{"id":727137,"date":"2026-01-18T06:02:20","date_gmt":"2026-01-18T06:02:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/727137\/"},"modified":"2026-01-18T06:02:20","modified_gmt":"2026-01-18T06:02:20","slug":"agrarmesse-100-jahre-gruene-woche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/727137\/","title":{"rendered":"Agrarmesse \u2013 100 Jahre Gr\u00fcne Woche"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img316861\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/316861.jpeg\" alt=\"Traditionsreich und nicht zuletzt wegen der H\u00e4ppchen beim Publikum beliebt: die Gr\u00fcne Woche\"\/><\/p>\n<p>Traditionsreich und nicht zuletzt wegen der H\u00e4ppchen beim Publikum beliebt: die Gr\u00fcne Woche<\/p>\n<p>Foto: dpa\/Wolfgang Kumm<\/p>\n<p>Bereits Ende des 19.\u2005Jahrhunderts hielt die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Berlin ihre Wintertagung ab. Davor hatten Handwerk und Industrie ihre St\u00e4nde aufgebaut, \u00fcber die ganze Stadt verteilt fanden parallel Tierausstellungen, Reitturniere und Saatgutm\u00e4rkte statt. Um diesem ungeordneten Treiben Einhalt zu gebieten, veranstaltete das Berliner Messeamt 1926 zeitgleich zur Fachtagung erstmals eine Messe f\u00fcr landwirtschaftliche Maschinen und G\u00fcter. Dies war die Geburtsstunde der <a data-id=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1196801.gruene-woche-brandenburg-schmecken-und-anfassen.html\" data-type=\"link\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1196801.gruene-woche-brandenburg-schmecken-und-anfassen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gr\u00fcnen Woche<\/a>, die seitdem bis auf wenige Ausnahmen j\u00e4hrlich in den Messehallen am Berliner Funkturm stattfand.<\/p>\n<p>Bereits im ersten Jahr lockte sie 50\u2009000 Besucher*innen an. Dabei richtete sie sich von Anfang an nicht nur an Fachleute. \u00dcber 200\u2009000 Berliner*innen besa\u00dfen, laut Messe Berlin, damals einen Schrebergarten, wo sie Obst und Gem\u00fcse anbauten. \u00dcberhaupt war Berlin viel l\u00e4ndlicher gepr\u00e4gt als heute. Rund ein F\u00fcnftel seiner Fl\u00e4che war Agrarland. Innerhalb der Stadtgrenzen lebten 45\u2009000 Pferde, 25\u2009000 Schweine, 21\u2009000 Milchk\u00fche und \u00fcber eine halbe Million H\u00fchner, Enten und G\u00e4nse.<\/p>\n<p>Im ersten Jahr wurde auf der Gr\u00fcnen Woche ein vier Meter hoher Universalschlepper mit \u00fcbermannsgro\u00dfen eisernen Reifen und 100\u2005PS pr\u00e4sentiert. Neben den neuesten Landmaschinen gab es auf der Messe aber auch jede Menge Kuriosit\u00e4ten zu bestaunen: 1928 stellte Elektrolux einen Staubsauger zur Reinigung von Pferden vor. Nachfolgemodelle davon sind noch heute auf dem Markt. Weniger Erfolg hatte eine 1930 ausgestellte Eierfrischhaltemaschine: Indem sie immer im Kreis gedreht wurden, sollten darin 5000 Eier ein ganzes Jahr frisch bleiben.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>Das Gesicht der Gr\u00fcnen Woche wurde durch die jeweilige Epoche gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#8211;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Gesicht der Gr\u00fcnen Woche wurde durch die jeweilige Epoche gepr\u00e4gt. So vereinnahmten die Nazis sie w\u00e4hrend ihrer Herrschaft, um ihre Blut-und-Boden-Ideologie zu verbreiten, wie der Historiker Sven Schultze berichtet. \u00bbReichsbauernf\u00fchrer\u00ab Wilhelm Darr\u00e9 hielt dort seine Reden ebenso wie Propagandaminister Joseph Goebbels. Auf der Gr\u00fcnen Woche Anfang 1939 konnten die Messeg\u00e4ste in sogenannte Ern\u00e4hrungsuhren ihre Lieblingsgerichte eingeben und bekamen daf\u00fcr kalorien\u00e4rmere Alternativen genannt. Was wie eine technische Spielerei anmutete, diente, nach Einsch\u00e4tzung Schultzes, in Wahrheit dazu, sie bereits auf Krieg und Entbehrung vorzubereiten.<\/p>\n<p>Die erste Gr\u00fcne Woche der Nachkriegszeit fand 1948, w\u00e4hrend der Berlin-Blockade statt. \u00bbEs ging darum zu zeigen: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir haben die westlichen Alliierten hinter uns, aber Berlin kann sich auch selbst versorgen\u00ab, sagt Schultze, der seine Doktorarbeit \u00fcber die Landwirtschaftsmessen in West und Ost von 1948 bis 1962 geschrieben hat. Zwar wurde die Bev\u00f6lkerung Westberlins \u00fcber die Luftbr\u00fccke versorgt, aber es gab auch G\u00e4rtnereien, Nahrungsspeicher und G\u00e4rten. Lehrschauen sollten den Berliner*innen vermitteln, wie sie ihr eigenes Gem\u00fcse anbauen k\u00f6nnen. Aufsehen erregte in diesen Zeiten des Mangels ein rund 40\u2005Kilogramm schwerer K\u00fcrbis. Viele andere ausgestellte Lebensmittel waren nur aus Pappe.