{"id":707984,"date":"2026-01-10T15:06:32","date_gmt":"2026-01-10T15:06:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707984\/"},"modified":"2026-01-10T15:06:32","modified_gmt":"2026-01-10T15:06:32","slug":"courbet-im-leopold-museum-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/707984\/","title":{"rendered":"Courbet im Leopold Museum \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eines der ber\u00fchmtesten Bilder der Welt, eines der wichtigsten der Kunstgeschichte sowieso. Allein schon daran gemessen, wie viele Anleihen und Persiflagen es darauf gibt \u2013 und dass es heute als prominente Zielscheibe f\u00fcr die \u00fcblichen Proteste auserkoren wird: 2024 wurde auf Gustave Courbets respektvoll als \u201eUrsprung der Welt\u201c, \u201eL\u2019Origine du Monde\u201c, betiteltes Gem\u00e4lde aus dem Jahr 1866 mit roter Farbe \u201eMe too\u201c geschmiert. Ein Cunt-Pic von einem Mann? Das muss sofort gefahndet werden. Dabei hat die franz\u00f6sische K\u00fcnstlerin Orlan schon 1989 eine viel subtilere Antwort ersonnen und ihm ein veritables \u201eDick Pic\u201c entgegengesetzt: Ein unverstellt m\u00e4nnliches Pendant, weniger schmeichelhaft \u201eL\u2019Origine de la Guerre\u201c, Ursprung des Kriegs, genannt.<\/p>\n<p>Dabei war damals das f\u00fcr damalige wie heutige Zeiten anscheinend skandal\u00f6se Bild Courbets noch gar nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. Lang existierte es nur im Verborgenen, sogar im schamhaft bis vorsichtig Verh\u00fcllten. Schon Auftraggeber Khalil Bey, ein t\u00fcrkischer Diplomat in Paris, l\u00fcftete den Vorhang, den er vor das Bild montieren lassen hatte, nur zu sp\u00e4ter Stunde. \u00c4hnlich legend\u00e4r wie dieser muslimische Sammler vorwiegend von Frauenakten war der Nachbesitzer des Weltenursprungs: der franz\u00f6sische Intellektuelle und Psychoanalytiker Jacques Lacan. Er lie\u00df von Andr\u00e9 Masson eigens ein Deckbild malen, eine den Umrissen des Darunterliegenden penibel folgende Landschaft, die das ewig Weibliche \u2013 in dem Fall muss man wirklich sagen \u2013 ins Unterbewusste verbannte. <\/p>\n<p>Sehnsucht nach Wien. Erst 1995 kam es ins Mus\u00e9e d\u2019Orsay und wird seither dort streng geh\u00fctet als eines der Hauptwerke dieses gro\u00dfen Meisters des Realismus. Erst zweimal wurde es ins Ausland verliehen. 2008 etwa ins Metropolitan Museum New York, wo es ebenfalls nur hinter einem schwarzen Vorhang zu sehen war \u2013 Eintritt nur \u00fcber 18 Jahre.<\/p>\n<p>                               <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/EX27195.jpg\" alt=\"&lt;u&gt;Weltber\u00fchmt.&lt;\/u&gt; \u201eUrsprung der Welt\u201c, \u00ad\u201eL\u2019Origine du Monde\u201c, aus dem Jahr 1866, seinerzeit sehr skandaltr\u00e4chtig.\u00a0\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                     <\/p>\n<p>Weltber\u00fchmt. \u201eUrsprung der Welt\u201c, \u00ad\u201eL\u2019Origine du Monde\u201c, aus dem Jahr 1866, seinerzeit sehr skandaltr\u00e4chtig.