{"id":714891,"date":"2026-01-13T10:52:10","date_gmt":"2026-01-13T10:52:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/714891\/"},"modified":"2026-01-13T10:52:10","modified_gmt":"2026-01-13T10:52:10","slug":"schuelerin-entdeckt-verschollene-werke-des-nuernberger-komponisten-franz-reizenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/714891\/","title":{"rendered":"Sch\u00fclerin entdeckt verschollene Werke des N\u00fcrnberger Komponisten Franz Reizenstein"},"content":{"rendered":"<p>Die N\u00fcrnberger Sch\u00fclerin Emma Schertlin erforschte in ihrer Seminararbeit das Leben des j\u00fcdischen Komponisten Franz Reizenstein. Vom fr\u00fchen Talent in N\u00fcrnberg \u00fcber die Flucht vor den Nationalsozialisten bis zur Anerkennung in London: Ihre Spurensuche verbindet historische Forschung, pers\u00f6nliche Begegnungen und die Wiederentdeckung verschollener Werke.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe am Anfang gar nicht unbedingt nach einem j\u00fcdischen Schicksal gesucht. Ich wollte etwas mit Musik machen \u2013 das war mein erster Impuls&#8220;, sagt sie im Gespr\u00e4ch; Musik sei f\u00fcr sie ein pers\u00f6nlicher Anker, eine Sprache, die sie von Kindesbeinen an begleitet habe. Aus dieser Neugier entstand eine Arbeit, die nicht nur fachlich \u00fcberzeugte, sondern auch in der lokalen \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr Emma wurde schnell deutlich, wie stark sich in <a href=\"https:\/\/www.franzreizenstein.com\/\" title=\"Franz Reizenstein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reizensteins<\/a> Lebenslauf die Br\u00fcche und H\u00e4rten des 20. Jahrhunderts spiegeln. Fr\u00fch zeigte sich sein musikalisches Talent \u2013 schon als Vier- oder F\u00fcnfj\u00e4hriger komponierte er erste St\u00fccke, mit 17 gab er ein Konzert am St\u00e4dtischen Konservatorium. Doch mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten \u00e4nderte sich alles. Auf Anraten seines Lehrers Paul Hindemith emigrierte er nach London, wo er sein Studium fortsetzte. Emma bringt das so auf den Punkt: &#8222;Wo die Musik f\u00fcr ihn wirklich \u00fcberlebenswichtig wurde, war, als er emigriert ist nach London. Dort hat er weiterkomponiert, auch in den Internierungslagern, wo viele begabte Leute sa\u00dfen. Das zeigt: Musik war f\u00fcr ihn ein Lebensanker.&#8220;<\/p>\n<p>Nach dem Krieg wurde Reizenstein international anerkannt, schrieb auch Filmmusik und unternahm Konzertreisen. Zugleich blieb sein Name in Deutschland lange unauff\u00e4llig \u2013 bis N\u00fcrnberg in den 1960er Jahren begann, ihn als &#8222;Sohn der Stadt&#8220; wieder sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Erinnerung und &#8222;Wiedergutmachung&#8220;<\/p>\n<p>Eine zentrale Fragestellung von Emmas Arbeit war, wie eine Stadt mit einem solchen Erbe umgeht: &#8222;Warum hat N\u00fcrnberg ihm Anfang der 60er Jahre diesen Kulturpreis verliehen? Erst hatte man ihn vertrieben \u2013 und pl\u00f6tzlich war man stolz, ihn als \u201aSohn der Stadt\u2018 zu pr\u00e4sentieren.&#8220; Diese Ambivalenz \u2013 W\u00fcrdigung einerseits, das Unverm\u00f6gen, das Vorherige gutzumachen, andererseits \u2013 zieht sich durch ihre Analyse. In den Quellen fand sie Hinweise darauf, dass Begriffe wie &#8222;Wiedergutmachung&#8220; zwar diskutiert, bei der \u00f6ffentlichen Preisverleihung aber bewusst zur\u00fcckgestellt wurden, um Reizenstein vorrangig als Komponisten auszuzeichnen.<\/p>\n<p>Emma res\u00fcmiert differenziert: &#8222;Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das Thema Wiedergutmachung pr\u00e4sent war, aber nicht den Kern bildete. Es ging darum, Franz Reizenstein als Musiker zu w\u00fcrdigen \u2013 und trotzdem konnte man die Geschichte nicht einfach trennen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Wiederentdeckung verschollener Werke<\/p>\n<p>Bei ihren Recherchen stie\u00df Emma auf kaum gespielte bzw. verschollene St\u00fccke Reizensteins \u2013 etwa die Radio-Opern &#8222;Lidl&#8220; und &#8222;Anna Kraus&#8220;. Letztere, eine eindringliche Verarbeitung des Fl\u00fcchtlingsthemas, endet tragisch und zeigt, wie sehr das Exil k\u00fcnstlerisch in Reizensteins Denken verankert blieb. Dieser Befund machte Emma deutlich, wie Biografie und Werk sich wechselseitig erhellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Emma kontaktierte Sohn John Reizenstein, der ihr wertvolle Einblicke und Material aus dem Familiennachlass zur Verf\u00fcgung stellte. John schickte ihr etwa das verschollen geglaubte Libretto zu &#8222;Anna Kraus&#8220; \u2013 ein Fund, der ihre Arbeit bereicherte und zugleich die famili\u00e4re Dimension der Forschung betonte.