{"id":713330,"date":"2026-01-12T19:54:10","date_gmt":"2026-01-12T19:54:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/713330\/"},"modified":"2026-01-12T19:54:10","modified_gmt":"2026-01-12T19:54:10","slug":"im-theater-duisburg-inszeniert-ariane-kareev-viermal-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/713330\/","title":{"rendered":"Im Theater Duisburg inszeniert Ariane Kareev \u201eViermal ich\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Lange war die \u00f6sterreichisch-j\u00fcdische Autorin Maria Lazar vergessen. Ausgel\u00f6st durch das Engagement des Publizisten und Verlegers Albert C. Eibl erlebt die Autorin derzeit eine Renaissance \u2013 mehr noch: Sie erklimmt zu Lebzeiten nie erreichte H\u00f6hen der Popularit\u00e4t. Auch die Theater st\u00fcrzen sich auf ihre Texte; so hat das D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus im vergangenen Jahr ihr Drama \u201eDer blinde Passagier\u201c erfolgreich zur Urauff\u00fchrung gebracht.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das Theaterst\u00fcck entstand Ende der 1930er-Jahre; zehn Jahre zuvor, gegen Ende der \u201eGoldenen Zwanziger\u201c hatte die Autorin dem Wiener Zsolnay-Verlag sowie einigen Schweizer Literaturverlagen das ungedruckte Manuskript ihres zweiten Romans \u201eViermal Ich\u201c angeboten. Doch durch zunehmende antisemitische Tendenzen in der Bev\u00f6lkerung und der Politik f\u00fchlte sich die Kulturszene bereits so eingeschr\u00e4nkt, dass eine Ver\u00f6ffentlichung nicht zustande kam. Der Roman geriet in Vergessenheit und tauchte erst Ende des Jahres 2022 in einem unge\u00f6ffneten Koffer aus dem Nachlass der Autorin wieder auf. Die aus Bochum geb\u00fcrtige junge Regisseurin Ariane Kareev hat \u201eViermal Ich\u201c im Oktober 2025 zur Urauff\u00fchrung am Theaterdiscounter Berlin verholfen; jetzt ist ihre Inszenierung ans Theater <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/duisburg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Duisburg<\/a> gewandert.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eViermal Ich\u201c \u2013 das sind die namenlose Ich-Erz\u00e4hlerin sowie ihre Schulfreundinnen Grete, Ulla und Anette, vier junge M\u00e4dchen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit vollkommen gegens\u00e4tzlichen Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen. Entstammt die Erz\u00e4hlerin aus der oberen Mittelschicht, so ist Anette, \u201edas schwatzhafteste Ding der Klasse\u201c, im \u00e4rmlichen Frisiersalon ihrer Mutter aufgewachsen. Ulla, k\u00fcnftige Medizinstudentin (\u201ewie ein Salzfelsen \u2013 und bei\u00dfend gescheit\u201c), ist Tochter eines verarmten Arztes, der illegale Abtreibungen durchf\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Vor allem aber ist da Grete, die nach Milch und Mandelseife duftende h\u00f6here Tochter, \u201eso blondgelockt, wie es sonst nur Puppen oder Engelchen auf Ansichtskarten sind\u201c. Sie ist weich und gleichzeitig distanziert \u2013 und agiert stets in dem Bewusstsein, \u201ewie man sich sehnte, sie zu besitzen\u201c. Die Ich-Erz\u00e4hlerin verf\u00e4llt ihr ebenso wie s\u00e4mtliche jungen und alten M\u00e4nner, was nicht nur Anlass zu Eifersucht und Intrigen gibt, sondern auch manch tragische Folge hat. Gemeinsam reifen die vier M\u00e4dchen zu jungen Frauen, auf der Suche nach einer weiblichen Identit\u00e4t, die ihren individuellen Veranlagungen angemessen erscheint. Ein st\u00fctzendes Korsett durch die Eltern-Generation erhalten sie nicht; die zweite H\u00e4lfte der 1920er-Jahre bietet ihnen nie zuvor gekannte Freiheiten und ist doch noch gefangen in patriarchalischen Systemen, in denen ein feministisches Aufbegehren kaum m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dieses Aufbegehren aber gelingt Maria Lazar in ihrem selbst nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben hochmodern konstruierten Roman. Der hat eindeutig feministische Z\u00fcge, auch wenn nicht alle Rollenbilder, die die M\u00e4dchen vor 100 Jahren anstrebten, den feministischen Idealen des 21. Jahrhunderts entsprechen. Der Roman thematisiert die Zw\u00e4nge und Zuschreibungen der damaligen Zeit, aber auch die N\u00f6te der weiblichen Sexualit\u00e4t: Lust und Angst, Menstruation, Schwangerschaften und Abtreibungen, Abh\u00e4ngigkeit von der Macht der M\u00e4nner, die sich ungefragt nehmen, was sie wollen, rasende Schw\u00e4rmerei und die unbewusste Erkenntnis, dass die gro\u00dfe Liebe meist auf resignierter Selbstt\u00e4uschung beruht.