{"id":72891,"date":"2025-04-30T09:48:12","date_gmt":"2025-04-30T09:48:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/72891\/"},"modified":"2025-04-30T09:48:12","modified_gmt":"2025-04-30T09:48:12","slug":"zwei-neue-buecher-ueber-bruce-springsteen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/72891\/","title":{"rendered":"Zwei neue B\u00fccher \u00fcber Bruce Springsteen"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Es gibt viele langweilige Interviews mit Popmusikern \u2013 aber in dem Buch \u201eBorn to Sing\u201c, das Gespr\u00e4che mit <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Bruce Springsteen\" data-rtr-id=\"98b5c48a1f3285f24942c963984faf6fe3df246f\" data-rtr-score=\"1885.7042228841774\" data-rtr-etype=\"person\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/bruce-springsteen\" title=\"Bruce Springsteen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bruce Springsteen<\/a> \u00fcber mehrere Jahrzehnte enth\u00e4lt, findet sich keine uninteressante Seite. Vorausgesetzt freilich, man interessiert sich f\u00fcr \u201eAmericana\u201c im weitesten Sinne, also f\u00fcr die folkloristische Kultur der Vereinigten Staaten zwischen Text und Musik.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Der Untertitel \u201eEin Leben in Gespr\u00e4chen\u201c scheint hier sogar noch zu untertreiben: Denn nicht nur bieten diese Gespr\u00e4che von 1975 bis 2016 eine Form der Biographie, sondern auch eine Werkgeschichte Springsteens. Einem schwedischen Interviewer entschl\u00fcsselte er schon 1975 seine musikalische Pr\u00e4gung (in K\u00fcrze: Elvis plus Girlgroups im Klangbild des Produzenten Phil Spector), einem deutschen verriet er 2016, dass er das Autofahren als Grundmetapher seines Werks begreift, am liebsten vom Beifahrersitz aus betrachtet.<\/p>\n<p>\u201eIch stamme aus dem Pr\u00e4-Video-Zeitalter\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Will Percy, dem Neffen des Schriftstellers Walker Percy, erz\u00e4hlte der Boss schon 1988, dass er mit Musikvideos \u201evermutlich durch\u201c sei. \u201eIch war nie ein gro\u00dfer Videok\u00fcnstler. Ich stamme aus dem Pr\u00e4-Video-Zeitalter, und ich denke, daran wird sich nichts \u00e4ndern, auch wenn ich inzwischen zum Post-Video-Zeitalter geh\u00f6re.\u201c Bei allem Respekt vor dem Genre des Musikvideos, das im besten Fall ein Kunstwerk eigenen Rechts ist, ist Springsteens Aversion leicht zu verstehen, denn ein Lieddichter in bester Dylan-Tradition wie er zeichnet sich durch derart narrative Texte aus, dass Musikvideos oft eher von ihnen ablenken oder gar kontraproduktiv wirken.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Bruce Springsteen und Martin Scholz: \u201eBorn to Sing\u201c. Ein Leben in Gespr\u00e4chen.\" height=\"679\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/bruce-springsteen-und-martin.jpg\" width=\"416\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Bruce Springsteen und Martin Scholz: \u201eBorn to Sing\u201c. Ein Leben in Gespr\u00e4chen.Kampa<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Dennoch betonte Springsteen Percy gegen\u00fcber, dass er alles, was er tue, als Lebenswerk verstehe und auch \u201eTeil des Lebenswegs\u201c seiner Fans sein wolle. \u201eInsofern unterscheidet sich das eigene Leben nicht von dem des Publikums: Man versucht, Antworten auf seine eigenen Fragen zu finden, und sei es indem man neue Fragen stellt.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Mit ebendieser besonderen Verbindung zwischen S\u00e4nger und Publikum besch\u00e4ftigt sich auch Nicolas Pethes in seiner Monographie \u00fcber Bruce Springsteen, die bei Wallstein als erster Band der vom G\u00f6ttinger Literaturwissenschaftler Gerhard Kaiser kuratierten, mit Rahel Simon betreuten Reihe \u201ePopgeschichte\u201c erschienen ist. Der Untertitel des Buches lautet \u201eA Lifetime Conversation\u201c. So ein lebenslanges Gespr\u00e4ch, das in einer Masse von Anh\u00e4ngern doch jedem Einzelnen das Gef\u00fchl gebe, angesprochen zu sein, habe Springsteen von den Anf\u00e4ngen in kleinen Klubs bis zu seinen Stadiontourneen \u00fcberzeugend gef\u00fchrt und f\u00fchre es bis heute weiter.<\/p>\n<p>Nur eine brillante Verkleidung?