{"id":729395,"date":"2026-01-19T03:49:18","date_gmt":"2026-01-19T03:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/729395\/"},"modified":"2026-01-19T03:49:18","modified_gmt":"2026-01-19T03:49:18","slug":"konzert-in-der-liederhalle-staunen-und-enttaeuschung-so-war-es-bei-den-stuttgarter-philharmonikern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/729395\/","title":{"rendered":"Konzert in der Liederhalle: Staunen und Entt\u00e4uschung \u2013 so war es bei den Stuttgarter Philharmonikern"},"content":{"rendered":"<p>Staunen ist \u00dcberraschung. Etwas Unerwartetes ist an die Stelle des Selbstverst\u00e4ndlichen getreten; wir fragen neugierig: warum? F\u00fcr Platon stand das Staunen am Anfang der Philosophie. Bei dem Motto \u201eStaunen\u201c, das die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.konzert-in-der-liederhalle-es-swingt-und-fliesst-so-war-s-beim-konzert-der-stuttgarter-philharmoniker.9e259ccd-fd37-4c51-ab27-b905bfd4652b.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgarter Philharmoniker <\/a>2025\/26 ihrer gro\u00dfen Konzertreihe gegeben haben, gilt die Neugier aber einem allzu weiten Feld \u2013 zumindest aus der Sicht derjenigen, die sich bei gro\u00dfen Meisterwerken der Orchesterliteratur ohnehin stets fragen, wie man solche Kl\u00e4nge blo\u00df erfinden konnte. So konnte man am Samstagabend im Beethovensaal \u00fcber die anhaltend \u00fcberw\u00e4ltigende Wirkung von Wagners \u201eTristan und Isolde\u201c staunen \u2013 zu h\u00f6ren waren das Vorspiel und Isoldes Liebestod. Staunen konnte man auch \u00fcber die geniale Konstruktion von Paul Hindemiths \u201eMathis\u201c-Sinfonie. <\/p>\n<p>Mal sehr langsam, mal zu schnell <\/p>\n<p>\u00dcber Mozarts A-Dur-Klavierkonzert (KV 488) h\u00e4tte man auch gern gestaunt, doch die russische Pianistin Polina Osetinskaya hat nicht daf\u00fcr gesorgt. Das lag zum einen an der mangelnden Pr\u00e4zision ihres Dialogs mit dem Orchester: Vor allem der Mittelsatz, eine von wiegendem Siciliano-Rhythmus getragene Moll-Gegenwelt, h\u00e4tte ein intensiveres gemeinsames Proben gebraucht. Au\u00dferdem lie\u00df das sehr langsame Tempo der Solistin hier allen Gesang und allen Zauber zerfallen, und die Momente, in denen die Bl\u00e4ser auf magische Weise ins Gespr\u00e4ch mit dem singenden Fl\u00fcgel eintreten, sind schlicht verpufft. Das folgende Finale nahm Osetinskaya im Gegenzug so rasch, dass dem Solo-Fagottisten ein besonderes Lob auszusprechen ist. Im Gegensatz zu ihm hat die Pianistin hier wie schon im ersten Satz nicht alle Noten genau getroffen. Und: So wenig Vertiefung und Verinnerlichung wie an diesem Abend erf\u00e4hrt Mozart nicht eben h\u00e4ufig. Das liegt auch am Dirigenten. Andrey Boreykos St\u00e4rke liegt nicht in Glut und Feuer. Sondern in der strukturierenden Durchdringung. So wurde die \u201eMathis\u201c-Sinfonie zum H\u00f6hepunkt des Programms. F\u00fcr einen zwingenden Br\u00fcckenschlag sorgte Granville Bantocks opulentes Arrangement von Bachs Choral \u201eWachet auf, ruft uns die Stimme\u201c \u2013 auch Hindemiths klingendem Matthias-Gr\u00fcnewald-Triptychon liegt ein Choral zugrunde. Boreyko machte die ausgefeilte Kontrapunktik des St\u00fccks h\u00f6rbar und stellte im Schlusssatz die Kontraste zwischen G\u00f6ttlichem und D\u00e4monischem klar gegeneinander \u2013 gro\u00dfartig! <\/p>\n<p>Ein k\u00fcnstlerischer Leiter fehlt immer noch <\/p>\n<p>Das Erstaunlichste von allem: 2023 haben die Philharmoniker letztmals unter einem Chefdirigenten musiziert, seit 2024 haben sie offiziell keinen k\u00fcnstlerischen Leiter mehr, 2026 suchen sie immer noch. Das ist zu lang \u2013 aus k\u00fcnstlerischer Sicht (das Orchester br\u00e4uchte dringend wieder eine klangformende Handschrift) ebenso wie aus der Sicht eines in Zeiten finanzieller Engp\u00e4sse besonders wichtigen Marketings (ein prominenter Kopf sorgt f\u00fcr Profil). Wir hoffen neugierig, in dieser Sache bald \u00fcber eine \u00fcberraschende Personalie staunen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Staunen ist \u00dcberraschung. 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