{"id":731758,"date":"2026-01-20T01:55:11","date_gmt":"2026-01-20T01:55:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/731758\/"},"modified":"2026-01-20T01:55:11","modified_gmt":"2026-01-20T01:55:11","slug":"kinowunder-silent-friend-nach-diesem-film-gehen-sie-anders-durch-einen-wald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/731758\/","title":{"rendered":"Kinowunder \u201eSilent Friend\u201c: Nach diesem Film, gehen Sie anders durch einen Wald"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es ist f\u00fcnfzehn Jahre her, da sa\u00df ich im Dunkeln neben jemandem im Kino, der st\u00f6hnte vor sich hin. W\u00e4hrend ich staunte. Zweieinhalb Stunden lang. Den w\u00fcrde ich jetzt gern wieder neben mir haben, den Mann. Es war ein Film, den wir sahen, der alles war, alles umfasste, \u00fcberall hin Verbindungen zu finden suchte, \u00fcberall hin m\u00e4anderte, zum Urknall und zur\u00fcck, der Sch\u00f6pfungsgeschichte war und Familiendrama. <\/p>\n<p>\u201eTree of Life\u201c hie\u00df der Film. Und er schaffte, was nur Kinofilme k\u00f6nnen, er befreite das Auge und das Herz. Und machte, das hatte man schon damals bitter n\u00f6tig, gl\u00fccklich. Als ich aufwachte aus dem Traum, in den einen Terrence Malicks universelles M\u00e4rchen entf\u00fchrte, wenn man ihn lie\u00df, war der Mann weg.<\/p>\n<p>W\u00e4re sch\u00f6n, wenn er jetzt wieder da w\u00e4re. K\u00f6nnte sein, dass er das Staunen und das Gl\u00fcck braucht, das man gelernt und gefunden hat am Ende von Ildiko Enyedis \u201eSilent Friend\u201c. Da sitzt man \u2013 und sieht und staunt \u2013 zweieinhalb Stunden einem Baum gegen\u00fcber.  Das ist der stille Freund, von dem Enyedi erz\u00e4hlt. Ein Ginkgo Biloba. Fast zweihundert Jahre alt. Man sieht ihn als Spross, der durchs Dunkel dem Licht entgegen w\u00e4chst und sich entfaltet. Man sieht ihn als fabelhaften Fremdling, als gewaltige Gestalt im Alten botanischen Garten von Marburg stehen, durch die Jahrzehnte, durch die Jahreszeiten. <\/p>\n<p>Enyedi betreibt, was auch Malick betrieb. Und was Goethe, der beinahe st\u00e4ndig als guter Geist durch diesen Film geistert, \u201ezarte Empirie\u201c nannte. Und Tony Wong, der Neurologe, den es im Pandemiejahr 2020 wie den Ginkgo aus China an die ehrw\u00fcrdige Philipps-Universit\u00e4t zu Marburg verschlagen hat, gleich am Anfang beschreibt. So beschreibt, als meine er nicht nur die Wissenschaft, die er betreibt, sondern die Filmkunst der Ildiko Enyedi gleich mit (was wahrscheinlich der Fall ist, Enyedi hat sich das Buch zu \u201eSilent Friend\u201c schlie\u00dflich selbst geschrieben). Forschung, sagt Wong in seiner Vorlesung am Beginn zu Enyedis Film, in der es eigentlich um die unterschiedliche Weltwahrnehmung von Erwachsenen und Babys gehen soll, Forschung ist nichts anderes als eine Reihe von Versuchen, Metaphern zu finden f\u00fcr die Ph\u00e4nomene der Welt. <\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen, das Ildiko Enyedis zentrales filmisches Forschungsgebiet ist und f\u00fcr das sie immer neue Metaphern findet, sind Verbindungen. Zwischen einsamen Liebenden, zwischen Fremden, Menschen, die zueinander nicht finden. Die sich nur im Traum treffen, als Hirsch und Hirschkuh im verschneiten Wald zum Beispiel in \u201eK\u00f6rper und Seele\u201c, dem Film, f\u00fcr den