\u00a0\u2003Courbet Gustave (1819-1877)<\/p>\n<p>Doch die Besucher im Leopold Museum sind Schiele-erprobt; ein perfektes Umfeld also f\u00fcr \u201eL\u2019Origine\u201c, das ab Februar hier sozusagen der i-Punkt der ersten gro\u00dfen Courbet-Ausstellung in \u00d6sterreich sein wird. Man muss sich nicht weit hinauslehnen, um zu prophezeien, dass dies wohl die bemerkenswerteste Ausstellung des Jahres 2026 in \u00d6sterreich sein wird. Wie hat Leopold-Direktor <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/hans-peter-wipplinger\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" ausstellungs-highlight=\"\" courbet=\"\" im=\"\" leopold=\"\" museum=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hans-Peter Wipplinger<\/a> es nur geschafft? Nicht nur das \u201eUrsprungsbild\u201c, sondern auch andere zentrale Werke Courbets wie \u201eDer Schlaf\u201c, das zumindest erste bekannte Gem\u00e4lde einer lesbischen Liebesszene, \u201eDie Steinklopfer\u201c oder \u201eBonjour Monsieur Courbet\u201c zu ergattern? <\/p>\n<p>\u201eWir haben acht Jahre an dem Projekt gearbeitet\u201c, sagt Wipplinger. Zuletzt hatte er Gl\u00fcck und gro\u00dfes Ungl\u00fcck: Der neue Direktor des Mus\u00e9e d\u2019Orsay, Sylvain Amic, war ein Courbet-Experte und sofort \u00fcberzeugt von dem stimmigen Konzept Wipplingers. Er sagte zu. Und nur wenige Monate sp\u00e4ter verstarb er \u00fcberraschend, eine Trag\u00f6die. Daher auch die Widmung des Katalogs an Amic, erkl\u00e4rt Wipplinger. <\/p>\n<p>Was aber machte sein Konzept so zwingend? Diese erste Retrospektive ist eine Art sp\u00e4te Wiedergutmachung. Denn Courbet hatte eine unerf\u00fcllte Sehnsucht nach Wien, lernt man. Eine gro\u00dfe Pr\u00e4sentation seiner Bilder war auf der Wiener Weltausstellung 1873 geplant, die sich allerdings aus politischen und organisatorischen Gr\u00fcnden, so Wipplinger, zerschlug. Der Maler dachte sogar, wei\u00df man aus Zeitungsberichten und zumindest Antworten auf nicht erhaltene Briefe von ihm, dar\u00fcber nach, nach Wien umzuziehen. Es wurde dann doch die Schweiz, wo er 1877 starb. <\/p>\n<p>                               <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/imago241567521.jpg\" alt=\"Vorreiter. \u201eDer Schlaf\u201c oder \u201eLe Sommeil\u201c (1866) ist das zumindest erste bekannte Gem\u00e4lde einer lesbischen Liebesszene.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                     <\/p>\n<p>Vorreiter. \u201eDer Schlaf\u201c oder \u201eLe Sommeil\u201c (1866) ist das zumindest erste bekannte Gem\u00e4lde einer lesbischen Liebesszene.\u2003IMAGO\/H.Tschanz-Hofmann<\/p>\n<p>Courbet war in diesen letzten Jahren verfolgt und in Frankreich extrem unter Druck geraten. Er hatte sich auf dem H\u00f6hepunkt seiner Karriere stark f\u00fcr die sozialistische Pariser Kommune engagiert, nicht nur in seiner Kunst, wo er f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse schonungslos die \u201eWahrheit\u201c der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zeigte, sondern auch konkret gesellschaftspolitisch. Nach dem Sturz von Kaiser Napoleon III. regte er an, die Colonne Vendome, das Symbol des wiedererrichteten Kaisertums, zu st\u00fcrzen. Mit ihrer effektiven Zerst\u00f6rung, betont Wipplinger, hatte er zwar nichts zu tun. Die Idee aber kam von ihm, er fand das Denkmal mit der Napoleon-Statue schlicht \u201enicht mehr zeitgem\u00e4\u00df\u201c.<\/p>\n<p>Nach Zerschlagung der Kommune schossen sich seine Feinde auf ihn ein, und von denen hatte der provokante Maler viele. Erst musste er neun Monate ins Gef\u00e4ngnis, dann wurde er dazu verurteilt, die Neuaufstellung der S\u00e4ule zu bezahlen. 