{"id":707975,"date":"2026-01-10T15:01:18","date_gmt":"2026-01-10T15:01:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707975\/"},"modified":"2026-01-10T15:01:18","modified_gmt":"2026-01-10T15:01:18","slug":"warum-die-ddr-nicht-einfach-verschwindet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707975\/","title":{"rendered":"Warum die DDR nicht einfach verschwindet"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es ist ein grauer Dezembertag, so grau, wie er nur in Berlin sein kann. In der lichten Kapelle des Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhofs  h\u00f6ren wir Reinhold Andert: \u201eKennst du das Land mit seinen alten Eichen\/ Das Land von Einstein, von Karl Marx und Bach\u201c. Es ist das Lied, das mit den Zeilen endet: \u201eIch m\u00f6chte dieses Land niemals verlieren\/ Es ist mein Mutter- und mein Vaterland\u201c. An diesem Tage tragen wir diesen Liedermacher zu Grabe. Das Land, das er niemals verlieren wollte, gibt es nicht mehr.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Wir, die wir in diesem Land lebten, sollten \u2013 und viele wollten\u00a0\u2013 in ihm Mutter- und Vaterland sehen. F\u00fcr die, denen es fremd war und die sich als Gegner sahen, war es der Terrorstaat, ein Staat der Unfreiheit. Eine Zerrissenheit, die heute noch unser Leben pr\u00e4gt.<\/p>\n<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Irgendwann sprach <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/karl-marx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marx<\/a> davon, dass die Geschichte viele Beispiele kenne, wo versucht werde, einen toten Hund zu erschlagen. So ergeht es auch dem einstmals existierenden anderen deutschen Staat. Mit Vehemenz, mit geradezu t\u00f6richter Aggressivit\u00e4t, m\u00f6glicherweise geboren aus Hilflosigkeit, wird versucht, alles umzuschreiben, was diese deutsche Geschichte betrifft. Es darf nicht geben, was es einst gegeben hat. Nicht nur Geb\u00e4ude, Einrichtungen verschwinden. Verschwinden soll auch eine von Generation zu Generation weitergegebene Erinnerung.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">L\u00f6scht die alten Stra\u00dfennamen aus, fordert die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke von B\u00fcrgermeistern und Gemeinden. Sie folgt damit einem bereits in den ersten Geburtsstunden ge\u00fcbten Brauch des sich \u201eEinigdeutschland\u201c nennenden Landes.<\/p>\n<p>Clara Zetkins Name wurde als Stra\u00dfenname getilgt<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\"><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/clara-zetkin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Clara Zetkin<\/a> durfte fortan nicht mehr die Namensgeberin einer Stra\u00dfe in Berlins Mitte sein. Es spielte keine Rolle, dass sie als Alterspr\u00e4sidentin des Reichstages, bereits schwer krank, noch im August 1932 unter Lebensgefahr vor einem \u201eWeltbrand\u201c warnte, der \u201eauch Deutschland mit Schrecken und Gr\u00e4ueln \u00fcberh\u00e4ufen w\u00fcrde, die das Mord- und Vernichtungswerk des letzten Weltkrieges in den Schatten stellen\u201c.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Diese Stra\u00dfe, einstmals auch \u201eLetzte Stra\u00dfe\u201c genannt, wurde, alter preu\u00dfischer Gesinnung folgend, wieder zur Dorotheenstra\u00dfe. Zu Ehren kam die preu\u00dfische Kurf\u00fcrstin Dorothee. F\u00fcr die Berliner war sie eine Giftmischerin, stand sie doch unter Verdacht, ihren Stiefsohn, den Thronfolger, ermordet zu haben. Es war den Umbenennern nicht aufgefallen, vielleicht war es ihnen auch gleichg\u00fcltig, dass diese Stra\u00dfe mit ihren leeren Fl\u00e4chen und wenigen Neubauten noch immer von den zur bitteren Realit\u00e4t gewordenen Zetkin\u2019schen Warnungen zeugte.