{"id":736903,"date":"2026-01-22T01:31:11","date_gmt":"2026-01-22T01:31:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/736903\/"},"modified":"2026-01-22T01:31:11","modified_gmt":"2026-01-22T01:31:11","slug":"wittmund-potsdam-die-versteckten-kosten-psychischer-erkrankungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/736903\/","title":{"rendered":"Wittmund\/Potsdam | Die versteckten Kosten psychischer Erkrankungen"},"content":{"rendered":"<p>\u00abADHS-Steuer\u00bb und Co.<\/p>\n<p>Wittmund\/Potsdam (dpa\/tmn) &#8211; Nicht rechtzeitig arbeitssuchend gemeldet, eine Rechnung vergessen, einen Impulskauf nicht zur\u00fcckgeschickt oder das falsche Bahnticket gebucht: Symptome psychischer Erkrankungen k\u00f6nnen im Alltag Zeit, Energie und bares Geld kosten.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung) nutzen Betroffene daf\u00fcr den Begriff \u00abADHS-Steuer\u00bb (oft auf Englisch: \u00abADHD tax\u00bb). Der Ausdruck soll die versteckten Kosten verbildlichen, die typischen Symptomen wie Vergesslichkeit, Unorganisiertheit, Prokrastination, Impulsivit\u00e4t oder sogenannter Zeitblindheit geschuldet sind.<\/p>\n<p>Das Prinzip l\u00e4sst sich auch auf andere psychische Erkrankungen \u00fcbertragen. Zu den unsichtbaren Kosten vom Leben mit Depression, Angst-, Zwangs- oder Aufmerksamkeitsst\u00f6rungen z\u00e4hlen dabei nicht nur finanzielle Einbu\u00dfen, sondern auch verlorene Zeit, sozialer R\u00fcckzug und eine eingeschr\u00e4nkte Lebensqualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung<\/p>\n<p>Dass psychische Erkrankungen \u00abKosten\u00bb verursachen, klingt technisch. In der Psychotherapie ist dieser Blick jedoch gel\u00e4ufig. Dort wird h\u00e4ufig gemeinsam mit dem Patienten eine Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung vorgenommen: Welche Vor- und Nachteile hat die aktuelle Situation? Das f\u00f6rdert das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Erkrankung und kann die Motivation zur Ver\u00e4nderung st\u00e4rken. Oder anders gesagt: Wie lassen sich die Gewinne erh\u00f6hen und die Kosten verringern?<\/p>\n<p>\u00abDas Symptom einer psychischen Erkrankung kann einen im Alltag behindern, aber gleichzeitig Dinge m\u00f6glich machen, die ohne die Krankheitszeichen weniger denkbar w\u00e4ren\u00bb, sagt der Psychotherapeut Enno Maa\u00df. \u00c4ngste etwa k\u00f6nnten zwar einschr\u00e4nken, f\u00fchrten aber mitunter dazu, dass das Umfeld unterst\u00fctzend einspringt.<\/p>\n<p>Das ist kurzfristig ein Gewinn. \u00abLangfristig f\u00fchrt es aber dazu, dass man das Problem nicht angeht\u00bb, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV). Der Patient verfestigt seinen eingeschr\u00e4nkten Aktionsradius.<\/p>\n<p>Verlorene Zeit, entgangene Gl\u00fccksmomente<\/p>\n<p>Die versteckten Kosten psychischer Erkrankungen finden sich n\u00e4mlich oft auch auf emotionaler und sozialer Ebene. Psychische Krankheiten sind nach wie vor h\u00e4ufig mit Scham, Schuldgef\u00fchlen oder Stigmatisierung verbunden. Viele Betroffene ziehen sich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wer zudem st\u00e4ndig gr\u00fcbelt und sich in Gedankenkreisl\u00e4ufen verliert, kann sich h\u00e4ufig schlechter organisieren oder schiebt Aufgaben auf. So wird teils auch Allt\u00e4gliches zur Herausforderung.\u00a0<\/p>\n<p>Mitunter entgehen einem Gl\u00fccksmomente. Ein Beispiel: Zwar nimmt man sich vor, etwas Angenehmes zu unternehmen, verschiebt das aber st\u00e4ndig oder hat keine Kraft, sich aufzuraffen. \u00abDas Problem ist, dass das oft mit dem Charakter verbunden wird und Au\u00dfenstehende meinen, die Person sei faul\u00bb, sagt der Arbeitspsychologe Sebastian Jakobi. \u00abDas denkt derjenige dann manchmal auch von sich selbst.\u00bb<\/p>\n<p>Andere Kosten wiederum entstehen nicht nur indirekt, sondern ganz konkret: durch Impulsk\u00e4ufe oder Suchtverhalten, Mahngeb\u00fchren wegen verpasster Fristen oder Umzugskosten infolge h\u00e4ufiger Jobwechsel.<\/p>\n<p>Die berufliche Entwicklung kann ins Stocken geraten. Manche bleiben im Job unter ihren M\u00f6glichkeiten, weil sie sich aus sozialer Angst nicht trauen, nach einer Bef\u00f6rderung zu fragen oder ihre Leistungen sichtbar zu machen. Hinzu kommen Stress, Schwierigkeiten im Team, fehlende Anerkennung und verpasste Chancen.