{"id":718401,"date":"2026-01-14T19:48:13","date_gmt":"2026-01-14T19:48:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/718401\/"},"modified":"2026-01-14T19:48:13","modified_gmt":"2026-01-14T19:48:13","slug":"im-stuttgarter-rathaus-die-buechsenschmiere-ein-dunkler-fleck-der-stadtgeschichte-wird-ausgeleuchtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/718401\/","title":{"rendered":"Im Stuttgarter Rathaus: Die \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c \u2013 ein dunkler Fleck der Stadtgeschichte wird ausgeleuchtet"},"content":{"rendered":"<p>So geschichtstr\u00e4chtig und geschichtsbewusst wie jetzt d\u00fcrften Besucher das Stuttgarter Rathaus selten wahrgenommen haben. Seit Juli befindet sich im Erdgeschoss eine Dauerausstellung, die an 192 ehemalige st\u00e4dtische Mitarbeiter erinnert, die nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten ausgegrenzt und um ihre berufliche Existenz gebracht wurden. Zwei Stockwerke dar\u00fcber ist nun zus\u00e4tzlich bis zum 20. Februar eine Ausstellung zu sehen, die sich einem \u201efast vergessenen Kapitel der Stadtgeschichte\u201c widmet: der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.stuttgarter-geschichte-die-buechsenschmiere-und-die-nazis.973cc0f0-ba7f-49fc-892c-92680c73768e.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">sogenannten B\u00fcchsenschmiere in der B\u00fcchsenstra\u00dfe im Hospitalviertel<\/a>. Ein Kapitel, das im 16. Jahrhundert begann, als dort ein Dominikanerkloster entstand, das sp\u00e4ter zu einem Spital und noch sp\u00e4ter zum Sitz der Stuttgarter Kriminalpolizei umgebaut wurde. <\/p>\n<p>\u201eJahrhunderte lang war dieser Ort positiv besetzt\u201c, erkl\u00e4rte Ordnungsb\u00fcrgermeister Clemens Maier bei der Ausstellungser\u00f6ffnung am Mittwoch im Rathaus. In der Zeit des <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Nationalsozialismus\" title=\"Nationalsozialismus\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nationalsozialismus<\/a> ver\u00e4nderte sich das dramatisch. Der Ort der Zuwendung wurde zu einer \u201eEinrichtung des Unrechts\u201c, die nach deren Zerst\u00f6rung im Krieg und dem Ende des Nazi-Terrors weitgehend unerforscht blieb. Maier nennt es \u201eeinen gro\u00dfen dunklen Fleck in der Stadtgeschichte\u201c. <\/p>\n<p>F\u00fcr viele Menschen, die in der \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c einsa\u00dfen, f\u00fchrte der Weg in den Tod <\/p>\n<p>Diesen gro\u00dfen dunklen Fleck haben Monika Renninger, Leiterin des evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof, und Andreas Keller, Vorsitzender des Vereines Zeichen der Erinnerung, in den zur\u00fcckliegenden Jahren intensiv ausgeleuchtet und vermessen. Das Ergebnis ist eine in Zusammenarbeit mit dem Historiker Peter Poguntke und dem Stuttgarter Stadtarchiv entstandene Ausstellung \u00fcber die Geschichte der \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c, wie der Sitz der Kriminalpolizei samt dem angeschlossenen Polizeigef\u00e4ngnis im Volksmund bezeichnet wurde \u2013 mutma\u00dflich begleitet von einem Schaudern, denn in dem Geb\u00e4ude wurden \u201eunz\u00e4hlige Menschen gedem\u00fctigt und gequ\u00e4lt\u201c, wie <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.geschichtsprojekt-in-stuttgart-warum-das-stadion-auch-ein-ort-der-demokratie-ist.b4dc2d4e-edc4-4745-95fb-7335a817abf3.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carsten Kretschmann vom Historischen Institut der Universit\u00e4t Stuttgart<\/a> in seinem Vortrag ausf\u00fchrte. Betroffen waren J\u00fcdinnen und Juden, politische Verfolgte, Sinti und Roma und auch Homosexuelle. F\u00fcr viele dieser Menschen f\u00fchrte der Weg von der \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c zum Inneren Nordbahnhof und von dort mit Deportationsz\u00fcgen in den gewaltsamen Tod. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.5f13efee-b63f-4673-aa89-205be7f15c6a.original1024.media.jpeg\"\/>     Die Initiatoren der Ausstellung,Andreas Keller vom Verein Zeichen der Erinnerung und Monika Renninger vom Hospitalhof mit Ordnungsb\u00fcrgermeister Clemens Maier bei der Ausstellungser\u00f6ffnung im Rathaus (von links).    