sie 2017 den Goldenen B\u00e4ren bekam. <\/p>\n<p>Der Ginkgo schaut allem und allen zu. Ein Monument des Zen. Er ist gleich doppelt einsam, weil er fernab jener Welt w\u00e4chst, wo er endemisch ist, und weil er \u2013 Gingkos sind zweigeschlechtlich \u2013 niemanden hat, den er lieben k\u00f6nnte. Den sie \u2013 besser gesagt \u2013 lieben k\u00f6nnte, der Marburger Ginkgo ist ein weiblicher. Um Liebe und um Sex, um die Unm\u00f6glichkeit von beidem, geht es auch immer wieder in den drei Geschichten in den drei Zeiten, zwischen denen \u201eSilent Friend\u201c hin und her gleitet. Zwischen denen er immer wieder unverhoffte Verbindungen schafft. <\/p>\n<p>Die erste Botanikstudentin von Marburg<\/p>\n<p>1908 kommt Grete in den Park und geht durch die sch\u00f6ne Pforte, durch die in Marburg alle m\u00fcssen. Die Bilder sind schwarz-wei\u00df und sehr k\u00f6rnig. Ein Hauch vom \u201eWei\u00dfen Band\u201c weht durch Marburg. Grete wird \u2013 nach einer hochnotpeinlichen Befragung durch eine geradezu gusseisene patriarchale Kommission \u2013 die erste Botanikstudentin der Universit\u00e4t. <\/p>\n<p>Sie bleibt bestaunte Fremdlingin, steht unter st\u00e4ndigem Unzuchtverdacht und lernt schlie\u00dflich \u2013 aus Geldmangel \u2013 das Fotografenhandwerk, bei einem Lichtbildner, der ihr erkl\u00e4rt, das Fotografen die Welt nicht abbilden, sondern daran arbeiten, ihr fragiles Wesen zu erforschen. Greta entdeckt die Strukturen der Bl\u00e4tter, der \u00c4ste. Und irgendwann die ihrer Haut. <\/p>\n<p>Immer wieder tut die Kamera von Gergely P\u00e1los nichts anderes. F\u00e4hrt den rissigen Stamm des Ginkgo hoch, ins Ge\u00e4st, ins Wurzelwerk, in die Bl\u00e4tter. Folgt den Blicken des Baumes auf die Menschen, die sich ihm n\u00e4hern, ihn ber\u00fchren, ihn versuchen, abzuh\u00f6ren. Man sieht anders, wenn man nach \u201eSilent Friend\u201c in einen Wald geht. Das ist kein Waldbaden, kein Peter Wohlleben mit cineastischen Mitteln, was Ildiko Enyedi betreibt. Es ist eine romantische, aber seltsam undeutsche Wiederverzauberung des Waldes.<\/p>\n<p>1972 kommt Hannes nach Marburg. Die Farbstruktur ist komplett anders und die Bildanmutung. Hannes kommt vom Land. Im Anzug tritt er durch die Pforte, sitzt fremd und einsam fernab von den Langhaarigen, den Kiffern, den Studentenbewegten in der Wiese. Liest Rilkes \u201eDuineser Elegien\u201c. Sucht Verbindung zu Gundula, die wiederum versucht eine Verbindung zu einer Geranie zu finden, sie abzuh\u00f6ren, ihre Reaktionen auf Ver\u00e4nderungen sichtbar zu machen. Eine Geschichte vom Verfehlen, vom Missverstehen. <\/p>\n<p>2020 kommt Tony Wong nach Marburg. Die Bilder sind brillant, digital, ein bisschen kalt. Er erkl\u00e4rt den Studenten die Weltwahrnehmung der S\u00e4uglinge und warum sie universeller ist, allumfassender, warum sie ist, wie unsere sein sollte, voller grenzenloser Neugier und Staunen. Dann bekommt er in einer Kneipe Schweinshaxe vorgesetzt. Die erbricht er bald am Fu\u00df des Ginkgo. Und ein gelbes Leuchten geht durchs Wurzelwerk, als der Baum die N\u00e4hrstoffe der lokalen Spezialit\u00e4t aufnimmt. <\/p>\n<p>Wie Nordlichter l\u00e4sst Ildiko Enyedi immer wieder aufleuchten, was die Sensoren aus dem Innern des Baumes und der Hirne an Reaktionen aufnehmen. Und l\u00e4sst h\u00f6ren, was man sonst nicht sieht. Ein Fuchs schn\u00fcrt vorbei. Schnecken schleimen ger\u00e4uschvoll die Borke des Baumes herab, ein Hirschk\u00e4fer krabbelt herum, ein Kauz uhut. K\u00f6nnte alles kitschig sein, wird es aber nicht. Man m\u00f6chte nach dem Kino direkt in den n\u00e4chstgelegenen totgeglaubten Park.