{"id":717849,"date":"2026-01-14T14:40:19","date_gmt":"2026-01-14T14:40:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/717849\/"},"modified":"2026-01-14T14:40:19","modified_gmt":"2026-01-14T14:40:19","slug":"warum-in-berlin-der-muellberg-waechst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/717849\/","title":{"rendered":"Warum in Berlin der M\u00fcllberg w\u00e4chst"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer einmal hart den Glauben an seine Mitb\u00fcrger \u00fcberpr\u00fcfen will, kann ein paar Stunden mit Andreas Kutschan verbringen. Heute keine K\u00fchlschr\u00e4nke, sagt der und blickt auf ein ungem\u00fctliches St\u00fcck Stadt zwischen Bahngleisen und Baumarkt. In einer Senke endet eine Stra\u00dfe mit Gestr\u00fcpp. B\u00e4ume stehen herum. Ein schmaler Weg zu einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke beginnt. Das Rauschen der Stadtautobahn weht her\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Hier f\u00e4ngt Kutschan h\u00e4ufig seine Schicht an. Er tr\u00e4gt orangene Schutzkleidung, er arbeitet f\u00fcr die BSR, die Berliner Stadtreinigungsbetriebe. Eine spezielle Abteilung ist es, 27 Mitarbeiter, Lastwagen mit gro\u00dfen Greifarmen oder einer Sperrm\u00fcllpresse hintendrauf. Sie nennen sich Beton-Einheit. Eine Schicht am Morgen und eine, die am fr\u00fchen Nachmittag anf\u00e4ngt. Sie sind zust\u00e4ndig f\u00fcr den Berliner S\u00fcden, sammeln Dinge ein, die sie an Gewerbegebieten, Brachfl\u00e4chen oder Stra\u00dfenecken finden: Sperrm\u00fcll, Autoteile, Elektroschrott. Es geht nicht um den Alltag der Stra\u00dfenreinigung zwischen Kaffeebechern, Plastikt\u00fcten und Pommesschalen. Sondern um Dinge, die eigentlich auf Wertstoffh\u00f6fe und Recyclingstationen gebracht werden m\u00fcssten. Beton-Einheit, weil es sehr h\u00e4ufig Bauschutt ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Vor zwei Wochen, erz\u00e4hlt Kutschan und schaut auf den Bahndamm, Bezirk Tempelhof-Sch\u00f6neberg, lagen hier 14 K\u00fchlschr\u00e4nke. Und 40 Autoreifen. Jetzt ist es, grob \u00fcberschlagen, der gr\u00f6\u00dfte Teil eines Schrebergartenh\u00e4uschens. Werbeposter einer Getr\u00e4nkemarke, etliche Lampenbatterien, ein gro\u00dfer Fu\u00dfabtreter und ein paar M\u00fclleimer mit dem Schriftzug einer Eiscreme-Firma. Weiter vorn stehen zwei gro\u00dfe und sehr stabile Plastiks\u00e4cke mit Dachplatten. Wahrscheinlich Asbest. Auf dem Haufen: viele S\u00e4cke mit Malervlies, ein ausgeweideter Computer, Farbeimer mit Resten. Dazu der obligatorische Bauschutt. Nur zwei Autoreifen. Wie zur Kr\u00f6nung hat jemand noch Gartenabf\u00e4lle aufgeh\u00e4uft: einige Sch\u00fctten Laub, ein paar Eimer schon g\u00e4rende \u00c4pfel.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Man k\u00f6nnte denken, dass jemand sein Haus im Garten renoviert und all seinen Krempel im Schatten des Baumarktes entsorgt hat. Ruhiger Tag, sagt Kutschan, ist schnell gemacht. Am Wochenende hatte es geregnet. Nach warmen Tagen mit Sonnenschein liege hier viel mehr. Um die Ecke ziehen sich Kleingartenanlagen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Berlin hat ein Problem mit M\u00fcll. Darum geht es in diesem Text. Aber es gibt auch Schwierigkeiten zu entziffern, was er als Zeichen bedeutet. Zum Problem gibt es Zahlen wie diese: 54.267 Kubikmeter. So viel illegale Ablagerung hat die BSR 2024 von den Stra\u00dfen zusammengeklaubt. Wieder mehr als im Jahr zuvor. Das hat die Stadt, also alle Bewohner, 10,3 Millionen Euro gekostet. Und bis Ende Oktober, erkl\u00e4rt Daniela Rostek, Teamleiterin der Abteilung, gingen allein bei ihr 2000 Hinweise mehr ein als im ganzen Jahr davor. K\u00f6nnte auch daran liegen, sagt sie, dass die App, \u00fcber die man M\u00fcll melden kann, besser angenommen werde.