{"id":727805,"date":"2026-01-18T12:38:11","date_gmt":"2026-01-18T12:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/727805\/"},"modified":"2026-01-18T12:38:11","modified_gmt":"2026-01-18T12:38:11","slug":"unrealistisch-bremer-forscher-zerpflueckt-plaene-fuer-moorschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/727805\/","title":{"rendered":"&#8222;Unrealistisch&#8220;: Bremer Forscher zerpfl\u00fcckt Pl\u00e4ne f\u00fcr Moorschutz"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-toplinewrapper\">\nInterview<\/p>\n<p>Standdatum: 18. Januar 2026.<\/p>\n<p>Autorinnen und Autoren:<br \/>\nAlexander Schnackenburg<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"image -image-with-fallback -image-rounded  lazyload\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhEAAJAIAAAP\/\/\/\/\/\/\/yH5BAEKAAEALAAAAAAQAAkAAAIKjI+py+0Po5yUFQA7\"   alt=\"\u00c4lterer Herr mit M\u00fctze h\u00e4lt einen Moosb\u00fcschel in die Luft\" data-image-owner=\"Jochen R\u00f6er\" data-image-title=\"\u00c4lterer Herr mit M\u00fctze h\u00e4lt einen Moosb\u00fcschel in die Luft\" data-image-src=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/joachim-blankenburg-100~_v-800x450_c-1767969938539.jpg\" data-image-rights-src=\"\/bilder\/joachim-blankenburg-100~_v-640x360_c-1767969938539.jpg\"\/><\/p>\n<p>Bild: Jochen R\u00f6er<\/p>\n<p class=\"article-intro\">Der Bund hat vor zwei Jahren Pl\u00e4ne f\u00fcr den Moorschutz verabschiedet. Doch die taugen nichts, sagt der Bremer Forscher Joachim Blankenburg. Er fordert eine Novelle.<\/p>\n<p>Gerade hat Joachim Blankenburg, langj\u00e4hriger Leiter des Geologischen Dienstes f\u00fcr Bremen, einen Brief an Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) geschrieben. Zusammen mit einem weiteren Moorexperten, mit Eberhard Masch aus Meppen, erkl\u00e4rt Blankenburg dem Minister darin, wieso er die <a target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.bmuv.de\/fileadmin\/Daten_BMU\/Pools\/Broschueren\/nationale_moorschutzstrategie_bf.pdf\" class=\"text-link\">Nationale Moorschutzstrategie<\/a> in wesentlichen Punkten f\u00fcr unrealistisch h\u00e4lt.\u00a0<\/p>\n<p>Dazu muss man wissen: F\u00fcnf Millionen Tonnen Kohlendioxid-\u00c4quivalente m\u00f6chte der Bund bis 2030 mit der Moorschutzstrategie einsparen. Bislang erreicht aber habe man lediglich 0,1 Millionen Tonnen, sagt Blankenburg. Woran das liegt und was nun zu tun ist \u2013 dar\u00fcber hat buten un binnen mit ihm gesprochen. <\/p>\n<p>Sie glauben, dass die Nationale Moorschutzstrategie in ihrer jetzigen Form zum Scheitern verurteilt ist. Warum?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Weil man die Landwirte damit nicht erreicht. Die Idee hinter der Strategie war einmal, dass die Landwirte freiwillig mitmachen, Fl\u00e4chen vern\u00e4ssen und anschlie\u00dfend etwa Schilf oder Rohrkolben anbauen. Aber das macht kaum einer.\u00a0<\/p>\n<p>Wo liegen die Fehler?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Zum einen m\u00fcssen die Landwirte f\u00fcr die Vern\u00e4ssung unglaublich komplizierte Antr\u00e4ge schreiben. Man braucht daf\u00fcr mehrere Gutachten. Das ist f\u00fcr eine einzelne Fl\u00e4che viel zu aufwendig.\u00a0<\/p>\n<p>Zum anderen rechnet es sich f\u00fcr die Landwirte nicht. Es gibt noch keine wirtschaftlich rentable Paludikultur, die vergleichbare Einkommen wie bei der Milchviehhaltung erreicht (eine Paludikultur ist ein Verfahren zur nassen Bewirtschaftung von Mooren, die Redaktion). Wenn ich so eine vern\u00e4sste Fl\u00e4che herrichten will mit Schilf oder mit Rohrkolben, muss ich die Fl\u00e4che pr\u00e4parieren. Dazu muss ich in der Regel etwas planieren und D\u00e4mme bauen. Ich ben\u00f6tige zus\u00e4tzliches Wasser und die entsprechenden wasserrechtlichen Genehmigungen.