{"id":71061,"date":"2025-04-29T16:40:41","date_gmt":"2025-04-29T16:40:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/71061\/"},"modified":"2025-04-29T16:40:41","modified_gmt":"2025-04-29T16:40:41","slug":"das-vereinigte-koenigreich-und-die-eu-neue-moeglichkeiten-alte-hindernisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/71061\/","title":{"rendered":"Das Vereinigte K\u00f6nigreich und die EU: Neue M\u00f6glichkeiten, alte Hindernisse"},"content":{"rendered":"<p>Weniger als einen Monat nach den Europa-Wahlen stimmen auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger im Vereinigten K\u00f6nigreich (UK) \u00fcber ein neues Parlament ab. Nach der wechselseitigen Entfremdung durch den Brexit bietet sich damit eine Chance, die Beziehungen zwischen der EU und London zu re-intensivieren. Vor allem in der Au\u00dfen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik hat die Zusammenarbeit im Zuge des russischen Angriffskrieges ohnehin wieder zugenommen, bislang jedoch auf Ad-hoc-Basis. Mittelfristig geht es nicht um eine R\u00fcckabwicklung des Brexits, wohl aber um den Aufbau einer Gemeinsamen Strategischen EU-UK-Initiative \u2013 das hei\u00dft eines neuen Modells von strukturierten Beziehungen mit einem f\u00fcr die EU und Deutschland sehr wichtigen Partner. Dabei sollte auch die EU mehr Flexibilit\u00e4t zeigen als bisher.<\/p>\n<p>Dass Premierminister Rishi Sunak die Parlamentswahlen im Vereinigten K\u00f6nig\u00adreich vorgezogen hat, war keine gro\u00dfe \u00dcberraschung \u2013 wohl aber der Zeitpunkt, zu dem dies geschah. Bei einer regul\u00e4ren Dauer der aktuellen Legislaturperiode w\u00e4re der Wahltermin sp\u00e4testens im Januar 2025 gewesen. Nach den Blockaden im House of Commons w\u00e4hrend der turbulenten Brexit-Verhandlungen hat das Parlament mit sei\u00adner konservativen Mehrheit aber beschlos\u00adsen, zum traditionellen britischen System zur\u00fcckzukehren, wonach der Premier jeder\u00adzeit Neuwahlen ausrufen und das Parlament aufl\u00f6sen kann. Dieser Schritt wurde indes eher f\u00fcr Herbst 2024 erwartet, ist die Regierung Sunak doch mit teils desastr\u00f6sen Umfragewerten konfrontiert.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Nun werden die Briten bereits am 4.\u00a0Juli zu den Urnen gebeten. Gegen\u00fcber der letz\u00adten Wahl im Jahr 2019 haben sich die Rah\u00admenbedingungen grundlegend ver\u00e4ndert. Auf globaler Ebene kam es seither zu er\u00adheb\u00adlichen Ersch\u00fctterungen (mit der Corona-Pandemie, der russischen Vollinvasion in der Ukraine, Inflation, dem Krieg im Gaza\u00adstreifen und mehr), w\u00e4hrend das Vereinigte K\u00f6nigreich den Brexit vollzogen und dabei zweimal den Premier gewechselt hat. Anders als 2019, als der damalige Regierungschef Boris Johnson und Labour-Oppo\u00adsitionsf\u00fchrer Jeremy Corbyn antraten, ste\u00adhen sich mit Rishi Sunak und Keir Starmer nun zwei Politiker gegen\u00fcber, die jeweils eher f\u00fcr den gem\u00e4\u00dfigteren Fl\u00fcgel ihrer Partei stehen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Aus Sicht der EU d\u00fcrften sich nach den Wahlen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine begrenzte Re\u2011Intensivierung der bilateralen Beziehungen bieten, selbst wenn es nicht zu dem Regierungswechsel mit einer absoluten Mehrheit f\u00fcr Labour k\u00e4me, der angesichts der Umfragen erwartet wird. Klar ist zu\u00adn\u00e4chst: Eine R\u00fcckabwicklung des Brexits steht, auch f\u00fcr die Labour-Partei, zumindest mittelfristig nicht zur Debatte. Denn eine R\u00fcckkehr zu Binnenmarkt oder Zollunion, aber auch zur Freiz\u00fcgigkeit und zu jeder Form der dynamischen \u00dcbernahme von EU-Regeln <a href=\"https:\/\/labour.org.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Labour-Party-manifesto-2024.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schlie\u00dft Labour kategorisch aus<\/a>. Neben dem Ziel technischer Anpassungen des EU-UK-Handelsabkommens (etwa im Veterin\u00e4rbereich) betont Labour vor allem das Interesse an einer verst\u00e4rkten Zusammenarbeit mit der EU in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Bemerkenswerterweise meiden gerade die Konservativen, die 2019 ihre Kampagne noch haupts\u00e4chlich mit dem Brexit betrie\u00adben (\u00bbGet Brexit Done\u00ab), das Thema nun fast vollst\u00e4ndig. Im Hintergrund jedoch wird Sunaks Kurs, der auf st\u00e4rkere Kooperation mit der EU zielt, von einer lautstarken Min\u00adderheit in der Partei regelm\u00e4\u00dfig kritisiert. Nigel Farage, dessen Reform-UK-Partei in Umfragen n\u00e4her an die Konservativen her\u00adanger\u00fcckt ist (und sie teils sogar \u00fcberholt hat), \u00fcbt zus\u00e4tzlich Druck auf die Tories aus, sich in Migrationsfragen, der Klima\u00adpolitik oder den Beziehungen zur EU weiter zu verh\u00e4rten; so fordert er etwa den Aus\u00adtritt des Landes aus der Europ\u00e4ischen Men\u00adschenrechtskonvention. Auch und gerade im Falle der zu erwartenden Niederlage der Konservativen wird die Wahl \u00fcber deren k\u00fcnftigen Kurs mitentschieden.