850.000 Francs, eine f\u00fcr ihn unm\u00f6glich zu begleichende Summe. Alles, was in seinem Atelier noch gefunden wurde, hat man gepf\u00e4ndet, Courbet fl\u00fcchtete aus Frankreich. Fast w\u00e4re sein Ziel Wien gewesen. Doch die Habsburger-Monarchie hatte nicht auf Courbet gewartet. Ein guter Freund und Sammler wohl schon: Khalil Bey, Auftraggeber des \u201eUrsprungs der Welt\u201c, war damals in Wien stationiert. <\/p>\n<blockquote class=\"fm-quote flexmodule flexmodule--quote\">\n<p class=\"fm-quote__text\">         \u00bb\u201eSeine Lust an Provokation sowie seine revolution\u00e4re Malweise pr\u00e4gten Generationen von K\u00fcnstlern.\u201c\u00ab     <\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wie pr\u00e4sent Courbets Kunst in der Stadt damals war, hat auch Wipplinger \u00fcberrascht. Der Pariser Galerist Paul Durand-Ruel war hier sehr aktiv, wichtige, gro\u00dfformatige Werke Courbets waren \u00fcber Jahre immer wieder zu sehen, sozusagen in Pop-up-Galerien des Pariser Galeristen oder im \u00d6sterreichischen Kunstverein, in einem Zinshaus gegen\u00fcber dem heutigen Caf\u00e9 Korb auf zwei Gescho\u00dfen situiert, eine Institution, die man heute gar nicht mehr kennt. 1850 war der Verein von Georg Friedrich Waldm\u00fcller gegr\u00fcndet worden, der viel verbr\u00e4mter und verschl\u00fcsselter als Courbet, aber immerhin, die Armut und das Leid der Arbeiter dargestellt hatte.  <\/p>\n<p>Derlei Br\u00fccken zu \u00d6sterreich haben Wipplinger interessiert, auch wenn die 105 Gem\u00e4lde und 20 Grafiken, die man zeigen kann, vor allem zur Retrospektive des Gesamtwerks Courbets dienen. Auch aus der eigenen Sammlung stammen zwei Landschaftsbilder, die f\u00fcr die introspektive, stille Seite Courbets stehen. Warum Rudolf Leopold ausgerechnet diese zwei Gem\u00e4lde gekauft hat, w\u00fcrde Wipplinger den 2010 verstorbenen Sammler gern fragen. Vielleicht, mutma\u00dft er, der Technik wegen, die auch in \u00d6sterreich rezipiert wurde beziehungsweise Vergleichbares hervorbrachte, bei der eher gespachtelt als gemalt wurde.<\/p>\n<p>Stundenlang k\u00f6nne er jedenfalls reden \u00fcber Courbet, so viele Facetten habe dieses Werk. \u201eSein selbstbewusstes Auftreten, die Betonung k\u00fcnstlerischer Autonomie, seine Lust an Provokation sowie seine revolution\u00e4re Malweise pr\u00e4gten Generationen von K\u00fcnstlern\u201c, findet Wipplinger. Paradigmatisch f\u00fcr dieses neue Selbstvertrauen steht das fr\u00fche Selbstportr\u00e4t \u201eBonjour, Monsieur Courbet\u201c von 1854. Es zeigt Courbet bei der Begegnung mit einem seiner wichtigsten Sammler. Der stolze Maler erscheint dabei als zentrale Figur, viel m\u00e4chtiger als der M\u00e4zen, der ihm den Gru\u00df entbietet, nicht umgekehrt. Und nur Courbet, weist Wipplinger hin, wirft einen Schatten. Er reicht bis in unser Heute. e<\/p>\n<p>                               <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/LM00106_rp.tif\" alt=\"&lt;u&gt;Landschaftsmalerei.&lt;\/u&gt; Zwei Gem\u00e4lde Courbets kommen aus der eigenen Sammlung. Etwa dieses Bild der normannischen K\u00fcste von \u00c9tretat.\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                     <\/p>\n<p>Landschaftsmalerei. Zwei Gem\u00e4lde Courbets kommen aus der eigenen Sammlung. Etwa dieses Bild der normannischen K\u00fcste von \u00c9tretat.\u2003<\/p>\n<p>                      Tipp<\/p>\n<p>Retrospektive. Ausstellung zum franz\u00f6sischen Realisten\u00a0Gustave Courbet\u00a0(1819\u20131877) im Leopold Museum in Wien, 19. Februar bis 21. Juni 2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist eines der ber\u00fchmtesten Bilder der Welt, eines der wichtigsten der Kunstgeschichte sowieso. 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