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">P\u00e4dophile und inzestu\u00f6se Beziehungen werden angedeutet, kurzfristig droht ein Prostituierten-Schicksal. Man ist \u00fcberrascht, wie offen und elegant all diese Themen bereits vor 100 Jahren in der Literatur behandelt werden konnten. Aber erinnern wir uns: Es war die Zeit von Freud. Seine Einfl\u00fcsse sind im Roman deutlich zu sp\u00fcren \u2013 und zwar durch die Einf\u00fchrung eines f\u00fcnften Ichs.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Spiegel spielen eine gro\u00dfe Rolle in Lazars Roman; Spiegel bilden auch ein dominierendes Element der B\u00fchnenausstattung von Ariane Kareevs Duisburger Inszenierung. Im Ballett-Outfit dreht sich Greta Winkler vor zwei gro\u00dfen Spiegeln zu Tschaikowskis \u201eSchwanensee\u201c; sp\u00e4ter tanzt sie noch einmal zu einer verfremdeten Version von Beyonc\u00e9s \u201eHalo\u201c. Winkler, die auch gr\u00f6\u00dfere Teile des Roman-Texts spricht und ab und zu pantomimisch Bewegungen der Freundinnen vollf\u00fchrt, ist das \u201eSpiegel-Ich\u201c der Erz\u00e4hlerin: In Spiegeln oder Schaufenstern erblickt diese immer wieder \u201edie Fremde\u201c, die ihr zuschaut, vor der sie sich f\u00fcrchtet und die sie doch vermisst, wenn sie abwesend ist. Die Fremde scheint \u00fcberrascht von dem, was sie sieht, obwohl sie \u201eeigentlich alles sehr genau wei\u00df\u201c. Sie steht sinnbildlich f\u00fcr das freudianische \u201eEs\u201c \u2013 das Unbewusste, das irgendwann an die Oberfl\u00e4che der Pers\u00f6nlichkeit dr\u00e4ngt, und sie steht f\u00fcr das schlechte Gewissen, das die Erz\u00e4hlerin bei ihrer Identit\u00e4tssuche immer wieder qu\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hannah Heinzelmann, die haupts\u00e4chliche Erz\u00e4hlerin in Kareevs Auff\u00fchrung, h\u00e4ngt Spiegel ab, dreht sie um und sucht auch immer wieder den Blick hinein. Einmal verstecken sich beide Schauspielerinnen in silbern verspiegelten Schr\u00e4nken; Koffer und sogar manche Kost\u00fcme reflektieren das Licht. H\u00e4ufige Kost\u00fcmwechsel versinnbildlichen nicht nur den Alterungsprozess der Figuren, sondern sie erz\u00e4hlen etwas \u00fcber Seelenzust\u00e4nde. Unter wuscheligen Per\u00fccken, mit denen die Schauspielerinnen spielen, lugen kleinste Gliedma\u00dfen hervor \u2013 das reale Ich ist verk\u00fcmmert unter den vielf\u00e4ltigen Versuchen des Rollenspiels, vor allem aber wohl unter den verunsichernden Zuschreibungen der Au\u00dfenwelt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wenngleich die Aspekte der Liebe und der Sexualit\u00e4t im Vordergrund der Auff\u00fchrung stehen, ist Lazars Ich-Erz\u00e4hlerin doch in erster Linie auf einer verzweifelten, geradezu manischen Suche nach Selbstvergewisserung und einem eigenen, unverwechselbaren Platz im Leben. Sie erkennt ihren eigenen Selbstbetrug sowie den der Freundinnen, sie erkennt und begeht Verrat und T\u00e4uschung. Sie leidet an Schuldkomplexen und sucht nach Best\u00e4tigung. Doch alle \u2013 vielleicht mit Ausnahme der intellektuellen, aber in der Liebe wenig engagierten Ulla \u2013 suchen nach Unabh\u00e4ngigkeit und geraten in unaufl\u00f6sbare Abh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nah am Text, der mit Schlaglichtern arbeitet, h\u00e4ufig auch einem Bewusstseinsstrom \u00e4hnelt, erz\u00e4hlen Hannah Heinzelmann und Greta Winkler am Theater Duisburg eine ungeheuer spannende, aber auch emotionale Geschichte. Inhaltlich wollen wir deshalb nicht mehr verraten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Lange war die \u00f6sterreichisch-j\u00fcdische Autorin Maria Lazar vergessen. 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