<\/p>\n<p>Meditation \u00fcber die Grenzen der Wahrnehmung<\/p>\n<p>Tony Wong zieht bald einsam durch die G\u00e4nge, es ist Lockdown. Statt Babys verkabelt er den Baum. Die Sensoren melden den Regen, das Licht, die Ver\u00e4nderungen in der Welt. Mit einer franz\u00f6sischen Forscherin h\u00e4lt er Videotelefonate \u00fcber die Einsamkeit der Pflanzen. Mit dem Pedell der Universit\u00e4t f\u00fchrt Wong Bienent\u00e4nze auf. Auch ihre Gespr\u00e4che enden in Unf\u00e4llen, gelingen nur im Schweigen. Sie laufen sich \u00fcber den Weg, bleiben auf Distanz, sitzen beim Baum, kommen sich n\u00e4her.<\/p>\n<p>\u201eSilent Friend\u201c ist eine inzwischen im Kino ganz seltene und deswegen so kostbare Meditation \u00fcber die Grenzen unserer Wahrnehmung und der menschlichen Kommunikation. Und lebt von der zum Teil sehr lauten Stille der Gesichter von Tony Leung und Luna Wedler und Enno Brumm und Sylvester Groth. Der Ginkgo macht es ihnen nicht leicht, sich gegen seine Majest\u00e4t, gegen die Geschichtentr\u00e4chtigkeit seiner Gestalt durchzusetzen.<\/p>\n<p>Unmerklich manchmal gehen die Ebenen ineinander \u00fcber. Die Blicke kreuzen sich \u00fcber die Zeiten. Der Baum steht still und schweigt. Ildiko Enyedi l\u00e4sst ihm seine Fremdheit. Nichts wird in \u201eSilent Friend\u201c vermenschelt. Am Ende verwischen alle Geschichten, l\u00f6sen sich auf. Und man ist trotzdem sehr gl\u00fccklich. W\u00e4re es auch der St\u00f6hner von damals. So gl\u00fccklich, dass alles passieren darf. Sogar, dass Blixa Bargeld Goethe singt. Man sollte sitzen bleiben und zuh\u00f6ren. Auf zwei Seiten listet der Abspann die Pflanzen auf, die mitgespielt haben. Sie haben es verdient. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist f\u00fcnfzehn Jahre her, da sa\u00df ich im Dunkeln neben jemandem im Kino, der st\u00f6hnte vor sich&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":731759,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[50917,1778,29,214,168019,30,168020,95,168016,84554,24495,1777,7253,168018,48452,215,13239,168017],"class_list":{"0":"post-731758","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-baeume-ks","9":"tag-cinema","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-enyedi","13":"tag-germany","14":"tag-ildiko","15":"tag-kino","16":"tag-leung","17":"tag-malick","18":"tag-marburg","19":"tag-movie","20":"tag-peter","21":"tag-terrence","22":"tag-tony","23":"tag-unterhaltung","24":"tag-venedig","25":"tag-wohlleben"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115924941101523982","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/731758","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=731758"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/731758\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/731759"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=731758"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=731758"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=731758"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}