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Die Tr\u00fcmmer waren in den Jahren nach dem Krieg ger\u00e4umt worden. Auf den nun freien Pl\u00e4tzen wuchsen B\u00e4ume, gab es B\u00e4nke und Blumenbeete, lebten die Erinnerungen an den Wintergarten mit Claire Waldoff und Otto Reutter, an die ersten bewegten Filmbilder vom boxenden K\u00e4nguru, und wuchsen die Hoffnungen auf eine Stadt, in der alles bunter, sch\u00f6ner als je zuvor sein w\u00fcrde. Unser Berlin sollte es nun werden. Wir freuten uns \u00fcber alles Entstehende, und war es nur die Leuchtreklame f\u00fcr Margonwasser an einer Hauswand.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dennoch, dieses kleine Teilland sich zu eigen zu machen, war nicht immer leicht.  Auch die, die uns glauben machen wollten, dass nur hier unsere Zukunft zu finden sei, hatten es sich nicht ausgesucht. Es war ihnen als ein Erbe jenes Krieges \u00fcbergeben worden, den sie nicht verhindern konnten, den sie aber \u00fcberlebt hatten. Sie sahen sich in der Pflicht, dieses Erbe zu verteidigen, und f\u00fcrchteten bei jeder Kritik um seinen Bestand. Nach vielen Niederlagen konnten sie sich endlich als Sieger der Geschichte f\u00fchlen. Mit dem Sieg aber ist es so eine Sache. Siegen hei\u00dft immer auch besiegen, weniger sich selbst, sondern vielmehr den anderen.<\/p>\n<p>Wir sollten uns als Befreite f\u00fchlen<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dann, als dieses so mit Hoffnungen beschwerte Land verschwand, wurde erwartet, dass wir uns nicht als Besiegte, sondern als Befreite f\u00fchlen. Aus uns \u201eAuch-Deutschen\u201c waren nun auch Deutsche geworden. Und tats\u00e4chlich, nun wurde vieles m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es verschwanden die Grenzen. Unerwartet taten sich zugleich neue auf. Grenzen ohne Wacht\u00fcrme, ohne Grenzposten, ohne an Leinen laufende Hunde, ohne sorgf\u00e4ltig geharkte Sandstreifen. Diese neuen Grenzen, mitunter kaum sichtbar, verletzen und hinterlassen Wunden. Wo gegenseitiges Verst\u00e4ndnis n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, wurden und werden Urteile gef\u00e4llt. Widerspruch und Verteidigung sind noch immer unerw\u00fcnscht. Beharrlich will man uns, die wir hierblieben und nach einem neuen, anderen Land suchten, glauben machen, ein falsches Leben gef\u00fchrt zu haben. So falsch, wie das ganze Land gewesen sei. Von Anfang an war uns vorgeworfen worden, Deutschland an eine fremde Macht zu verraten. Dass dies die Folge eines von Deutschland entfachten Weltbrandes war, \u00fcbersah man in der Eile.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es war in den 1960er-Jahren, ich begleitete den Dramatiker Claus Hammel auf einer Reise zum Bremer Stadttheater. Dessen legend\u00e4rer Intendant Kurt H\u00fcbner, er hatte das miefige bundesdeutsche Theaterleben ver\u00e4ndert, hatte Hammels damals viel gespieltes St\u00fcck \u201eUm 9 Uhr an der Achterbahn\u201c in den Spielplan aufgenommen. Eine deutsch-deutsche Geschichte, geschrieben nur kurz nachdem eine Mauer das kleine Deutschland vom gro\u00dfen zu trennen begann. Wir sollten an einem Publikumsgespr\u00e4ch teilnehmen. Unsere Gastgeber aber hatten ein Problem. Wie sollten sie uns anreden?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eWir begr\u00fc\u00dfen unsere G\u00e4ste aus der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/ddr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DDR<\/a>.\u201c Das war ihnen von der Leitung der Stadt, ihrem Geldgeber, verboten. \u201eWir begr\u00fc\u00dfen unsere G\u00e4ste aus Mitteldeutschland.\u201c Das verbot ihnen ihr politischer Sachverstand. \u201eWir begr\u00fc\u00dfen unsere G\u00e4ste aus Ostdeutschland\u201c, erschien ihnen zu banal. \u201eWir begr\u00fc\u00dfen unsere G\u00e4ste aus der Ostzone.\u201c Das w\u00e4re zu unh\u00f6flich gewesen. Mit der Bild-Zeitung wollte man sich nicht gemein machen. Mit seinem Dramaturgen, dem seinerzeit sehr bekannten Schriftsteller Thomas Vallentin, kam H\u00fcbner auf die Formel: \u201eWir begr\u00fc\u00dfen unsere G\u00e4ste aus der, wie wir hierzulande nicht zu sagen pflegen, DDR.