{"id":72703,"date":"2025-04-30T08:09:08","date_gmt":"2025-04-30T08:09:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/72703\/"},"modified":"2025-04-30T08:09:08","modified_gmt":"2025-04-30T08:09:08","slug":"kleine-engel-in-duesseldorf-ist-versoehnendes-zu-erkennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/72703\/","title":{"rendered":"Kleine Engel in D\u00fcsseldorf \u2013 Ist Vers\u00f6hnendes zu erkennen?"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img304983\" src=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/img\/jpeg\/640\/304983\" alt=\"Arbeitet an kleinen und kleinsten Formaten, um das zu verarbeiten, was unbegreiflich ist: Bracha Lichtenberg Ettinger\"\/><\/p>\n<p>Arbeitet an kleinen und kleinsten Formaten, um das zu verarbeiten, was unbegreiflich ist: Bracha Lichtenberg Ettinger<\/p>\n<p>Foto: Wikipedia<\/p>\n<p>Der Kulturbetrieb ist Schauplatz von Konflikten. Absagen sind allt\u00e4glich geworden. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Boykottaufrufe, Petitionen und Protestaktionen. Da ist es schon eine gute Nachricht, wenn K\u00fcnstler*innen versuchen, verst\u00e4rkter Polarisierung entgegenzuwirken. Die israelische Psychoanalytikerin, Philosophin und K\u00fcnstlerin Bracha Lichtenberg Ettinger entschied sich bewusst gegen ihren vor langer Zeit gefassten Entschluss, nicht in Deutschland auszustellen und ihre Werke nun im D\u00fcsseldorfer K21 zu zeigen. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 war sie aus der Findungskommission der Documenta 16 zur\u00fcckgetreten, um einen Moment innezuhalten und zu trauern. Die 1948 \u2013 noch vor der Staatsgr\u00fcndung Israels \u2013 in Tel Aviv geborene Friedensaktivistin engagiert sich in Menschenrechtsorganisationen wie Physicians for Human Rights, Women Wage Peace oder dem Palestinian-Israeli Forum of Bereft Families f\u00fcr gleiche Rechte von Israelis und Pal\u00e4stinenser*innen. Sie geh\u00f6rt zu jenen Stimmen, die sich f\u00fcr ein sofortiges Ende des Krieges in Gaza starkmachen, die jedoch kaum Geh\u00f6r finden.<\/p>\n<p>\u00bbWie die Dichterin kann die K\u00fcnstlerin in ihrer Kunst mit jedem Pinselstrich nur den Boden der Welt fegen, w\u00e4hrend und im Nachgang jeder Katastrophe, in der Hoffnung auf etwas Licht\u00ab, glaubt Lichtenberg Ettinger und macht sich dieses Privileg der Ruhe und des Innehaltens zu eigen. Malerei l\u00e4sst sich demnach zuallererst als pers\u00f6nliche Praxis der Selbstsorge oder therapeutische \u00dcbung verstehen. Zu denken gibt die betonte Allt\u00e4glichkeit dieser k\u00fcnstlerischen Selbstbeschreibung. Stoisch arbeitet die K\u00fcnstlerin \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume an kleinen und kleinsten Formaten, um das zu verarbeiten, was unbegreiflich ist.<\/p>\n<p>Dies ist den Collagen, Aquarellen, Skizzen und der Malerei auf Leinwand deutlich anzusehen. Die Palette ist \u00fcber die Jahre immer heller und leuchtender geworden. Daran l\u00e4sst sich eine Entwicklung erkennen, konturierte Werkphasen, wie bei anderen K\u00fcnstler*innen, die souver\u00e4n \u00fcber ihr Material und ihre k\u00fcnstlerischen Mittel verf\u00fcgen, jedoch nicht. Lichtenberg Ettinger setzt immer wieder neu an, als ginge es darum, herauszufinden, welche Darstellungsm\u00f6glichkeiten \u00fcberhaupt vorstellbar sind. Anstelle von Kunstwerken, die alles in eine stimmige kompositorische Ordnung bringen, treten Momente des Innehaltens, die etwas auf der Bildfl\u00e4che stehen lassen. Kunstbetrachtung wird somit zu einem Prozess der Einf\u00fchlung. Klassische kunsthistorische Fragen, nach der Stimmigkeit des Bildaufbaus, der Malweise, dem Materialeinsatz oder der Bedeutung einzelner Bildelemente r\u00fccken dabei in den Hintergrund. Es entsteht Raum f\u00fcr Assoziationen.<\/p>\n<p>Wo Landschaften, K\u00f6rper, Formen und dergleichen gesehen werden k\u00f6nnen, verfl\u00fcchtigen sie sich auch wieder. Die Asche und der photoskopische Staub, den die K\u00fcnstlerin \u2013 auch im psychoanalytischen Sinne \u2013 verarbeitet, wird bedeckt von unz\u00e4hligen Farbschichten, die sich wie Firnis, Patina oder Schleier dar\u00fcberlegen. Alles erscheint behutsam eingeh\u00fcllt, nicht, um es zu verbergen, sondern um es zu ber\u00fchren, festzuhalten und zu sch\u00fctzen, wo die Erinnerungen allzu fl\u00fcchtig ist. Wenige emotional aufw\u00fchlende Fragmente aus B\u00fcchern, Familienfotos, Luftaufnahmen werden immer wieder herangezogen. Szenen, wie eine Gruppe entkleideter Frauen mit Kindern vor der Exekution durch SS-Truppen, die Eltern beim Spaziergang durch das j\u00fcdische Ghetto in Lodz oder milit\u00e4rische Luftaufnahmen des heutigen Pal\u00e4stina aus dem Ersten Weltkrieg, aufgenommen von deutschen Soldaten des Kaiserreiches. In einer fr\u00fchen Phase legte die K\u00fcnstlerin diese Bilder auf den Fotokopierer, unterbrach die Belichtung, verwischte die Spuren der unvollendeten Reproduktion, unterbrach die Mechanik der Erinnerung.