{"id":737253,"date":"2026-01-22T04:51:21","date_gmt":"2026-01-22T04:51:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/737253\/"},"modified":"2026-01-22T04:51:21","modified_gmt":"2026-01-22T04:51:21","slug":"zeugen-zum-anschlag-auf-thor-steiner-laden-in-erfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/737253\/","title":{"rendered":"Zeugen zum Anschlag auf Thor-Steiner-Laden in Erfurt"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t\t\t<strong><\/p>\n<p>Am dritten Prozesstag sagten Zeugen zum Anschlag auf ein Thor-Steinar-Gesch\u00e4ft in Erfurt aus. Per umstrittenem 3D-Modell soll bald gekl\u00e4rt werden, ob eine der Angeklagten daran beteiligt war.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p>Kaum, dass der Senat mit einer halben Stunde Versp\u00e4tung im gro\u00dfen Saal Platz nimmt, macht der Vorsitzende eine Ansage. An diesem Dienstag sollen n\u00e4mlich gleich zwei Zeugen aussagen: die in Erfurt angegriffene Verk\u00e4uferin aus dem bei Rechten beliebten Marken-Gesch\u00e4ft und der Mann, der f\u00fcr die inzwischen f\u00fcnf Filialen der Kette zust\u00e4ndig ist. &#8222;Wir brauchen keine Ausf\u00fchrungen dazu, was Thor Steinar ist&#8220;, sagt daher der Vorsitzende Richter Lars Bachler. &#8222;Dass das eine Marke ist, die sich gezielt und bewusst an rechtsextreme Kunden wendet, wissen wir&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>An das Publikum gerichtet f\u00e4hrt er fort: Auch wisse der Senat, dass mit den zwei Zeugen an diesem Tag &#8222;Leute auftauchen, die Ihnen politisch nicht nahestehen&#8220;, aber auch sie m\u00fcssten ausreden k\u00f6nnen. St\u00f6rungen verbitte er sich. &#8222;Da verstehe ich keinen Spa\u00df&#8220;.\u00a0<\/p>\n<p>Die an diesem Tag vielleicht noch 80 Zuschauer:innen solten sich daran halten: Freund:innen der Angeklagten sind da, Familie, Unterst\u00fctzer:innen. Durch das Sicherheitsglas, das die Angeklagten und die Beteiligten von den Zuschauern trennt, werden wieder Herzen gezeigt und Luftk\u00fcsse ausgetauscht. Doch es bleibt still, die Zeugenvernehmung verl\u00e4uft ruhig.<\/p>\n<p>Es ist der dritte Prozesstag <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/olg-duesseldorf-iii7st125-prozess-auftakt-linksextremisten-budapest-komplex\" target=\"_blank\" class=\"external-link-new-window\" rel=\"noopener\">in diesem Verfahren<\/a> vor dem <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/gerichte\/aktuelle-urteile-und-adresse\/oberlandesgericht-duesseldorf\" target=\"_blank\" class=\"external-link-new-window\" rel=\"noopener\">Oberlandesgericht (OLG) D\u00fcsseldorf<\/a>. A<a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/olg-duesseldorf-iii7st125-budapest-komplex-linksextremisten-prozess-startet\" target=\"_blank\" class=\"external-link-new-window\" rel=\"noopener\">ngeklagt sind sechs mutma\u00dfliche Linksextremist:innen<\/a>. Sie sollen als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung u. a. in Erfurt und in Budapest am sogenannten Tag der Ehre Angriffe auf mutma\u00dfliche Rechte ausgef\u00fchrt und diese zum Teil schwer verletzt haben (Az. III-7 St 1\/25).\u00a0Die Anklage lautet auf mitgliedschaftliche Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, versuchten Mord sowie gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung.<\/p>\n<p>Thor-Steinar-Filialen haben eine Meldekette, um sich vor Angriffen zu warnen<\/p>\n<p>Ob die angegriffene Verk\u00e4uferin W. (36) in dem Gesch\u00e4ft selbst zur rechten Szene geh\u00f6rt, spielt keine Rolle. Die etwa 1,65 Meter kleine, zart gebaute Frau mit schulterlangen, braunen Haaren, h\u00e4lt den Blick gesenkt, als sie den Saal betritt, sie wirkt unsicher. Wo sie lebt, wird man nicht erfahren, dazu existiert eine Auskunftssperre. Begleitet wird die Frau, die auch Nebenkl\u00e4gerin in dem Verfahren ist, von ihrem an diesem Tag erst bekannt gewordenen zweiten Anwalt: Dubravko Mandic aus Freiburg. Die linke Szene im Gerichtssaal wird ihn kennen: Der Fachanwalt f\u00fcr Strafrecht ist ehemaliger AfD-Funktion\u00e4r.