{"id":721632,"date":"2026-01-16T01:38:21","date_gmt":"2026-01-16T01:38:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/721632\/"},"modified":"2026-01-16T01:38:21","modified_gmt":"2026-01-16T01:38:21","slug":"gedenken-in-stuttgart-in-stuttgart-gab-es-mehr-zwangsarbeiterlager-als-haltestellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/721632\/","title":{"rendered":"Gedenken in Stuttgart: In Stuttgart gab es mehr Zwangsarbeiterlager als Haltestellen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine offene Wunde der Stadtgeschichte: 40.000 Zwangsarbeiter schufteten in Stuttgart w\u00e4hrend des Dritten Reichs. Viele starben. Nun werden diese Schicksale beleuchtet.<\/p>\n<p>Zwangsarbeiter? Nie gesehen! Die Kinder, die von den Lagern im Stuttgarter Norden nach Kornwestheim marschierten, um Schuhe zu n\u00e4hen? Nie gesehen! Den Sklavenmarkt im Hof des Alten Schlosses, wo die Zwangsarbeiter verteilt wurden? Nie gesehen! Die Br\u00fcder Adam und Petro Drosd aus der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Ukraine\" title=\"Ukraine\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ukraine<\/a>, die bei Eckardt in Bad Cannstatt malochten; die Franz\u00f6sin Genofeva Gac, die bei Hirth in Zuffenhausen Motoren baute; der acht Jahre alte Russe Jurik Fedotow, der in Weilimdorf im Lager gefangen war? Nie gesehen! <\/p>\n<p>Die Gesellschaft wollte sich nicht erinnern <\/p>\n<p>Alle vier starben sie in der Fremde. Verscharrt im Massengrab, wie tausende andere, die an Krankheit, Ersch\u00f6pfung, Misshandlung, durch Kugeln, Stricke, Kn\u00fcppel, Bomben starben. Damit man sie nicht sehen musste. Und den Stuttgartern das Vergessen leichter fiel. Lange, viel zu lange, hielt dieser Ged\u00e4chtnisverlust an. Von gelegentlichem Aufflackern des Erinnerns gibt es bisher keine systematische Aufarbeitung der Geschichte der 40.000 nach <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> verschleppten Zwangsarbeiter.<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert sich nun. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/stolpersteine\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aus den Stolperstein-Initiativen <\/a>heraus ist der Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart entstanden. Und hat sich seit vier Jahren intensiv mit den Schicksalen der Menschen besch\u00e4ftigt, ihren Schicksalen, ihren Geschichten, und den Orten, die davon k\u00fcnden. Und das sind weit mehr als man denkt. <\/p>\n<p>Herzst\u00fcck ist eine Karte, die sich vom 20. Januar an auf der Webseite <a href=\"http:\/\/www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zwangsarbeit-in-stuttgart.de<\/a> findet. Sie l\u00e4sst sich vergr\u00f6\u00dfern. Und man kann hinein klicken. Auf ihr sind alle Informationen hinterlegt, die zu finden waren. Erstellt wurde sie von den Experten von Museumsmedien, gef\u00f6rdert mit 8000 Euro von der Stadt. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.78b2e508-f142-41fe-97bc-9d59528f04c7.original1024.media.jpeg\"\/>     Bilder der amerikanischen Luftaufkl\u00e4rung: Markiert ist die Firma Hirth in Zuffenhausen. Die Fabrik ist links unter Tarnnetzen verborgen, rechts das Lager der Zwangsarbeiter.    Foto: Nara    <\/p>\n<p>Doch lebt die Karte ja nur durch die Informationen. Und da hat das Team um Sonja-Maria Bauer, Norbert Prothmann, Inge M\u00f6ller und Harald Stingele tief graben m\u00fcssen. Es gibt einige Literatur, so hat etwa <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Daimler_AG\" title=\"Daimler\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daimler<\/a> als erste deutsche Firma \u00fcberhaupt das Kapitel Zwangsarbeit aufbereitet. 1994 erschien das Buch \u201eZwangsarbeit bei Daimler-Benz\u201c. Die Firma besch\u00e4ftigte 1932 9000 Menschen, 1943 fertigten 65.000 Menschen R\u00fcstungsg\u00fcter. Die H\u00e4lfte davon Zwangsarbeiter.<\/p>\n<p>Das Experten-Team w\u00fchlte sich durch Archive, Sterbeurkunden, Friedhofsakten, Adress- und Meldb\u00fccher, Luftbilder der Allierten sowie Hinweise und Aussagen von Stuttgartern und ehemaligen Zwangsarbeitern. Im Zuge der Entsch\u00e4digungen durch die Stiftung \u201eErinnerung, Verantwortung und Zukunft\u201c wurden 5,2 Milliarden Euro gezahlt. Dadurch meldeten sich viele ehemalige Zwangsarbeiter.<\/p>\n<p>Dennoch n\u00e4hert man sich nur langsam der Frage <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.filmprojekt-zwangsarbeit-bei-bosch-magdalenas-sehnsucht-nach-der-schule.d6bb1f7c-c2d3-4c73-a98c-437452c9bebb.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eWas waren das f\u00fcr Menschen?