{"id":707706,"date":"2026-01-10T12:24:10","date_gmt":"2026-01-10T12:24:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707706\/"},"modified":"2026-01-10T12:24:10","modified_gmt":"2026-01-10T12:24:10","slug":"digitale-selbstdiagnosen-gefahr-aus-social-media","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707706\/","title":{"rendered":"Digitale Selbstdiagnosen: Gefahr aus Social Media"},"content":{"rendered":"<p>Psychische Erkrankungen sind ein gro\u00dfes Thema in den sozialen Medien. Influencer berichten von ihrer eigenen Krankheitsgeschichte und stellen fragw\u00fcrdige Diagnosen. Mit Selbsttests soll sich angeblich herausfinden lassen, woran man leidet. Die Plattformen profitieren von dem Trend. <\/p>\n<p>Die Alltagspsychologie kann laut Experten zwar durchaus positiv sein, zum Beispiel f\u00fcr die Enttabuisierung. Doch sie warnen eindringlich vor Falschinformation und einer Pathologisierung des Menschseins. Bestimmte Diagnosen werden regelrecht \u201egefeiert\u201c \u2013 nur treffen sie oft nicht zu. <\/p>\n<p>                Keine Frage: \u201eMental Health\u201c trendet. Es gibt zahlreiche Hashtags dazu, gerade zu bestimmten Diagnosen wie ADHS oder Depression. Wie pr\u00e4sent letzteres Thema auf Social Media ist, zeigt das <a title=\"Link auf: Link zum Deutschland-Barometer Depression\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.deutsche-depressionshilfe.de\/forschungszentrum\/deutschland-barometer-depression\/social-media-und-depression\" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/www.deutsche-depressionshilfe.de\/forschungszentrum\/deutschland-barometer-depression\/social-media-und-depression&quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot;Deutschland-Barometer Depression&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Psychische Gesundheit - Diagnosen auf Social Media: Wenn Menschsein zur St\u00f6rung wird&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"noopener\">Deutschland-Barometer Depression<\/a> der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidpr\u00e4vention. Demnach haben 40 Prozent der Menschen in Deutschland in der Woche vor der Erhebung im September 2025 einen entsprechenden Post gesehen.<\/p>\n<p>Um sich zu informieren, greifen betroffene Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren laut der Befragung zwar fast zur H\u00e4lfte weiterhin auf Suchmaschinen zur\u00fcck. Doch soziale Medien (20 Prozent) und K\u00fcnstliche Intelligenz (19 Prozent) haben bei ihnen Vorrang vor Webseiten von Kliniken oder \u00c4rzten.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Die h\u00e4ufige Thematisierung psychischer Erkrankungen in sozialen Medien kann zu einem gewissen Teil positive Folgen haben. Sie k\u00f6nne zur Enttabuisierung beitragen, erkl\u00e4rt die Sozialpsychologin Laura Wiesb\u00f6ck. Menschen k\u00f6nnten an Informationen gelangen und wertvolle Anst\u00f6\u00dfe erhalten. Das gelte insbesondere f\u00fcr Milieus, in denen das Thema st\u00e4rker tabuisiert ist, etwa im l\u00e4ndlichen Raum. Au\u00dferdem sei es m\u00f6glich, sich mit anderen Betroffenen zu vernetzen, was hilfreich sein k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Auch der Psychotherapeut Thorsten Padberg sagt, es habe sein Gutes, wenn \u201ebestimmte Zust\u00e4nde\u201c entstigmatisiert werden. Er beobachtet, dass viele Menschen bestimmte psychologische Begriffe benutzen, um sich selbst besser annehmen zu k\u00f6nnen. Selbstannahme k\u00f6nne er als Psychotherapeut \u201enat\u00fcrlich nur bef\u00fcrworten\u201c.