{"id":724537,"date":"2026-01-17T04:44:13","date_gmt":"2026-01-17T04:44:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/724537\/"},"modified":"2026-01-17T04:44:13","modified_gmt":"2026-01-17T04:44:13","slug":"ein-roman-aus-der-mitteldeutschen-geschichte-des-13-jahrhunderts-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/724537\/","title":{"rendered":"Ein Roman aus der mitteldeutschen Geschichte des 13. Jahrhunderts \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Wie war es wirklich, im 13. Jahrhundert in der Leipziger Region zu leben und eigentlich keine Rechte zu besitzen, ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie zu stehen \u2013 so wie Ripert, der Sohn eines Pfarrers. Den es eigentlich nicht geben durfte, denn die Papstkirche hatte gerade erst den Z\u00f6libat f\u00fcr alle Pfarrer dekretiert. Sie durften nun nicht mehr heiraten. Und wenn sie Kinder zeugten, waren es \u2013 rechtlich gesehen \u2013 nicht einmal Bastarde. Ein echtes Thema f\u00fcr Joachim Oel\u00dfner, der das Mittelalter eben nicht mit Rittern und Turnieren glorifiziert.<\/p>\n<p>Ritter kommen trotzdem vor in seinem Roman, der praktisch in derselben Zeitspanne handelt, in der 1212 auch die Leipziger gegen den Mei\u00dfner Markgrafen rebellierten. Ein Ereignis, das Oel\u00dfner schon in seinem Roman<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2017\/07\/%e2%80%9eWas-soll-vergrabenes-Gold-%e2%80%9c-%e2%80%93-Der-Zankapfel-Lipsk-und-die-Fakenews-der-Maechtigen-185342\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eWas soll vergrabenes Gold\u201c<\/a> thematisierte.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/eb05819211c24e05ad7a2cb52de2ee4f.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/01\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/01\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Mit Ripert aber stellt er einen Helden in den Mittelpunkt, der schon durch seine blo\u00dfe Existenz die Vorurteile und Hierarchien seiner Zeit herausfordert. Und die Missgunst von M\u00e4chtigen, die sich gekr\u00e4nkt und herausgefordert f\u00fchlen durch die simple Tatsache, dass dieser Bursche nicht nur vom Vater Schreiben und Latein beigebracht bekam, sondern seine Talente ihn auch ins Zentrum mehrerer markanter Ereignisse r\u00fccken, in denen auf einmal Schriftkunde und Rechtswissen gefragt waren.<\/p>\n<p>Es ist zwar ein Roman, den Joachim Oel\u00dfner geschrieben hat \u2013 aber er rankt sich um unz\u00e4hlige belegte Ereignisse, die damals tats\u00e4chlich stattfanden.<\/p>\n<p>Und so \u00fcber\u00adrascht es auch nicht, dass reale Personen dieser Zeitepoche auftauchen \u2013 auch ein gewisser<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_von_Repgow\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Eike von Repgow<\/a>, der damals mit dem \u201eSachsenspiegel\u201c erstmals das g\u00fcltige Gewohnheitsrecht verschriftlichte.<\/p>\n<p>Aber auch die Giebichensteiner Grafen sind verb\u00fcrgt, die damals ein nicht unbetr\u00e4chtliches St\u00fcck Land dem Naumburger Stift \u00fcbereigneten. Genauso wie die Mei\u00dfner Markgrafen, die damals auch recht nachdr\u00fccklich daran gingen, ihren Landbesitz zu erweitern und auszudehnen. Dabei wurden sie auch in der Region an der Saale aktiv, wo auch ihre einstige Stammburg in Wettin stand.