<\/p>\n<p>\u00dcber die Ortswahl der Messe hatte es lange Streit gegeben: Letztlich hatte sich der Vorsteher der Berliner Stadtverordnetenversammlung und sp\u00e4tere B\u00fcrgermeister West-Berlins, Otto Suhr (SPD), gegen die SED durchgesetzt. Die Gr\u00fcne Woche blieb in Berlin, w\u00e4hrend bei Leipzig eine Konkurrenzveranstaltung entstand.<\/p>\n<p>Im Zuge des Kalten Krieges avancierte die Gr\u00fcne Woche zum \u00bbSchaufenster des Westens\u00ab. Man stellte den technischen Fortschritt aber auch den \u00dcberfluss zu Zeiten des Wirtschaftswunders zur Schau \u2013 auch unter Beteiligung der Westm\u00e4chte: 1959 m\u00e4hte eine US-amerikanische Farmerin in einer Halle vor dem Messepublikum mit einer riesigen Erntemaschine ein Weizenfeld. In einer anderen war ein original US-amerikanischer Supermarkt aufgebaut.<\/p>\n<p>Einen gro\u00dfen Einschnitt stellte kurz darauf, 1961, der Mauerbau dar. Mit einem Mal stand die ganze Ausstellung infrage: Welchen Sinn hatte eine Landwirtschaftsmesse in einer abgeriegelten Stadt, zumal wenn mit den Ostdeutschen ein betr\u00e4chtlicher Teil des Publikums wegfiel? Die Gr\u00fcne Woche trat mit Erfolg die Flucht nach vorne an, indem sie sich internationaler ausrichtete. 1962 benannte sie sich in Internationale Gr\u00fcne Woche um.<\/p>\n<p>Von der zunehmenden Technisierung der Landwirtschaft zeugten 1964 ausgestellte Handfunkger\u00e4te von Philips, \u00fcber die zwischen Acker und Stall kommuniziert werden konnte, und ein 1966 aufgebautes zw\u00f6lf Meter hohes Turmgew\u00e4chshaus mit automatischem Aufzugsystem. Ziel dieser Erfindung \u2013 ein Vorl\u00e4ufer des heutigen Vertical Farming \u2013 war es, den Fl\u00e4chenverbrauch deutlich zu reduzieren, indem Gem\u00fcse \u00fcbereinander angebaut wird.<\/p>\n<p>Weitere geschichtliche Meilensteine waren die Wiedervereinigung und die EU-Osterweiterungen. Berlin r\u00fcckte damit ins Zentrum Europas, die Zahl der Aussteller*innen und Besucher*innen wuchs.<\/p>\n<p>Ab den 90er Jahren nahmen immer mehr Biobetriebe an der Gr\u00fcnen Woche teil. Einzelne Biost\u00e4nde hatte es schon fr\u00fcher gegeben. Aber erst 2002, mit Renate K\u00fcnast (Gr\u00fcne) als Bundesministerin f\u00fcr Landwirtschaft und Verbraucherschutz, entstand eine reine Biohalle. Anfangs verf\u00fcgte sie noch \u00fcber einen gro\u00dfen Bereich f\u00fcr lebende Tiere. \u00bbEs gab einen gro\u00dfen Mobilstall mit Biogefl\u00fcgel unter einem Netz\u00ab, erinnert sich Friedhelm von Mering, Teamleiter f\u00fcr Politik und Recht beim Bund f\u00fcr \u00d6kologische Lebensmittelwirtschaft. Au\u00dferdem fanden sich in der Halle St\u00e4nde von Berliner Biob\u00e4ckereien, bayrischen Biobrauereien und von Witty\u2019s Bio-Currywurst.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren stehen in der Biohalle neben Demeter, Bioland und Naturland zunehmend Handelsketten wie Aldi, Lidl und Edeka. Viele Biost\u00e4nde sind in die L\u00e4nderhallen abgewandert, weil es dort, anders als in der Biohalle, noch eine zentrale Koordination gibt. Andere kommen gar nicht mehr, weil schon im Februar die \u00bbBiofach\u00ab in N\u00fcrnberg stattfindet. Dieses Jahr wird es erstmals wieder eine reine Biohalle geben.<\/p>\n<p>Ein kleineres Jubil\u00e4um feiern dieses Jahr auch die Proteste gegen die Gr\u00fcne Woche: F\u00fcr den 17.\u2005Januar ruft ein B\u00fcndnis aus kleinb\u00e4uerlicher Landwirtschaft, Verbraucherschutz-, Tierschutz- und Umweltorganisationen zur 15.\u2005\u00bbWir haben es satt\u00ab-Demo nach Berlin auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Traditionsreich und nicht zuletzt wegen der H\u00e4ppchen beim Publikum beliebt: die Gr\u00fcne Woche Foto: dpa\/Wolfgang Kumm Bereits Ende&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":727138,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,1152,30,4615,1940,1938],"class_list":{"0":"post-727137","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-die-gruenen","14":"tag-germany","15":"tag-landwirtschaft","16":"tag-nachrichten-aus-berlin","17":"tag-news-aus-berlin"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115914587926134596","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/727137","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=727137"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/727137\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/727138"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=727137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=727137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=727137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}