\u00a0<\/p>\n<p>Schon am 23. April 2022 erfolgte der Angriff auf die Frau und das Gesch\u00e4ft. Sie war noch gewarnt worden, die Marke hat eine Meldekette \u00fcber einen Messenger. Dar\u00fcber hatte W. von kurz zuvor ausgef\u00fchrten Angriffen auf Gesch\u00e4fte u. a. in Schwerin erfahren und daher die Ladent\u00fcr abgeschlossen. Die Gesch\u00e4fte sind solche Angriffe schon gewohnt, wird sp\u00e4ter der zweite Zeuge B. aussagen, mehrfach habe es bereits Farbattacken gegeben. In so einer Situation werden nur noch den Verk\u00e4ufern im Laden bekannte Gesichter eingelassen. Doch eine der beiden Frauen, die am 23. April 2022 Einlass begehrten, war W. bekannt. Sie sei zwei Wochen zuvor schon einmal dagewesen und habe sich umgesehen, sagt die Zeugin.\u00a0<\/p>\n<p>&#8222;Dann ging alles ganz schnell&#8220;, so W. weiter. Von hinten sei sie angegriffen und zu Boden gezogen worden. \u201cDann gibt es nicht mehr viel, an das ich mich erinnere\u201d, bewusstlos sei sie aber nicht gewesen. Sie h\u00e4tten mit einer Stange auf die Beine und mit F\u00e4usten auf ihren Kopf eingeschlagen, zwei weitere Personen seien noch ins Gesch\u00e4ft gekommen und h\u00e4tten eine Fl\u00fcssigkeit verspr\u00fcht \u2013 wom\u00f6glich Butters\u00e4ure, davon hat W. nach eigener Aussage aber nichts mitbekommen. Was es genau war, habe nie festgestellt werden k\u00f6nnen, wird Zeuge B. im Anschluss aussagen.\u00a0<\/p>\n<p>Dann h\u00e4tten die beiden &#8222;M\u00e4dels&#8220; von ihr abgelassen, sie seien verschwunden, und W. habe die Polizei gerufen. Als der auch informierte B. einige Stunden aus Berlin in Erfurt angekommen war, war W. im Krankenhaus, die Polizei schon wieder weg und eine andere Verk\u00e4uferin sei im Laden gewesen, erz\u00e4hlt B. Die habe aber noch am selben Tag gek\u00fcndigt. Am selben Tag noch begannen B. und sein ebenfalls bei der Firma angestellter Bruder mit dem Aufr\u00e4umen.\u00a0<\/p>\n<p>W. war nur f\u00fcr eine Kollegin eingesprungen<\/p>\n<p>Bei W. stellten die \u00c4rzte H\u00e4matome fest: am rechten Auge, an Armen und Beinen, einen Riss im Sprunggelenk. Die k\u00f6rperlichen Folgen des Angriffs seien verheilt, die psychischen geblieben, erz\u00e4hlt sie. Sie habe eine posttraumatische Belastungsst\u00f6rung davongetragen. Sie sei zwar noch angestellt und habe nach einer Wiedereingliederungsma\u00dfnahme ab November 2022 auch wieder gearbeitet, doch seit Sommer 2025 nicht mehr. Sie sei weiterhin in psychologischer Behandlung.<\/p>\n<p>An dem Tag des Angriffs sei sie nur f\u00fcr eine Kollegin eingesprungen, eigentlich h\u00e4tte sie nicht arbeiten sollen. Das Display ihres Iphones war an dem Tag auch kaputtgegangen, ein Sachschaden von rund 800 Euro. Welches &#8222;M\u00e4del&#8220; beim \u00d6ffnen der Ladent\u00fcr mit ihr gesprochen hat, &#8222;das kann ich nicht mehr sagen&#8220;. Wenige Nachfragen kommen von der Bundesanwaltschaft, die an diesem Tag nur durch zwei Personen vertreten ist, und der Verteidigung \u2013 nach einer guten halben Stunde kann W. gehen.\u00a0<\/p>\n<p>Aus der geplanten Viertelstunde Unterbrechung werden 25 Minuten. Erst dann sind wieder alle Menschen, die frische Luft schnappen oder rauchen wollten, erneut durchsucht und ins Geb\u00e4ude eingelassen. Die Sicherheitsauflagen sind streng: Wer raus will, muss das Gerichtsgeb\u00e4ude ganz verlassen. Es gibt zwar einen umschlossenen Au\u00dfenbereich samt Aschenbecher f\u00fcr die Raucher:innen vor der Sicherheitsschranke, von dem aus der Zugang zum Gericht ohne erneute Kontrolle m\u00f6glich w\u00e4re. Doch der Aufenthalt dort ist nicht erlaubt. So wird jede auch noch so kurze Unterbrechung zur Verz\u00f6gerung, bis die \u00d6ffentlichkeit im Saal wiederhergestellt ist.