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Dass dabei nat\u00fcrlich auch Inszenierung im Spiel ist, darf seit Bob Dylan und nach vielen Publikationen \u00fcber das \u201eSelf-Fashioning\u201c von Autoren und Musikern als vorausgesetzt gelten; Pethes kann zudem neben Bez\u00fcgen auf Niklas Luhmann und Diedrich Diederichsen einfach auf schillernde Liedzeilen von Springsteen selbst verweisen: \u201eIs that me, baby \u2013 or just a brilliant disguise?\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Nicolas Pethes: \u201eSpringsteen\u201c. A Lifetime Conversation.\" height=\"2055\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/nicolas-pethes-springsteen-a.jpg\" width=\"1276\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Nicolas Pethes: \u201eSpringsteen\u201c. A Lifetime Conversation.Wallstein<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Im \u201eernsten Spiel\u201c zwischen Springsteen und seinen Fans, die ihr Leben in seinen Geschichten wiedererkennen oder es geradezu aus diesen heraus zusammenbauen, erkennt Pethes etwas, das sich als Fortsetzung der Konstanzer Schule der \u201eRezeptions\u00e4sthetik\u201c verstehen lie\u00dfe: also in der \u00dcberzeugung, dass das Kunstwerk nichts Festes, Unver\u00e4nderbares ist, sondern allererst im Auge des Betrachters oder H\u00f6rers entsteht, eben im Rezeptionsvorgang unter seinen ganz individuellen Bedingungen. Pethes versteht das popmusikalische Kunstwerk in diesem Sinne dezidiert als \u201eKommunikation\u201c und kann Springsteens Bewusstsein davon auch mit Werkstellen, etwa aus dem Song \u201eRadio Nowhere\u201c, plausibilisieren.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Obwohl der K\u00fcnstler umgekehrt Inspiration aus den Geschichten seiner Fans f\u00fcr neue Werke zieht, muss er gelegentlich aufpassen, nicht zum \u201eProdukt der Phantasie anderer Leute\u201c zu regredieren, wie Springsteen im Gespr\u00e4ch mit dem \u201eRolling Stone\u201c 1992 bemerkte \u2013 w\u00e4hrend er indes glaubte, sich davon befreit zu haben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Nicolas Pethes, Jahrgang 1970, verfolgt den kommunikativen Rezeptionsansatz anhand interessanter Beispiele aus Springsteens Kernwerk und aus Paratexten, zudem bei Nahbeobachtung im Konzert und sogar auf reizvoll eingestandene Weise als ausdr\u00fccklicher Fan. Dies schlie\u00dft eine bisweilen kritische Haltung nicht aus, etwa im Hinblick auf Springsteens Authentizit\u00e4tsversprechen des sich als offener Brief gebenden Albums \u201eLetter to You\u201c (2020) oder Springsteens Zusammenarbeit mit Barack Obama f\u00fcr einen Podcast und ein Coffee-Table-Buch (\u201eRenegades\u201c, 2021).<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-e9f390a5=\"\" data-v-d588441d=\"\">Inwiefern sich Bruce Springsteen von manchen Fremdzuschreibungen und Klischee-Bildern zu l\u00f6sen versucht hat, vor allem von dem eines Machos, erf\u00e4hrt man in beiden B\u00fcchern. Aber auch, dass er in einer Hinsicht sehr amerikanisch geblieben ist: Er besitze sehr viele Autos, gab er in einem Interview zu. Aber immerhin noch mehr Gitarren.<\/p>\n<p><strong>Nicolas Pethes: \u201eSpringsteen\u201c. A Lifetime Conversation.<\/strong> Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen 2024. 216 S., Abb., geb., 20,\u2013 \u20ac.<\/p>\n<p><strong>Bruce Springsteen und Martin Scholz: \u201eBorn to Sing\u201c. Ein Leben in Gespr\u00e4chen. <\/strong>\u00dcbersetzt von Georg Deggerich und Cornelius Reiber. Kampa Verlag, Z\u00fcrich 2024. 176 S., geb., 22,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt viele langweilige Interviews mit Popmusikern \u2013 aber in dem Buch \u201eBorn to Sing\u201c, das Gespr\u00e4che mit&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":72892,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-72891","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114426288840097041","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72891","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=72891"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/72891\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/72892"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=72891"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=72891"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=72891"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}