<\/p>\n<p>Abfall als zentrale Kulturmetapher<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Jahresertrag l\u00e4sst sich umrechnen: Etwa 30 G\u00fcterz\u00fcge mit 25 Waggons w\u00fcrde man ben\u00f6tigen, um all die Inneneinrichtung und den Schutt wegzuschaffen. Jeden Tag werden in Berlin au\u00dferdem 460.000 Kaffeebecher aus Papierfasern und Polyethylen weggeschmissen. Viele landen in irgendeiner Ecke. Die sind da nicht eingerechnet.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Andreas Kutschan holt sein Telefon aus der Jackentasche, wischt kurz durch das Bilderarchiv. Gestern Abend fand er Folgendes in einer Gr\u00fcnanlage: einen Heizkessel. Zweieinhalb Meter lang, eineinhalb Meter hoch, eingeschlagen in knallrote Thermofolie.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Bild kann man als Kommentar zu einer Art Spagat lesen. Den machen Menschen schon eine Weile: Der Historiker Philipp Blom hat vor ein paar Jahren die christlichen Wurzeln einer Haltung herausgearbeitet, die meint, der Mensch stehe au\u00dferhalb und \u00fcber der Natur. Als Kolonialherrschaft und Industrialismus den Lauf der Dinge beschleunigten, habe sich das Verst\u00e4ndnis, man m\u00fcsse sich die Welt unterwerfen, \u201eentfesselt\u201c.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Als Gegengewicht dazu z\u00e4hlt Blom, dass der Mensch Vorstellungen von Gut und B\u00f6se habe. Die tr\u00e4gt er als schlechtes Gewissen mit sich herum. Ausrangierte K\u00fchlschr\u00e4nke, Boiler und Reifen im Stadtgr\u00fcn zeigen, dass \u00dcberlegungen zu Richtig und Falsch nicht immer handlungsleitend sind. Ein anderer Historiker, Ludolf Kuchenbuch, notierte vor beinahe vierzig Jahren, dass Abfall \u201eso umfassend gegenw\u00e4rtig\u201c sei, dass er zur \u201ezentralen Kulturmetapher\u201c aufsteige. Andreas Kutschan schaut einen ziemlich trocken an: Der Blick eines Mannes, dessen Glaube an Mitb\u00fcrger jeden Tag gepr\u00fcft wird.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Denn zum wilden Unrat geh\u00f6rt jemand, der ihn im Schutz der Dunkelheit entsorgt, Asbestplatten vom Anh\u00e4nger, den Heizkessel aus dem Transporter schiebt. So wird M\u00fcll im \u00f6ffentlichen Raum zu einem Zeichen. Nicht nur, wie die Ethnologin Mary Douglas schon 1966 feststellte, f\u00fcr \u201eMaterie am falschen Ort\u201c. Sondern daf\u00fcr, dass mangelnder Respekt vor Mitb\u00fcrgern und Umwelt mit \u00f6konomischen \u00dcberlegungen zusammenf\u00e4llt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer in Berlin einen K\u00fchlschrank zum Wertstoffhof bringt, zahlt nichts. Die ersten drei Kubikmeter Sperrm\u00fcll sind frei. Wer 14 K\u00fchlschr\u00e4nke auf der Ladefl\u00e4che hat, \u00fcberschreitet die \u201ehaushalts\u00fcbliche Menge\u201c \u2013 er m\u00fcsste zu einem Entsorgungsbetrieb f\u00fcr Gewerbeabf\u00e4lle. Die sind nicht g\u00fcnstig. Seit sie im Mai 2023 ihre Aufgabe \u00fcbernahmen, fanden Daniela Rostek und die Beton-Einheit \u00fcber 40 herrenlose Container in der Stadt. Manchmal randvoll mit Sonderm\u00fcll.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u00dcberlegung, sich Geb\u00fchren einfach zu sparen, passt ins politische Klima. Gerade scheinen moralische Fragen sekund\u00e4r: Die Bundesregierung dr\u00e4ngte die EU das Lieferkettengesetz abzuschw\u00e4chen. Auch gr\u00f6\u00dfere Unternehmen werden nun nicht zur Rechenschaft gezogen, wenn sie von Kinder- oder Zwangsarbeit profitieren. Umweltstandards sollen wegfallen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Sommer erkl\u00e4rte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass es nicht ins Gewicht falle, wenn Deutschland ein paar Jahre sp\u00e4ter klimaneutral w\u00fcrde. Die viertgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt, die auf dem Weg zum Wohlstand viele Ressourcen verbrauchte und sch\u00e4dliche Emissionen in die Umwelt blies, will ihre Klimaziele weiter aufweichen. Das Aus des Verbrennermotors soll verschoben werden. Schrottautos, Altkleider und Plastikm\u00fcll exportieren wir weiter nach Afrika. Wenn sich also alle entspannen und Klimaschutz wieder nebens\u00e4chlich ist \u2013 warum sollte sich jemand, der eine Datsche renoviert, genieren und den M\u00fcll nicht in den Stra\u00dfengraben kippen?