\u00a0<\/p>\n<p>\u201cDas riecht nach Erbrochenem\u201d<\/p>\n<p>Doch schlie\u00dflich geht es weiter. Der Auftritt des zweiten Zeugen B. (51) k\u00f6nnte sich von W.s Auftreten kaum krasser unterscheiden: kurze Haare, zackiger Schritt, feste Stimme. Er wolle nicht die Namen derer nennen, die beim Aufr\u00e4umen und Renovieren geholfen haben, nur dem Senat werde er sie sp\u00e4ter per Zettel \u00fcbermitteln &#8211; der die Information den Verteidiger:innen dann weitergeben muss. Die Zuschauer:innen werden die Namen nur erfahren, falls die noch als Zeug:innen geladen werden. Bis es zu dieser L\u00f6sung kommt, ist die Kommunikation zwischen Verteidigern und dem Zeugen eisig bis feindselig.<\/p>\n<p>In Erfurt sei der ganze Laden ruiniert worden, die Ware sei mit Teerfarbe und Butters\u00e4ure bespr\u00fcht worden, &#8222;das riecht nach Erbrochenem&#8220;, sagt B. Etwa eineinhalb Wochen sei der Laden zu gewesen, erst dann sei alles gereinigt und mit neuen M\u00f6beln und neuer Ware best\u00fcckt gewesen. Einen Warenschaden von etwa 55.000 Euro bedeute das, plus die ganze Arbeitszeit, die draufging. Die Arbeiten erledigten die Mitarbeiter:innen selbst, &#8222;wir wissen ja, dass wir auf den Sch\u00e4den sitzenbleiben&#8220;, sagt B. Der Vorsitzende hat andere Zahlen, h\u00e4lt diese dem Zeugen vor. &#8222;Ich will mich nicht um 5.000 Euro streiten&#8220;, sagt B.\u00a0<\/p>\n<p>Verteidigung gegen Beweis per 3D-Modell<\/p>\n<p>Das wollen die Verteidiger:innen auch nicht, Nachfragen zu den Werten gibt es nicht. Ihnen geht es vielmehr darum, wer die Kameras in dem Laden gereinigt oder angefasst hat und wer ein Video von dem Angriff ins Internet gestellt hat. Das wisse er nicht, sagt B. dazu. Kurz darauf ist auch er aus dem Zeugenstand entlassen.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich geht es bei den Fragen zur Kamera schon um Aufnahmen, die auch der Gutachter herangezogen hat, der f\u00fcr kommende Woche geladen ist. Der hat <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/strafverfahren-budapest-komplex-3d-modell-ki-berechnung-beweis\" target=\"_blank\" class=\"external-link-new-window\" rel=\"noopener\">3D-Modelle von einem Skelett<\/a> erstellt, mit dem T\u00e4ter:innen identifiziert werden sollen. Daf\u00fcr wurden von der Angeklagten Emilie D. in der JVA Fotos gemacht, die dann mit Aufnahmen von den Angriffen abgeglichen wurden.\u00a0<\/p>\n<p>Aus Sicht der Verteidigung gibt es f\u00fcr die Anwendung dieser Methode keine gesetzliche Grundlage, zumindest nicht ohne eine richterliche Anordnung. Die Aufnahmen unterl\u00e4gen schon einem Beweiserhebungsverbot, hilfsweise einem Beweisverwertungsverbot. Diverse Gerichte h\u00e4tten bei dieser Methode bereits &#8222;durchgreifende Bedenken&#8220; ge\u00e4u\u00dfert und die Ergebnisse nicht als Beweise herangezogen.\u00a0<\/p>\n<p>Wie der Senat in D\u00fcsseldorf das sieht, wird sich am n\u00e4chsten Prozesstag am 27. Januar zeigen.<\/p>\n<p>Zitiervorschlag<\/p>\n<p id=\"citeArticleContent\">\n<p>\t\t\t\t\tBudapest-Komplex vor dem OLG D\u00fcsseldorf:<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t. In: Legal Tribune Online,<br \/>\n\t\t\t\t\t21.01.2026<br \/>\n\t\t\t\t\t, https:\/\/www.lto.de\/persistent\/a_id\/59123 (abgerufen am:<br \/>\n\t\t\t\t\t22.01.2026<br \/>\n\t\t\t\t\t)\n\t\t\t\t<\/p>\n<p>\t\t\t\tKopieren<br \/>\n\t\t\t\t<a href=\"https:\/\/www.lto.de\/rechtliches\/zitierhinweise\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Infos zum Zitiervorschlag<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am dritten Prozesstag sagten Zeugen zum Anschlag auf ein Thor-Steinar-Gesch\u00e4ft in Erfurt aus. 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