<\/p>\n<p>Der Psychiater Ulrich Hegerl, Leiter der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidpr\u00e4vention, sieht Chancen f\u00fcr eine bessere Aufkl\u00e4rung. Immerhin f\u00fchlte sich jeder sechste befragte Betroffene durch Social Media motiviert, Hilfe zu suchen. Und knapp jede zehnte Person mit Depression kam durch Posts erstmals auf die Idee, dass sie \u00fcberhaupt daran erkrankt sein k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Danach f\u00fcgt Hegerl genauso wie Wiesb\u00f6ck und Padberg ein gro\u00dfes Aber an.<\/p>\n<p>Inhalte auf Social Media k\u00f6nnen unterst\u00fctzen \u2013 aber keine \u00e4rztliche oder psychotherapeutische Behandlung ersetzen, betont Ulrich Hegerl. Er warnt vor dem Risiko einer \u201emassenhaften Verbreitung\u201c falscher Vorstellungen \u00fcber Depressionen.<\/p>\n<p>Das Problem: Mit dem Thema psychische Gesundheit werden im Internet Gesch\u00e4fte gemacht. Darauf weist die Soziologin Laura Wiesb\u00f6ck hin. Plattformen, auf denen diese Diskurse stattfinden, wollen Nutzer m\u00f6glichst lange binden \u2013 um Daten zu sammeln, die sich anschlie\u00dfend zu Geld machen lassen. Entsprechend werden nach Wiesb\u00f6cks Analyse auch die Posts gestaltet.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Hilfsangebote f\u00fcr Menschen mit Depressionen: Wer das Gef\u00fchl hat, an einer Depression zu leiden oder sich in einer scheinbar ausweglosen Lebenssituation zu befinden, sollte nicht z\u00f6gern, Hilfe anzunehmen. Hilfe bieten zum Beispiel auch die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800 111 0 111, das Info-Telefon Depression unter 0800 3344533 oder\u00a0die Stiftung Deutsche Depressionshilfe\u00a0auf ihrer Website.<\/p>\n<p>Personen, die diese Inhalte erstellen, seien meist keine Experten, sondern \u00fcberwiegend selbst Betroffene, die \u2013 wie die Plattformen \u2013 von der \u201eAufmerksamkeits\u00f6konomie\u201c profitieren, so die Expertin.<\/p>\n<p>Sie nennt ein Beispiel: Es wird behauptet, dass man wahrscheinlich ADHS hat, wenn man vier bestimmte Symptome aufweist. Diese Symptome sind aber so allgemein formuliert, dass sie m\u00f6glichst viele Menschen ansprechen. \u201eDas haben vielf\u00e4ltige Studien gezeigt: dass hier auch fehlerhafte, nichtzutreffende Kriterien verbreitet werden,\u201c betont die Autorin des Buches \u201eDigitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend\u201c.<\/p>\n<p>Sie warnt, dass mit den allgemein gehaltenen angeblichen Symptomen ein \u201ekrankhafter Blick\u201c bef\u00f6rdert werden kann \u2013 auf unvermeidbare \u201emenschliche Zust\u00e4nde\u201c, die nun aber mit einem \u201emedizinischen Etikett\u201c versehen werden. Die Kehrseite: Mit der \u201einflation\u00e4ren Verwendung\u201c psychopathologischer Begriffe wie \u201etriggern\u201c k\u00f6nnten wiederum \u201eklinische Belastungszust\u00e4nde\u201c verharmlost werden, so Wiesb\u00f6ck. <\/p>\n<p>Der Psychotherapeut Thorsten Padberg erlebt in seiner Praxis, dass Klienten oft schon mit einer vorgefassten Einsch\u00e4tzung kommen: vor allem ADHS und Autismus-Spektrum-St\u00f6rung (ASS). Beide Begriffe seien aktuell \u201esehr, sehr weit definiert\u201c, was die therapeutische Arbeit nicht unbedingt erleichtere. Padberg beobachtet, dass diese Diagnosen teilweise geradezu \u201egefeiert\u201c werden, wenn man sie hat.