\u201c<\/p>\n<p>Am Katzentisch Deutschlands<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Bei aller Gro\u00dfm\u00fctigkeit: Wir wurden zu dem kleinen Bruder, dem man misstraute, auf den man herabsah, dem man aber gestattete, am Katzentisch Deutschlands Platz zu nehmen. Da half die anschlie\u00dfende rotweinselige Nacht in Vallentins Wohnung wenig. Eine dort geschlossene Freundschaft war bald vergessen, vielleicht auch aus Furcht, man w\u00e4re stasitreuen Parteisoldaten aufgesessen. Ein Misstrauen, das sich hartn\u00e4ckig hielt und zu jenen unaufl\u00f6sbaren, unsichtbaren Grenzen z\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">An diesem Dezembertag gehe ich gemeinsam mit einer Freundin hinter der Urne mit der Asche des Liedermachers Reinhold Andert vorbei an den Gr\u00e4bern vieler, die meinen Weg in diesem Kleindeutschland begleiteten. Einst hatten ihre Namen Klang. Nun muss ich erkl\u00e4ren, was sie deutscher Kulturgeschichte und mir bedeuten.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In einem grasbewachsenen Geviert liegen zwei einfache Grabsteine. <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/paul-dessau\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Paul Dessau<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/ruth-berghaus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ruth Berghaus<\/a>.  Mit beiden war ich in den Siebzigerjahren in Hamburg. Die Deutsche Staatsoper, die heutige Staatsoper Unter den Linden, das \u201eDeutsch\u201c musste sie mit der gro\u00dfen Wende aufgeben, gastierte mit der Oper \u201eEinstein\u201c von Paul Dessau, das Libretto hatte der Dichter Karl Mickel geschrieben. Auch er hat hier nur wenige Meter entfernt sein Grab gefunden. Der in Hamburg geborene Paul Dessau begleitete dieses Gastspiel. Noch einmal wollte er Hamburg sehen, riechen und h\u00f6ren, wie er mir sagte, denn er war bereits fast blind.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Sein Urgro\u00dfvater und sein Gro\u00dfvater waren Kantoren der dortigen Deutsch-Israelitischen Gemeinde gewesen, sein Vater ein musikbegeisterter Zigarrenfabrikant. An einem der H\u00e4user erinnert heute eine Tafel an den Komponisten Paul Dessau. Einige seiner Werke werden genannt, unerw\u00e4hnt bleibt, dass er sich zeitlebens immer auch als Kommunist betrachtete.<\/p>\n<p>\u201eDa sitzen sie ja, die aus der Zone\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dieses Gastspiel, in jenen Jahren noch nicht selbstverst\u00e4ndlich, wurde von der Boulevardpresse mit dicken Schlagzeilen angek\u00fcndigt. Die H\u00f6he der Tagesgelder f\u00fcr die Mitwirkenden war diesen Bl\u00e4ttern Nachricht und mitleidige Kommentare wert. Mit einigen S\u00e4ngern, unter ihnen Reiner S\u00fc\u00df, besuchten wir eine Kneipe, gelegen im Souterrain eines \u00e4lteren Hauses. Nach einiger Zeit wurde es in dem Raum, der von Zigarren- und Pfeifenrauch durchzogen war, merkw\u00fcrdig still. Man hatte uns erkannt. \u201eDa sitzen sie ja, die aus der Zone.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Ein H\u00fcne, er schien mir mindestens zwei Meter gro\u00df zu sein, erhob sich von einem der Nachbartische und schritt bed\u00e4chtig auf uns zu. Ich sah seine riesigen H\u00e4nde, seinen gewaltigen Sch\u00e4del. Sich seiner Kraft bewusst, postierte er sich an unserem Tisch, holte tief Luft und verk\u00fcndete, jedes einzelne Wort betonend und so laut, dass es auch im letzten Winkel geh\u00f6rt werden konnte: \u201eDas eine will ich euch sagen, wir sind hier braun bis ans Herz!\u201c Wir erschraken, schwiegen, so wie alle anderen G\u00e4ste. In der ganzen Kneipe war in diesem Moment kein einziges Wort mehr zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Da stand Reiner S\u00fc\u00df auf, baute sich vor dem Riesen auf, sodass er fast seinen Bauch ber\u00fchren konnte, und antwortete mit seinem gewaltigen Bass: \u201eUnd das eine will ich dir sagen, wir\u201c, und nach einer kurzen Atempause, \u201ewir sind rot bis ans Herze!\u201c Damit setzte er sich. Wortlos ging der Riese an seinen Platz zur\u00fcck. Ein deutsch-deutsches Aufeinandertreffen. Geschichte? Vielleicht.