<\/p>\n<p>Aus dem wissenschaftlichen Interesse wurde pers\u00f6nliche Begegnung: John lud Emma ein, als Au-pair f\u00fcr drei Monate zu seiner Familie nach London zu kommen. Von April bis Juli 2023 lebte sie dort, betreute Kinder und bekam zugleich einen unmittelbaren Eindruck von zeitgen\u00f6ssischem, kulturellem Judentum: &#8222;Es war kein sehr strenges religi\u00f6ses Leben, eher kulturelles Judentum. Aber ich habe den Freitagabend als Familientag erlebt \u2013 und das war f\u00fcr mich eine wertvolle Erfahrung.&#8220;<\/p>\n<p>Preise und \u00f6ffentliche Anerkennung<\/p>\n<p>Emmas Arbeit blieb nicht unbeachtet: Sie wurde mit mehreren Auszeichnungen geehrt. Das <a href=\"https:\/\/www.nuernberg.de\/internet\/stadtarchiv\/vgn_foerderpreistraeger_2024.html\" title=\"Stadtarchiv N\u00fcrnberg Schertlin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stadtarchiv N\u00fcrnberg<\/a> nennt sie als eine der F\u00f6rderpreistr\u00e4gerinnen des Jahres 2024 f\u00fcr ihre Seminararbeit \u00fcber Franz Reizenstein. Zudem verlieh das Melanchthon-Gymnasium ihr einen W-Seminarpreis f\u00fcr die herausragende Leistung im W-Seminar &#8222;Schulgeschichte 500\u00d7MGN&#8220;. Auf Landesebene erhielt sie beim BCJ.Bayern-Studienpreis 2025 den 2. Preis in der Kategorie W-Seminar; die Laudatio hielt OStRin i.K. Dr. Ursula Leipziger. <\/p>\n<p>Diese Ehrungen markieren, wie sehr eine schulische Forschungsarbeit lokale Erinnerung, wissenschaftliche Neugier und \u00f6ffentliche Anerkennung verbinden kann \u2013 und wie ein einzelnes Projekt Impulse f\u00fcr kulturelle Wiederentdeckung setzt.<\/p>\n<p>Lernen f\u00fcr die Gegenwart<\/p>\n<p>F\u00fcr Emma war die Arbeit mehr als ein Schulprojekt: &#8222;Man besch\u00e4ftigt sich anders mit der eigenen Stadt, wenn man in den Quellen liest, Interviews f\u00fchrt und solche Schicksale entdeckt&#8220;, reflektiert sie. Ihre Lehrerin Martina Switalski hebt hervor, dass Emma sich nicht mit blo\u00dfer Biografiearbeit zufriedengab, sondern die moralischen und erinnerungskulturellen Dimensionen des Themas aufgriff; das machte die Arbeit sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich relevant.<\/p>\n<p>Und Emma selbst zieht eine pers\u00f6nliche Bilanz: &#8222;Es geht darum, die Musik Reizensteins wieder h\u00f6rbar zu machen \u2013 und damit sein Andenken lebendig zu halten. Gleichzeitig habe ich verstanden, wie schwierig, aber auch wie wichtig die deutsch-j\u00fcdische Geschichtsaufarbeitung ist. Sie darf nicht nur im Museum stattfinden, sondern muss lebendig bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Die Arbeit an Reizenstein hat Emmas Blick gesch\u00e4rft: Sie sieht Erinnerung nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als fortlaufende Aufgabe. Heute studiert sie Deutsch und Geschichte und hat damit genau die F\u00e4cher gew\u00e4hlt, die ihr erlauben, die deutsch-j\u00fcdische Geschichte weiter zu erforschen und zu vermitteln. Ihr besonderer Blick auf diese Thematik \u2013 gepr\u00e4gt durch Quellenarbeit, Begegnungen und die Erfahrung in der Familie Reizenstein \u2013 l\u00e4sst hoffen, dass k\u00fcnftige Generationen nicht nur Daten lernen, sondern lebendige Biografien und die damit verbundenen Fragen von Verantwortung und Erinnerung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die N\u00fcrnberger Sch\u00fclerin Emma Schertlin erforschte in ihrer Seminararbeit das Leben des j\u00fcdischen Komponisten Franz Reizenstein. 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