<\/p>\n<p>Stoff genug f\u00fcr schwere Konflikte, in denen dann auch die Bisch\u00f6fe von Naumburg und Merseburg ihre Rolle spielten. Nicht zu vergessen die schweren Konflikte auf Reichsebene, die 1208 in der Ermordung des K\u00f6nigs Philipp von Schwaben gipfelten, w\u00e4hrend die P\u00e4pste in Rom versuchten, in die deutsche Politik hineinzuregieren und die Macht der K\u00f6nige bzw. Kaiser zu untergraben, um die eigene Macht auszubauen.<\/p>\n<p>Der Ketzerj\u00e4ger<\/p>\n<p>Was macht da also der gebildete und talentierte Sohn eines Pfarrers im kleinen Dorf Sp\u00f6ren, nahe bei Z\u00f6rbig gelegen, aber auch nahe dem alten Gerichtsplatz Mettine, wo der wichtige Schenkungsakt der Giebichensteiner an das Stift Naumburg beurkundet wurde \u2013 unter Anwesenheit Eike von Repgows? Dass auch die Geschichte von Riperts Eltern voller Fragen ist, wird zu einem der F\u00e4den, die die Romanhandlung durchweben. Denn damit sind auch diese beiden b\u00f6sen Ger\u00fcchten und Verd\u00e4chtigungen ausgesetzt.<\/p>\n<p>Brandgef\u00e4hrlich in einer Zeit, in der die P\u00e4pste ihr Vorgehen gegen Ketzerei und H\u00e4resie versch\u00e4rften, jede Abweichung vom einzig richtigen (von Rom dekretierten ) Glauben mit Feuer und Schwert bek\u00e4mpften, gegen die Katharer einen blutigen Feldzug organisierten, die Inquisition ins Leben riefen und in ihrem Namen einen wilden Prediger und Ankl\u00e4ger durch die Lande ziehen lie\u00dfen, der wahllos Menschen der Ketzertei und Hexerei beshuldigte: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konrad_von_Marburg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konrad von Marburg.<\/a><\/p>\n<p>Ihm muss auch Ripert begegnen, nachdem er es geschafft hat, nicht nur die geachtete Position eines Verwalters zu erreichen und die sch\u00f6ne Vogtstochter Ura zu ehelichen. Denn Oel\u00dfner macht Konrad von Marburg zu einem nur zu willigen Werkzeug eines der beiden Giebichensteiner Grafens\u00f6hne, der seinen lebenslangen Neid auf den klugen Ripertus nicht begraben wollte.<\/p>\n<p>Womit die ganze Geschichte sehr gegenw\u00e4rtig wird. Denn was k\u00f6nnen b\u00f6swillige Menschen in einflussreichen \u00c4mtern \u2013 in diesem Fall eines Naumburger Domherren \u2013 eigentlich f\u00fcr Schaden anrichten, wenn sie einfach die F\u00fclle ihrer Macht nutzen, um einem niedriger stehenden Zeitgenossen mit allen Mitteln zu schaden?<\/p>\n<p>Einem Zeitgenossen, der auch noch mit dem Makel eines Kegels behaftet ist. Heute benutzen viele Leute ganz gedankenlos die Formel<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kind_und_Kegel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> \u201eKind und Kegel\u201c<\/a> und wissen nicht einmal, was der Begriff Kegel eigentlich bezeichnet. Dass sogar eine Kinderzeitschrift diesen Titel f\u00fchrt, ist geradezu peinlich und gedankenlos.<\/p>\n<p>Oel\u00dfner schildert sehr anschaulich und in immer neuen Konflikten, was es f\u00fcr Ripertus bedeutet, immer wieder als Kegel bezeichnet zu werden. Wie darin Abwertung und Ausgrenzung zum Ausdruck kamen und seine Feinde keine Gelegenheit auslie\u00dfen, ihn immer wieder auch \u00f6ffentlich als Kegel zu denunzieren. Wie zuvor erw\u00e4hnt: ein gef\u00e4hrlicher Zustand, seit die Papstkirche ihren Pfarrern das Heiraten verboten hat.<\/p>\n<p>Sehr heutige Motive<\/p>\n<p>Und der Hass der beiden Giebichensteiner Grafens\u00f6hne l\u00e4sst nicht nach, auch wenn es am Ende vor allem der zur Kirchenlaufbahn verdammte Theodoricus ist, der immer wieder neue Anschl\u00e4ge gegen Ripertus und Uta plant. Die am Ende tats\u00e4chlich zu einer tragischen Wendung f\u00fchren, als der fanatische Konrad von Marburg ins Spiel kommt.