<\/p>\n<p>Krawall liegt vielen Medien n\u00e4her als Analyse<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer den Blick auf Materie am falschen Ort weitet, sieht: radioaktive Reste, toxische Gifte, Ewigkeitschemikalien. Konsequenzen aus der Energiegewinnung, der Produktion von G\u00fctern, der Fortbewegung. Unser Lebensstil produziert gewaltige Mengen Abfall. Es sind Spuren von Konsum und \u00dcberfluss, der Menschen in St\u00e4dten auff\u00e4llt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das hat viel mit Berichterstattung zu tun. Seit einer Weile k\u00f6nnte man, je weiter weg man von Berlin lebt, den Eindruck haben, die Stadt gehe unter im M\u00fcll. Viele Kolumnen und Kommentare verwenden gern Verben wie \u201eversinken\u201c. Es passt in eine Grammatik von Medien, denen Krawall n\u00e4her liegt als Analyse. Pizzakartons in der Ecke sollen zeigen, dass Berlin und Deutschland \u201escheitern\u201c.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Da ist es nicht weit zur <a data-rtr-index=\"50\" title=\"AfD\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/afd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AfD<\/a>. Die fordert im Berliner Abgeordnetenhaus mehr Kontrolldruck und Repression. Mit der Interpretation von Abfall werden Grenzen gezogen: F\u00fcr Populisten kommen Fremde, und sie verdrecken die Stadt. Oder es sind Arme. Im AfD-Ma\u00dfnahmenkatalog l\u00e4uft alles auf eine harte Hand gegen Obdachlose zu. Vor allem, wenn sie \u201eortsfremd\u201c seien.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer sich mit Abfall in Berlin besch\u00e4ftigt, telefoniert irgendwann mit dem Pressesprecher der Berliner Forsten. Auch in W\u00e4ldern finden sie viel Sperrm\u00fcll neben Parkpl\u00e4tzen. Aber der Sprecher hat ein Gegengewicht zur Untergangs-These: So sei es n\u00e4mlich nicht, sagt er. Den Grunewald zum Beispiel, das gr\u00f6\u00dfte Waldgebiet im Westen der Stadt, besuchten jedes Jahr 100 Millionen Menschen. Wenn die nun alle ein Taschentuch liegen lie\u00dfen, w\u00e4re es aus mit dem Wald. Aber: Er versinke mitnichten. Es gebe zwar mal \u00c4rger und Unverst\u00e4ndnis, Hundebesitzer n\u00f6lten, dass im Wald keine M\u00fclleimer st\u00fcnden (sollen F\u00f6rster die entleeren?, fragt der Sprecher), h\u00e4ngen Kackbeutel als Protest in B\u00fcsche. Aber eigentlich sei alles aufger\u00e4umt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der kleine Rundblick zeigt: Das Thema ist uferlos. Also zur\u00fcck zu Andreas Kutschan und den M\u00e4nnern von der Nachmittagsschicht. Die gro\u00dfen Plastiks\u00e4cke mit den Asbestplatten nimmt der Lastwagen mit dem Greifer auf, den Rest tragen die M\u00e4nner zu M\u00fcllauto und Tonnentransporter. Den lenkt Kutschan. Auf der Ladefl\u00e4che ist eine Wanne mit Bindemittel eingebaut: f\u00fcr Eimer mit Farben und \u00d6l. Riecht ein wenig, warnt Kutschan. Gestern hat er eine K\u00fchltruhe voll schimmelnder Fischst\u00e4bchen aufgelesen. Auch wenn er am Schichtende alles abspritzte, auf der Ladefl\u00e4che steht der Geruch nach vergammeltem Fisch wie eine Wand.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Bei K\u00fchlschr\u00e4nken geht Kutschan so vor: auf die Seite legen, schieben. Schont den R\u00fccken. Es gebe Kollegen, die lieber tragen w\u00fcrden, jeder habe so seine Technik. Seit 35 Jahren arbeitet er bei der BSR. In der Woche, sagt Andreas Kutschan, transportiert er zwischen 35 und 50 K\u00fchlschr\u00e4nke ab.