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Die politischen Wunden, die der Brexit-Prozess in Politikbetrieb und Bev\u00f6lkerung gerissen hat, sitzen tief, und keine der bei\u00adden gro\u00dfen Parteien m\u00f6chte die grund\u00adlegenden Entscheidungen der Jahre 2016\u20132020 neu aufrollen. Daran \u00e4ndert auch nichts, dass nach <a href=\"https:\/\/www.whatukthinks.org\/eu\/questions\/in-highsight-do-you-think-britain-was-right-or-wrong-to-vote-to-leave-the-eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Umfragen<\/a> rund 60\u00a0Pro\u00adzent der Menschen im Land den Brexit mittlerweile f\u00fcr einen Fehler halten und sich sogar Mehrheiten f\u00fcr einen Wieder\u00adeintritt in die EU andeuten.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Angesichts dieser politischen Konstella\u00adtion bietet es sich in doppelter Weise an, den Fokus der bilateralen Beziehungen nach den Wahlen zuerst auf die Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik zu richten. Auf der einen Seite d\u00fcrfte der politische Spielraum hier f\u00fcr die n\u00e4chste britische Regierung besonders gro\u00df sein, denn nach wie vor ist der Bereich von den komplexen wirtschaftlichen Beziehungen weitgehend getrennt. Zudem zielt gerade die Labour-Partei expli\u00adzit darauf ab, die Zusammenarbeit in die\u00adsem Feld deutlich aufzuwerten. Auf der anderen Seite ist auch das Interesse der EU besonders hoch, London hier einzubinden. Denn angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, aber auch der Perspektive einer R\u00fcckkehr Donald Trumps ins Wei\u00dfe Haus wird die Au\u00dfen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik einer der zentralen Schwerpunkte der EU in den n\u00e4chsten Jahren sein. Das Vereinigte K\u00f6nig\u00adreich mit seiner leistungsf\u00e4higen R\u00fcstungsindustrie und seinen milit\u00e4rischen wie diplomatischen Ressourcen sollte dabei \u2013 wenn auch als Drittstaat \u2013 ein wichtiger Partner sein.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Au\u00dfenpolitischer Schnellstart gefordert<\/p>\n<p>Wer auch immer die n\u00e4chste britische Regierung bilden wird, muss einen au\u00dfen\u00adpolitischen Schnellstart hinlegen. In den beiden Wochen nach den Wahlen stehen zwei wichtige Termine zur Abstimmung \u00fcber die europ\u00e4ische Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik an: der Nato-Gipfel in Washington vom 9. bis 11. Juli und der n\u00e4chste Gip\u00adfel der Europ\u00e4ischen Politischen Gemeinschaft (EPG) am 18. Juli. Bei Letzterem sind die Briten selbst Gastgeber und empfangen die Staats- und Regierungschef:innen aus bis zu 47 europ\u00e4ischen Staaten. Die Agenda f\u00fcr das Treffen legte noch die bisherige Regierung fest, die Durchf\u00fchrung wird der k\u00fcnftigen obliegen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Dass der neue Premier am 9. Juli bereits im Amt sein d\u00fcrfte, liegt im politischen System Gro\u00dfbritanniens begr\u00fcndet. Denn das Mehrheitswahlrecht (\u00bbFirst past the post\u00ab) produziert in der Regel eine klare Majorit\u00e4t, weshalb Koalitionsregierungen die Ausnahme bleiben. Zudem wird der Premier auf Basis der Parlamentswahlen vom K\u00f6nig ernannt, ein best\u00e4tigendes Parla\u00admentsvotum ist nicht vonn\u00f6ten. 2019 etwa beauftragte K\u00f6nigin Elizabeth\u00a0II. bereits einen Tag nach der Wahl Boris Johnson mit der Regierungsbildung. Sollte es diesmal wider Erwarten jedoch keine eindeutigen Mehrheitsverh\u00e4ltnisse im Parlament geben, wird sich der Prozess verz\u00f6gern. Monatelange Koalitionsverhandlungen wie in den Niederlanden, Belgien oder auch Deutschland hat es in London allerdings noch nie gegeben. Bereits Mitte Juli sollte es daher m\u00f6glich sein, beim EPG-Gipfel mit der neuen britischen Regierung Spielr\u00e4ume f\u00fcr\u00a0die Zusammenarbeit zu er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Wieder\u00adann\u00e4herung mit\u00a0Vorbehalten<\/p>\n<p>Die au\u00dfen- und sicherheitspolitischen Be\u00adziehungen zwischen Vereinigtem K\u00f6nigreich und EU haben ihren Tiefpunkt nach dem Brexit bereits \u00fcberwunden. Zun\u00e4chst ist nat\u00fcrlich zu betonen, dass London auf vielf\u00e4ltige