{"id":736274,"date":"2026-01-21T19:38:11","date_gmt":"2026-01-21T19:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/736274\/"},"modified":"2026-01-21T19:38:11","modified_gmt":"2026-01-21T19:38:11","slug":"golden-globe-gewinner-hamnet-dieser-film-ist-fuer-shakespeare-fans-ein-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/736274\/","title":{"rendered":"Golden-Globe-Gewinner \u201eHamnet\u201c: Dieser Film ist f\u00fcr Shakespeare-Fans ein Muss"},"content":{"rendered":"<p>Mit \u201eHamnet\u201c r\u00fchrt die Regisseurin Chlo\u00e9 Zhao an die tiefste menschliche Erfahrung und schafft ein voyeuristisches Filmerlebnis von \u00fcberw\u00e4ltigender Kraft. F\u00fcr Shakespeare-Fans ein Muss \u2013 f\u00fcr Sparkommissare erst recht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Nein, hier handelt es sich nicht um einen Freudschen Verschreiber. Der Film, der gerade vollkommen verdient den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6964849efa56382de1f6725a\/golden-globes-leonardo-dicaprio-geht-wieder-leer-aus-alle-gewinner-im-ueberblick-one-battle-after-another-raeumt-ab.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6964849efa56382de1f6725a\/golden-globes-leonardo-dicaprio-geht-wieder-leer-aus-alle-gewinner-im-ueberblick-one-battle-after-another-raeumt-ab.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Golden Globe<\/a> gewonnen hat und als ein Favorit f\u00fcr die Verleihung der Oscars gilt, hei\u00dft \u201eHamnet\u201c, nicht \u201eHamlet\u201c. Hamnet hat es, im Gegensatz zu Hamlet, wirklich gegeben.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht viel \u00fcber das Leben von Hamnet Shakespeare, dem einzigen Sohn des Dichters und seiner Frau Anne Hathaway. Wir wissen aus Kirchenregistern, dass er am 2. Februar 1585 getauft und am 11. August 1596 begraben wurde. Wir wissen, dass er eine kr\u00e4nkliche Zwillingsschwester namens Judith hatte, die ihn um 66 Jahre \u00fcberlebte. Und wir wissen, dass er nach einem Nachbarn, dem B\u00e4cker Hamnet Sadler, benannt wurde. Mehr wissen wir nicht.<\/p>\n<p>Man darf sich die Shakespeare-Forschung als eine Disziplin vorstellen, in der Hunderte von gelehrten Scholaren Tausende von alten Papieren nach dem allergeringsten Hinweis auf den Barden durchk\u00e4mmen \u2013 aber seit Jahrzehnten nichts Wichtiges mehr gefunden haben. Je weniger wir \u00fcber des Dichters Leben wissen, desto mehr wird dar\u00fcber spekuliert, vor allem \u00fcber die \u201everlorenen Jahre\u201c von 1586 bis 1592, aus denen praktisch keine Dokumente \u00fcber ihn existieren. Das hat eine gewisse Logik. Wo keine l\u00e4stigen Fakten st\u00f6ren, l\u00e4sst sich umso ungest\u00f6rter fabulieren.<\/p>\n<p>Je nachdem, welcher Fabel man Glauben schenkt, war <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/william-shakespeare\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/william-shakespeare\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">William Shakespeare<\/a> ein Dorfschulmeister, das Mitglied einer wandernden Schauspieltruppe oder ein Wilderer, der vor den Sanktionen des lokalen Grundbesitzers von Stratford-upon-Avon nach London fl\u00fcchtete. Nichts Genaues wei\u00df man, also wird in seinem Werk nach versteckten autobiografischen Hinweisen gesucht. <\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich, in dem St\u00fcck \u201eK\u00f6nig Johann\u201c findet sich ein Hinweis auf eine Kindertrag\u00f6die. Eine Mutter namens Constanze f\u00fchrt darin Klage \u00fcber den Tod ihres Sohnes: \u201eGram f\u00fcllt die Stelle des entfernten Kindes, \/ Legt in sein Bett sich, geht mit mir umher, \/ Nimmt seine allerliebsten Blicke an, \/ Spricht seine Worte nach, erinnert mich\/ An alle seine holden Gaben, \/ f\u00fcllt die leeren Kleider aus mit seiner Bildung; \/ Drum hab\u2019 ich Ursach\u2019, meinen Gram zu lieben.