{"id":722060,"date":"2026-01-16T05:44:12","date_gmt":"2026-01-16T05:44:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/722060\/"},"modified":"2026-01-16T05:44:12","modified_gmt":"2026-01-16T05:44:12","slug":"22-jaehrige-stuttgarterin-erzaehlt-wie-ueberlebt-man-als-strassenkind-oft-ass-rebecca-nur-geschenkte-kekse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/722060\/","title":{"rendered":"22-j\u00e4hrige Stuttgarterin erz\u00e4hlt: Wie \u00fcberlebt man als Stra\u00dfenkind? Oft a\u00df Rebecca nur geschenkte Kekse"},"content":{"rendered":"<p>Rebecca kommt mit dem E-Roller zum Treffpunkt. Vor dem Schlupfwinkel im Stuttgarter S\u00fcden, einer Einrichtung f\u00fcr wohnungslose junge Menschen von Evangelischer Gesellschaft und Caritas Stuttgart, stehen Jugendliche und rauchen. Rebecca umarmt zwei von ihnen, dann dr\u00fcckt sie die T\u00fcr auf zu dem Ort, der als Kind zur Zuflucht f\u00fcr sie wurde. In einem Raum im ersten Stock, der f\u00fcr Therapiegespr\u00e4che genutzt wird, nimmt die 22-j\u00e4hrige Stuttgarterin Platz. Sie will erz\u00e4hlen, wie es dazu kam, dass sie vor zehn Jahren Stra\u00dfenkind wurde. <\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teddyb\u00e4r lehnt an der Wand, im Regal liegt ein braunes Stofftier mit einem langen gebogenen Zahn. \u201eDas Gr\u00fcffelo gab es schon fr\u00fcher\u201c, sagt Rebecca. Nachher wird sie es f\u00fcr ein Foto in den Arm nehmen. Ein auff\u00e4lliges Armband nimmt sie daf\u00fcr ab. Sie erz\u00e4hlt sehr offen, aber sie m\u00f6chte nicht erkannt werden. <\/p>\n<p>Die Nachbarn meldeten die Familie dem Jugendamt  <\/p>\n<p>Es gibt viele Wendepunkte in Rebeccas Leben. Der erste ist die Trennung ihrer Eltern. Rebecca stand damals kurz vorm Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium, als ihre Mutter mit der Tochter und dem kleinen Sohn auszog, weil sie es nicht mehr aushielt. \u201eMein Vater hat immer viel konsumiert, es war schwierig\u201c, sagt Rebecca. In einer ihrer ersten Kindheitserinnerungen sitzt sie in seinem Arbeitszimmer auf seinem Bein \u2013 \u201eauf dem anderen Schenkel hatte er eine Bong\u201c, eine Wasserpfeife, mit der man Haschisch raucht. Als selbstst\u00e4ndiger Unternehmer war er sein eigener Chef, niemand kontrollierte, ob er Drogen nahm oder Alkohol trank. Auch nach der Trennung kehrte keine Ruhe ein. Der Vater habe die Mutter bedroht und mehrfach versucht, in die Wohnung zu kommen. Ihre Mutter fing an zu trinken. Und wenn sie betrunken war, wurde es oft laut. Irgendwann meldeten die Nachbarn die Familie dem Jugendamt. \u201eDabei ist nie etwas passiert!\u201c<\/p>\n<p>Bis vor elf Jahren eben doch etwas passierte. Rebecca hat die Szenerie noch genau vor Augen: Ihre Mutter sa\u00df in der K\u00fcche auf dem Boden, ein Messer in der Hand. Die Tochter rief nach ihr, doch \u201esie war nicht richtig ansprechbar\u201c. Ihr Vater habe bereits einen Schlaganfall gehabt. \u201eIch dachte, sie hat auch einen Schlaganfall.\u201c Die Elfj\u00e4hrige w\u00e4hlte den Notruf. Pl\u00f6tzlich sei ihre Mutter mit dem Messer auf sie zugelaufen. Rebecca schnappte sich ihren vierj\u00e4hrigen Bruder und schloss sich mit ihm im Bad ein.<\/p>\n<p>Pflegevater schl\u00e4gt den Bruder \u2013 Rebecca rastet aus  <\/p>\n<p>R\u00fcckblickend sei es richtig gewesen, dass das Jugendamt sie beide damals in Obhut genommen habe. \u201eAber wir wollten nicht weg.\u201c Sie f\u00fchlte sich schuldig \u2013 und war es in den Augen der Mutter auch: \u201eDu hast die Familie kaputt gemacht!