<\/p>\n<p>Kunstwerk des Monats<\/p>\n<p>F\u00fcr Goethe ist die Kunst \u00bbeine Vermittlerin des Unaussprechlichen\u00ab. Was ist daran bewegend, was politisch? Das erkl\u00e4ren wir an einem aktuellen oder historischen Beispiel: Das Kunstwerk des Monats.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte sie sich auch an etwas erinnern, was ihr Erinnerungsverm\u00f6gen \u00fcbersteigt, transgenerationale Traumata, die sich mit fortw\u00e4hrender Gewalt verkn\u00fcpfen? Dieser k\u00fcnstlerische Prozess ist h\u00f6chst belastet durch die Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Es kann nicht darum gehen, \u00bbden Horror in Bildern zu erfassen\u00ab, schrieb <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1174568.populaere-theorie-jacques-ranciere-unendliches-unvernehmen.html?sstr=Jacques|Ranci\u00e8re\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jacques Ranci\u00e8re<\/a> \u00fcber \u00bbGeschichtsbilder\u00ab (2013), \u00bbsondern das zu zeigen, was eben gerade kein \u203anat\u00fcrliches\u2039 Bild hat, die Unmenschlichkeit, den Prozess einer Negation der Menschlichkeit.\u00ab Er widersprach damit dem vielfach falsch zitierten Satz von Theodor W. Adorno, demzufolge nach Auschwitz keine Kunst mehr m\u00f6glich sei. Nach Ranci\u00e8re kommt Kunst vielmehr die Aufgabe zu, \u00bbetwas Unsichtbares zu zeigen [\u2026] da sie allein in der Lage ist, das Unmenschliche sinnlich sp\u00fcrbar zu machen.\u00ab<\/p>\n<p>Aber wie kann das gehen? Wie soll das aussehen? Viele K\u00fcnstler*innen haben dies auf einf\u00fchlsame, schockierende oder h\u00f6chst fragw\u00fcrdige Art und Weise versucht. Lichtenberg Ettingers Bilder zielen jedoch nicht darauf, die Katastrophe, das Unmenschliche, das Grauen zur Darstellung zu bringen. \u00bbKunst die mich interessiert\u00ab, sagt sie, \u00bbgeht in Liebe vor, im Vertrauen in die menschliche F\u00e4higkeit, Wut und Schmerz sublimierend zu z\u00fcgeln und zu vermitteln und die Tr\u00fcmmer, die \u00dcberreste der Gewalt mittels einer neuen Form umzuwandeln, die \u2013 durch das, was man ihre Sch\u00f6nheit nennt und was ihre Wahrheit ist \u2013 den Wunsch hervorruft, sich dem anderen in Hingabe, die \u00fcber Mitgef\u00fchl hinausgeht [compassion \u2013 beyond-empathphy] f\u00fcrtragend zuzuwenden.\u00ab<\/p>\n<p>In diesen Worten ist die Psychotherapeutin zu vernehmen, die sich einer k\u00fcnstlerischen Selbstsorge unterzieht, um nicht zu verbittern. Ihre Kunst verspricht \u00bbm\u00fctterliche Heilung, wenn sie allen Widerst\u00e4nden zum Trotz die menschlichen F\u00e4higkeiten des Staunens, der Ehrfurcht und der Hingabe herbeifleht, w\u00e4hrend sie sich um das Leid der Anderen sorgt und die Last der Welt und ihrer Erinnerung tr\u00e4gt.\u00ab Dagegen ist schwer etwas zu sagen, auch wenn die auferlegte B\u00fcrde untragbar erscheint. Offenes Staunen kann der Anfang einer intensiven Besch\u00e4ftigung, vielleicht sogar eines offenen Gespr\u00e4chs sein. Es kann aber auch \u00fcberw\u00e4ltigen, verstummen lassen und entwaffnen, wo es absolut gesetzt wird.<\/p>\n<p>Kunst wird in den philosophischen Schriften Lichtenberg Ettingers als \u00bb\u00e4sthetische proto-ethischer matrixialer (matricialer) Raum\u00ab vorgestellt, in dem sich der \u00dcbergang vom Sinnlosen zu neuem Sinn vollziehe, der das Sinnlose nicht erkl\u00e4re, sondern ein Gef\u00fchl der Verbundenheit entstehe. Den Betrachter*innen ihrer Kunst verlangt dies sehr viel ab, angesichts der realen Erfahrungen von Krieg und Gewalt. Ob es dennoch gelingen kann, in der Kunst von Bracha Lichtenberg Ettinger etwas gegen alle Widerst\u00e4nde Vers\u00f6hnendes zu erkennen, ist die gewichtige Frage, die sie ihren Betrachter*innen stellt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Bracha Lichtenberg Ettinger: \u00bbEngel des F\u00fcrtragens\/Angel of Carriance\u00ab bis 31. August im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in D\u00fcsseldorf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Arbeitet an kleinen und kleinsten Formaten, um das zu verarbeiten, was unbegreiflich ist: Bracha Lichtenberg Ettinger Foto: Wikipedia&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":72704,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1831],"tags":[3364,29,3405,30,411,6000,1209],"class_list":{"0":"post-72703","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-duesseldorf","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-duesseldorf","11":"tag-germany","12":"tag-israel","13":"tag-nahost","14":"tag-nordrhein-westfalen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114425899548843122","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72703"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72703\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/72704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}