{"id":733349,"date":"2026-01-20T16:36:18","date_gmt":"2026-01-20T16:36:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/733349\/"},"modified":"2026-01-20T16:36:18","modified_gmt":"2026-01-20T16:36:18","slug":"muenchen-ratskeller-schliesst-nach-150-jahren-und-verkauft-komplettes-inventar-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/733349\/","title":{"rendered":"M\u00fcnchen: \u201eRatskeller\u201c schlie\u00dft nach 150 Jahren \u2013 und verkauft komplettes Inventar &#8211; M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1vw426e\">So eine Warteschlange ist ein klassisches Einerseits\/Andererseits-Ding. Einerseits eine Erfindung aus der H\u00f6lle, vor allem wenn es drau\u00dfen minus f\u00fcnf Grad hat und sich die Schlange eher im Schneckentempo Richtung Ziel schiebt. Andererseits: Man kommt ins Gespr\u00e4ch, lernt interessante Studieng\u00e4nge (Film!) und Doktorarbeits-Themen (Die Rom-Z\u00fcge der deutschen Kaiser im Hochmittelalter) kennen, und kaum eineinhalb Stunden sp\u00e4ter fehlt nicht viel und man h\u00e4tte mit Vor- und Hinterm\u00e4nnern und -frauen Telefonnummern getauscht. Und das alles nur, weil der Ratskeller dichtgemacht hat.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">\u201eAus is und gar is, und schad is, dass\u2019s wahr is\u201c, steht handgeschrieben am Eingang. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-ratskeller-restaurant-schliessung-sanierung-rathaus-li.3240815\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Seit Jahresende ist das mehr als tausend G\u00e4ste fassende Wirtshaus unter dem Marienplatz Geschichte, nach 150 Jahren<\/a>. Die den Laden seit 1975 betreibende Wirtsfamilie Wieser h\u00e4tte umfangreiche Renovierungsma\u00dfnahmen in der K\u00fcche, den Schankbereichen sowie in weiteren R\u00e4umlichkeiten angehen m\u00fcssen, was wohl etwa 1,5 Millionen Euro teuer geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\"><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchner-ratskeller-schliesst-geruechte-edith-haberland-wagner-stiftung-li.3355480\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Da aber dem Rathaus und auch dem dazugeh\u00f6rigen Keller von 2032 an eine Generalsanierung bevorsteht, wollte Wirt Peter Wieser diese gewaltige Investition nicht mehr riskieren<\/a>, woraufhin ihn die Stadt vorzeitig aus dem Vertrag entlie\u00df. Nun gilt es also auf- und zuerst mal auszur\u00e4umen, und so trennt man sich nach dem g\u00e4ngigen Motto \u201eAlles muss raus\u201c vom Inventar, per mehrt\u00e4gigem Flohmarkt.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Doch bevor im altehrw\u00fcrdigen Keller die Neugier befriedigt werden kann, muss der geneigte Flohmarktfreund erst mal Geduld mitbringen \u2013 und am besten sch\u00f6n warme Schuhe, M\u00fctze, Handschuhe und idealerweise noch eine gro\u00dfe Thermoskanne samt Hei\u00dfgetr\u00e4nk. Letzteres hat am ersten Flohmarkttag niemand dabei \u2013 wer h\u00e4tte denn auch gedacht, dass sich eine Warteschlange quer \u00fcber den Marienplatz bis r\u00fcber zum Hugendubel bilden w\u00fcrde, nur weil der Ratskeller seine alten Gl\u00e4ser, Kr\u00fcge sowie T\u00f6pfe, Tassen und Teller verschachert?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/8e5f16e0-138c-4dfc-9d67-71429dfc17de.jpg\"   alt=\"Die Schlange der Kundinnen und Kunden geht bei Minusgraden einmal r\u00fcber zum Hugendubel.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Die Schlange der Kundinnen und Kunden geht bei Minusgraden einmal r\u00fcber zum Hugendubel. (Foto: Johannes Simon)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Um flohmarkt\u00fcbliches Gedr\u00e4nge zu vermeiden, bestehen die Veranstalter sozusagen auf einer strengen T\u00fcr und lassen immer nur eine begrenzte Anzahl von Shopping-Willigen hinein, daher die lange und langsame Warteschlange. Zu sehen sind bei den bibbernd Wartenden R\u00fccks\u00e4cke und der blaugelbe Tragetaschen-Klassiker eines schwedischen M\u00f6belhauses.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Fragt man in der Schlange ein wenig herum, was die Neugierigen sich von dem unterirdischen Flohmarkt erwarten, h\u00f6rt man von Unverbindlichem (\u201eeinfach mal schauen\u201c) bis zum Konkreten (\u201eEine Teekanne brauche ich\u201c) so ziemlich alles. Und fragt man diejenigen, die offenbar ganz vorn in der Schlange gestanden haben und nun schon wieder aus dem Keller herauskommen, klingt das meist wenig ermutigend: \u201eBraucht\u2019s ned hingehn! Die lassen immer nur zwei Leut\u2019 rein, da steht\u2019s heut\u2019 Nachmittag um drei noch da\u201c, ruft ein \u00e4lterer Herr in gelber Jacke her\u00fcber. Was es zu sehen gebe? \u201eAh, nur Gl\u00e4ser und ein paar Bilder.