{"id":712006,"date":"2026-01-12T07:30:11","date_gmt":"2026-01-12T07:30:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/712006\/"},"modified":"2026-01-12T07:30:11","modified_gmt":"2026-01-12T07:30:11","slug":"mercosur-wieso-frankreichs-einfluss-in-bruessel-schwindet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/712006\/","title":{"rendered":"Mercosur: Wieso Frankreichs Einfluss in Br\u00fcssel schwindet"},"content":{"rendered":"<p>Seit Emmanuel Macron im Juni 2024 die Nationalversammlung aufgel\u00f6st hat, steckt Frankreich in anhaltenden politischen Turbulenzen. Am Freitag erreichten diese eine neue Dimension: Paris wurde bei einer zentralen Weichenstellung f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union faktisch an den Rand gedr\u00e4ngt, als es scheiterte, das Mercosur-Abkommen zu stoppen.<\/p>\n<p>Nach wochenlangen Bauernprotesten und unter dem Druck eines drohenden Misstrauensvotums im eigenen Land stellte sich Macron <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/my-europe\/2026\/01\/08\/paris-stimmt-mit-nein-zum-mercosur-abkommen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>gegen das Handelsabkommen<\/strong><\/a>, das die Europ\u00e4ische Kommission \u00fcber 25 Jahre hinweg mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ausgehandelt hatte.<\/p>\n<p>Das Abkommen w\u00fcrde eine der gr\u00f6\u00dften Freihandelszonen der Welt mit rund 700 Millionen Einwohnern schaffen. Es verspricht neue Absatzm\u00e4rkte f\u00fcr europ\u00e4ische Unternehmen \u2013 gerade in einer Zeit, in der sich der wichtigste Handelspartner der EU, die USA, zunehmend nach innen orientiert.<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrworter des Deals, allen voran Deutschland, Spanien und die EU-Kommission selbst, zeigten sich entschlossen, den wachsenden globalen Spannungen mit einer st\u00e4rkeren Diversifizierung der Handelsbeziehungen jenseits von USA und China zu begegnen. Sie nahmen dabei die <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/video\/2026\/01\/08\/traktor-protest-in-paris-franzosische-bauern-gegen-eu-mercosur-abkommen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>anhaltenden Proteste<\/strong><\/a> der europ\u00e4ischen Landwirte in Kauf, die seit Jahren warnen, das Abkommen setze sie einem unfairen Wettbewerb durch g\u00fcnstigere lateinamerikanische Importe aus.<\/p>\n<p>Besonders Frankreich machte diese Bedenken zu seinem zentralen Argument und erh\u00f6hte den Druck auf die Kommission, obwohl die Handelspolitik in deren ausschlie\u00dfliche Zust\u00e4ndigkeit f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Ein EU-Diplomat sagte gegen\u00fcber Euronews unter der Bedingung der Anonymit\u00e4t, Frankreich habe der Kommission zwar f\u00fcr die Zugest\u00e4ndnisse an die Landwirte im vergangenen Jahr gedankt. Letztlich habe Paris seine Ablehnung jedoch mit politischen Gr\u00fcnden gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Wie erwartet stellte sich Italien auf die Seite der Bef\u00fcrworter \u2013 obwohl Frankreich auf seine Unterst\u00fctzung angewiesen gewesen w\u00e4re, um eine Sperrminorit\u00e4t von vier Mitgliedstaaten zu bilden, die zusammen 35 Prozent der EU-Bev\u00f6lkerung repr\u00e4sentieren. Rom konnte im Gegenzug konkrete Vorteile f\u00fcr seine Landwirte sichern, darunter einen fr\u00fchzeitigen Zugang zu 45 Milliarden Euro aus der Gemeinsamen Agrarpolitik sowie ein r\u00fcckwirkendes Einfrieren der EU-Kohlenstoffgrenzsteuer auf D\u00fcngemittel.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Kommissionspr\u00e4sidentin <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/business\/2026\/01\/06\/45-milliarden-landwirte-leyen-mercosur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Ursula von der Leyen<\/strong><\/a> ist das Ergebnis ein Erfolg. Ein Jahr lang hatte die Kommission mit Nachdruck auf eine Einigung hingearbeitet und sowohl technische als auch politische H\u00fcrden \u00fcberwunden. Von der Leyen blieb trotz des Widerstands aus Paris hart \u2013 ein Widerstand, der in der Vergangenheit oft ausgereicht h\u00e4tte, um Br\u00fcssel zum Einlenken zu bewegen.