<\/p>\n<p>Mit der Bequemlichkeit wachsen die M\u00fcllberge<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die BSR reagiert auf Probleme. Es gibt andere Strategien. Daf\u00fcr kann man sich mit Anne Sebald unterhalten. Sie ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von \u201eWir Berlin\u201c, einer gemeinn\u00fctzigen Gesellschaft. Der geht es um Engagement von Nachbarn und Stadtgesellschaft. Sie sammeln auch M\u00fcll, vermitteln aber vorher in Workshops, wie man Abfall vermeidet. Ihre Gr\u00fcnderin bekam das Bundesverdienstkreuz.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nur w\u00fcrden Strategien zur M\u00fcllvermeidung kaum unterst\u00fctzt. Von Umwelterziehung, wie Sebald sie gerne an Schulen installiert s\u00e4he, gebe es keine Spur. Sebald will Verhalten, Routinen ver\u00e4ndern. Aber sie beobachtet wachsende Bequemlichkeit. \u00d6ffentliche R\u00e4ume w\u00fcrden seit Corona mehr genutzt, Lieferdienste br\u00e4chten das Essen l\u00e4ngst auch in Parks. Wenn sie im Rahmen eines Firmenevents ein Clean-up veranstalten, sammeln Sebald und Kolleginnen da schon mal f\u00fcnfzehntausend Kronkorken und mehr als zwanzigtausend Kippen. In drei Stunden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch Bequemlichkeit ist eine \u00f6konomische \u00dcberlegung: Der Aufwand zum M\u00fclleimer zu gehen, lohnt nicht. Anderntags r\u00e4umt ja jemand auf. Wenn uns mehr Schnipsel der Konsumgesellschaft in der Stadt entgegenwehen, zeigt das an, dass manch einer gesellschaftliche Verabredungen gek\u00fcndigt hat. Ger\u00fcmpel, Schrottautos, Boiler: Menschen verhalten sich, kann man denken, als seien sie eine Bundesrepublik im Kleinen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es geht um Eigennutz. Dazu gibt es grundlegende \u00dcberlegungen: Der \u00d6konom Garrett Hardin ging davon aus, dass Menschen ihrem Eigeninteresse folgen und so gemeinsam genutzte Ressourcen \u00fcbernutzen und ersch\u00f6pfen. Obwohl das zu erheblichen Sch\u00e4den f\u00fcr die Allgemeinheit f\u00fchrt und langfristig die Lebensgrundlage zerst\u00f6ren kann. Hardin fasste das als \u201eTragedy of the Commons\u201c zusammen \u2013 die Trag\u00f6die der Allmende. Dagegen hat Elinor Ostrom nachgewiesen, dass Gemeinschaftsg\u00fcter sehr wohl schonend behandelt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr ihre Forschung bekam sie 2009 als erste Frau den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften verliehen. Die Gemeinschaftsg\u00fcter brauchten Regeln und klar definierte Grenzen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Saskia Ellenbeck kennt ein Beispiel f\u00fcr so ein Gemeinschaftsgut. Den Volkspark Lichtenrade n\u00e4mlich. Ellenbeck ist Bezirksstadtr\u00e4tin in Tempelhof-Sch\u00f6neberg, zust\u00e4ndig f\u00fcr das Ordnungsamt, aber auch Stra\u00dfen, Gr\u00fcnfl\u00e4chen, Umwelt und Naturschutz. Sie ist von den Gr\u00fcnen, \u00e4rgert sich, wenn sie sich von Konservativen bei Bezirksverordnetenversammlungen anh\u00f6ren muss, dass sie nur an Fahrradwege denke. Deshalb zu wenig gegen M\u00fcll t\u00e4te.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Volkspark wurde 1979 von Nachbarn mit einer B\u00fcrgerinitiative angelegt und ehrenamtlich verwaltet. Seit September ist der Park eine \u00f6ffentliche Gr\u00fcnanlage, Ellenbeck fragte nach, sie h\u00e4tten Mittel f\u00fcr die Beseitigung von Unrat. Nicht n\u00f6tig, antworteten die Ehrenamtler, das w\u00fcrde eh immer weniger. Die Nutzer w\u00fcrden sich mit dem Park identifizieren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Aber Saskia Ellenbeck kann auch M\u00fcll-Probleme aufz\u00e4hlen. F\u00fcr rechtssichere Verfahren muss man Menschen, die M\u00fcll in die Stadt sch\u00fctten, in flagranti ertappen. Gelingt fast nie. Und es gibt regulative L\u00fccken: Die Senatsregierung habe kein Interesse an einer Steuer auf Einwegverpackungen. In T\u00fcbingen funktioniert das erfolgreich. Oder: In Berlin m\u00fcssen seit 2023 f\u00fcr Speisen und Getr\u00e4nke, die mitgenommen oder geliefert werden, Mehrwegverpackungen angeboten werden. Nur kontrolliert das niemand, es gebe kein Personal.