Weise mit den EU-Mitgliedstaa\u00adten verflochten ist \u2013 \u00fcber die Nato ebenso wie durch teils sehr tiefe bilaterale Bezie\u00adhungen, aber auch \u00fcber Formate wie die G7, E3 oder die Joint Expeditionary Force (JEF). Dabei hatte die von 2016 bis 2019 amtierende Premierministerin Theresa May urspr\u00fcnglich angestrebt, nach dem Brexit eine Sicherheitspartnerschaft mit der EU zu begr\u00fcnden. Das wechselseitige Verh\u00e4ltnis erreichte 2020\/21 jedoch einen Tiefpunkt, nachdem ihr Nachfolger Johnson jedwede strukturierte Beziehung mit der EU in der Au\u00dfen-, Sicherheits- und Verteidigungs\u00adpolitik zu Beginn der Verhandlungen \u00fcber den k\u00fcnftigen Umgang zwischen Br\u00fcssel und UK verworfen hatte. Im Strategie\u00addokument der britischen Regierung von 2021 wurde die EU noch nicht einmal als Partner in der Au\u00dfen- und Sicherheits\u00adpolitik genannt, vielmehr sollte der Fokus auf \u00bbGlobal Britain\u00ab und der Pflege bilatera\u00adler Beziehungen liegen (siehe <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/10.18449\/2021A35\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SWP-Aktuell 35\/2021<\/a>).<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Zwei Faktoren haben in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik jedoch zu einem \u00bbTau\u00adwetter\u00ab zwischen Br\u00fcssel und London gef\u00fchrt. Zum einen konnten nach Sunaks Amtantritt 2022 beide Seiten mit dem Windsor-Abkommen ihre Differenzen in puncto Nordirland beilegen, womit sich vor\u00a0allem auch das gegenseitige Misstrauen hinsichtlich der Sonderregelungen f\u00fcr diesen Landesteil \u00fcberwinden lie\u00df. Zum ande\u00adren machte der russische Angriffskrieg die Notwendigkeit einer engeren Koope\u00adration deutlich. Anfang M\u00e4rz 2022, also wenige Tage nach Beginn der Vollinvasion in der Ukraine, nahm die damalige briti\u00adsche Au\u00dfenministerin Liz Truss einmalig an einem Treffen des Rates der EU teil. Bei Sanktionen stimmten sich die EU und das Vereinigte K\u00f6nigreich trilateral mit den USA sowie im Kreis der G7 eng ab. Zudem ist das UK dabei, dem Projekt zur milit\u00e4rischen Mobilit\u00e4t im Rahmen der St\u00e4ndigen Strukturierten Zusammenarbeit (PESCO) der EU beizutreten. Das Land hat geholfen, die EU-Ausbildungsoperation f\u00fcr die ukrainischen Streitkr\u00e4fte zu gestalten, da es bereits eigene bilaterale Ausbildungsma\u00dfnahmen f\u00fcr Kiew durchf\u00fchrte. Ferner beteiligt es sich an der von der EU-Kommission mit ge\u00adleiteten Geberplattform f\u00fcr die Ukraine, einschlie\u00dflich der Entsendung eines briti\u00adschen Beamten ins betreffende Sekretariat, das bei der EU-Kommission angesiedelt ist.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Der Gro\u00dfteil auch der Kooperation zur Ukraine erfolgt jedoch nicht bilateral zwi\u00adschen EU und UK, sondern im multilateralen Rahmen (insbesondere der Nato und der G7) oder \u00fcber bi- und minilaterale Zusam\u00admenarbeit mit einzelnen EU-Staaten. Denn die Regierung Sunak lehnte einen strukturierten Dialog in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik ab; die Einladung zu einem regelm\u00e4\u00dfigen Dialogformat durch den Pr\u00e4\u00adsidenten des Europ\u00e4ischen Rates, Charles Michel, schlug sie aus.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Der gr\u00f6\u00dfte au\u00dfen- und sicherheitspolitische Unterschied zwischen einer neuen Labour- und der bisherigen Tory-Regierung wird daher auch die Zusammenarbeit mit der EU betreffen. Konkret strebt Labour eine \u00bbneue geopolitische Partnerschaft\u00ab mit Br\u00fcssel an. Im Zentrum dieser Partnerschaft soll ein Sicherheitspakt stehen, der eine engere Koordination nicht nur zu milit\u00e4rischer Sicherheit, sondern auch in relevanten Fragen der Wirtschafts-, Klima-, Ge\u00adsundheits-, Cyber- und Energiepolitik um\u00adfasst. Ein solcher Sicherheitspakt soll aus\u00addr\u00fccklich in Einklang mit der kollektiven Verteidigung in der Nato und nicht etwa im Gegensatz dazu stehen, bleibt die Allianz doch auch aus Labour-Sicht der prim\u00e4re Rahmen f\u00fcr die britische und europ\u00e4ische Sicherheit. Zudem strebt die Partei, \u00e4hnlich wie die konservativen Regierungen seit dem Brexit, einen Ausbau der bilateralen Bezie\u00adhungen zu engen EU- bzw. Nato-Partnern wie Frankreich, Polen, Irland und besonders Deutschland an. Bemerkenswerterweise haben beide, Labour und Konservative, das Ziel eines britisch-deutschen Verteidigungs\u00adpaktes nach Vorbild des Lancaster-House-Vertrags zwischen Frankreich und UK in ihr jeweiliges Wahlprogramm