{"id":727250,"date":"2026-01-18T07:17:13","date_gmt":"2026-01-18T07:17:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/727250\/"},"modified":"2026-01-18T07:17:13","modified_gmt":"2026-01-18T07:17:13","slug":"trost-traenen-und-tsatsiki-stuttgarter-stammtisch-fuer-verwitwete-mit-43-jahren-war-ich-ploetzlich-witwer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/727250\/","title":{"rendered":"Trost, Tr\u00e4nen und Tsatsiki: Stuttgarter Stammtisch f\u00fcr Verwitwete \u2013 \u201eMit 43 Jahren war ich pl\u00f6tzlich Witwer\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Eine Vereinsgastst\u00e4tte am Rande der Stadt, es ist Freitagabend kurz vor 19 Uhr. Eltern holen ihre Kinder vom Sportplatz ab, w\u00e4hrend G\u00e4ste einen Parkplatz suchen. Der Duft von Gegrilltem und aufdringlichem Flieder liegt in der Luft. Es ist Fr\u00fchsommer in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a>, bilderbuchhaft und warm. Alles bl\u00fcht, Leute lachen und suchen sich Sitzpl\u00e4tze auf der Terrasse. Michael Laabs sitzt schon im Hinterzimmer der Gastst\u00e4tte. Der 51-j\u00e4hrige Stuttgarter hat seine Frau verloren, als er 43 Jahre alt war. Sie starb v\u00f6llig \u00fcberraschend an einer Lungenembolie. <\/p>\n<p>\u201eMit 43 Jahren war ich pl\u00f6tzlich Witwer\u201c, erz\u00e4hlt er. Laabs ist bei der AWS angestellt und f\u00e4hrt Kehrmaschinen durch Stuttgart. Er ist gro\u00df, war mal der st\u00e4rkste Mann Baden-W\u00fcrttembergs und Deutscher Meister im Kraftdreikampf. Wie lernt man, von heute auf morgen, mit <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Trauer\" title=\"Trauer\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Trauer<\/a> umzugehen? Mit Mitte 40 so den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen zu bekommen, dass man nur noch taumelnd durchs Leben l\u00e4uft? Es ist immer zu fr\u00fch, oder? <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.90329787-1000-4fa6-a17e-88582ddc02a9.original1024.media.jpeg\"\/>     Michael Laabs organisiert den Stammtisch.    Foto: LICHTGUT\/Max Kovalenko    <\/p>\n<p>Michael l\u00e4chelt. Er hat eine beruhigende Ausstrahlung, die raumeinnehmend wie eine Gewichtsdecke alles zappelig Nerv\u00f6se um uns \u00fcberdeckt. Das Hinterzimmer des Griechen f\u00fcllt sich n\u00e4mlich so langsam. St\u00fchle werden ger\u00fcckt, Handtaschen platziert, \u00dcbergangsjacken aufgeh\u00e4ngt, erste Getr\u00e4nkebestellungen aufgegeben. Heute kommen um die 30 Witwen und Witwer zum monatlich stattfindenden Stammtisch, so Michael. Der Stuttgarter ist mit seinem Schicksal nicht alleine. <\/p>\n<p>Stammtisch f\u00fcr Verwitwete: R\u00fcstig ist hier niemand <\/p>\n<p>Aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge leben in Deutschland mehr als 600.000 Frauen und M\u00e4nner unter 60 Jahren, die ihre Ehepartner oder -partnerinnen durch Krankheit, einen Unfall oder Suizid verloren haben. Nicht ber\u00fccksichtigt sind Unverheiratete. Christine ist auch hier. Sie ist die neue Partnerin an Michaels Seite und organisiert mit ihm den Stammtisch, der jeden ersten Freitag im Monat in einem anderen Lokal in Stuttgart und der Region stattfindet. Christines Mann starb 2016 an einem Herzinfarkt, nur sechs Monate vor Michaels Frau Karin. <\/p>\n<p>Nach einem TV-Bericht im vergangenen Jahr sei die Zahl der Mitglieder in die H\u00f6he geschnellt, berichten die beiden. Etwa 70 Witwen und Witwer seien inzwischen registriert, zu den Stammtischtreffen kommen jedes Mal um die 30 Leute, die zwischen 40 und 60 Jahre alt sind. \u201eEinige sind schon seit l\u00e4ngerer Zeit Teil der Gruppe, w\u00e4hrend andere ihren Partner erst vor wenigen Monaten verloren haben\u201c, erz\u00e4hlt Laabs. <\/p>\n<p> Die Gruppe organisiert sich \u00fcber einen Whatsapp-Channel, der in der Zwischenzeit auch einige Untergruppen enth\u00e4lt. \u201eEinige von uns treffen sich auch in kleineren Gruppen, um zum Beispiel wandern zu gehen\u201c, sagt Micheal. R\u00fcstig ist hier \u00fcbrigens niemand. Die Altersspanne bewegt sich zwischen Ende 30 bis 60 Jahren. \u201eEin Mensch, der in jungen Jahren verwitwet, ben\u00f6tigt eine andere Art der Unterst\u00fctzung als jemand im Alter von 70 oder 80 Jahren\u201c, erkl\u00e4rt Michael Laabs. Wer mit 40 oder 50 Jahren an einem Trauerkreis teilnimmt, in dem vor allem \u00e4ltere Menschen vertreten sind, f\u00fchlt sich h\u00e4ufig nicht richtig aufgehoben \u2013 denn man steht in einer v\u00f6llig anderen Lebenssituation. \u201eDas harmoniert einfach nicht.