{"id":739285,"date":"2026-01-22T23:52:13","date_gmt":"2026-01-22T23:52:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/739285\/"},"modified":"2026-01-22T23:52:13","modified_gmt":"2026-01-22T23:52:13","slug":"ein-tapferer-versuch-das-amtsdeutsch-in-den-griff-zu-bekommen-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/739285\/","title":{"rendered":"Ein tapferer Versuch, das Amtsdeutsch in den Griff zu bekommen \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem neuen Corporate Design und der Neustrukturierung der Homepage leipzig.de hat sich Leipzigs Verwaltung auch einen besonderen Spa\u00df geg\u00f6nnt: eine Extra-Seite mit dem sch\u00f6nen Titel \u201eAmtsdeutsch\u201c. Was zumindest eine gewisse sch\u00f6ne Distanz zum ge\u00fcbten Sprachgebrauch in Leipziger Amtsstuben zeigt. Auch wenn die Seite nat\u00fcrlich nicht erkl\u00e4ren kann, warum Stadtangestellte dazu neigen, die deutsche Sprache zu benutzen, als m\u00fcsse man zwischen Amt und B\u00fcrger riesige Berge unverst\u00e4ndlicher Worth\u00fclsen auft\u00fcrmen. Aber man hat zumindest so eine Ahnung.<\/p>\n<p>\u201eFachchinesisch, unverst\u00e4ndlich oder einfach unbekannt: Es ist nicht immer leicht zu verstehen, was eine Verwaltung in amtlichen Bekanntmachungen und Schreiben zu Papier bringt. Das Geflecht aus Amtsdeutsch, Schachtels\u00e4tzen und Fachbegriffen bringt aber auch immer wieder wunderbare Wortsch\u00f6pfungen hervor\u201c, <a href=\"http:\/\/www.leipzig.de\/rathaus\/stadtverwaltung\/amtsdeutsch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">liest man in durchaus selbstkritischer Formulierung auf dieser Seite<\/a>. Aber schon dieser Satz l\u00e4sst ahnen, wie es kommt und kommen muss.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/a32b2da38e6b441ba59958ead2d2545a.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/satire\/2026\/01\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/satire\/2026\/01\/1\"\/><\/p>\n<p>Jede Deutschlehrerin wird es mit rotem Stift am Rand vermerken. Wer ist das Subjekt in diesem Satz?<\/p>\n<p>Da sucht das eifrige Schulkind und ist verdutzt. Es ist weder der B\u00fcrgermeister noch die Abteilungsleiterin, die hier ein amtliches Dokument formuliert haben. Es ist das gro\u00dfe, unfassbare \u201eGeflecht aus Amtsdeutsch, Schachtels\u00e4tzen und Fachbegriffen\u201c, das da seine Wortsch\u00f6pfungen hervorbringt. Also ein unsichtbares Ungeheuer, das da irgendwo in den Fluren des Neuen Rathauses hausen muss.<\/p>\n<p>Anders ist es nicht zu verstehen, dass all die Wortunget\u00fcme, Schwall- und Nebels\u00e4tze in amtliche Dokumente geraten. Manchmal leider auch in die Reden von B\u00fcrgermeistern in Leipziger Stadtratssitzungen und in ihre diffusen Antworten auf in der Regel recht klare Fragen von Stadtr\u00e4tinnen und Stadtr\u00e4ten. Das Monster sitzt ihnen im Nacken.<\/p>\n<p>Lexik ohne Grenzen?<\/p>\n<p>Oder mit der Begr\u00fcndung der wunderbaren Amtsdeutsch-Seite: \u201eDie Verwaltungssprache folgt ihren eigenen Regeln. Ein wichtiger Grundsatz: Alles muss beschrieben und mit einem Begriff versehen werden. Der deutschen Lexik sind da keine Grenzen gesetzt.\u201c<\/p>\n<p>Doch. Ihr sind Grenzen gesetzt. Jede verzweifelte Deutschlehrerin wei\u00df das. Es geht um klares, eindeutiges Sprechen. Und das verlernen die meisten Leute ganz offensichtlich schon nach der Grundschule. Oder ist hier keiner \u00fcber das Wort <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wortschatz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lexik<\/a> gestolpert? Das ist nichts als Prahlerei, bedeutet am Ende Wortschatz. Und den besitzen die meisten nicht. Deshalb sprechen sie unverst\u00e4ndlich, unklar und undeutlich.<\/p>\n<p>Sie reden um den hei\u00dfen Brei herum. Werfen mit Fremd- und Kunstworten um sich und bevorzugen die Vernebelung des Sprechers in einem anonymen Es. Und statt klar zu sagen, was man getan hat und weiter tun will, stopft man das eigene Handeln in substantivierte Verben. Aus angek\u00fcndigtem Handeln wird ein Brocken aus Watte.<\/p>\n<p>Um mal einen solcher S\u00e4tze <a href=\"http:\/\/ratsinformation.leipzig.de\/allris_leipzig_public\/vo020?VOLFDNR=2027062&amp;refresh=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aus einer j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten Vorlage zu einem Fl\u00e4chennutzungsplan<\/a> zu zitieren: \u201eMit dem Beschluss dieser Vorlage wird die Voraussetzung f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der Ver\u00f6ffentlichung (\u00a7 3 Abs. 2 BauGB) des Entwurfes\u00a0der Fl\u00e4chennutzungsplan-\u00c4nderung und seiner Begr\u00fcndung herbeigef\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Mal vom vorbildlichen Amtsdeutsch-Verb \u201eherbeif\u00fchren\u201c (verwandt mit zuf\u00fchren, abf\u00fchren, durchf\u00fchren, anf\u00fchren, einf\u00fchren und dem ganzen Kladderatsch amtlicher F\u00fchrungskultur) abgesehen: Haben Sie das Subjekt in diesem Satz gewfunden?