aufgenommen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Trotz des gegenseitigen Interesses bleibt jedoch die Balance zwischen Ressourcen und Beteiligungsrechten schwierig, was am besten durch das \u00bbGalileo-Problem\u00ab illus\u00adtriert wird. Schon w\u00e4hrend der Verhandlungen zum Brexit-Austrittsvertrag strebte zumindest Theresa May eine Sicherheitspartnerschaft mit der EU an. Der erste gro\u00ad\u00dfe D\u00e4mpfer aber war Londons Nichtbetei\u00adligung am europ\u00e4ischen Satellitennaviga\u00adtionssystem Galileo. Das System war ma\u00df\u00adgeblich von britischen Unternehmen mit\u00adentwickelt worden und k\u00f6nnte auch lang\u00adfristig von der Beteiligung der britischen Weltraumindustrie profitieren. Die EU be\u00adstand jedoch auf einer Beteiligung wie f\u00fcr alle anderen Drittstaaten, wodurch sich das\u00a0Vereinigte K\u00f6nigreich angesichts seiner finanziellen und industriellen Beitr\u00e4ge zu stark eingeschr\u00e4nkt sah. \u00c4hnliches droht etwa bei der R\u00fcstungskooperation. An einer Zusammenarbeit sollte hier zwar ein hohes gegenseitiges Interesse bestehen. Doch Vor\u00adaussetzung daf\u00fcr ist aus Sicht der EU eine Beteiligung nach regul\u00e4ren Drittstaaten\u00adregeln, das hei\u00dft ohne Mitbestimmungsrechte, was f\u00fcr London angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der britischen R\u00fcstungsindustrie in\u00adakzeptabel ist \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wer die Regierung stellt. Wie sie dieses \u00bbGalileo-Problem\u00ab l\u00f6sen will, hat die Labour-Partei bis dato nicht angedeutet.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Konstanten und potentielle Verschiebungen<\/p>\n<p>F\u00fcr die thematische Zusammenarbeit zwischen EU und UK ist zu beachten, dass die Regierung Sunak und Labour in vielen anderen Schl\u00fcsselfragen der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik bemerkenswert nahe beieinander liegen. Hier zeigt sich, dass Starmer seine Partei nach den Jahren unter Corbyn wieder n\u00e4her an Londons au\u00dfen- und sicherheitspolitischen Mainstream herangef\u00fchrt hat. Aber auch Sunak hat im Vergleich zu seiner nur kurz amtie\u00adrenden Vorg\u00e4ngerin Truss einige Kurs\u00adkorrekturen vorgenommen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Die \u00dcbereinstimmung gilt zun\u00e4chst f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Ukraine und Lon\u00addons grunds\u00e4tzliche Positionierung in der euro\u00adp\u00e4ischen Sicherheitsordnung. Bereits 2021 sah die britische Regierung in Russ\u00adland die \u00bbakuteste Bedrohung\u00ab f\u00fcr die euro\u00adp\u00e4ische Sicherheit; der Ukraine lie\u00df London fr\u00fch und umfangreich Hilfe zukommen. Das Vereinigte K\u00f6nigreich ist neben Deutschland quantitativ der gr\u00f6\u00dfte euro\u00adp\u00e4ische Unterst\u00fctzer des Landes, hat bei der Liefe\u00adrung neuer Waffensysteme oder bei An\u00adpassungen der westlichen Linie aber \u2013 anders als Berlin \u2013 jeweils bewusst eine Vorreiterrolle eingenommen. Dabei wurde der Regierungskurs von der Labour-Partei stets mitgetragen, die zuletzt eher einen noch st\u00e4rkeren Beistand f\u00fcr Kiew eingefordert hat. Zudem w\u00fcrde auch unter Labour gelten, dass sich London in der europ\u00e4ischen Sicherheitpolitik klar als Schl\u00fcssel\u00adakteur mit F\u00fchrungsanspruch positioniert und dabei enge Beziehungen zu nord-, mittel- und osteurop\u00e4ischen Staaten sowie zu Frankreich pflegt.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Auch die \u00bbspecial relationship\u00ab zu den USA bleibt f\u00fcr das Vereinigte K\u00f6nigreich von zentraler Wichtigkeit. Die amerikanische Hilfe f\u00fcr die Ukraine hat aus Londoner Sicht die Bedeutung Washingtons f\u00fcr die europ\u00e4ische Sicherheit erneut unterstrichen \u2013 und damit auch das britische Ziel, die USA als engsten Verb\u00fcndeten in Europa zu halten. Dies gilt umso mehr mit Blick auf eine potentielle R\u00fcckkehr Trumps ins Wei\u00dfe Haus. So betont nicht nur die Regie\u00adrung Sunak, sondern auch Labours voraus\u00adsichtlicher k\u00fcnftiger Au\u00dfenminister <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/article\/2024\/may\/08\/david-lammy-tells-us-republicans-he-can-find-common-cause-with-donald-trump\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">David Lammy<\/a>, das Vereinigte K\u00f6nigreich werde au\u00dfen- und sicherheitspolitisch eng mit Washington zusammenarbeiten, unabh\u00e4ngig davon, wer die US-Wahlen gewinne. Die Unterschiede zwischen den beiden Parteien d\u00fcrften hier eher gradueller Natur sein. Trotz aller politischer