\u201c<\/p>\n<p>Der tote Sohn in \u201eK\u00f6nig Johann\u201c hei\u00dft Arthur, der in Chlo\u00e9 Zhaos neuem Film hei\u00dft Hamnet. Eine Schrifttafel kl\u00e4rt uns zu Beginn auf, dass sowohl \u201eHamnet\u201c als auch \u201eHamlet\u201c im elisabethanischen England gebr\u00e4uchliche, austauschbare Vornamen waren. Und damit beginnt ein neues Kapitel in dem bl\u00fchenden Fantasieren der Nach-Nach-Nachwelt \u00fcber das Leben ihrer liebsten Poeten-Ikone, eine Art naturmystischer Kontrapunkt zu dem romantisch-kom\u00f6diantischen \u201eShakespeare in Love\u201c. <\/p>\n<p>Hat Shakespeare, ein paar Monate nach dem Tod seines geliebten Sohnes, \u201eHamlet\u201c in einer Art Trauerbew\u00e4ltigung geschrieben? Zhaos Film l\u00f6st das R\u00e4tsel, aber eigentlich, indem er ihm ausweicht und eine andere Frage er\u00f6rtert: Wie kann aus einer Trag\u00f6die Kunst werden?<\/p>\n<p>Dabei spielt \u201eHamnet\u201c gar nicht vordergr\u00fcndig die Shakespeare-Karte aus. Wer unbeleckt von Vorwissen in diesen Film geht (was nat\u00fcrlich kaum m\u00f6glich ist), sieht zun\u00e4chst eine Wirbelwindromanze im l\u00e4ndlich-mittelalterlichen England: Ein junger Lateinlehrer verliebt sich auf den ersten Blick in eine junge Kr\u00e4uterfrau; sie hei\u00dft Agnes (nicht Anne) und er hei\u00dft Will, der Nachname Shakespeare f\u00e4llt erst nach anderthalb Stunden. Die beiden heiraten, bekommen zun\u00e4chst eine Tochter \u2013 die im Wald geboren wird \u2013 und dann Zwillinge. Und ja, der Vater kritzelt zwischendurch Verse auf ein St\u00fcck Papier; die Kinder spielen einmal etwas, das wie die Balkonszene aus \u201eRomeo und Julia\u201c aussieht \u2013 aber darum geht es kaum.<\/p>\n<p>Der chinesischst\u00e4mmigen Amerikanerin Chlo\u00e9 Zhao, die mit \u201eNomadland\u201c einen Oscar gewann, geht es stattdessen darum, das Nicht-in-Worte-zu-Fassende in Bilder zu fassen. Ihr Film beginnt mit einem Kamerablick von unten nach oben, die St\u00e4mme von B\u00e4umen hoch bis in die Wipfel, und \u00fcber denen kreist ein Falke. Dann blickt die Kamera zur\u00fcck von oben nach unten, und in einer Kuhle zwischen Baumwurzeln liegt eine Frau in einem roten Kleid, eingerollt wie ein Embryo. Der Falke geh\u00f6rt zu ihr. <\/p>\n<p>Filmfrauen mit Greifv\u00f6geln auf dem Handschuharm sind stets stolz und selbstst\u00e4ndig (das war schon die deutsche \u201eGeierwally\u201c), da sind Menschen im Einklang mit der Natur, ohne dass dies gro\u00df erkl\u00e4rt werden m\u00fcsste. Fast glaubt man sich in einem Terrence-Malick-Film, wo immer die Sch\u00f6nheit der Natur mit den Schrecken menschlicher Trag\u00f6dien koexistiert und tiefere Bedeutung suggeriert.<\/p>\n<p>Es geht in \u201eHamnet\u201c viel um solche Bande tief im Unerkl\u00e4rten, nicht nur die von Agnes und dem Wald, auch um die zwischen Eltern und ihren Kindern und die zwischen den beiden Zwillingen. Zhaos polnischer Kameramann \u0141ukasz \u017bal (\u201eThe Zone of Interest\u201c) findet daf\u00fcr intensive Bilder und ihr deutsch-britischer Komponist Max Richter atmosph\u00e4rische T\u00f6ne (obwohl Richters \u201eOn the Nature of Daylight\u201c in Filmen allm\u00e4hlich \u00fcberstrapaziert wird, der Titel ist fast so allgegenw\u00e4rtig wie fr\u00fcher Arvo P\u00e4rts \u201eSpiegel im Spiegel\u201c).  <\/p>\n<p>\u201eHamnet\u201c mit seiner \u00c4sthetik der Mystik im Allt\u00e4glichen ist ein Post-Zeitgeist-Film. Ein Zeitgeistfilm w\u00e4re er, w\u00fcrde er nur den Spruch \u201eHinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau\u201c illustrieren, aber darum geht es Zhao nur marginal. Gewiss, irgendwann schickt Agnes ihren Mann, dessen Unruhe sie sp\u00fcrt, nach London, um sich dort als Autor zu probieren. Als ihr Sohn dann an der Pest stirbt, ist sie mit ihrem bodenlosen Schmerz allein, denn Will muss erst die 150 Kilometer zur\u00fccklegen, die zwischen beiden liegen.