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das Gastspiel wurde ein Erfolg, auch wenn die Musik Dessaus vielen ungewohnt war und sie offensichtlich die politischen Aussagen \u00fcber die Verantwortung von Wissenschaft nicht teilten. Die verlie\u00dfen nach einem hanseatisch h\u00f6flichen Pausenapplaus den Saal. Zusammen mit der Regisseurin Ruth Berghaus stand ich rauchend vor dem Opernhaus und sah zu, wie ein Mercedes nach dem anderen vorfuhr, Besucher, die an uns meist wortlos vorbeischritten, auf den hinteren Sitzen der gl\u00e4nzenden Karossen Platz nahmen, w\u00e4hrend die Fahrer mit einem eleganten Schwung die T\u00fcren in die Schl\u00f6sser fallen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Einfache Antworten gibt es nicht<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Von der Berghaus wusste ich, wie sehr sie die Missachtung ihrer Arbeit verletzte. Zwar lie\u00df sie es sich nicht anmerken, wenn sie, wie fast schon zur Gewohnheit geworden, Bravos und Buhrufe nach ihren Premieren entgegennahm. Bei einer Premiere der \u201eFledermaus\u201c war es fast zu einer Saalschlacht gekommen, an der sich auch ihr Mann Paul Dessau beteiligte.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Um sie zu tr\u00f6sten, sagte ich: \u201eRuth, mach dir nichts draus. Es sind doch blo\u00df die Mercedes-Fahrer.\u201c Sie sah mich an und erwiderte: \u201eDu vergisst, dass auch ich einen Mercedes fahre.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Einfache Antworten gibt es nicht. Es gab sie nicht f\u00fcr viele, die hier auf diesem Friedhof ihre Ruhe gefunden haben. Ein Grabstein erinnert mich an die niederl\u00e4ndische S\u00e4ngerin Lin Jaldati. Die \u00dcberlebende eines Konzentrationslagers kam mit ihrem Mann, dem Pianisten und Musikwissenschaftler Eberhard Rebling, dem sp\u00e4teren Rektor und Namensgeber der Hochschule f\u00fcr Musik Hanns Eisler, nach Berlin. An das Schicksal ihrer j\u00fcdischen Leidensgenossen mahnend sang sie 1953 an dem Gleis am Bahnhof Grunewald, von dem viele auf den Weg in die Konzentrationslager geschickt wurden. Von der West-Berliner Polizei wurde das gewaltsam unterbunden.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Als Ost-Berliner Beh\u00f6rden 1967 von ihr die Unterschrift f\u00fcr eine Erkl\u00e4rung gegen Israel verlangten, warf sie ihnen die T\u00fcr vor der Nase zu. Im Fernsehen der DDR durfte sie nun f\u00fcr einige Jahre nicht mehr auftreten. Aber sie hatte in den Jahren der Illegalit\u00e4t gelernt, sich zu wehren. \u201eSag nie, du gehst den letzten Weg\u201c, so lautet der Titel ihrer gemeinsam mit Eberhard Rebling geschriebenen Erinnerungen, nach einem Lied des von Deutschen ermordeten Dichters Glik aus Wilna.<\/p>\n<p>Aus Solidarit\u00e4t mit der ostdeutschen Wirtschaft nur noch Nordh\u00e4user Doppelkorn<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Nicht weit davon das Grab von Inge Keller, eine der letzten gro\u00dfen Damen des Berliner Theaterlebens. Von ihr hie\u00df es, sie k\u00f6nnte das Telefonbuch vorlesen, auch dann w\u00fcrde man ihr zuh\u00f6ren. Sie litt unter den Parteiverfahren, die ihrem Kollegen Wolfgang Langhoff das Amt als Intendant kosteten. Als man der Keller auf der Insel Hiddensee mit einer Flasche edlen Whiskys danken wollte, wies sie dies Geschenk zur\u00fcck. Sie mache die Spender h\u00f6flich darauf aufmerksam, dass sie fortan aus Solidarit\u00e4t mit der ostdeutschen Wirtschaft nur noch Nordh\u00e4user Doppelkorn trinken w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">In ihrer N\u00e4he das Grab von <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/christa-wolf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Christa\u00a0Wolf<\/a> und ihrem Mann Gerhard Wolf. Die Schriftstellerin bewahrte sich und uns den Glauben an einen besseren Sozialismus. An dem Erlebten war sie fast zerbrochen. Diesen Glauben ver\u00fcbelte man ihr  im neuen Gro\u00dfdeutschland, hatte sie es doch gewagt, \u201eF\u00fcr unser Land\u201c zu sprechen,  also f\u00fcr das kleine Deutschland, das dabei war, sich von der Weltgeschichte zu verabschieden.