Generationen hinweg. Er inspirierte Stars wie Madonna und Lady Gaga, wurde zuletzt dank der US-Science-Fiction-Mysteryserie \u201eStranger Things\u201c zum Gen-Z-Star. Die Credits der letzten Folge waren mit Bowies Klassiker \u201eHeroes\u201c (1977) untermalt, was ihm einen enormen Streaming-Anstieg bescherte. <\/p>\n<p>\u201eEs gibt so viele verschiedene Facetten von Bowie, und genau deshalb lieben ihn so viele unterschiedliche Menschen\u201c, sagt Madeleine Haddon, Kuratorin im 2025 er\u00f6ffneten David-Bowie-Center im \u201eVictoria &amp; Albert Museum\u201c in London. Dort lagert ein Fundus mit mehr als 90.000 Objekten aus dem Leben des Ausnahmek\u00fcnstlers. Darunter der Schl\u00fcssel zu jener Wohnung, die sich David Bowie und sein Kollege Iggy Pop in den 1970er-Jahren in West-Berlin teilten, Liedtexte, Fanpost \u2013 auch ein Brief von Lady Gaga \u2013 und nat\u00fcrlich seine extravaganten B\u00fchnenoutfits. <\/p>\n<p>Schon in den 1990er-Jahren sammelte David Bowie f\u00fcr das Archiv seines Lebens. \u201eSeine Weitsicht, all das aufzubewahren, um es mit der \u00d6ffentlichkeit zu teilen, macht ihn au\u00dfergew\u00f6hnlich\u201c, sagt Haddon. Und das Interesse am Leben und Schaffen von David Bowie scheint auch zehn Jahre nach seinem Tod ungebrochen: Schon vor der Er\u00f6ffnung des Museums waren die Tickets \u00fcber Wochen ausverkauft. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"David Bowie war ein rastloser Erfinder seiner selbst. 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