\u201c Der Vorwurf der Mutter wirkt bis heute nach. Die Pflegefamilie half Rebecca damals nicht in ihrer Not. Das M\u00e4dchen brauchte ein Ventil und begann, sich zu ritzen. Mit den Pflegeeltern gab es deshalb Streit. Dann habe der Pflegevater auch noch ihren kleinen Bruder mit dem Wischmopp geschlagen. Da ist Rebecca ausgerastet. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.00ff22b0-6ffe-45ac-b23d-feceee25e224.original1024.media.jpeg\"\/>     Rebecca mit dem Gr\u00fcffelo.    Foto: Viola Volland    <\/p>\n<p>Das Jugendamt brachte sie diesmal in einer Inobhutnahmestelle in der Region Stuttgart unter \u2013 f\u00fcr sie ein \u201eOrt voller Gewalt\u201c. Einmal bekam sie mit, dass ein Jugendlicher aus dem Fenster sprang. Lange hielt sie es nicht in der Einrichtung aus. Gemeinsam mit einer \u00e4lteren Mitbewohnerin, die nach Stuttgart wollte, lief sie weg. Die beiden schlossen sich einer Gruppe Punks an, die auf der Stra\u00dfe lebten. <\/p>\n<p>Es gibt nur Sch\u00e4tzungen, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland wohnungslos oder gar obdachlos sind. Nach einer Erhebung des Deutschen Jugendinstituts von vor zehn Jahren gibt es rund 37\u2009000 Stra\u00dfenjugendliche in Deutschland, davon seien rund 7500 minderj\u00e4hrig. Die Off-Road-Kids-Stiftung geht davon aus, dass inzwischen sogar rund 44\u2009000 Menschen zwischen 14 und 27 Jahren von Obdachlosigkeit bedroht sind, darunter knapp 10\u2009000 Minderj\u00e4hrige. <\/p>\n<p> Rund 100 Jugendliche kommen jedes Jahr neu in den Schlupfwinkel <\/p>\n<p>So jung wie Rebecca landet aber in Deutschland kaum ein Kind auf der Stra\u00dfe. \u201eIch war immer die J\u00fcngste\u201c, erz\u00e4hlt sie. Viele in ihrem Umfeld seien 10 bis 20 Jahre \u00e4lter gewesen als sie. Auch im Stuttgarter Schlupfwinkel suchen nur \u00e4u\u00dferst selten derart junge M\u00e4dchen die Einrichtung auf. Ab 14 Jahren gehe es los, berichtet die bei der Evangelischen Gesellschaft zust\u00e4ndige Bereichsleiterin Sonja Hagenmayer, der Gro\u00dfteil sei 16 und \u00e4lter. <\/p>\n<p>Pro Jahr k\u00e4men 200 bis 300 Personen zu ihnen, darunter rund 100 neue Jugendliche. Der Durchlauf sei gro\u00df. Die meisten seien \u201eSofahopper\u201c , die sich von einem Sofa zum n\u00e4chsten hangelten, vom Erscheinungsbild s\u00e4hen sie \u201esehr angepasst\u201c aus \u2013 anders als Rebecca. Ihr sieht man bis heute an, dass sie aus der Punkszene kommt. Im Schlupfwinkel k\u00f6nnen sie sich duschen, sich mit Hygieneartikeln und Kleidung ausstatten, sich aufw\u00e4rmen, Antr\u00e4ge ausf\u00fcllen, sich beraten lassen. Die meisten k\u00e4men leider erst dann, wenn die Lage hoffnungslos werde, so Hagenmayer. <\/p>\n<p> Dann hat sich \u201eniemand mehr interessiert, wo ich war\u201c  <\/p>\n<p>Rebecca erinnert sich noch daran, wie sie das erste Mal in der Schlosserstra\u00dfe in diesem Raum mit dem Gr\u00fcffelo sa\u00df. Das erste von vielen Malen. Damals trank sie schon. Alkohol sei all die Jahre ihr Hauptsuchtmittel gewesen. Das Trinken war ihr oft wichtiger als das Essen. Sie ern\u00e4hrte sich auf der Stra\u00dfe meist von dem, was sie geschenkt bekam \u2013 a\u00df als Vegetarierin auch D\u00f6ner. Oft habe es auch nur Kekse und Schokolade gegeben. Im Sommer schlief sie viel drau\u00dfen, sonst in Kellern, auch bei Freunden. In der ersten Zeit wurde sie immer wieder von der Polizei aufgegriffen und zum Jugendamt gebracht. Einmal kam sie in ein Heim in M\u00fcnchen und dort auf eine Hauptschule. Sie f\u00fchlte sich nicht wohl, war schulisch unterfordert \u2013 und wieder weg. <\/p>\n<p>Doch schlie\u00dflich, als sie 14, 15 Jahre alt war, habe sich \u201eniemand mehr daf\u00fcr interessiert, wo ich war\u201c. Das Berliner Jugendamt habe ihr zum Beispiel als Hilfe ein Ticket nach S\u00fcddeutschland angeboten. Sie lebte in Berlin, im Saarland, in einem Zelt im Hambacher Forst \u2013 \u201e\u00fcberall in Deutschland\u201c. <\/p>\n<p>Rebecca ist gerade auf der Suche nach einer Traumatherapie, um die Zeit auf der Stra\u00dfe und ihrer Kindheit aufzuarbeiten. \u201eDa ist super viel passiert, was auch nicht so gut war.