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Nicht weit von ihr, beinahe versteckt zwischen immer dichter wachsenden B\u00fcschen, hat Thomas Brasch sein Grab gefunden. Auch er verzweifelte an dem Land, in dem er eigentlich leben wollte, letztlich aber nicht konnte. Als er einen  bayerischen  Filmpreis erhielt, dankte er seinen Lehrern an der Filmhochschule \u201eKonrad Wolf\u201c in der DDR. Das M\u00fcnchener Publikum war emp\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Als wir die Urne mit der Asche Reinhold Anderts in die Erde versenken, gr\u00fc\u00dft her\u00fcber der Volksschauspieler  <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/erwin-geschonneck\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erwin Geschonneck<\/a>. Wenn ich an seinem Grab stehe, h\u00f6re ich ihn das Lied von \u201ejenem Tag im blauen Mond September\u201c und der Wolke, \u201edie sehr wei\u00df und ungeheuer oben\u201c, singen. Er hatte sich mit Brecht gr\u00fcndlich verkracht, doch dieses Lied sang er gern, selbst als er bereits fast hundert Jahre alt war. Nach irgendeiner Ordensverleihung beendet er seine Dankesworte (so wie er das auch bei anderen Gelegenheiten stets machte, so lange, bis <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/konrad-wolf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konrads Wolfs<\/a> Film \u201eSonnensucher\u201c 1972 aufgef\u00fchrt wurde) unvermittelt mit dem Satz: \u201eGenossen, der Film \u201aSonnensucher\u2018\u00a0muss aufgef\u00fchrt werden!\u201c<\/p>\n<p>Der Berliner Senat verweigert Erwin Geschonneck bis heute ein Ehrengrab<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Geschonneck, aufgewachsen in der Berliner Ackerstra\u00dfe, fand fr\u00fch seinen Weg zur KPD. Er \u00fcberlebte als H\u00e4ftling der Nazis die Versenkung des KZ-Schiffes \u201eCap Arkona\u201c. Anfangs noch am Theater der Hamburger Theaterikone Ida Ehre wurde er Mitglied des Berliner Ensembles. Der Berliner Senat verweigerte dem Hochbetagten die Ehrenb\u00fcrgerschaft und bis heute ein Ehrengrab.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">All diese Lebensgeschichten sind Teil der Geschichte des Landes, das zwar mit seinen Anspr\u00fcchen, Tr\u00e4umen und Hoffnungen gescheitert ist, das auch ich in seinen Irrt\u00fcmern und Unzul\u00e4nglichkeiten mitgetragen habe. Es war mehr, als ihm der Bundesminister Wolfram Weimer in seiner Rede am 9. Dezember 2025 zur Er\u00f6ffnung der neugestalteten Bonner Ausstellung \u201eDu bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945\u201c zubilligen will. Er spricht davon, dass \u201eunser aller gemeinsame Geschichte die gegl\u00fcckte Geschichte unserer Demokratie\u201c sei, die in ihrem Wesen den Weg in den Westen gefunden habe, die die \u201eVerwestlichung\u201c erm\u00f6glichte. Ersch\u00fctterungen und Herausforderungen habe das Land gemeistert. \u201eEs waren Jahrzehnte nicht einfach des Gl\u00fccks, der Harmonie  und des Friedens \u2013 aber es waren Jahrzehnte, in denen Freiheit, Frieden, Sicherheit und Wohlstand in  teils heftigen Debatten und auch tiefen Krisen geschaffen, erhalten und vermehrt werden konnten.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Selbstbewusst unterstreicht Weimer an anderer Stelle: \u201eSie ist eine bew\u00e4hrte Demokratie.\u201c Gemeint ist aber nur die alte Bundesrepublik. Denn, so betont er, die \u201eErfahrungen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, die 40 Jahre in dem anderen deutschen Staat gelebt haben, sind bis Ende der 80er-Jahre \u2013 und auch vielfach dar\u00fcber hinaus \u2013 andere gewesen\u201c. Er nennt den 17. Juni, den Mauerbau und aus dem Prager Fr\u00fchling gewachsene und entt\u00e4uschte Hoffnungen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zweifellos, all das sind zeithistorische, letztlich auch vielschichtige Momente, die unbedingt zur Geschichte des Landes geh\u00f6ren, in dem ich lebte und die ich erlebte. Aber machen sie allein das Land aus, von dem Reinhold Andert sagte, dass hier jede Antwort mit einem Fragezeichen ende, und in dem seine Mutter das Regieren lernte, als sie vor einem Tr\u00fcmmerhaufen stand?