<\/p>\n<p>Chlo\u00e9 Zhao zeigt vor allem ihre Verzweiflung, und Jessie Buckley \u2013 auch sie gewann einen Golden Globe \u2013 spielt sie erdverbunden und leidenschaftlich. Sie bettelt Gott an und verflucht ihn, sie ist ersch\u00f6pft und bricht doch nicht, und irgendwann geht ihr Zorn in eine graue Leere des Trauerns \u00fcber. Will, als er schlie\u00dflich eintrifft, ist \u00fcberw\u00e4ltigt von dem Leid und findet keine Worte des Trostes; auch Paul Mescal \u2013 aus Irland, wie Buckley \u2013 ist brillant, nicht als Genius, sondern als Mann, der seine Liebsten nicht zu retten vermag. Hamnets Tod treibt einen Keil zwischen das Paar. Will verl\u00e4sst Stratford wieder, um in London in seiner Kunst Trost zu finden, und Agnes zieht sich in ihren Gram zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsste lange nach einem Film suchen, der die Trauer um den Verlust eines Menschen derart sp\u00fcrbar macht. Hamnets Tod ist keiner der \u00fcblichen Wendepunkte, die Filmfiguren zusto\u00dfen und von denen sie gest\u00e4rkt weiterziehen. Es ist eher ein Zustand, der eintritt, eine L\u00e4hmung, die sich verbreitet. Unsere Seherfahrung dabei ist etwas nahezu K\u00f6rperliches, grenzt ans Voyeuristische.<\/p>\n<p>Filme sind kein Luxus<\/p>\n<p>Die Pest rafft Hamnet dahin, aber anders als in Maggie O\u2019Farrells zugrundeliegendem Roman (\u201eJudith und Hamnet\u201c) spielt die Plage keine dominierende Rolle. Es ist bereits Hamnets zweiter Filmtod, ein anderer jedoch als vor acht Jahren in Kenneth Branaghs \u201eAll Is True\u201c. Damals ertr\u00e4nkte Hamnet sich in einem Weiher, weil seine Schwester Judith drohte, dem Vater zu erz\u00e4hlen, dass gar nicht der Sohn die Gedichte geschrieben hatte, die der Vater so mochte, sondern sie.<\/p>\n<p>Das war eine super-zeitgeistige L\u00f6sung, die Chlo\u00e9 Zhao \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig hat; es geht ihr nicht um die feministische Dekonstruktion eines m\u00e4nnlichen Mythos. Ihr Film macht mehrere Metamorphosen durch, von einer berauschenden Liebesgeschichte \u00fcber ein fr\u00f6hliches Familienidyll bis zum bedr\u00fcckenden Schicksalsschlag. Dann, in der letzten halben Stunde, h\u00e4utet er sich ein weiteres Mal.<\/p>\n<p>Wie gern w\u00fcrde man von diesem kleinen Wunder schw\u00e4rmen. Beschreiben, wie Zhao es arrangiert, inszeniert, steigert. Aber das w\u00e4re Verrat, das muss man sehen, nicht lesen. Die Schlusssequenz im Globe Theatre ist die sch\u00f6nste Begr\u00fcndung f\u00fcr die Unentbehrlichkeit von Kunst und ihre kollektive Wirksamkeit, die sich vorstellen l\u00e4sst. Es ist eine Szene, die all jene Sparkommissare verpflichtend ansehen m\u00fcssten, die unweigerlich als Erstes das Kulturbudget zusammenstreichen. B\u00fccher, Theater, Musik und Filme sind kein Luxus. Sie sind unabdingbar wie die Luft, die wir atmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit \u201eHamnet\u201c r\u00fchrt die Regisseurin Chlo\u00e9 Zhao an die tiefste menschliche Erfahrung und schafft ein voyeuristisches Filmerlebnis von&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":736275,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1776],"tags":[1801,33592,29,214,92,30,34518,95,57058,1802,62743,4247,215,62744,108793],"class_list":["post-736274","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-prominente","tag-celebrities","tag-chloe","tag-deutschland","tag-entertainment","tag-film","tag-germany","tag-golden-globe-award","tag-kino","tag-literaturverfilmungen","tag-prominente","tag-shakespeare","tag-spielfilme","tag-unterhaltung","tag-william","tag-zhao"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115934783256443293","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/736274","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=736274"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/736274\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/736275"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=736274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=736274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=736274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}