\u00a0Das kostet sehr viel Geld. Ohne hohe Zusch\u00fcsse kann kein Landwirt dies finanzieren. Zumal die Banken sofort die Schotten dicht machen, wenn sie das Wort &#8222;Wiedervern\u00e4ssung&#8220; h\u00f6ren. Die setzen den Fl\u00e4chenwert dann gleich bei Null an. <\/p>\n<p>Man wei\u00df ja auch tats\u00e4chlich nicht, ob der Umstieg auf Schilf und Rohrkolben funktioniert. Auf der Versuchsfl\u00e4che in Ganderkesee des Nieders\u00e4chsische Landesbetriebs f\u00fcr Wasserwirtschaft, K\u00fcsten und Naturschutz ist der Anbau von Schilf und Rohrkolben im Prinzip gescheitert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/renaturierung-moore-100~_v-512x288_c-1767954319194.jpg\" data-gallery-entry-for=\"moorschutzstrategie-kritik-blankenburg-bremen-100\" data-size=\"2560x1440\" class=\"text-link\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"image -image-with-fallback -image-rounded  lazyload\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhEAAJAIAAAP\/\/\/\/\/\/\/yH5BAEKAAEALAAAAAAQAAkAAAIKjI+py+0Po5yUFQA7\"   alt=\" Renaturierung und Wiedervern\u00e4ssung einstiger Meliorationsgebiete, Naturpark Flusslandschaft Peenetal\" title=\"Bild: Imago | imagebroker\" data-image-owner=\"Imago | imagebroker\" data-image-title=\" Renaturierung und Wiedervern\u00e4ssung einstiger Meliorationsgebiete, Naturpark Flusslandschaft Peenetal\" data-image-src=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/renaturierung-moore-100~_v-512x288_c-1767954319194.jpg\" data-image-rights-src=\"\/bilder\/renaturierung-moore-100~_v-640x360_c-1767954319194.jpg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Zeugnis von Renaturierung durch Verw\u00e4sserung im Naturpark Flusslandschaft Peenetal: In besiedelten Gebieten w\u00e4re das nicht denkbar.<\/p>\n<p>Bild: Imago | imagebroker<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte man die Moorschutzstrategie modifizieren, damit sie aufgeht?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Mit ein paar kleinen \u00c4nderungen ist es leider nicht getan. Die Strategie geht von falschen Voraussetzungen aus, die man aus kleinen Versuchen abgeleitet hat. So hei\u00dft es zur Vern\u00e4ssung, dass die Landwirte, um irgendwelche Antr\u00e4ge zu stellen, auch im Sommer Wasserst\u00e4nde einstellen sollten von lediglich zehn oder 20 Zentimetern unter Gel\u00e4nde (dicht unter der Erdoberfl\u00e4che, die Redaktion), also vergleichsweise sehr hohe Wasserst\u00e4nde. Das w\u00fcnscht man sich, damit der Torfschwund durch die Luftzufuhr minimiert wird und gleichzeitig kein \u00dcberstau entsteht.<\/p>\n<p>Doch das ist bodenphysikalisch nicht m\u00f6glich. Wir wissen aus vielen Vern\u00e4ssungsprojekten: Ich kann aufgrund der Ver\u00e4nderung der Torfe einen derartigen Wasserstand nicht gro\u00dffl\u00e4chig einstellen. Fr\u00fcher, in intakten Mooren, war der Torf wie ein gro\u00dfer Schwamm. Durch die Entw\u00e4sserung aber hat sich seine Struktur ver\u00e4ndert. Der Torf kann jetzt wesentlich weniger Wasser speichern, vielleicht noch halb so viel wie fr\u00fcher. Deshalb trocknet der Boden auch nach sehr nassen Wintern im Sommer aus. Der Wasserstand f\u00e4llt unweigerlich deutlich ab.\u00a0<\/p>\n<p>Das kann man nur verhindern, wenn man im Winter Wasser aufstaut, dass dann im Sommer langsam verdunstet. So machen wir das im Hochmoor. Bei den landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen, um die es hier geht, will man das aber nicht. Denn damit w\u00fcrde man ganze Siedlungen unter Wasser setzen.