{"id":713691,"date":"2026-01-12T23:16:10","date_gmt":"2026-01-12T23:16:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/713691\/"},"modified":"2026-01-12T23:16:10","modified_gmt":"2026-01-12T23:16:10","slug":"mothers-baby-film-rezensionen-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/713691\/","title":{"rendered":"Mother\u2019s Baby | Film-Rezensionen.de"},"content":{"rendered":"<p><b>Inhalt \/ Kritik<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach mehreren gescheiterten Anl\u00e4ufen unternehmen die Wiener Dirigentin Julia (<strong>Marie Leuenberger<\/strong>) und ihr Mann Georg (<strong>Hans L\u00f6w<\/strong>) einen letzten Versuch, ein Kind zu bekommen. Daf\u00fcr haben sie sich in der Privatklinik des selbstbewusst auftretenden Dr. Vilfort (<strong>Claes Bang<\/strong>) angemeldet. Nach einer erfolgreichen Befruchtung und problemlos verlaufenen Schwangerschaft kommt es bei der Geburt zu Komplikationen. Als Julia ihr Kind erst Tage sp\u00e4ter zum ersten Mal in die Arme schlie\u00dfen kann, fremdelt sie mit ihm. Das Neugeborene wirkt viel kleiner als noch im Mutterleib, ist seltsam still und apathisch. W\u00e4hrend Georg weiter arbeiten geht, f\u00e4llt Julia zu Hause die Decke auf den Kopf. Unangek\u00fcndigte Hausbesuche der Hebamme Gerlinde (<strong>Julia Franz Richter<\/strong>) und der Umstand, dass Julia in ihrem Beruf w\u00e4hrend ihrer Elternzeit ins Hintertreffen ger\u00e4t, tr\u00fcben ihre Stimmung noch weiter. Leidet sie an einer postnatalen Depression oder steckt etwas ganz anderes dahinter, das mit Dr. Vilforts Klinik zusammenh\u00e4ngt?<\/p>\n<p>Be\u00e4ngstigender Babyblues<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arbeitstitel dieses Films lautete \u201eMuttergl\u00fcck\u201c \u2013 und anf\u00e4nglich sieht es ganz danach aus, als schwebte die von Marie Leuenberger gespielte Dirigentin Julia auf Wolke sieben. An der Seite ihres von Hans L\u00f6w verk\u00f6rperten Ehemanns Georg besteigt Julia ein Fahrgesch\u00e4ft auf dem Prater und wird in den Wiener Nachthimmel katapultiert. Dieser energiegeladene Einstieg in den dritten abendf\u00fcllenden Kinofilm der \u00d6sterreicherin <strong>Johanna Moder<\/strong> versinnbildlicht nicht nur die \u00fcbersch\u00e4umenden Gl\u00fccksgef\u00fchle einer bis dato unbeschwert und vermeintlich auf Augenh\u00f6he gef\u00fchrten Paarbeziehung, er nimmt auch die emotionale Achterbahnfahrt vorweg, die folgen wird. Es sei \u201eein Symbolbild, wie Julia in dieser Geschichte in eine andere Welt geschossen wird\u201c, sagt Moder. \u201eIhre Welt steht mit einem Mal auf dem Kopf. Nichts ist mehr, wie es war.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Julias Alltag so nachhaltig umkrempelt, ist die Geburt eines lang ersehnten Kindes. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, schwanger zu werden, findet das Wiener Mittelschichtpaar in der Klinik von Dr. Vilfort doch noch sein Gl\u00fcck. Der d\u00e4nische Star Claes Bang gibt diesen eitlen Halbgott in Wei\u00df gewohnt brillant und diagnostiziert bei Julia eine Wochenbettdepression, als sich ihr Muttergl\u00fcck partout nicht einstellen will. Was man landl\u00e4ufig als Mutterinstinkt bezeichnet, geht Julia zudem vollkommen ab. Und damit, nach der Geburt nurmehr auf die Rolle der Mutter und Hausfrau reduziert zu werden, kann und will sich die Karrierefrau nicht abfinden. Langsam, aber sicher nimmt ihr Verhalten wahnhafte Z\u00fcge an. Sie glaubt, dass Ihr Kind nach der Geburt absichtlich vertauscht wurde. Krankhaft findet das Georg, der sich zusehends von seiner Frau distanziert. Oder ist das, was sich Julia ausspinnt, am Ende doch wahr?