Divergenzen h\u00e4lt sich Starmer mit \u00f6ffentlicher Kritik an Trump bewusst zur\u00fcck, und auch nach dessen Verurteilung im New Yorker Schweigegeld-Prozess erkl\u00e4rte er, mit ihm kooperieren zu wollen, sollte Trump abermals zum Pr\u00e4si\u00addenten gew\u00e4hlt werden. Sunak wieder\u00adum\u00a0pflegt zwar keine besondere N\u00e4he zu Trump, doch schickte er seinen Au\u00dfen\u00administer David Cameron im April 2024 zu einem Besuch bei ihm. Zudem n\u00e4hert sich der Rechtsau\u00dfen-Fl\u00fcgel der britischen Kon\u00adservativen \u2013 anders als w\u00e4hrend Trumps Amtszeit von 2017 bis 2021 \u2013 offen den MAGA-Republikanern an. So haben unter anderem die ehemaligen Premiers Johnson und Truss zur Wahl Trumps aufgerufen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Eng verbunden mit dem transatlantischen Verh\u00e4ltnis ist die britische Positionierung im Indo-Pazifik und gegen\u00fcber China. Die britisch-chinesischen Beziehungen haben in den letzten 15 Jahren gro\u00dfe Ver\u00ad\u00e4nderungen erfahren. W\u00e4hrend Cameron in seiner Zeit als Premierminister (2010\u20132016) noch das Ziel eines \u00bbgoldenen Zeit\u00adalters\u00ab zwischen Volksrepublik und Ver\u00adei\u00adnigtem K\u00f6nigreich beschwor, strebte etwa Truss danach, an der Seite der USA eine besonders konfrontative Haltung gegen\u00fcber Peking einzunehmen. Unter Sunak wie potentiell auch unter Starmer n\u00e4hert sich die Londoner Regierung dem europ\u00e4ischen Mainstream an, indem sie den Aufstieg Chinas als \u00bbepochale\u00ab (Sunak) bzw. \u00bbsyste\u00admische\u00ab (Lammy) Herausforderung betrach\u00adtet und eher auf \u00bbde-risking\u00ab als auf \u00bbde-coupling\u00ab setzt. Dabei betonen die Konser\u00advativen ebenso wie Labour die Bedrohung durch die Kommunistische Partei Chinas, aber auch die Bedeutung des Landes f\u00fcr die britische Wirtschaft und dessen Rolle als Partner bei der Bew\u00e4ltigung von globalen Herausforderungen wie Pandemien, dem Klimawandel oder der Regulierung k\u00fcnst\u00adlicher Intelligenz. Labour will in diesem Sinne den Beitritt des Vereinigten K\u00f6nigreichs zum transpazifischen Handels\u00adabkommen vollziehen und ein Handelsabkommen mit Indien erreichen. Ausgebaut werden soll zudem die AUKUS-Partner\u00adschaft zwischen den USA, Australien und dem Vereinigten K\u00f6nigreich.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Verschiebungen in der Nahost- und Klimaau\u00dfenpolitik<\/p>\n<p>Starken innenpolitischen Widerhall fanden im Vereinigten K\u00f6nigreich der Terrorangriff der Hamas vom 7.\u00a0Oktober 2023 und die hierauf folgende israelische Milit\u00e4roffensive im Gazastreifen. Unter Premier Sunak und Au\u00dfenminister Cameron hat sich London als enger Verb\u00fcndeter Israels positioniert und sich dabei auch regelm\u00e4\u00dfig mit Deutschland abgestimmt. Zu diesem Ein\u00advernehmen geh\u00f6rten etwa ein gemeinsamer Meinungsartikel von Cameron und seiner Amtskollegin Annalena Baerbock in der britischen \u00bbSunday Times\u00ab sowie eine zum Teil gemeinsame Reise der beiden nach Israel. Starmer hat diese Linie lange Zeit ausdr\u00fccklich unterst\u00fctzt, auch um seine Politik der klaren Abgrenzung von anti\u00adsemitischen Vorf\u00e4llen zu bekr\u00e4ftigen, die es\u00a0unter seinem Vorg\u00e4nger Corbyn gegeben hatte. Innerhalb der Labour-Partei verlangen jedoch viele Stimmen an der Basis wie auch unter Abgeordneten einen Kurswechsel, vor allem wegen der hohen und weiter steigenden Zahl an Opfern des israelischen Einsatzes. So forderte Starmer fr\u00fcher als Sunak einen sofortigen Waffenstillstand im Gazastreifen, und nach einem etwaigen Wahlsieg d\u00fcrfte er innerparteilich unter Druck geraten, die britische Nahost-Politik zu korrigieren. In ihrem Wahlprogramm signalisiert die Labour-Partei die Bereitschaft, einen pal\u00e4stinensischen Staat \u00bbals Teil eines erneuerten Friedensprozesses\u00ab anzuerkennen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Ein deutlicher Unterschied zwischen beiden Parteien besteht in der Frage, wie sehr der Klimaschutz in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik verankert sein soll. Das Vereinigte K\u00f6nigreich geh\u00f6rte lange zu den Vorreitern internationaler Klimapolitik, doch hat die konservative Regierung zuletzt Abstriche bei den Bem\u00fchungen gemacht, die Emission von Treibhausgasen auf \u00bbnetto null\u00ab zu senken. Bei den Pl\u00e4nen der Konser\u00advativen r\u00fcckt diese Zielvorgabe in den Hin\u00adtergrund, der Fokus ihrer Klimapolitik liegt stattdessen auf Energiesicherheit, Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung und Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Die Labour-Partei legt einen st\u00e4r\u00adkeren Schwerpunkt auf \u00bbgr\u00fcnes Wachstum\u00ab als Teil ihrer Wirtschaftsagenda, zu\u00adgleich soll eine \u00bbClean Energy Alliance\u00ab ein wichtiges Element ihrer Au\u00dfen- und Sicher\u00adheitspolitik werden. In diesem Sinne soll Klimapolitik auch im britischen Au\u00dfen\u00administerium besser integriert werden.