<\/p>\n<p>Mehrere Eimer mit Spritzen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wer schlie\u00dflich den Glauben an seine Mitb\u00fcrger wiederfinden will, kann ein paar Stunden mit Robert und Valentin verbringen. Sie treffen sich um elf Uhr in einem Gemeinschaftsgarten in Neuk\u00f6lln. Es gibt Kaffee und Greifer und einen Spritzeneimer. Und einen Zettel, auf dem sie nach dem Kaffee immer mehr Striche eintragen. Oben stehen die Namen verschiedener Parks in Neuk\u00f6lln, links sind drei Rubriken aufgelistet: Nadeln, Nadeln mit Kappe, Pumpen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Robert und Valentin arbeiten in einem sogenannten Peer-Projekt, sie bekommen eine Aufwandsentsch\u00e4digung. Organisiert wird das von Fixpunkt, einer gemeinn\u00fctzigen Gesellschaft der Berliner Drogenhilfe. Robert und Valentin haben Biographien, die viel mit Drogen und Entzug zu tun haben. Sie tragen Sicherheitsschuhe.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">In den n\u00e4chsten Stunden kontrollieren sie auf einer gro\u00dfen Runde uneinsehbare Ecken, B\u00fcsche, Sitzgruppen. Robert macht das seit zwei Jahren, seinen Kumpel Valentin, zwanzig Jahre \u00e4lter, hat er dazugeholt. Der sagt, der Gang tue ihm gut, die Struktur sei wichtig.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Unterhaltung ist sch\u00fctter, wir richten den Blick auf den Boden. Fast einhundert Konsumutensilien, immer ein Strich, haben wir schnell zusammen. Manchmal rufen Nachbarn an, wenn sie Spritzen finden. Das Projekt arbeitet mit Kindertagesst\u00e4tten und Schulen, gerade gibt es neun Peers, die mitmachen. Robert und Valentin haben schon Piktogramme von Kindergesichtern auf Gehwege gespr\u00fcht \u2013 danach, sagen sie, f\u00e4nde man auf H\u00f6fen und Spielpl\u00e4tzen weniger Utensilien. Aber wenn das Wetter gut ist, l\u00e4gen vor allem viele Spritzen in Parks. Im Sommer w\u00fcrden mehrere Eimer pro Runde voll.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">In den B\u00fcschen liegen Nadeln im Laub. Wir treten in Notdurft. Ein seltsames Gef\u00fchl, wir greifen nach Spritzen, lassen blutige T\u00fccher und Natriumchlorid-Fl\u00e4schchen zur\u00fcck. Wir m\u00fcssen daran denken, sagt Valentin, dass wir nicht von der BSR sind. Robert fasst eine Balance zusammen, die immer kippt: Finden wir viele Nadeln, freuen wir uns, denn wir k\u00f6nnen aufr\u00e4umen. Und sind best\u00fcrzt, weil es f\u00fcr die Abh\u00e4ngigen keine sicheren Konsumr\u00e4ume gibt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Es ist kalt, die Sonne scheint. Wenn man nun Robert fragt, warum er das macht, schaut er weiter zu Boden. Sagt mit leiser Stimme, dass er nicht m\u00f6chte, dass Tiere in Spritzen treten. Kinder k\u00f6nnten dann spielen, ohne Angst, sich zu verletzen. Das, sagt er, ist doch sch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer einmal hart den Glauben an seine Mitb\u00fcrger \u00fcberpr\u00fcfen will, kann ein paar Stunden mit Andreas Kutschan verbringen.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":717850,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,29,30],"class_list":{"0":"post-717849","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115893975645553108","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/717849","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=717849"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/717849\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/717850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=717849"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=717849"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=717849"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}