Foto: Lichtgut\/Julian Rettig    <\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit diesem \u201efast vergessenen Kapitel Stuttgarter Stadtgeschichte\u201c f\u00fchrt nach Ansicht Kretschmanns vor Augen, dass neben der Gehemeinen Staatspolizei (Gestapo) auch die Kriminalpolizei Teil des nationalsozialistischen Unterdr\u00fcckungsapparats war. In <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> verbindet sich das mit den Orten Hotel Silber (Gestapo-Sitz) und eben der \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.unbekannte-stuttgarter-geschichte-die-toten-vom-zuckerberg.61b6c5c4-9e51-44c7-926b-4dd7c7c67450.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zus\u00e4tzliche Arrestzellen befanden sich in einem im Krieg zerst\u00f6rten Geb\u00e4ude auf dem heutigen Joseph-S\u00fc\u00df-Oppenheimer-Platz <\/a>\u2013 ein weiteres wenig bekanntes Geschichtskapitel. <\/p>\n<p>Auch Fachbeamte waren Teil des Unterdr\u00fcckungssystems <\/p>\n<p> F\u00fcr G\u00fcnter Riederer vom Stadtarchiv zeigt sich in der Ausstellung, dass die \u201evermeintlich unpolitischen Fachbeamten\u201c Teil des Unterdr\u00fcckungssystems waren \u2013 mit Kontinuit\u00e4ten bis in die Nachkriegszeit. Exemplarisch steht daf\u00fcr das Beispiel einer Stuttgarter Sintezza, die sich nach Kriegsende unvermittelt demselben Beamten aus der \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c gegen\u00fcber fand, der unter den Nazis Dienst tat, und sie als \u201eFachmann f\u00fcr Zigeunerfragen\u201c nun zur Abtreibung dr\u00e4ngte. <\/p>\n<p> Carsten Kretschmann findet f\u00fcr die Ausstellung im Rathaus viele lobende Worte. Sie sensibilisiere f\u00fcr begangenes Unrecht und trage dazu bei, den heutigen Hospitalhof zu einem Erinnerungsort zu machen. Durch die Ber\u00fccksichtigung verschiedener Opfergruppen erm\u00f6gliche sie \u201einklusives Erinnern\u201c ohne dass eine \u201eGedenkkonkurrenz\u201c entst\u00fcnde. Dass die Ausstellung, die 2024 bereits im Hospitalhof zu sehen war, mit ihren Fotos und Tafeln konventionell erscheint und auf digitale Effekte verzichtet, sieht der Historiker nicht als Nachteil. Im Gegenteil: \u201eErinnerung braucht einen langen Atem inmitten des lauten Stimmengewirrs.\u201c <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.1a7a5f73-9f7c-441c-82fd-0cd284c29ffc.original1024.media.jpeg\"\/>     Historiker Carsten Kretschmann    Foto: Lichtgut\/Julian Rettig    <\/p>\n<p>Eindrucksvoll sind historische Aufnahmen, die das urspr\u00fcngliche Geb\u00e4udeensemble zeigen, zu dem auch die Hospitalkirche z\u00e4hlte, bis dahin gr\u00f6\u00dfte Stuttgarter Kirche mit 1700 Sitzpl\u00e4tzen. Ebenso die Schadenskarte, die nach dem verheerenden Luftangriff vom 12.\/13. September 1944 angefertigt wurde und das Hospitalviertel als Tr\u00fcmmerlandschaft ausweist. Herausgehoben werden \u2013 im B\u00f6sen wie im Guten \u2013 auch Personen. Der NS-Oberb\u00fcrgermeister Karl Str\u00f6lin etwa, der in der offiziellen Ahnengalerie im zweiten Stock des Rathaus ausgespart ist, als h\u00e4tte er nie existiert. <\/p>\n<p> Gezeigt werden auch Menschen mit besonderer Courage: die Kommunistin Lilo Hermann und die Pfarrer Julius von Jahn und Helmut Goes. Ihr Beispiel belegt f\u00fcr Andreas Keller, \u201edass man als einzelner etwas tun kann\u201c. Mit Blick auf antidemokratische Tendenzen heute sieht Carsten Kretschmann die Ausstellung als Aufforderung \u201ef\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung einzutreten\u201c \u2013 gerade dort , wo Menschen als Andersartige behandelt w\u00fcrden. Das ist ganz im Sinne von Pr\u00e4latin Gabriele Arnold, die der \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c-Ausstellung bei der Er\u00f6ffnung \u201em\u00f6glichst viele junge Besucher\u201c w\u00fcnschte. F\u00fcr n\u00e4chste Woche haben sich 100 Polizeianw\u00e4rterinnen und -anw\u00e4rter angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p> Das Buch zur Ausstellung  <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Dokumentation<\/strong><br \/>Die Geschichte der \u201eB\u00fcchsenschmiere\u201c ist auch Thema einer 130 Seiten starken Publikation von Peter Poguntke, Andreas Keller und Monika Renninger. Sie kann zum Preis von 17 Euro im Hospitalhof erworben werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"So geschichtstr\u00e4chtig und geschichtsbewusst wie jetzt d\u00fcrften Besucher das Stuttgarter Rathaus selten wahrgenommen haben. 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