<\/p>\n<p>Information zum Thema<br \/>\nDie Nationale Moorschutzstrategie<\/p>\n<p>Die Nationale Moorschutzstrategie ist ein Plan der Bundesregierung, um Moorlandschaften zu sch\u00fctzen und wiederherzustellen. Dadurch soll der Aussto\u00df von Treibhausgasen\u00a0aus Moosen reduziert werden. Gleichzeitig soll die Artenvielfalt bewahrt und das Wassermanagement in der Landwirtschaft verbessert werden. Der Bund hat die Strategie im November 2022 verabschiedet.<\/p>\n<p>Zum Hintergrund: Es gibt in Deutschland kaum noch Hochmoore, also Moore, die sich nur aus Regenwasser speisen. Denn sie wurden \u00fcber Jahrhunderte f\u00fcr Landwirtschaft, Forstwirtschaft und den Torfabbau trockengelegt. Auch Niedermoore \u2013 Moore, die sich etwa auch aus Grundwasser speisen \u2013 wurden auf diese Weise weitgehend zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ende der Information zum Thema<\/p>\n<p>Was fordern Sie vor diesem Hintergrund in ihrem Brief an den Bundesumweltminister?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Wir fordern vor allem Zeit. Realistisch aus unserer Sicht ist, dass man bis 2045 vielleicht zehn Prozent der deutschen Moorfl\u00e4chen vern\u00e4ssen kann \u2013 nicht alle! Man kann nat\u00fcrlich in der Zwischenzeit neue Ideen entwickeln.\u00a0<\/p>\n<p>Aber auch dazu m\u00fcsste man die Moorfl\u00e4chen unbedingt neu kartieren. Das Th\u00fcnen Institut geht derzeit von bundesweit 1,3 Millionen Hektar reiner Moorb\u00f6den aus. Aber die zugrundeliegenden Daten sind nicht sicher. Bei einer Nachkartierung im Emsland hat man festgestellt, dass dort nur noch etwa die H\u00e4lfte der Moorb\u00f6den \u00fcbrig sind. Daher glauben wir, dass die Fl\u00e4chenangaben aus der Moorschutzstrategie viel zu gro\u00df sind.<\/p>\n<p>Wir leben in Bremen und umzu im Flachland. M\u00fcssen wir uns sorgen, dass wir aufgrund von Renaturierungsma\u00dfnahmen irgendwann im Wasser versinken werden?<\/p>\n<p class=\"questions-and-answers-answers\">Also in Bremen sind wir ganz gut aufgestellt, wenn man sich die gro\u00dfen Fl\u00e4chen im Blockland ansieht. Dort haben wir m\u00e4chtige Niedermoore, die mit nat\u00fcrlichem Klei abgedeckt sind (Niedermoore sind von Grundwasser gespeiste Moore; bei Klei handelte es sich um entw\u00e4sserten Schlick. Klei kann viel Wasser halten, die Redaktion).  Dort sind die Treibhausgas-Emissionen deutlich niedriger als auf reinen Moorfl\u00e4chen. Man kann hier durch leichtes Anheben der Wasserst\u00e4nde viel erreichen.\u00a0<\/p>\n<p>Problematischer sind die Regionen der Wesermarsch, wo wir unterhalb des Meeresspiegels liegen. Wenn wir dort im gr\u00f6\u00dferen Stile vern\u00e4ssen wollten, m\u00fcssten die Siedlungen raus. Das ist politisch nicht durchsetzbar.<\/p>\n<p>Information zum Thema<br \/>\nZur Person: Joachim Blankenburg<\/p>\n<p>Der promovierte Bodenkundler Joachim Blankenburg, Jahrgang 1954, leitete von 2004 bis 2020 den Geologischen Dienst f\u00fcr Bremen. Zuvor arbeitete er 25 Jahre beim Bodentechnologischen Institut in Bremen. Das Institut besch\u00e4ftigte sich unter anderem mit der Wiedervern\u00e4ssung von Mooren. Seit 2020 ist Blankenburg im Ruhestand. Blankenburg engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Moor- und Torfkunde, insbesondere zu Fragen der Moorvern\u00e4ssung.<\/p>\n<p>Ende der Information zum Thema<\/p>\n<p class=\"article-legal-agencies\"><strong>Quelle<\/strong>:<br \/>\nbuten un binnen.\n<\/p>\n<p class=\"article-legal-broadcast-reference\"><strong>Dieses Thema im Programm:<\/strong><br \/>\nbutenunbinnen.de, &#8222;&#8220;Unrealistisch&#8220;: Bremer Forscher zerpfl\u00fcckt Pl\u00e4ne f\u00fcr Moorschutz&#8220;, 18. Januar 2026, 11.31 Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Interview Standdatum: 18. Januar 2026. 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