{"id":716253,"date":"2026-01-13T23:34:20","date_gmt":"2026-01-13T23:34:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/716253\/"},"modified":"2026-01-13T23:34:20","modified_gmt":"2026-01-13T23:34:20","slug":"arno-brandlhuber-wenn-architektur-nur-ein-schoenes-objekt-ist-ist-sie-irrelevant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/716253\/","title":{"rendered":"Arno Brandlhuber: \u201eWenn Architektur nur ein sch\u00f6nes Objekt ist, ist sie irrelevant\u201c"},"content":{"rendered":"<p>J\u00e4hrlich werden in Europa Millionen Quadratmeter Geb\u00e4udefl\u00e4che abgerissen. Umbau lautet das Credo von Arno Brandlhuber, der zu den einflussreichsten deutschen Architekten geh\u00f6rt. Sich selbst versteht er als Aktivist.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Man h\u00f6rt Arno Brandlhuber gerne zu. Sein unterfr\u00e4nkischer Dialekt l\u00e4sst S\u00e4tze dahinrollen wie Holzscheite im Kaminfeuer, auch wenn er druckreif Dinge formuliert, die jeden Gedanken an Gem\u00fctlichkeit wegschieben. Kein anderer Architekt denkt so neu und experimentell wie dieser freundliche Rebell aus dem St\u00e4dtchen Wasserlos in Unterfranken. Der Name l\u00e4dt zum Wortspiel ein: Viele seiner Geb\u00e4ude waren tats\u00e4chlich von der Kanalisation getrennt, bevor er sich ihrer annahm.<\/p>\n<p> Vor 20 Jahren gr\u00fcndete er <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/bplusarchitecten.be\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/bplusarchitecten.be\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">sein B\u00fcro in Berlin<\/a>, das inzwischen als kollaborative Praxis unter dem Namen b+ firmiert, weil Brandlhuber, wie er betont, nun einmal nie allein arbeitet.  So ist es auch, als wir uns in Basel treffen, wo ihn die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/cfa-gallery.com\/basel\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/cfa-gallery.com\/basel\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Galerie Contemporary Fine Arts<\/a> in ihre hutzeligen R\u00e4ume im Toteng\u00e4sslein zu einer Ausstellung eingeladen hat. Statt Pl\u00e4ne, Fotos und Modelle eigener Projekte zu pr\u00e4sentieren, stellt Brandlhuber einfach die Galerier\u00e4ume selbst aus. Auf der Ank\u00fcndigung stehen die Namen aller Beteiligten, darunter Galeriemitarbeiterinnen, die Kaufleute Gerda und Donald Kanitzer, die hier einmal ein Pelzgesch\u00e4ft betrieben und im Stockwerk dar\u00fcber wohnen, sowie Peter Doig und Cecily Brown, deren Bilder an der Wand lehnen.  \u00a0<\/p>\n<p>\u201eZeigen, was da ist!\u201c<\/p>\n<p>\u201eZeigen, was da ist!\u201c freut sich Arno Brandlhuber und sofort geht das Kaminfeuer an. Der Satz bringt den Kern seiner Arbeit auf den Punkt, mit der er vor 15 Jahren zum Pionier einer \u201eUmbau statt Abriss\u201c-Architektur wurde, wie sie heute dauernd gefordert und doch nur selten umgesetzt wird. Mit der Unersch\u00fctterlichkeit eines einstigen Messdieners hat sich Brandlhuber nie zum Lakaien der Developer gemacht. Er arbeitet vor allem an eigenen Projekten \u2013 und zaubert Architekturen, f\u00fcr die jemand das Wort \u201ebrutiful\u201c erfand: Betonruinen der Nachkriegsmoderne werden zu Wohn- und Kreativst\u00e4tten recycelt, so nonchalant, dass man sie Kunst nennen muss.  \u00a0<\/p>\n<p>Mit Brandlhuber, der auch Stadtplaner ist, wird H\u00e4ssliches sch\u00f6n und Nachhaltigkeit sexy. Erstmals sah man das bei dem Galerie- und Wohnhaus in Berlin-Mitte, das in unverputztem, luftig-semitransparentem Betonlook auf den Grundmauern eines verworfenen Rohbaus entstand, wof\u00fcr ein Fan den Kunstbegriff \u201eteutonic favela\u201c pr\u00e4gte. Bauregeln wie Trittschall- und Heizungsrohrd\u00e4mmung wurden au\u00dfer Kraft gesetzt, was das Ganze extrem verg\u00fcnstigte \u2013 das ging, weil Brandlhuber als sein eigener Kunde f\u00fcr ein paar Jahre selbst einzog. <\/p>\n<p>Wenn man an der Brunnenstra\u00dfe 9 vorbeigeht, stellt sich das Gef\u00fchl ein, dass Berlin genau hier sein Versprechen auf Aufbruch erf\u00fcllt, was es sonst fast \u00fcberall bricht. Sich vom gesetzlichen Korsett zu befreien und die Standards herabzusetzen, um zu zeigen, wo Vorschriften \u00f6kologisch oder sozial n\u00fctzliche Konzepte behindern, zugleich aber auch vorhandene Strukturen radikal zu akzeptieren und mit minimalen Eingriffen weiterzuentwickeln: Mit diesem Mindset hat Brandlhuber Architekturgeschichte geschrieben.  \u00a0<\/p>\n<p>Das Paradebeispiel daf\u00fcr ist die f\u00fcr den Kostenbruchteil eines Neubaus kreierte \u201eAntivilla\u201c: In die maroden W\u00e4nde der ehemaligen Unterw\u00e4schefabrik bei Potsdam wurden gro\u00dfe \u00d6ffnungen gehauen, was aussieht wie angefangen und dann einfach aufgeh\u00f6rt, und nun weite Blicke auf Wald und See freigibt. Oder die zwei nicht abrei\u00dfbaren Betont\u00fcrme auf einem Industriegel\u00e4nde in Berlin-Lichtenberg: Was zu DDR-Zeiten den Alexanderplatz mit Strom versorgte, dient nun b+ f\u00fcr Werkstatt und B\u00fcros. Benannt nach dem Toskana-St\u00e4dtchen \u201eSan Gimignano\u201c, gaben die Banken derlei Verhei\u00dfung williger einen Kredit als einer Industriebrache inmitten der gr\u00f6\u00dften vietnamesischen Community Deutschlands. \u00a0<\/p>\n<p>Heute finden hier Ausstellungen und Grillabende statt, so wie Arno Brandlhuber generell eine Berliner Kunst- und Architektenszene anzieht, die Spa\u00df hat an dieser Art des Um-die-Ecke-Denkens und der Uminterpretation von Orten, die man vorher \u00fcbersah. \u201eWir sind als Architekten gut beraten, in anderen Medien zu denken und nicht nur in Renderings\u201c, hat Brandlhuber einmal gesagt, der schon kunstnah konzipierte, bevor er den brutalistischen Bau einer Berliner Kirche in eine Galerie umwandelte. Und: \u201eWir m\u00fcssen sozial heterogen denken, vom Stadtteil bis ins Haus hinein.\u201c  \u00a0<\/p>\n<p>Damit meint er auch die Frage nach der Kernfamilie, die kaum noch als Modell f\u00fcr Wohnstandards herhalten kann. Ostentativ bricht damit sein Terrassenhaus in dem stark durchmischten Stadtteil Berlin-Wedding, wo sich Mieter und Besucher die Au\u00dfenfl\u00e4chen vor den Fensterfronten teilen, sodass man dauernd neue Leute kennenlernt. <\/p>\n<p>Wer dort einmal in einem Gemeinschaftsb\u00fcro gearbeitet hat, wei\u00df, dass man das manchmal nett und manchmal nervig finden kann. Aber am Ende f\u00fchlt man sich als Teil einer radikal neuen Idee: einer politisch verstandenen Weiterentwicklung der Moderne, die auf bezahlbare, anpassbare R\u00e4ume zielt, mit Regulierungen jongliert und so Stadtentwicklung und Eigentumsverh\u00e4ltnisse infrage stellt \u2013 und die auf ruppige Weise gut aussieht. \u201eWenn Architektur nur ein sch\u00f6nes Objekt ist und kein weiteres Argument in die Diskussion einf\u00fchrt, ist sie irrelevant.\u201c Mit dieser Haltung hat Brandlhuber eine Praxis etabliert, die er \u201eaktivistisch\u201c nennt. \u00a0<\/p>\n<p>In Basel besteht dieser Aktivismus unter anderem darin, in dem niedrigen, sich tief nach hinten verdr\u00fcckenden Laden die verdeckten Fenster zum Hinterhof zu \u00f6ffnen, sodass ein sp\u00e4tkubistisches Wandbild von 1979 wieder sichtbar wird. In einem ausgestellten Videointerview erkl\u00e4rt die ehemalige Pelzh\u00e4ndlerin dessen Motivik vom S\u00fcndenfall bis zum \u201eSt\u00fctzlisex\u201c, ein Schweizer Wort f\u00fcr die in Basel damals unzul\u00e4ssige Peepshow. \u201eUnd von oben schwebt der Pillenpauli herab\u201c, erkl\u00e4rt Brandlhuber und verweist auf Paul VI., der sich gegen die Pille aussprach.  \u00a0<\/p>\n<p>An ausgestanzte Tabletten oder eben an eine Peepshow erinnern auch die L\u00f6cher in der Leinwand der K\u00fcnstlerin Constanze Haas, die passgenau vor dem Schaufenster h\u00e4ngt und durch die man das Galeriegeschehen begutachten kann. Haas ist Brandlhubers Partnerin, ihre Malerei reflektiert immer auch die Historie eines Ortes und den gegebenen Raum, weswegen die beiden gern zusammenarbeiten. \u00a0<\/p>\n<p>In dem ihm eigenen pointierten Verst\u00e4ndnis von Inklusion erkl\u00e4rt Brandlhuber, dass im \u201ekollaborativen Verweben von Ideen\u201c auch der Entwurf f\u00fcr das Siedle-Haus entstanden sei, das demn\u00e4chst in Furtwangen er\u00f6ffnet: ein Privatmuseum mit Werken von Kirchner bis Picasso. Auch hier geht es um eine Hommage an den Ort, dieses Mal in der Bautradition des Schwarzwalds. Der Ausstellungsraum des Museums ist ein Abbild des Wohnhauses, das vorher an dieser Stelle stand und fr\u00fcher der Familie Siedle geh\u00f6rte, die es nun zur\u00fcckerwarb. \u00a0<\/p>\n<p>Offenheit, Pragmatismus, Improvisation<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Brandlhuber durch die Basler Galerier\u00e4ume spaziert und ob seiner eigenen Baumstammhaftigkeit teils fast mit dem Kopf an die Decke st\u00f6\u00dft, kommt der Betrachterin ein Besuch bei ihm auf Sizilien in den Sinn, wo es von Betonruinen nur so wimmelt. Er kaufte einige auf, eine davon beherbergte fr\u00fcher die \u201eGuardia della Finanza\u201c \u2013 jetzt dient sie seiner Familie als Ferienhaus am Meer, wo nat\u00fcrlich auch wieder gearbeitet wird, denn wer arbeitet, ohne zu wohnen, w\u00fcrde das Prinzip Brandlhuber eh nicht verstehen.  \u00a0<\/p>\n<p>Au\u00dfer ihm h\u00e4tte wohl kein anderer den Mut und den Nerv, sich mit Siziliens Bauordnungen und allem, was dazugeh\u00f6rt, auseinanderzusetzen. Die italienische Flexibilit\u00e4t ist genau das, was das Land gerade im Turbotempo voranbringt, von dehnbarer B\u00fcrokratie bis zu Steuervorteilen, die gerade immer mehr Kunsth\u00e4ndler ins Land holen, zuletzt die Gro\u00dfgalerie Hauser &amp; Wirth. <\/p>\n<p>Die Tatsache, dass Brandlhuber sich mit derlei Offenheit, Pragmatismus und einem nat\u00fcrlichen Hang zur Improvisation identifizieren kann, d\u00fcrfte auch der Grund sein, weshalb er beispielsweise bisher nicht gebeten wurde, sich repr\u00e4sentativen \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden in Deutschland zu widmen, wie etwa dem Museum \u201eberlin modern\u201c am Kulturforum \u2013 und selbst wenn, dann h\u00e4tte er wohl vorgeschlagen, die Kunst lieber im <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/plus211799073\/Berliner-Maeusebunker-Das-coolste-Tierversuchslabor-der-Welt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/plus211799073\/Berliner-Maeusebunker-Das-coolste-Tierversuchslabor-der-Welt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eM\u00e4usebunker\u201c, einem stillgelegten Versuchslabor der FU Berlin<\/a>, unterzubringen statt eine \u00fcberteuerte Riesenscheune auf den Potsdamer Platz zu zimmern. \u00a0<\/p>\n<p>So bleibt einem nichts anderes \u00fcbrig, als sich hierzulande noch viel mehr eines so heiteren Eigensinns zu w\u00fcnschen, wo Architektur von Bauunternehmern, Kommunalpolitikern und anderen Kleingeistern immer mehr in \u00e4sthetische wie b\u00fcrokratische Kompromisse gezwungen wird, was dann eben so aussieht wie der Gro\u00dfteil des seit der Jahrtausendwende vollends verhunzten Berlins. \u00a0<\/p>\n<p>Brandlhuber befasst sich inzwischen mit gr\u00f6\u00dferen Fragen. Seine Initiative \u201eHouseEurope!\u201c will Erhalt und Umbau zur Norm machen und den Abriss im gro\u00dfen Stil (nach Sch\u00e4tzungen bis zu zwei Milliarden Quadratmeter Geb\u00e4udefl\u00e4che in Europa bis zur Jahrhundertmitte) stoppen. Denn wenn diese Praxis zu den 38 Prozent beisteuert, die der Bausektor insgesamt in die Erderw\u00e4rmung feuert, kann das mit Europas Klimaneutralit\u00e4t bis 2050 ja nichts werden. Bis Ende Januar braucht Brandlhuber eine Million Unterschriften. <\/p>\n<p>Und wenn er jetzt in der Galerie auf Socken auf das eingebaute Podest vor dem Schaufenster steigt, um die Leinwand mit den Guckl\u00f6chern auszurichten, dann zeigt das einmal mehr die Leichtf\u00fc\u00dfigkeit, mit der man die in der Kunst nur selten vereinbaren Pole Aktivismus und \u00c4sthetik in etwas Neues verwandeln kann. \u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"J\u00e4hrlich werden in Europa Millionen Quadratmeter Geb\u00e4udefl\u00e4che abgerissen. 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