<\/p>\n<p>Eberhard Esche lie\u00df sich auf seinem Grabstein als Lanzelot darstellen<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">All die hier auf diesem Berliner Friedhof Begrabenen k\u00f6nnten viel erz\u00e4hlen von ihren K\u00e4mpfen, von Verlusten und Erfolgen. Eberhard Esche lie\u00df sich auf seinem Grabstein als Lanzelot darstellen, der mit seinem Schwert gegen den Drachen k\u00e4mpft.  Mehr als dreihundertmal stand er in dieser Rolle auf der B\u00fchne des Deutschen Theaters. Ebenso oft zog die Weigel ihren Wagen \u00fcber die B\u00fchne des Berliner Ensembles und zeigte, wie Krieg die Menschlichkeit zerst\u00f6rt. Die May sang in Brechts \u201eSchwejk im Zweiten Weltkrieg\u201c: \u201eAm Grunde der Moldau liegen die Steine, das Gro\u00dfe bleibt gro\u00df nicht und klein nicht das Kleine.\u201c Die Melodie schrieb Hanns Eisler. Auch er ist hier begraben. Sein Grabmal ist ein einfacher, steingrauer Quader.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Eine schmale, erst j\u00fcngst gesetzte Stele erinnert an den Schauspieler Dieter Mann, viele Jahre Intendant des Deutschen Theaters.  Seine erste Rolle und sein erster gro\u00dfer Erfolg an diesem Haus war der Wolodja in einem St\u00fcck von Viktor Rossow, \u201eUnterwegs\u201c. Abend f\u00fcr Abend war er auf der Suche nach dem Guten im Menschen.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Es sind die Lieder, die Geschichten, die Bilder, die dem untergegangenen Land noch in der Erinnerung Gewicht geben. Sie machen seine Kultur aus. Sie sind Teil der deutschen Kultur. Das nicht zu akzeptieren bedeutet, die Spaltung des Landes auch weiterhin zu betreiben.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Zur Geschichte und dem Verdienst dieses Landes geh\u00f6rt auch, dass es, selbst wenn man es heute nicht h\u00f6ren mag, aus historischer Verantwortung heraus Br\u00fccken in den Osten baute. Ohne diese Br\u00fccken und das damit gewonnene weltpolitische Vertrauen in ein anderes Deutschland ist das endliche Herstellen der deutschen Einheit nur schwer vorstellbar.<\/p>\n<p>Br\u00fccken, die nur mithilfe Mutiger gebaut werden konnten<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Solche Br\u00fccken aber konnten nicht gebaut werden ohne das Wirken vieler Mutiger. Der Schauspieler Heinrich Greif war in den Jahren des Zweiten Weltkrieges Chefsprecher der deutschsprachigen Sendungen von Radio Moskau. Auch sein Grab finde ich hier auf diesem Friedhof in der Berliner Chausseestra\u00dfe.  Auf seinem Grabstein lese ich in kyrillischen Buchstaben die Worte eines russischen Kinderliedes: \u201e\u0421\u043f\u0438 \u043c\u043e\u0439 \u0440\u043e\u0434\u043d\u043e\u0439\u201c (Schlaf mein Lieb).<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Jens Gerlach, Dichter, Autor der \u201eJ\u00fcdischen Chronik\u201c, schrieb \u00fcber Greif: \u201eIch aber ahnte voraus die bittre Trag\u00f6die zw\u00f6lf schwarzer Jahre auf dem prahlerischen Spielplan der Widermenschlichkeit, und ich verabscheute das Schundst\u00fcck, seine willf\u00e4hrigen Autoren, Akteure und Regisseure, seine m\u00f6rderischen M\u00e4zene.\u201c Gerlach beendet sein Nachdenken \u00fcber Greif mit der Mahnung: \u201eDas herrliche Weltenschauspiel Leben kennt nicht Anfang noch Pause, geschweige denn Ende \u2013 doch achtet in jeglicher Wandlung des Werdens darauf, das niemals der Vorhang j\u00e4hlings und endg\u00fcltig f\u00e4llt!\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Eine Mahnung, die wir ins Heute mitnehmen sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist ein grauer Dezembertag, so grau, wie er nur in Berlin sein kann. 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