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Enge fiskalische Spielr\u00e4ume<\/p>\n<p>Eine Herausforderung sind nicht zuletzt die engen fiskalischen Spielr\u00e4ume, die das Ver\u00adeinigte K\u00f6nigreich auch im Verteidigungsbereich hat. Die Briten erf\u00fcllen im Gegen\u00adsatz zu Deutschland und vielen anderen Nato-Staaten durchg\u00e4ngig das 2\u2011Prozent-Ziel. Allerdings haben sie nach der russi\u00adschen Vollinvasion in der Ukraine, anders als viele mittel- und osteurop\u00e4ische Staaten, ihren Verteidigungshaushalt nicht signifi\u00adkant aufgestockt. Dabei sind die Londoner Reserven durch die langj\u00e4hrigen Eins\u00e4tze im Irak und in Afghanistan sowie sp\u00e4ter die Ukraine-Hilfen aufgezehrt worden. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes, die nicht allein, aber auch durch den Brexit bedingt sind und das fiskalisch M\u00f6gliche absehbar einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Vor diesem Hintergrund hat Sunak im Vorwahlkampf versprochen, die britischen Verteidigungsausgaben bis 2030 auf 2,5 Pro\u00adzent des Bruttoinlandsprodukts zu erh\u00f6hen (2024 sind es laut Nato 2,33 Prozent). Labour gibt das gleiche prozentuale Ziel aus, je\u00addoch abh\u00e4ngig davon, dass \u00bbdie fiskalischen Umst\u00e4nde es erlauben\u00ab. Bemerkenswert ist dabei, dass Gro\u00dfbritannien von allen euro\u00adp\u00e4ischen Nato-Alliierten (nach Kroatien) seit 2014 die niedrigsten Zuw\u00e4chse im Verteidigungshaushalt \u2013 proportional zum jewei\u00adligen BIP \u2013 aufzuweisen hat; auch nach 2022 waren die Steigerungen hier geringer als andernorts. Angesichts einer h\u00f6heren Inflation und h\u00f6herer Zinsen als im Euro\u00adraum sowie der Tatsache, dass beide Par\u00adteien darauf bestehen, in das Gesundheits- und Rentensystem zu investieren und gleichzeitig Steuererh\u00f6hungen zu vermeiden, wird London absehbar bei den mili\u00adt\u00e4rischen F\u00e4higkeiten knapp haushalten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Ausblick<\/p>\n<p>Nach den Doppelwahlen vom Sommer 2024 bietet sich f\u00fcr die EU und das Vereinigte K\u00f6nigreich die Chance, ihre au\u00dfen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu vertiefen. Angesichts einer zunehmend konfrontativen europ\u00e4ischen Sicherheitsordnung mit einem imperialistisch-expan\u00adsiven Russland, den globalen Rivalit\u00e4ten zwischen USA und China sowie der m\u00f6gli\u00adchen R\u00fcckkehr Trumps ins Wei\u00dfe Haus sollten Deutschland und die EU ein gro\u00dfes Interesse daran haben, diese Chance zu nutzen. Ob und inwieweit das gelingen kann, h\u00e4ngt von dem gegenseitigen Willen ab, bei den Verhandlungen geostrategische Interessen in den Vordergrund zu stellen, statt auf roten Linien zu beharren.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Wichtig ist auf der einen Seite der poli\u00adtische Handlungsspielraum der neuen Labour-Regierung. Sollte die Partei wider Erwarten doch keine absolute Mehrheit erringen, blieben die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine strukturierte EU-UK-Zusammenarbeit beschr\u00e4nkt. Doch selbst bei dem prognos\u00adtizierten Erdrutschsieg f\u00fcr Labour ist mittel\u00adfristig nicht davon auszugehen, dass der Brexit an sich oder seine zentralen Leit\u00adplanken \u2013 keine R\u00fcckkehr in Binnenmarkt und Zollunion, keine Formen einer ver\u00adpflichtenden \u00dcbernahme von EU-Recht \u2013 revidiert werden. Auch w\u00fcrden die Tories in der Opposition lautstark und mit Unter\u00adst\u00fctzung der konservativen Medien gegen jede Wiederann\u00e4herung an die EU protes\u00adtieren, zumal sie in der Frage unter dem Druck der harten Brexiteers und von Farages Reform-UK-Partei stehen. Die bis\u00adhe\u00adrige Positionierung Starmers deutet darauf hin, dass der Aktionsradius auch einer Labour-gef\u00fchrten Regierung gegen\u00fcber der EU allenfalls eine politische Ann\u00e4herung und eine bessere Koordination, kaum aber eine Re-Integration erlauben w\u00fcrde. Eine Vertiefung der Zusammenarbeit im weit\u00adgehend abgetrennten Sonderbereich der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik k\u00f6nnte je\u00addoch ein positives Zeichen im