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere Kommissionspr\u00e4sident Jean-Claude Juncker pflegte einst zu sagen: \u201eLa France\u2026 c\u2019est la France!\u201c \u2013 ein Hinweis auf die F\u00e4higkeit von Paris, seinen Willen mit stillschweigender EU-Nachsicht durchzusetzen. Diese Zeiten scheinen vorbei.<\/p>\n<p>Von der Leyen profitiert von Macrons Schw\u00e4che<\/p>\n<p>Macrons \u00fcberraschende Entscheidung, die Nationalversammlung im Juni 2024 aufzul\u00f6sen, irritierte die europ\u00e4ischen Partner und verschob die Machtverh\u00e4ltnisse in Br\u00fcssel. Von der Leyen, inzwischen auf dem Weg in eine zweite Amtszeit, nutzte die geschw\u00e4chte Position des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten zunehmend aus \u2013 obwohl Macron 2019 zu ihren wichtigsten Unterst\u00fctzern z\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Nur drei Monate nach der Aufl\u00f6sung dr\u00e4ngte sie Thierry Breton, den einflussreichen franz\u00f6sischen Kommissar, aus dem Amt. Breton galt als zu dominant, war Architekt der Digitalgesetze DMA und DSA und ein kompromissloser Verteidiger franz\u00f6sischer Interessen \u2013 zugleich aber eine der wenigen kritischen Stimmen innerhalb von der Leyens Kommissionskollegium.<\/p>\n<p>Macron akzeptierte schlie\u00dflich, ihn durch einen engen Vertrauten zu ersetzen: St\u00e9phane S\u00e9journ\u00e9, ehemaligen Vorsitzenden der Renew-Fraktion im Europ\u00e4ischen Parlament und von Januar bis September 2024 franz\u00f6sischer Au\u00dfenminister.<\/p>\n<p>In Br\u00fcssel gilt S\u00e9journ\u00e9 als deutlich weniger einflussreich. W\u00e4hrend Bretons Ressort Digitalpolitik, Verteidigung und Raumfahrt umfasste, ist S\u00e9journ\u00e9s Zust\u00e4ndigkeit nun auf Industriepolitik und Binnenmarkt begrenzt.<\/p>\n<p>Der schwindende Einfluss Frankreichs bleibt den Diplomaten anderer Mitgliedstaaten nicht verborgen. Das zweitgr\u00f6\u00dfte EU-Land gilt zunehmend als durch innenpolitische Zersplitterung und parteipolitische Konflikte gel\u00e4hmt. Die m\u00fchsamen Versuche der Regierung, Schulden und Defizite zu begrenzen, haben sogar zu sp\u00f6ttischen Kommentaren gef\u00fchrt, Frankreich sei inzwischen der \u201esparsamste Mitgliedstaat\u201c \u2013 ein Bruch mit seiner traditionell gro\u00dfz\u00fcgigen Haushaltspolitik.<\/p>\n<p>Gute Ideen, schlechtes Timing<\/p>\n<p>Macron befindet sich damit in einer <a href=\"https:\/\/de.euronews.com\/video\/2025\/12\/19\/bauern-protestieren-vor-macrons-zweitwohnsitz-wegen-eu-handelsabkommen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>heiklen Lage<\/strong><\/a>. Zwar verf\u00fcgt Paris weiterhin \u00fcber ausreichend Gewicht, um zentrale Debatten zu pr\u00e4gen \u2013 etwa die von ihm propagierte \u201eMade in Europe\u201c-Strategie, die inzwischen auch von anderen Staats- und Regierungschefs als Schutzschild gegen ausl\u00e4ndische Konkurrenz unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>Auch au\u00dfenpolitisch setzt Macron nach wie vor Akzente. Er sorgte f\u00fcr Aufsehen, als er als erster europ\u00e4ischer Regierungschef die Entsendung nationaler Truppen in die Ukraine ins Spiel brachte. Die Idee wurde zun\u00e4chst als unrealistisch abgetan, gewann jedoch an Dynamik, nachdem Donald Trump ins Wei\u00dfe Haus zur\u00fcckgekehrt war und die US-Politik gegen\u00fcber Russland neu ausrichtete.<\/p>\n<p>Der britische Premierminister Keir Starmer griff den Vorschlag rasch auf. Seither f\u00fchren beide gemeinsam eine \u201eKoalition der Willigen\u201c, die Sicherheitsgarantien f\u00fcr die Ukraine entwickeln soll. Anfang dieser Woche unterzeichneten Starmer und Macron gemeinsam mit dem ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj eine Absichtserkl\u00e4rung zur Aufstellung einer multinationalen Truppe im Falle eines Waffenstillstands.<\/p>\n<p>Das Mercosur-Abkommen jedoch legt Macrons gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che offen \u2013 dort, wo sie ihn am meisten trifft: im eigenen Land.<\/p>\n<p>Jorge Liboreiro trug zur Berichterstattung bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit Emmanuel Macron im Juni 2024 die Nationalversammlung aufgel\u00f6st hat, steckt Frankreich in anhaltenden politischen Turbulenzen. 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