<\/p>\n<p>Bedauernswerte Rollenbilder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von eigenen Erfahrungen inspiriert, seziert die Drehbuchautorin und Regisseurin Johanna Moder das Thema Mutterschaft aus einer ungewohnten Perspektive, die in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung immer st\u00e4rker an Aufmerksamkeit und Gewicht gewinnt. Sp\u00e4testens seit dem internationalen Erfolg des Sachbuchs Regretting Motherhood (dt.: Wenn M\u00fctter bereuen = #regretting motherhood , 2016) der israelischen Soziologin <strong>Orna Donath<\/strong> wird die Mutterrolle und welche (unerf\u00fcllbaren) Erwartungen und (unerwarteten) Entt\u00e4uschungen daran gekn\u00fcpft sind auch im deutschsprachigen Raum lauter diskutiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moders Film zeigt, dass echte Mutterschaft mit den inszenierten heilen Welten auf Instagram und Co. nichts zu tun hat. \u201eIn Wirklichkeit zerbrechen die Realit\u00e4ten vieler Frauen genau in dem Moment, in dem sie einen S\u00e4ugling zur Welt bringen\u201c, sagt Moder und f\u00fchrt folgende Gr\u00fcnde an: \u201ePl\u00f6tzlich wird ihre Selbstbestimmtheit v\u00f6llig infrage gestellt. Sie m\u00fcssen sich mit neuen Rollenbildern auseinandersetzen, weil ihre Partnerschaften doch nicht so emanzipiert sind, wie sie bis dahin angenommen haben.\u201c Der K\u00f6rper von M\u00fcttern sei v\u00f6llig aus der Form geraten und ihr Beruf rutsche in einen diffusen Hintergrund, meint Moder. \u201eSie stehen vor den Scherben ihrer Existenz und m\u00fcssen sich neu zusammenbauen. Das ist nun eigentlich genau das Gegenteil von der Erf\u00fcllung, die sie sich erwartet haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Julia, der Protagonistin in Moders Film, ergeht es so. Die urspr\u00fcnglich angedachte Arbeitsteilung mit ihrem Mann Georg stellt sich schnell als illusorisch heraus. Julia fremdelt mit dem neugeborenen Sohn, dem sie nicht zuletzt deshalb keinen Namen gibt, weil sie keine emotionale Bindung zu ihm aufbauen kann. Und in ihrem Arbeitsumfeld scharrt die Konkurrenz bereits mit den F\u00fc\u00dfen. Ironischerweise ist es nicht ein \u201ealter wei\u00dfer Mann\u201c, der der erfolgreichen Dirigentin ihren Job streitig macht, sondern eine j\u00fcngere, nicht-wei\u00dfe Kollegin. Emanzipation und Diversit\u00e4t fressen ihre eigenen Kinder! All das b\u00e4rge bereits ausreichend Stoff, um ein packendes Beziehungsdrama \u00fcber Gleichberechtigung und Rollenverteilung im fr\u00fchen 21. Jahrhundert auf die gro\u00dfe Leinwand zu bringen. Moder beweist jedoch den Mut, es nicht bei einem klassischen Drama zu belassen.<\/p>\n<p>Couragierter Genremix<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mother\u2019s Baby, der im Wettbewerb der <a href=\"https:\/\/www.berlinale.de\/de\/home.