{"id":712797,"date":"2026-01-12T15:04:12","date_gmt":"2026-01-12T15:04:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/712797\/"},"modified":"2026-01-12T15:04:12","modified_gmt":"2026-01-12T15:04:12","slug":"bildung-berlin-kapituliert-vor-goethe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/712797\/","title":{"rendered":"Bildung: Berlin kapituliert vor Goethe"},"content":{"rendered":"<p>An Berliner Gymnasien werden im Deutschunterricht immer \u00f6fter vereinfachte Versionen der Klassiker gelesen. Die Originale seien heute f\u00fcr Sch\u00fcler zu anspruchsvoll, hei\u00dft es. Dabei waren sie das schon immer. Genau das ist ihre St\u00e4rke.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Berlin mal wieder. Die Hauptstadt der Kapitulation vor den Verh\u00e4ltnissen. Die Avantgarde des Niveausenkens. Dort lesen Sch\u00fcler an Gymnasien Klassiker wie Lessing, Goethe und Schiller h\u00e4ufig nicht mehr im Original, sondern in sprachlich vereinfachten und um bis zu 15 Prozent gek\u00fcrzten Versionen \u2013 beispielsweise aus der Reihe \u201eEinfach deutsch\u201c des Cornelsen-Verlags. Seit <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/schule\/uberfordert-von-goethe-und-schiller-berliner-gymnasiasten-lesen-literatur-klassiker-in-vereinfachter-sprache-15009403.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/schule\/uberfordert-von-goethe-und-schiller-berliner-gymnasiasten-lesen-literatur-klassiker-in-vereinfachter-sprache-15009403.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">der \u201eTagesspiegel\u201c<\/a> \u00fcber diese Praxis berichtet hat, wird in sozialen Medien kulturpessimistisch \u00fcber einen weiteren Zivilisationsverlust getrauert.<\/p>\n<p>Man muss die Vergangenheit nicht im goldenen Licht verkl\u00e4ren. Es gab schon immer Sch\u00fcler, die lieber \u201eK\u00f6nigs Erl\u00e4uterungen\u201c gelesen haben als sich mit dem echten Goethe oder Schiller zu m\u00fchen. Im Zeitalter der KI sind die Abk\u00fcrzungen f\u00fcr alle, die es sich gerne leicht machen, noch vielf\u00e4ltiger geworden.<\/p>\n<p>Neu ist allerdings, dass Studienr\u00e4te von vornherein darauf verzichten, Sch\u00fcler mit Lekt\u00fcre in der originalen Sprache der Dichter zu behelligen. Zwar gibt es immer noch engagierte Lehrer, die Jugendlichen diese Texte zumuten und es schaffen, bei der besseren H\u00e4lfte darauf sogar Neugier und Begeisterung zu wecken \u2013 aber sie werden weniger. Und der Verdacht liegt nahe, dass die F\u00e4higkeit, \u00e4ltere anspruchsvolle Texte zu verstehen, nicht nur bei den Sch\u00fclern abnimmt, sondern sogar bei den Lehrern. An den Universit\u00e4ten sind Germanistikstudenten, die kaum etwas anderes lesen als Colleen Hoover, keine bizarren Einzelf\u00e4lle mehr.<\/p>\n<p>Der absurdeste Beitrag zu dieser neuen Klassikerdebatte kommt, wie man es mittlerweile fast erwartet, vom Landessch\u00fclerrat Berlins. Dessen Sprecher l\u00e4sst sich im \u201eTagesspiegel\u201c zitieren: \u201eIm Deutschunterricht gibt es bei \u201aFaust\u2018 oder \u201aDer zerbrochne Krug\u2018 wenig bis gar keine Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr viele Sch\u00fcler mit Migrationsgeschichte.\u201c Dem liegt das umgekehrt rassistische Missverst\u00e4ndnis zugrunde, biodeutsche Sch\u00fcler h\u00e4tten ein Klassiker-Gen, das es ihnen erm\u00f6gliche, Goethe und Kleist leichter zu verdauen \u2013 was Migrantenkindern qua Herkunft unm\u00f6glich sei.<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist, dass mindestens seit 150 Jahren auch deutsche Sch\u00fcler nicht mehr in die Welt von Goethe und Kleist hineingeboren werden, wie sich das der junge Mann offenbar vorstellt. Daf\u00fcr haben die industrielle Revolution, die  Asphaltmoderne und der Aufstieg der Massenkultur gesorgt. Auch vorher kam schon kein Deutscher mit dem silbernen L\u00f6ffel zur Welt, der ihn die Klassiker leicht einschl\u00fcrfen lie\u00df. In Wahrheit waren gerade \u201eFaust\u201c und der \u201eZerbrochne Krug\u201c bereits f\u00fcr die Zeitgenossen sehr anspruchsvoll und fordernd.<\/p>\n<p>Der Unterschied war allerdings: Fr\u00fcher gab es mehr Sch\u00fcler und Lehrer, die wussten, dass sich Anstrengung lohnt. Man ahnte, dass man nach der m\u00fchseligen Lekt\u00fcre eines halbverstandenen Textes ein kl\u00fcgerer und vielleicht sogar besserer Mensch sein w\u00fcrde. Ob dieses gro\u00dfe Versprechen auch eingel\u00f6st wird, wenn man Klassiker in tiefergelegten, verd\u00fcnnten und entf\u00e4rbten Fassungen liest? Kaum.<\/p>\n<p>Dann soll man es doch lieber ganz lassen. Ein vereinfachter \u201eFaust\u201c ist kein \u201eFaust\u201c mehr, sondern Etikettenschwindel. So als w\u00fcrden Lehrer das gro\u00dfe Einmaleins als \u201eDifferenzialrechnung\u201c ausgeben oder banalste elektrische Experimente als \u201eQuantenphysik\u201c. Dann doch lieber dem Vorschlag des Berliner Landessch\u00fclersprechers folgen und gleich nur noch Texte des Rappers Haftbefehl im Deutschunterricht analysieren. Das w\u00e4re dann wenigstens wieder ein Original und kein \u2013 wie Goethe gesagt h\u00e4tte \u2013 <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/woerterbuchnetz.de\/?sigle=GWB&amp;lemid=B03613\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/woerterbuchnetz.de\/?sigle=GWB&amp;lemid=B03613&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Blendwerk<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"An Berliner Gymnasien werden im Deutschunterricht immer \u00f6fter vereinfachte Versionen der Klassiker gelesen. 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