<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe amtliche Es<\/p>\n<p>Wenn es ein Kennzeichen f\u00fcr amtliches Deutsch gibt, dann ist es die systematische Verschleierung des handelnden Subjekts. Hier ist es zwar der Stadtrat, der am Ende beschlie\u00dft (und eben nicht den \u201eBeschluss herbeif\u00fchrt\u201c). Aber eben auch Amtspersonen und Beh\u00f6rden verschwinden hinter solchen Phrasen. Die Verantwortung wird einem gro\u00dfen, ungreifbaren Es zugeschrieben. Der Amtsvorgang selbst wird zum Souver\u00e4n. Der Mensch ist nichts. Verschwindet einfach.<\/p>\n<p>Ein Umgang mit Sprache, den gerade die Deutschen bevorzugen. So versteckt man sich hinter papierener Sprache.<\/p>\n<p>Aber daf\u00fcr sammelt die Seite dann lauter Begriffe aus dem ganz offiziell benutzten Amtsdeutsch. Denn es stimmt ja: Viele Worte aus dem Amtsdeutschen sind auch durch allerlei Vorschriften und Gesetze zwingend vorgegebene Bezeichnungen f\u00fcr allerlei Amts-Tatbest\u00e4nde. (Man merkt deutschen Gesetzen an, dass sie meist von studierten Juristen zusammengeschustert wurden.) Aktuell nachlesbar reicht das von Bef\u00f6rderungsfall (herzliche Gr\u00fc\u00dfe an die LVB) bis zum Zeitinselquerschnitt. Ein Begriff, den es sich lohnt anzutippen.<\/p>\n<p>Denn dahinter berichtet Leipzigs Pressestelle ein wenig \u00fcber ihren m\u00fchseligen Umgang mit der amtlich gepflegten Sprache.<\/p>\n<p>\u201eEine der Hauptaufgaben der Pressestelle einer Stadtverwaltung besteht darin, Verwaltungsdokumente sprachlich zu entknoten, sodass die Absichten und Ma\u00dfnahmen der Verwaltung in den Ver\u00f6ffentlichungen, Nachrichten und Online-News allgemein verst\u00e4ndlich nachzulesen sind.<\/p>\n<p>Als Sprachentschwurbler sind wir mittlerweile recht ge\u00fcbt darin, aus einem lichtsignalanlagegesteuerten Knotenpunkt eine Ampelkreuzung oder aus einer nichtlebenden Einfriedung einen Zaun zu machen. Doch jetzt haben wir unseren finalen Gegner getroffen!<\/p>\n<p>In einer amtlichen Mitteilung trafen wir auf diesen Satz: \u201aIm Rahmen der Ma\u00dfnahme sollen Zeitinselquerschnitte zur Absicherung des Haltestellenwechsels der Stra\u00dfenbahn ebenfalls mit Auslegermasten vorgesehen werden.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Amtsdeutsch trifft Ingenieursdeutsch<\/p>\n<p>Die Pressestelle fand das Problem dann im amtlich geregelten Stra\u00dfenverkehr. Womit man dann zwar im Planungsdezernat landet, wo sich dann zwei Sprachen zu wilder Ehe zusammenfinden \u2013 das papierene Amtsdeutsch und das technische Ingenieursdeutsch aus den Hochschulen, wo k\u00fcnftige Planer lernen, wie man verkehrliche L\u00f6sungen hinter technischen Wortunget\u00fcmen versteckt.<\/p>\n<p>Es ist zumindest eine B\u00e4renaufgabe, die sich die Pressestelle im Rathaus da gestellt hat.<\/p>\n<p>Und da sind die Vorlagen f\u00fcr die Ratsversammlung noch gar nicht ber\u00fccksichtigt, wo das Amtsdeutsch seine eigentliche Tummelwiese gefunden hat.<\/p>\n<p>Um nur noch einen weiteren Satz aus der oben zitierten Vorlage hierherzusetzen: \u201eGrunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen Klimawirkungen nicht durch die vorgeschlagene Ma\u00dfnahme, die \u00c4nderung des Bauleitplans, sondern erst durch die Umsetzung des bauplanungsrechtlichen Rahmens f\u00fcr die Zul\u00e4ssigkeit von Bauvorhaben, wie er sich nach Abschluss des Verfahrens f\u00fcr den Bebauungsplan Nr. 451.1 ergibt, entstehen.\u201c<\/p>\n<p>Aufgabe: Suchen Sie das Subjekt dieses Satzes. Reduzieren Sie den Satz auf seine eigentliche Aussage. Versuchen Sie damit im Deutschaufsatz, ihre Deutschlehrerin zu erschrecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit dem neuen Corporate Design und der Neustrukturierung der Homepage leipzig.de hat sich Leipzigs Verwaltung auch einen besonderen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":739286,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,71,859,22724,1300,7557],"class_list":{"0":"post-739285","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-leipzig","12":"tag-sachsen","13":"tag-satire","14":"tag-sprache","15":"tag-stadtverwaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115941444409933433","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739285","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=739285"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739285\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/739286"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=739285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=739285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=739285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}