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">75. Berlinale<\/a> uraufgef\u00fchrt wurde, ist eine couragierte Kreuzung aus Drama und Thriller \u2013 und erinnert in seiner Narration, in deren Zentrum eine unzuverl\u00e4ssige Erz\u00e4hlerin steht, an die Mindfuck-Filme um die Jahrtausendwende. Denn Moder l\u00e4sst bis \u00fcber das Filmende hinaus geschickt in der Schwebe, ob die ungeheuerlichen Vorg\u00e4nge, die Julia sich ausmalt, nur eine Ausgeburt ihrer (depressiven) Fantasie oder tats\u00e4chlich real sind. Was f\u00fcr eine unheimliche, angespannte, bisweilen unangenehme Stimmung sorgt. Neben den tollen Sets voller n\u00fcchtern bis steril eingerichteter Interieurs tragen die Schauspieler, allen voran die eindr\u00fccklich agierende Hauptdarstellerin Marie Leuenberger und der Nebendarsteller Claes Baeng, zu dieser Stimmung bei. Der international erfolgreiche D\u00e4ne legt Dr. Vilfort als ambivalenten Charakter an: Der Grat, auf dem der Arzt wandelt, ist schmal. Er ist gerade noch charmant und charismatisch genug, um seine Arroganz und seinen Narzissmus zu \u00fcbert\u00fcnchen, bevor er schlie\u00dflich sein wahres Gesicht zeigt. Dass mit ihm und seinem Hospital, dass so aalglatt wie Vilfort selbst ist, etwas faul sein k\u00f6nnte, schwingt von der ersten Filmminute an mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den zwei Tragikom\u00f6dien <a href=\"https:\/\/www.film-rezensionen.de\/2015\/05\/high-performance-mandarinen-luegen-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">High Performance \u2013 Mandarinen l\u00fcgen nicht <\/a>(2014) und <a href=\"https:\/\/www.film-rezensionen.de\/2020\/01\/waren-einmal-revoluzzer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Waren einmal Revoluzzer<\/a> (2021) beschreitet Johanna Moder mit dem Wechsel zum Genrekino neue Wege. Dem Milieu der (gehobenen) Mittelschicht bleibt sie aber auch in Mother\u2019s Baby treu. Ebenso seziert sie abermals gekonnt die Macken, Neurosen und Egoismen von Wohlstands-Wienern, wobei deren Sorgen und N\u00f6te dieses Mal nur vermeintlich Luxusprobleme sind, weil sie viel \u00fcber den gesamtgesellschaftlichen Kampf der Geschlechter aussagen. Mit ihrem Film hat Moder zudem einen Nerv getroffen. Erst Ende 2025 starteten mit <a href=\"https:\/\/www.film-rezensionen.de\/2025\/11\/die-my-love\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die My Love<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.film-rezensionen.de\/2025\/02\/welcome-home-baby\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Welcome Home Baby<\/a> (in dem \u00fcbrigens ebenfalls Julia Franz Richter mitspielt) gleich zwei Werke, die sich dem Thema Mutterschaft auf drastische Weise n\u00e4hern. Und noch etwas ist positiv anzumerken: Mit <strong>Lynne Ramsay<\/strong>, die bei Die My Love Regie f\u00fchrte, und Johanna Moder erobern nun endlich auch Frauen das im Kino beliebte Thema des \u201eGeburtshorrors\u201c, das Filme wie <a href=\"https:\/\/www.film-rezensionen.de\/2021\/02\/rosemaries-baby\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rosemaries Baby<\/a>y (1968) zum Klassiker machte.<\/p>\n<p><b>Credits<\/b><\/p>\n<p><strong>OT:<\/strong> \u201eMother\u2019s Baby\u201c<br \/><strong>Land:<\/strong> \u00d6sterreich, Schweiz, Deutschland<br \/><strong>Jahr:<\/strong> 2025<br \/><strong>Regie:<\/strong> Johanna Moder<br \/><strong>Drehbuch:<\/strong> Johanna Moder, Arne Kohlweyer<br \/><strong>Musik:<\/strong> Diego Ramos Rodriguez<br \/><strong>Kamera:<\/strong> Robert Oberrainer<br \/><strong>Besetzung:<\/strong> Marie Leuenberger, Hans L\u00f6w, Claes Bang, Julia Franz Richter<\/p>\n<p><b>Kaufen \/ Streamen<\/b><\/p>\n<p>Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. 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