<\/p>\n<p>Ein Moment, der Ripert kurzzeitig sogar in die Reichsgeschichte f\u00fchrt, denn Oel\u00dfner l\u00e4sst ihn im Gefolge des Grafen<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_III._(Sayn)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Heinrich III. non Sayn<\/a> am Sendgericht in Mainz teilnehmen, wo Konrad von Marburg den Grafen der Ketzerei anklagt. Die drastische Wendung, die die Geschichte verzeichnet: Kurz darauf wird Konrad von Marburg ermordet. Indem er die weltlichen M\u00e4chtigen angriff, hatte er sein Blatt \u00fcberreizt.<\/p>\n<p>Oel\u00dfner nimmt seine Leser also mit in eine Zeitepoche, die voller markanter Ereignisse war, in denen sich selbst unsere heutige zerrissene Gegenwart spiegelt. Auch wenn es offiziell keine Kegel mehr gibt und das Recht sich \u00fcber die Jahrhunderte deutlich ausdifferenziert hat. Aber Missgunst, Bosheit und Neid sind so lebendig wie eh und je.<\/p>\n<p>Und so mancher erlebt \u2013 wie Ripertus \u2013 wie schwer es einem gemacht wird, der von ganz unten in eine Position aufsteigen m\u00f6chte, die seinen F\u00e4higkeiten entspricht. Da kommt er an allen Ecken und Enden mit Neid, Ausgrenzung und Verachtung in Ber\u00fchrung. Und muss jederzeit f\u00fcrchten, dass ihm M\u00e4chtigere trotzdem den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegziehen.<\/p>\n<p>Geld, Stand und Macht<\/p>\n<p>Es scheint eben nur ein historischer Roman zu sein, der in eine Welt entf\u00fchrt, die in den \u00fcblichen Mittelalterromanen selten gestreift wird. Aber es spiegelt sich eben auch das Gef\u00fchl der Gegenwart darin, dass einem nichts geschenkt wird in einer Welt, in der allein Geld, Stand und Macht z\u00e4hlen. Und eben nicht Talente, K\u00f6nnen und der Wunsch, einfach ein friedliches Leben leben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die Leser werden im Buch ein St\u00fcck jener Landschaft entdecken, die damals das Gebiet rechts und links der Saale pr\u00e4gte. Mit dem beginnenden Dombau in Naumburg und der Etablierung jener Machtstrukturen, die das Land f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrhunderte pr\u00e4gen sollten.<\/p>\n<p>Aber da Ripertus zum Gehilfen eines Vogtes wird, lernt man auch gleich noch die Verwaltungsstrukturen der damaligen D\u00f6rfer kennen und die Konflikte zwischen den alteingesessenen slawischen Bauern und den neuen Siedlern aus Sachsen, Franken, Schwaben usw., die sich alle miteinander arrangieren mussten. Auch das Stoff f\u00fcr jede Menge Auseinandersetzungen. Aber es erinnert eben auch an die Herkunft der heutigen Bewohner dieser Region, die sich oft gar nicht mehr an diese vielf\u00e4ltige Herkunft ihrer Vorfahren erinnern.<\/p>\n<p>Mal vom harten Leben ihrer Vorfahren in dieser Zeit ganz abgesehen, die in der Regel \u2013 anders als Ripertus \u2013 kaum einmal das Umfeld ihres Dorfes verlassen konnten, in dem sie ihre Felder bebauten (vielleicht sogar schon mit Pferdepflug), Kinder bekamen und starben. Und wo V\u00f6gte und Pfarrer die Respektspersonen waren, die das Leben im Dorf bestimmten. Im Guten wie im Schlechten.<\/p>\n<p>Und nicht immer schriftkundig wie Ripertus, der in seinen Schreibkenntnissen die Chance erkannte, in einer zusehends vom Schriftlichen bestimmten Zeit seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.<\/p>\n<p><strong>Joachim Oel\u00dfner \u201eKegel Ripertus. Ein Leben im 13. Jahrhundert\u201c<\/strong>, Oeverbos Verlag, Leipzig 2025, 23 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie war es wirklich, im 13. 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