gegenseitigen Interesse setzen und zudem mittelfristig Spielr\u00e4ume f\u00fcr eine engere Kooperation auf\u00a0weiteren Feldern er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Auf der anderen Seite sollte aber auch die EU mehr Flexibilit\u00e4t zeigen. W\u00e4hrend der Brexit-Verhandlungen galt das Mantra, das Vereinigte K\u00f6nigreich d\u00fcrfe in keinem Bereich von Sonderregelungen profitieren, sondern m\u00fcsse wie jeder andere Drittstaat behandelt werden. \u00dcbertragen auf die Au\u00dfen-, Sicherheits- und Verteidigungs\u00adpolitik f\u00fchrt dies zum beschriebenen \u00bbGali\u00adleo-Problem\u00ab und beispielsweise zum Aus\u00adschluss der britischen R\u00fcstungsindustrie von der gemeinsamen Munitionsbeschaffung. Die bisherigen Bem\u00fchungen, London etwa \u00fcber die EPG strukturiert in euro\u00adp\u00e4ische Sicherheitsfragen einzubinden, machen f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis EU-UK wenig Unterschied; wichtiger bleiben hier die bila\u00adteralen Beziehungen zu den gro\u00dfen Mit\u00adgliedstaaten. Diese formalistische Betrachtung hat auch politische Gr\u00fcnde: Selbst ohne offizielles Stimmrecht d\u00fcrfte London bei einer Beteiligung als Beobachter ange\u00adsichts seiner Bedeutung in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik als Nichtmitglied ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht haben als mindestens 22 der 27 EU-Mitglieder. Das bricht nat\u00fcrlich die Logik, dass ein Nichtmitglied nicht die Vorteile der EU-Mitgliedschaft haben kann. Aus diesen formellen Gr\u00fcnden jedoch auf regul\u00e4ren Drittstaatsbedingungen zu be\u00adstehen wird weder den Interessen einer geopolitischen EU noch dem Status des UK in diesem Bereich gerecht.<\/p>\n<p>                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Eine Gemeinsame Strategische EU\u2011UK-Initiative<\/p>\n<p>Stattdessen sollte sich die EU daf\u00fcr \u00f6ffnen, das Vereinigte K\u00f6nigreich im Rahmen eines Sicherheitspaktes, wie er von Labour an\u00adgestrebt wird, strukturiert in Sicherheits\u00adfragen einzubinden \u2013 und zwar \u00fcber ein individuelles Modell gem\u00e4\u00df einer Gemeinsamen Strategischen EU-UK-Initiative. Kern\u00admerkmal dieses neuen Modells sollte eine UK-spezifische, in Verhandlungen zu fin\u00addende Balance zwischen Verpflichtungen, Flexibilit\u00e4t und gegenseitigen Interessen sein. Die Gemeinsame Strategische Initia\u00adtive sollte dabei auf dem Prinzip der Partnerschaft, nicht der (Re-)Integration beruhen. Die Ebene der Kooperation w\u00e4re zwischen den EU-Institutionen und der britischen Regierung anzusiedeln, aber mit starker Beteiligung der EU-Mitgliedstaaten, die im Bereich der Au\u00dfen-, Sicherheits- und\u00a0Verteidigungspolitik weiterhin die zen\u00adtrale Rolle spielen. Nicht zuletzt sollte diese Initiative von Beginn an erg\u00e4nzend und nicht in Konkurrenz zu bestehenden Ver\u00adflechtungen aufgebaut werden, insbeson\u00addere mit Blick auf die Nato.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">F\u00fcr ein solches Vorhaben w\u00e4re ein neuer institutioneller Rahmen jenseits der exis\u00adtierenden Ad-hoc-Kooperation notwendig. Er k\u00f6nnte aus drei Elementen bestehen. Erstens sollten auf politischer Ebene regel\u00adm\u00e4\u00dfige strategische Konsultationen ein\u00adgef\u00fchrt werden, wie sie die EU in Form von Drittstaat-Dialogen auch mit anderen strate\u00adgischen Partnern unterh\u00e4lt, etwa den USA. Vertreten werden sollte die EU hier jeweils von Kommissionspr\u00e4sident und Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Rates auf oberster Ebene sowie dem Hohen Vertreter auf Au\u00dfen\u00administerebene. Diese Konsultationen sollten mindestens einmal im Jahr stattfinden; ein guter Startpunkt w\u00e4re hierf\u00fcr Ende 2024 nach den US-Wahlen. Auf Arbeitsebene hin\u00adgegen bieten sich \u2013 zweitens \u2013 gemischte Arbeitsgruppen von EU-Institutionen sowie Vertretungen von UK und EU-Mitglied\u00adstaaten zu Themenbereichen an, in denen die Zusammenarbeit vertieft w\u00fcrde. Drit\u00adtens k\u00f6nnte London \u2013 gegebenenfalls ge\u00admeinsam mit Beitrittskandidaten und\/oder anderen Partnern \u2013 als Gast zu ausgew\u00e4hlten Teilen von Treffen der Staats- und Re\u00adgierungschef:innen oder EU-Au\u00dfenminis\u00adter:innen eingeladen werden. Die Teil\u00adnahme sollte jedoch stets ausgew\u00e4hlt und begrenzt sein, um auf Ebene der Partnerschaft zu bleiben.