\u201c Sie hat Schlafst\u00f6rungen, Panikattacken und regelm\u00e4\u00dfig Flashbacks: traumatische Erlebnisse holen sie immer wieder ein. <\/p>\n<p> Drei Jahre voller Entgiftungen und R\u00fcckf\u00e4lle  <\/p>\n<p>Eine gute Zeit war, als sie Ende 16 war. Da kehrte sie zur\u00fcck in die Region Stuttgart, zog zu \u201eder Person\u201c, in die sie sich verliebt hatte. Die Mutter \u00fcberreichte ihr sogar einen eigenen Schl\u00fcssel, ein \u201esehr sch\u00f6ner Moment\u201c. Anfangs sei es nicht leicht gewesen, in einem Zimmer zu schlafen. Dann genoss sie es. Sie brachte den M\u00fcll raus, half im Haushalt, trank wenig. Sie meldete sich mit 17 Jahren zur Schulfremdenpr\u00fcfung f\u00fcr den Hauptschulabschluss an. Ihr Schnitt: 2,0 \u2013 ohne Vorbereitung. <\/p>\n<p>Das Leben war gut. Doch dann, Monate sp\u00e4ter, zerbrach die Beziehung und auch etwas in ihr. Rebecca musste ausziehen, wechselte ins betreute Jugendwohnen nach Stuttgart. Sie verfiel wieder dem Alkohol, trank schnell \u201erichtig viel\u201c. Es folgten drei Jahre \u201evoller Entgiftungen\u201c, voller R\u00fcckf\u00e4lle. Einmal lag sie auf dem Boden, \u201ekotzte Galle\u201c in den Eimer und trank trotzdem weiter. Ein Freund sagte ihr, sie sei \u201edie krasseste Alkoholikerin\u201c, die er kenne. <\/p>\n<p> Ohne den j\u00fcngeren Bruder w\u00fcrde sie nicht mehr leben  <\/p>\n<p>Im Sp\u00e4tsommer 2024 kippte Rebecca einfach um. In der Klinik sagte ein Arzt zu der damals 21-J\u00e4hrigen: Ihr Herz sei durch den Alkohol gesch\u00e4digt und schwach. Wenn sie so weiter mache, k\u00f6nne es jeden Moment vorbei sein. \u201eIch muss mich aufraffen! Ich will noch so viele Dinge tun\u201c, habe sie da gedacht. Sie macht Kunst. Sie hilft gerne anderen. Und dann ist da ja noch ein Mensch, der ihr sehr viel bedeutet: \u201eIch bin der Anker f\u00fcr meinen kleinen Bruder.\u201c Ohne ihn, glaubt sie, w\u00fcrde sie nicht mehr leben. <\/p>\n<p>Seit September 2024 hat sie keinen Alkohol mehr getrunken. Im Januar 2025 h\u00f6rte sie auf zu rauchen, trinkt seither auch keinen Kaffee mehr. \u201eIch bin jetzt Straight Edge\u201c, sagt die 22-J\u00e4hrige. Der Lebensstil geht mit totaler Abstinenz einher. Ihr Teint ist frisch, die H\u00e4nde zittern nicht mehr, die Augenringe sind weg. <\/p>\n<p>Und noch etwas hat sich ge\u00e4ndert. Sie hat ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft \u2013 eines ganz f\u00fcr sich. Sie freut sich immer noch dar\u00fcber, wei\u00df alles an der Wohnung zu sch\u00e4tzen: ihr eigenes Bett, die Dusche, dass es einen Herd gibt, auf dem sie kochen kann, wann sie will. Dass sie ihre W\u00e4sche zu Hause waschen kann und nicht in eine Einrichtung laufen muss. \u201eIch muss nicht mehr jemanden fragen: Ey, kann ich bei dir duschen, kann ich etwas bei dir essen?\u201c Das sei \u201eso unangenehm\u201c gewesen. \u201eKrass entspannt\u201c f\u00fchle sich das neue Leben an: \u201eIch kann da einfach schlafen und muss mich nicht schlecht f\u00fchlen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Rebecca kommt mit dem E-Roller zum Treffpunkt. 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