\u00a0<\/p>\n<p>Vieles werde unter dem Begriff \u201eNeurodiversit\u00e4t\u201c zusammengefasst, kritisiert er: Menschen, die leise oder laut, gut oder weniger gut angepasst seien; solche, die im Leben weniger erreichen als erwartet, und andere, die \u201e\u00fcberperformen\u201c.<\/p>\n<p>Padberg, Autor des Buches \u201eDie Depressions-Falle: Wie wir Menschen f\u00fcr krank erkl\u00e4ren, statt ihnen zu helfen\u201d, sagt: Die Begriffe ADHS und ASS lie\u00dfen sich oft einfach durch \u201eMenschsein\u201c ersetzen. Und zitiert damit seinen Kollegen Josua Handerer.<\/p>\n<p>Auch Bodo M\u00fcller, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am St. Marien-Hospital D\u00fcren, hat h\u00e4ufig mit Verdachtsdiagnosen zu tun. Er betont, dass man unbedingt Fachleute aufsuchen sollte, statt sich auf \u201eInternetfrageb\u00f6gen\u201c zu verlassen. Gerade Autismus-Spektrum-St\u00f6rungen erforderten eine intensive Diagnostik, die jedoch \u201eleider auch nicht bei allen Fachkollegen\u201c nach den geltenden Standards durchgef\u00fchrt werde.<\/p>\n<p>M\u00fcller unterstreicht, dass es schwer beeintr\u00e4chtigte Kinder und Jugendliche gibt, die eine ASS-Diagnose bekommen, die zu einer Entlastung f\u00fchrt. Doch in gesch\u00e4tzt 80 Prozent der F\u00e4lle lasse sich eine solche St\u00f6rung nicht feststellen. Gleichwohl verweist der Arzt auf Versicherungsdaten, wonach in Deutschland jedes vierte M\u00e4dchen und etwa jeder f\u00fcnfte Junge zwischen 14 und 19 Jahren die Diagnose einer psychischen St\u00f6rung erh\u00e4lt. Eine \u201eWahnsinnszahl\u201c, so M\u00fcller.<\/p>\n<p>Die gesellschaftliche Pr\u00e4senz des Themas psychische Gesundheit f\u00fchrt die Soziologin Laura Wiesb\u00f6ck auf mehrere Faktoren zur\u00fcck. Dazu geh\u00f6ren eine \u201eIch-Zentrierung\u201c und eine \u201est\u00e4rkere Verletzungssensibilit\u00e4t\u201c. Au\u00dferdem gebe es ein st\u00e4rkeres Gesundheitsstreben, bekannt als \u201eHealthism\u201c: \u201eDamit ist verbunden, dass Besch\u00e4ftigung mit Gesundheit einerseits ein zentraler Wert ist, aber auch in der Verantwortung von Individuen liegt\u201c, so Wiesb\u00f6ck. <\/p>\n<p>Die Soziologin weist darauf hin, dass h\u00f6here Anforderungen an Leistungsf\u00e4higkeit und Ergebnisorientierung zu \u00dcberforderung f\u00fchren k\u00f6nnen. Diese Belastungen werden durch strukturelle Probleme wie mangelnde Wohn- und Jobsicherheit, multiple gesellschaftliche Krisen und Zukunfts\u00e4ngste verst\u00e4rkt. <\/p>\n<p>Studien zeigen, dass solche Faktoren die psychische Gesundheit beeinflussen, so Wiesb\u00f6ck. In England etwa stieg nach der K\u00fcrzung der Wohnbeihilfe die Zahl der Depressionen in Haushalten mit niedrigem Einkommen. Wiesb\u00f6cks \u00dcberzeugung nach sollte der Fokus nicht allein auf individueller Resilienz liegen, sondern ebenso auf strukturellen Problemen.<\/p>\n<p>Und auch folgenden Punkt hebt Wiesb\u00f6ck hervor: Handykonsum, Social-Media-Nutzung und lange Bildschirmzeiten h\u00e4ngen nachweislich mit der Entstehung depressiver Symptome oder ADHS-typischer Probleme zusammen \u2013 wie Impulsivit\u00e4t, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafproblemen: \u201eDas ist das Businessmodell von diesen profitorientierten US-amerikanischen und chinesischen Konzernen, ein Suchtverhalten zu erzeugen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Psychische Erkrankungen sind ein gro\u00dfes Thema in den sozialen Medien. 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