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Rechtlich k\u00f6nnte eine solche Initiative an das bestehende Handels- und Koopera\u00adtionsabkommen (HKA) zwischen EU und UK angedockt werden. So ist das HKA explizit als Rahmenabkommen konzipiert, das sich gem\u00e4\u00df Artikel 2 HKA um weitere Einzel\u00adabkommen erg\u00e4nzen l\u00e4sst. Diese k\u00f6nnen zudem den gemeinsamen institu\u00adtionellen Rahmen nutzen und erweitern, einschlie\u00dflich der M\u00f6glichkeit zur Einset\u00adzung spezi\u00adfischer Arbeitsgruppen.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Am wichtigsten f\u00fcr eine Gemeinsame Strategische Initiative sind aber konkrete politische Vorhaben. Drei Themenbereiche bieten sich jenseits regelm\u00e4\u00dfiger au\u00dfen- und sicherheitspolitischer Koordination be\u00adsonders an. Dies w\u00e4re zun\u00e4chst die bessere Abstimmung bei Sanktionen, unterf\u00fcttert durch eine gemischte Arbeitsgruppe. Hier k\u00f6nnten beide Seiten davon profitieren, die\u00a0\u00fcber die G7 oder EU-USA-UK teils \u00fcber Bande gespielte Sanktionskoordinierung zu verbessern, Informationen auszutauschen und die verh\u00e4ngten Ma\u00dfnahmen anzugleichen, ohne dass die gegenseitige Entscheidungsautonomie aufgegeben wird. Ein zweiter Schwerpunkt sollte die Kooperation in der verteidigungs- und r\u00fcstungspolitischen Zusammenarbeit liegen. Die EU hat hier Ambitionen, in der beginnenden Legis\u00adlaturperiode deutliche Fortschritte zu erzie\u00adlen, was dann wiederum f\u00fcr die britische Industrie von Bedeutung w\u00e4re. Ein dritter potentieller Schwerpunkt k\u00f6nnte die Klima\u00adau\u00dfenpolitik sein. Die Labour-Partei will den Schutz des Klimas in den Fokus der bri\u00adtischen Au\u00dfenpolitik r\u00fccken, und ge\u00admein\u00adsam haben EU und UK ein Interesse daran, etwa ihren Emissionshandel und ihre (in Gro\u00dfbritannien ebenfalls geplanten) CO2-Ausgleichssysteme miteinander zu ver\u00adkn\u00fcpfen sowie global zu vertreten. Doch auch viele weitere Themen bieten sich an, etwa die Unterst\u00fctzung der Ukraine, die Cybersicherheit oder die Energiepolitik.<\/p>\n<p class=\"StandardEinzug\">Deutschland k\u00f6nnte bei der Gemein\u00adsamen Strategischen EU-UK-Initiative eine Schl\u00fcsselrolle spielen. Denn zum einen hat\u00a0insbesondere Berlin ein Eigeninteresse daran, London in die europ\u00e4ische Sicherheits- und R\u00fcstungskooperation einzubinden. Der von Labour (wie auch im Wahlprogramm der Konservativen) angestrebte deutsch-britische Verteidigungspakt sollte von Beginn an nicht nur in Nato und G7 eingebettet werden, sondern auch in einen Sicherheitsvertrag zwischen EU und UK. Bei den Verhandlungen etwa zu PESCO oder zur Munitionsbeschaffung hat Frankreich im Sinne einer europ\u00e4ischen Souver\u00e4nit\u00e4t darauf gedr\u00e4ngt, f\u00fcr Drittstaaten m\u00f6glichst restriktive Bedingungen zu schaffen, was zu\u00a0Lasten einer britischen Beteiligung ging. Deutschland sollte gemeinsam mit anderen Partnern darauf hinarbeiten, die Souver\u00e4\u00adnit\u00e4t Europas m\u00f6glichst gesamteurop\u00e4isch zu interpretieren \u2013 mit einer flexiblen, ver\u00adtieften und m\u00f6glichst umfassenden Einbin\u00addung des Vereinigten K\u00f6nigreichs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Weniger als einen Monat nach den Europa-Wahlen stimmen auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger im Vereinigten K\u00f6nigreich (UK) \u00fcber&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":71062,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3976],"tags":[331,332,1157,31267,13,14,15,12,6473,31266,31265,3992,31269,3993,3994,3995,3996,3997,31268],"class_list":{"0":"post-71061","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-vereinigtes-koenigreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-aussenpolitik","11":"tag-deutsches-institut-fuer-internationale-politik-und-sicherheit","12":"tag-headlines","13":"tag-nachrichten","14":"tag-news","15":"tag-schlagzeilen","16":"tag-sicherheitspolitik","17":"tag-stiftung-wissenschaft-und-politik","18":"tag-swp","19":"tag-uk","20":"tag-unabhaengiges-forschungsinstitut","21":"tag-united-kingdom","22":"tag-united-kingdom-of-great-britain-and-northern-ireland","23":"tag-vereinigtes-koenigreich","24":"tag-vereinigtes-koenigreich-grossbritannien-und-nordirland","25":"tag-vereinigtes-koenigreich-von-grossbritannien-und-nordirland","26":"tag-wissenschaftliche-politikberatung"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":"Validation failed: Text character limit of 500 exceeded"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71061"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71061\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/71062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}