<\/a>\u201c Die Deutschen wollten schnell vergessen, und in den Heimatl\u00e4ndern speziell im Osten galten die Heimkehrer als verd\u00e4chtig. Viele ehemalige Zwangsarbeiter landeten zuhause in Infiltrationscamps, sie galten als Kollaborateure. Deshalb schwiegen sie lieber \u00fcber ihr Schicksal.<\/p>\n<p>Anders als in anderen St\u00e4dten sind in Stuttgart die Ausweispapiere der Arbeiter vernichtet worden. Immerhin gibt es eine \u201eGr\u00e4berliste f\u00fcr \u00f6ffentlich gepflegte Gr\u00e4ber\u201c auf den Stuttgarter Friedh\u00f6fen von 1969. Diese erste Liste von glich man mit den Arolsen Archiven ab, das war fr\u00fcher der Internationale Suchdienst. So tastete man sich heran. Und fand heraus, dass Anatol Bedoronko im \u201eRussenlager\u201c in Vaihingen im M\u00e4rz 1945 geboren wurde und zwei Monate sp\u00e4ter an Lungenentz\u00fcndung starb. Dass Adam und Petro Drosd bei einem Bombenangriff starben. In den Lagern gab es keine Schutzr\u00e4ume, allenfalls selbst ausgehobene Splittergr\u00e4ben. \u201eVollst\u00e4ndige Zerrei\u00dfung\u201c, lautete die offizielle Todesursache. <\/p>\n<p> Auch in der R\u00f6merschule lebten Zwangsarbeiter <\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich hofft man nun, dass durch die Karte und die Webseite sich Menschen melden. Angeh\u00f6rige, wie jene Australierin, die auf den Spuren ihres Vaters nach Stuttgart kam. Der Papa war Kriegsgefangener aus Holland, der in Stuttgart unter Zwang arbeiten musste und sp\u00e4ter nach Australien auswanderte. Und Erinnerungen von Stuttgartern, auch Fotos wom\u00f6glich. Denn die verbl\u00fcffende Erkenntnis dieser Recherche ist: Die Zwangsarbeiter waren \u00fcberall in der Stadt untergebracht. Lager wie auf der Schlotwiese oder entlang der Pragstra\u00dfe. Aber auch in Gasth\u00f6fen. Und in Schulen. Die standen leer, weil die heimischen Kinder 1943 aufs Land geschickt worden waren. Weg von den Bomben. Und viele dieser Schulen gibt es noch. Etwa die R\u00f6merschule. Oder die Grundschule Ostheim. \u201eMein Sohn ging auf diese Schule\u201c, sagt Stingele, \u201eund ich habe erst jetzt erfahren, dass dort Zwangsarbeiter untergebracht waren.\u201c<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.d9ecc37a-3408-4f79-9c01-cdc62c54664b.original1024.media.jpeg\"\/>     Die Lager der Firma   <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Mahle\" title=\"Mahle\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mahle<\/a>, entlang der Pragstra\u00dfe. Sie ziehen sich bin hin zur Wilhelma.    Foto: Nara    <\/p>\n<p>200 Orte sind es, von denen man bis jetzt wei\u00df. Es werden mehr werden, da ist man sich sicher. Noch hat man die Fragebogen nur oberfl\u00e4chlich ausgewertet, die das Stadtarchiv bis 2002 an ehemalige Zwangsarbeiter geschickt hatte. Die Geschichten \u00e4hneln sich. Sie wurden verschleppt, in G\u00fcterwaggons gepfercht, kamen am Hauptbahnhof an. Firmeninhaber tauchten auf, deuteten mit dem Finger auf die Ank\u00f6mmlinge: \u201eDu! Du! Du!\u201c Harte Arbeit, wenig Essen, Willk\u00fcr, Tod.<\/p>\n<p>Wenige Spuren gibt es nur noch. Deckungsgr\u00e4ben im Lager Haldenwies in M\u00f6hringen, die Splittergr\u00e4ben auf der Schlotwiese in Zuffenhausen oder den Absperrzaun bei Kreidler. Immerhin, es gab erste Versuche des Erinnerns. Stolperschwellen in Zuffenhausen etwa. Oder die Aktionen von Marcel Folmeg, der ehemalige Lager auf dem Pflaster markierte. Bisher durfte er dies nur mit abwaschbarer Farbe tun. Nun will man anregen, diese Signets dauerhaft anzubringen. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.f54703a0-6fe5-40de-b886-f19b01aa30c9.original1024.media.jpeg\"\/>     Die ehemalige Zwangsarbeiterin Nina Smirnowa Isajewa: Sie wurde aus Leningrad verschleppt, arbeitete in einer Fabrik in Bad Cannstatt. Sie \u00fcberlebte den Krieg, kehrte in die Sowjetunion zur\u00fcck.    Foto: Memorial    <\/p>\n<p>Und man m\u00f6chte analog zum <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Hotel_Silber\" title=\"Hotel Silber\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hotel Silber<\/a> einen zentralen Ort der Erinnerung an die Zwangsarbeit schaffen. Etwa beim Alten Schloss. Oder im Bahnhofsturm, so die Idee. Sollte Stuttgart 21 irgendwann mal fertig sein, w\u00e4ren die R\u00e4ume frei. Und die Bahn war ja nun tief verstrickt in die Verbrechen des Dritten Reiches. \u201eEin solcher Ort ist \u00fcberf\u00e4llig\u201c, finden die Aktiven der Initiative. Damit keiner mehr sagen kann: Nie gesehen! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist eine offene Wunde der Stadtgeschichte: 40.000 Zwangsarbeiter schufteten in Stuttgart w\u00e4hrend des Dritten Reichs. 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