\u201c Ein Anderer schimpft: \u201eRecht viel G\u2019lump. Und mies organisiert!\u201c In der Hand hat er eine Sauciere, immerhin: \u201eAh, daf\u00fcr rentiert sich die Warterei nicht.\u201c Tats\u00e4chlich entsteigen dem Keller viele ohne Beute, andere tragen rechts und links in den H\u00e4nden schwere T\u00fcten raus, ein anderer einen gut gef\u00fcllten Umzugskarton mit Geschirr.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Noch so ein Warteschlangen-Effekt: die Neugier der Passanten. Unz\u00e4hlige Nachfragen (\u201eWasn hier los?\u201c, \u201eGibt\u2019s do a Freibier?\u201c, \u201eWissen Sie, was die Gl\u00e4ser kosten?\u201c, \u201eWie lange steht man denn an bis hierher?\u201c) gilt es zu beantworten, manche erz\u00e4hlen auch von sich und dem gewesenen Ratskeller. Eine alte Dame winkt ab: \u201eDa musste ich fr\u00fcher immer mit meinem Vater zum Fr\u00fchschoppen hin, unter dem gro\u00dfen Fass \u2013 pfui Deibel.\u201c Einige in der Schlange waren noch nie da, wo sie jetzt unbedingt hin wollen, Vordermann Avi \u2013 der angehende Historiker \u2013 dagegen schon: \u201eWir haben da auch mal gegessen. War okay, aber schon teuer. Und viele Touristen.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Nach 45 Minuten warten: ein Platz an der Sonne, endlich raus aus dem Schatten. Noch mal so lange, und schon kann es losgehen mit der Flohmarktst\u00f6berei in den heiligen Hallen, in denen es bereits ein wenig muffig riecht. Zu sehen gibt\u2019s Erwartbares wie Tischdecken, Brotk\u00f6rbe, Kerzen, Kleiderb\u00fcgel sowie Gl\u00e4ser, Geschirr und Besteck aller Art, aber auch Wunderkerzen, diverse Wein- und Champagnerflaschen (der Moet f\u00fcr 36 Euro, die halbe Falsche Laurent-Perrier f\u00fcr 16 Euro) und eine ziemlich beachtliche Sammlung von alten Stichen, Zeichnungen sowie sch\u00f6ne Fotografien und historische Ansichten des M\u00fcnchner Stadtlebens oder auch von gewesenen Weink\u00f6niginnen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/2aa456ef-7455-41f3-a6ac-8b2089e36ba1.jpg\"   alt=\"Zu kaufen gibt es eine beachtliche Sammlung von alten Stichen, Zeichnungen sowie sch\u00f6ne Fotografien und historische Ansichten des M\u00fcnchner Stadtlebens, ...\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Zu kaufen gibt es eine beachtliche Sammlung von alten Stichen, Zeichnungen sowie sch\u00f6ne Fotografien und historische Ansichten des M\u00fcnchner Stadtlebens, &#8230; (Foto: Johannes Simon)<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/90f66ddf-9996-4b89-abda-751a9f2b8857.jpg\"   alt=\"... Schilder, die nun ausgedient haben ...\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>&#8230; Schilder, die nun ausgedient haben &#8230; (Foto: Johannes Simon)<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/3ef46394-832b-4826-9baf-23195033bb5b.jpg\"   alt=\"... und f\u00fcr zehn Euro historische Speisekarten \u2013 Juliennesuppe: 30 Pfennig.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>&#8230; und f\u00fcr zehn Euro historische Speisekarten \u2013 Juliennesuppe: 30 Pfennig. (Foto: Johannes Simon)<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die Preise? Okay, findet der ge\u00fcbte Flohmarktschlenderer: 20 Euro f\u00fcr einen Diogenes-Stich, f\u00fcr einen Lucullus muss man einen Zehner mehr investieren. Auch die Zeichnung eines unbenannten Sch\u00e4ferhundkopfes ist zu haben, Kostenpunkt: 75 Euro. Wer\u2019s mag.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Kunstinteressierte werden sicherlich bei Bischof Urban h\u00e4ngen bleiben, dessen kunstvoll geschnitzte Figur mit beachtlichen 499 Euro zu Buche schl\u00e4gt. K\u00f6nnte Bonifaz Kaspar von Urban darstellen, den ehemaligen Erzbischof von Bamberg, der in Beuerberg zur Welt kam, im 18. Jahrhundert. \u201eEin Bischof ist\u2019s auf jeden Fall\u201c, meint ein ebenfalls interessierter \u00e4lterer Herr. Wer einen Sinn f\u00fcr solche Dinge hat oder einfach nur ein bissl g\u00fcnstigen Hausrat braucht, f\u00fcr den wird sich die Warterei also schon lohnen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Und was wird nun aus dem alten Gem\u00e4uer? Wei\u00df kein Mensch. Filmstudent Felix mutma\u00dft: \u201eSo wie ich <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/M%C3%BCnchen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">M\u00fcnchen<\/a> kenne, kommt da eine Osteria rein. Oder ein Irish Pub.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Der Flohmarkt l\u00e4uft noch bis Freitag, t\u00e4glich von 10 bis 14 Uhr, nur Kartenzahlung m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"So eine Warteschlange ist ein klassisches Einerseits\/Andererseits-Ding. 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