{"id":707818,"date":"2026-01-10T13:34:11","date_gmt":"2026-01-10T13:34:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707818\/"},"modified":"2026-01-10T13:34:11","modified_gmt":"2026-01-10T13:34:11","slug":"probleme-im-stadtbild-warum-sich-muenchen-mit-der-dekolonialisierung-so-schwertut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707818\/","title":{"rendered":"Probleme im Stadtbild \u2013 warum sich M\u00fcnchen mit der Dekolonialisierung so schwertut"},"content":{"rendered":"<p>Ein zentrales Beispiel ist der kamerunische Schiffsschnabel Tangu\u00e9. Er wurde 1884 vom deutschen Konsul Max Buchner w\u00e4hrend milit\u00e4rischer Auseinandersetzungen in Douala aus dem Haus von Kum\u2019a Mbape entnommen und nach M\u00fcnchen gebracht. Die koloniale Aneignung ist ungew\u00f6hnlich gut dokumentiert. Trotzdem wird die R\u00fcckgabe des Objekts bis heute verweigert \u2013 mit Verweis auf rechtliche Fragen der Erbfolge.<\/p>\n<p>Dr. Simon Goeke sagt dazu im Interview:<\/p>\n<p>\u201eWenn man sich die Dauerausstellungen anschaut, sieht man: Viele Objekte stammen immer noch klar aus kolonialem Raub und wurden noch nicht restituiert. Wir sind da erst am Anfang und das gilt nicht nur f\u00fcr Museen.\u201c<\/p>\n<p>Warum die Aufarbeitung stockt<\/p>\n<p>Ob im Stadtplan, auf dem Oktoberfest oder in den Museen: Die kolonialen Spuren in M\u00fcnchen sind sichtbar. Die Frage ist also nicht, ob sie existieren \u2013 sondern wie wir mit ihnen umgehen.<\/p>\n<p>Die Aufarbeitung kommt nur langsam voran. Das liegt aber nicht daran, dass die Stadt nichts tut. In den vergangenen Jahren wurden Expert*innengremien eingesetzt, umfangreiche Dossiers erarbeitet und Kriterien entwickelt, um historisch belastete Stra\u00dfennamen zu bewerten. Die Grundlagen sind da.<\/p>\n<p>Und doch zieht sich die Umsetzung. Empfehlungen liegen vor, sagt Dr. Simon Goeke, nun sei es \u201eein Akt, der die Stadtverwaltungsebene betrifft\u201c. Warum trotzdem so wenig passiert, erkl\u00e4rt er weniger mit fehlender Einsicht als mit politischen Abw\u00e4gungen.<\/p>\n<p>Gerade bei Stra\u00dfennamen zeigt sich, wie unbequem Erinnerung sein kann. Umbenennungen seien erinnerungspolitisch sinnvoll, politisch aber heikel:<\/p>\n<p>\u201eMit der Umbenennung von Stra\u00dfennamen kann man wahrscheinlich keine neuen W\u00e4hler*innen gewinnen, aber es gibt viele Leute, die eine Partei nicht w\u00e4hlen werden, weil sie f\u00fcr die Umbenennung von Stra\u00dfen ist.\u201c<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist dabei: Widerstand oder Zustimmung aus der Bev\u00f6lkerung erkl\u00e4ren den Stillstand nur bedingt. In Trudering sprach sich eine B\u00fcrgerversammlung gegen Umbenennungen aus, in Bogenhausen hingegen ausdr\u00fccklich daf\u00fcr \u2013 passiert ist in beiden F\u00e4llen bislang wenig. F\u00fcr Goeke zeigt das, dass Entscheidungen weniger vom Votum der B\u00fcrger*innen abh\u00e4ngen als von politischer Vorsicht:<\/p>\n<p>\u201eIn der politischen Gemengelage sieht keine der regierenden Parteien einen Vorteil darin, Stra\u00dfen umzubenennen.\u201c<\/p>\n<p>Die Aufarbeitung stockt also nicht, weil sie abgelehnt wird \u2013 sondern weil sie als konflikttr\u00e4chtig gilt.<\/p>\n<p>Bewegung kommt aus der Zivilgesellschaft<\/p>\n<p>W\u00e4hrend politische Entscheidungen Zeit brauchen, wird die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in M\u00fcnchen vor allem von zivilgesellschaftlichen Initiativen vorangetrieben. Projekte wie <a href=\"https:\/\/mapping.postkolonial.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mapping.postkolonial.net<\/a>, Stadtf\u00fchrungen oder die Ausstellung Decolonize M\u00fcnchen im M\u00fcnchner Stadtmuseum 2014 machen Kolonialgeschichte an konkreten Orten in M\u00fcnchen fest \u2013 und verschieben damit den Blick auf die Stadt.<\/p>\n<p>Warum dieser Ansatz so zentral ist, erkl\u00e4rt Dr. Simon Goeke im Interview: \u201eAuch wenn M\u00fcnchen jetzt keinen Hafen hatte und nicht die Hauptstadt war, hat der Kolonialismus auch hier Spuren hinterlassen.\u201c Entscheidend sei, wie diese Geschichte erz\u00e4hlt werde: \u201eGeschichte wird dadurch greifbarer und anschaulicher, wenn man sie mit Orten verbindet, an denen Leute wohnen \u2013 also zum Beispiel mit Stra\u00dfen, Geb\u00e4uden oder Denkm\u00e4lern.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein zentrales Beispiel ist der kamerunische Schiffsschnabel Tangu\u00e9. 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