<\/p>\n<p>Mit Therapie und Selbstakzeptanz zur Probleml\u00f6sung<\/p>\n<p>Die meisten psychische Erkrankungen sind gut behandelbar. Ein erster Schritt kann darin liegen, zu erkennen, dass eine Behandlung notwendig ist. Reine Selbsthilfe sei meist nicht zielf\u00fchrend, meint Maa\u00df. Ideal sei professionelle Hilfe in Form von Therapie oder Beratung. Daneben ist auch Selbstakzeptanz wichtig: Fehler sind menschlich, Vorw\u00fcrfe helfen nicht weiter.\u00a0<\/p>\n<p>Im Alltag k\u00f6nnen zudem zeitliche Puffer entlasten, die bewusst zur Erholung eingeplant werden. Auch feste Strukturen, etwa ein Stundenplan mit Pausen, helfen dabei, sichtbar zu machen, wof\u00fcr Zeit aufgewendet wird.<\/p>\n<p>Geht es um finanzielle Kosten, ist Planung entscheidend. Dauerauftr\u00e4ge oder Einzugserm\u00e4chtigungen k\u00f6nnen helfen, Fristen einzuhalten, r\u00e4t Jakobi. Voraussetzung daf\u00fcr sei allerdings ein finanzieller Puffer. \u00abDen muss man sich nat\u00fcrlich erst aufbauen\u00bb, sagt der Arbeitspsychologe.<\/p>\n<p>Personen, die vor allem nachts gr\u00fcbeln, empfiehlt Jakobi ein Notizbuch neben dem Bett. Die Idee dahinter: Gedanken, die man &#8211; auch stichwortartig &#8211; aufschreibt, sind aus dem Kopf. \u00abWenn man wach ist, kann man daran weiterarbeiten und falls die Gedanken wieder aufkommen, sieht man, dass meistens nichts Neues dazukommt\u00bb, sagt Jakobi. Au\u00dferdem ist Jakobi zufolge Achtsamkeitstraining ratsam, das oft von Krankenkassen bezuschusst wird.\u00a0<\/p>\n<p>Wo es konkrete Hilfe bei finanziellen Problemen gibt<\/p>\n<p>Wer durch psychische Erkrankungen in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist, muss damit nicht allein bleiben. Man kann auch bei st\u00e4dtischen Sozialberatungen oder kirchlichen Tr\u00e4gern niedrigschwellig Gespr\u00e4chsangebote bekommen, so Jakobi, vertraulich und kostenlos. Bei Schulden oder drohenden Zahlungsausf\u00e4llen helfen etwa kommunale Schuldnerberatungen sowie Angebote der Wohlfahrtsverb\u00e4nde (zum Beispiel Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt oder der Parit\u00e4tische Wohlfahrtsverband). Sie beraten zu Haushaltsplanung, Schuldenregulierung, Mahn- und Inkassoforderungen oder auch zu Sozialleistungen.<\/p>\n<p>Auch eine sozialpsychiatrische Beratung kann sinnvoll sein. Diese wird vielerorts von Kommunen angeboten und hilft dabei, finanzielle, gesundheitliche und soziale Probleme gemeinsam zu ordnen und passende Hilfen zu finden.<\/p>\n<p>Bei akuten Belastungen oder \u00dcberforderung k\u00f6nnen Betroffene sich au\u00dferdem an niedrigschwellige Angebote wenden \u2013 etwa an psychosoziale Beratungsstellen, kirchliche Tr\u00e4ger oder telefonische Beratungsdienste. Wer berufst\u00e4tig ist, kann pr\u00fcfen, ob der Arbeitgeber ein Mitarbeiterunterst\u00fctzungsprogramm anbietet. Diese Programme vermitteln anonym Beratung \u2013 auch zu finanziellen Sorgen, die mit psychischer Belastung zusammenh\u00e4ngen. Betriebs- oder Personalrat, Schwerbehindertenvertretung und Betriebsarzt sind daf\u00fcr geeignete Ansprechpartner.<\/p>\n<p>Wie Angeh\u00f6rige unterst\u00fctzen k\u00f6nnen<\/p>\n<p>Entlastend kann auch der Austausch mit nahestehenden Menschen sein \u2013 vorausgesetzt, sie h\u00f6ren zu und begegnen dem Problem akzeptierend. Angeh\u00f6rige seien jedoch oft selbst betroffen und k\u00f6nnten deshalb nicht immer unvoreingenommen reagieren, so Jakobi. Aber \u00abAngeh\u00f6rige k\u00f6nnen helfen, indem sie nicht stigmatisieren, sondern die Kosten aufzeigen\u00bb, sagt Maa\u00df.<\/p>\n<p>Wenig sinnvoll ist, Familienangeh\u00f6rige zu bitten, einen bei Rechnungen zu unterst\u00fctzen oder von Impulsk\u00e4ufen abzuhalten. Maa\u00df: \u00abDann gibt die Person die Verantwortung ab, es entstehen Schwierigkeiten mit dem Umfeld, Impulsk\u00e4ufe werden noch wahrscheinlicher.\u00bb Gerade bei Suchterkrankungen k\u00f6nne sich das Problem so verst\u00e4rken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00abADHS-Steuer\u00bb und Co. 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