\u201c<\/p>\n<p> \u201eWir sind kein Jammerverein\u201c <\/p>\n<p>Auch Lisa* hat heute wieder den Weg nach Stuttgart gefunden. Sie wohnt in der N\u00e4he von Pforzheim und wurde bei einer Trauerbew\u00e4ltigungskur auf die Gruppe aufmerksam gemacht. \u201eMan sitzt immer woanders und kommt leicht ins Gespr\u00e4ch\u201c, erz\u00e4hlt die 50-J\u00e4hrige, die vor drei Jahren ihren Mann verloren hat. Auch bei ihr ging es schnell. Sie fand Halt durch die Unterst\u00fctzung von Psychologen, musste aber zwei Jahre auf einen Kurplatz warten. Sie nimmt den weiten Weg aus Pforzheim gern auf sich und erz\u00e4hlt, dass andere noch l\u00e4ngere Anfahrtswege haben. \u201eEs gibt Verwitwete aus Bad Rappingen, Rottweil, Heilbronn, G\u00f6ppingen und vom Bodensee\u201c, erz\u00e4hlt Lisa, w\u00e4hrend das Essen serviert wird. <\/p>\n<p>Jetzt wird es zum ersten Mal kurz ruhig in dem Raum. Man muss n\u00e4mlich wissen, dass es hier sehr lebhaft zugeht und viel gelacht wird. \u201eEinige sind am Anfang geschockt, weil es hier zu lustig zugeht\u201c, sagt Michael und erkl\u00e4rt, dass Trauer ganz unterschiedlich ist. F\u00fcr manche sei es einfach zu fr\u00fch, die w\u00fcrden dann zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt wiederkommen, so der Organisator. \u201eEs flie\u00dfen auch Tr\u00e4nen\u201c, sagt Michael, der erg\u00e4nzt, dass aber meist mehr gelacht als geweint wird. \u201eWir sind kein Jammerverein.\u201c Derzeit nehmen mehr Frauen als M\u00e4nner an dem Stammtisch teil. Aus seiner Erfahrung heraus sagt Laabs: M\u00e4nner sprechen seltener offen \u00fcber ihre Trauer. Wor\u00fcber an diesem Abend aber alle sprechen, sind die aktuell unversch\u00e4mten Gastropreise, P\u00e4chterwechsel bei Ausflugslokalen und der schreckliche Stuttgarter Verkehr. <\/p>\n<p>   \u201eSchiebt nichts auf, macht es einfach!\u201c <\/p>\n<p>Einige hier sind seit zehn Jahren verwitwet, andere noch ganz frisch. Was sie alle eint, ist das gute Gef\u00fchl, das man hat, wenn man sich mit Gleichaltrigen austauschen kann, die \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht haben. \u201eWir haben eine gemeinsame Basis\u201c, sagt Klaus*, der nach dem <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Tod\" title=\"Tod\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tod<\/a> seiner Frau erst mal lernen musste, wie man die Waschmaschine bedient. Auch B\u00fcgeln hat der Mann mit Youtube-Videos gelernt. In seinem Bekanntenkreis h\u00e4tte er zwar am Anfang auch Halt gefunden, aber das Leben geht auch dort weiter. \u201eMan f\u00fchlt sich einfach verstanden, die anderen haben das Gleiche erlebt\u201c, so der 50-J\u00e4hrige. Lisa pflichtet ihm bei. \u201eSolange man nicht selbst betroffen ist, ist es schwierig zu verstehen.\u201c Gibt es etwas, dass sie jungen Paaren raten m\u00f6chte? \u201eJa, schiebt nichts auf\u201c, so Lisa, die gerade mit ihrer Mutter Japan bereist hat und schon die n\u00e4chsten Trips mit ihren beiden Kindern plant. \u201eEinfach machen und nicht warten.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Mai 2025.<\/p>\n<p> *Namen sind der Redaktion bekannt <\/p>\n<p> Kontakt zu Michael Laabs kann man per E-Mail unter\u00a0<b>vw-stammtisch@gmx.de <\/b> aufnehmen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Vereinsgastst\u00e4tte am Rande der Stadt, es ist Freitagabend kurz vor 19 Uhr. 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