{"id":7407,"date":"2025-04-04T10:17:09","date_gmt":"2025-04-04T10:17:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/7407\/"},"modified":"2025-04-04T10:17:09","modified_gmt":"2025-04-04T10:17:09","slug":"literatur-leipziger-buchmesse-das-kaufen-als-happening","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/7407\/","title":{"rendered":"Literatur \u2013 Leipziger Buchmesse: Das Kaufen als \u00bbHappening\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img303417\" src=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/img\/jpeg\/640\/303417\" alt=\"Kurz vor Platzangst: Ab Samstagmittag wurden den Besuchermassen keine Tickets mehr f\u00fcr die Messe verklauft.\"\/><\/p>\n<p>Kurz vor Platzangst: Ab Samstagmittag wurden den Besuchermassen keine Tickets mehr f\u00fcr die Messe verklauft.<\/p>\n<p>Foto: dpa<\/p>\n<p>War das ein Scherz oder nicht? Am Samstagvormittag h\u00f6rte ich einen st\u00e4mmigen Mann, der mir entgegenkam, zu seiner Frau sagen: \u00bbWir sind Deutsche, wir gehen rechts rum.\u00ab Ich konnte ihn nicht n\u00e4her betrachten, zu gro\u00dfes Gedr\u00e4ngel, noch mehr als sonst auf der Leipziger Buchmesse. Man f\u00fchlte sich wie in einem langen Stau auf der Autobahn, nur zu Fu\u00df. In den G\u00e4ngen in den Hallen und ganz besonders in den R\u00f6hren, die die Hallen verbinden, stieg die Platzangst langsam hoch, w\u00e4hrend man sehr lang vorw\u00e4rtskam, in der Spur gehalten vom Buchmessenpersonal, das die Besucherstr\u00f6me regelte und darauf achtete, dass man nicht auf der Fu\u00dfg\u00e4nger-Gegenspur ausscherte, um zu \u00fcberholen. Ab Samstagmittag wurden keine Eintrittskarten mehr verkauft, damit die Leute nicht durchdrehen.<\/p>\n<p>Die l\u00e4ngste Schlange, die ich sah, stand hinter Absperrband vor dem Lyx-Verlag an. Ein Stand, der aussah wie ein rosafarbenes Puppenhaus in gro\u00df, in dem wie in einem Buchladen die in rosa Covern erschienenen New-Adult-Bestseller \u00bbvoller Drama, Knistern und gro\u00dfen Gef\u00fchlen\u00ab in den Geschmacksrichtungen \u00bbRomance\u00ab, \u00bbProblems\u00ab, \u00bbFantasy\u00ab und \u00bbSuspense\u00ab eingekauft werden konnten. Nicht als Sondereditionen f\u00fcr Sammler*innen oder so, sondern in ganz normalen Ausgaben, wie sie auch in einem x-beliebigen Gesch\u00e4ft und Versanddienst zu haben sind. Warum bilden die jungen Menschen daf\u00fcr in den Besucherschlangen der Messe eine extra Schlange, ohne alle Teenage-Hysterie, wie man sie von Livekonzerten kennt? Ist das vielleicht eine pubert\u00e4re Geduldhaben-Challenge? Nein, dieses fast schon sediert anmutende Anstehen und Kaufen sei eine Art \u00bbHappening\u00ab, erkl\u00e4rte mir eine Verlagsmitarbeiterin, die wie eine Verkehrspolizistin diese Kaufbewegungen regeln musste.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ist Lyx eine Goldader f\u00fcr den Bastei L\u00fcbbe Verlag, dem er als Imprint geh\u00f6rt, inmitten der Problembranche Buch (alles wird teurer und weniger nachgefragt). Nach Angaben des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) k\u00f6nnen gesch\u00e4tzt nur zwei Prozent der hiesigen Autor*innen ausschlie\u00dflich vom Schreiben leben, alle anderen gelten als \u00bbhybrid erwerbst\u00e4tig\u00ab, das hei\u00dft: sie brauchen eine Zusatzt\u00e4tigkeit. \u00bbWir k\u00f6nnen nur vom Schreiben leben, wenn wir nicht vom Schreiben leben m\u00fcssen\u00ab, brachte es die VS-Vorsitzende Lena Falkenhagen auf den Punkt, als sie auf der Messe die Ergebnisse einer \u00bbHonorarumfrage\u00ab ihres Verbandes vorstellte. Demnach geben nur 17 Prozent an, \u00bbgute bis sehr gute Eink\u00fcnfte\u00ab mit ihrer Schreibt\u00e4tigkeit zu erzielen. Laut Falkenhagen gebe es unter den deutschen Autor*innen 40 Einkommensmillion\u00e4re. Doch der durchschnittliche Verlagsvorschuss, von dem man dann ein ganzes Buch schreiben soll, was schon mal ein Jahr und l\u00e4nger dauern kann und von der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit als \u00bbhochkomplexe T\u00e4tigkeit\u00ab eingestuft wird, betr\u00e4gt 3500 Euro.<\/p>\n<p>Und das war\u2019s dann auch schon oft mit der Honorierung. Andererseits sagte mir Barbara Kalender, die mit Richard Stoiber den <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1162260.literatur-habt-keine-angst.html?sstr=barbara|kalender\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">M\u00e4rz-Verlag<\/a> als Zwei-Personen-Unternehmen f\u00fchrt: \u00bbWir beuten uns selbst am meisten aus.\u00ab Auch wenn oft am Samstag oder Sonntag gearbeitet wird, bleibe leider immer noch zu viel liegen. M\u00e4rz ist von den kleinen Verlagen noch einer der bekanntesten und renommiertesten. Und er ist auf der Messe, deren Geb\u00fchren sich viele Verlage und Zeitungen, darunter auch das kleine \u00bbnd\u00ab und die gro\u00dfe \u00bbFAZ\u00ab, nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Die gewaltigen Besucherstr\u00f6me der Messe suggerieren einen anderen Eindruck, sie schieben sich \u00fcber die Sichtbarkeit der \u00f6konomischen Krisen wie die gro\u00dfen Ozeane \u00fcber die \u00f6kologischen Katastrophen wie den Plastikm\u00fcll.<\/p>\n<p>Davon kann auch das reiche Norwegen, das dieses Jahr das Gastland der Messe war, nicht mit seinem demonstrativen Schon-alles-in-Ordnung-Sozialdemokratismus ablenken, den der Erfolgsschriftsteller Erik Fosnes Hansen am Samstag bei der Langen Nacht der norwegischen Literatur mit einem landestypischen Sinnspruch pr\u00e4sentierte: \u00bbDie Sonne scheint auf dich \/ der Schatten f\u00e4llt auf mich \/ doch gr\u00fcn ist das Gras f\u00fcr alle.\u00ab Wie schon oft bei Messen wurde auf den G\u00e4ngen \u00fcber das Gastland kaum gesprochen, zu bieder und knausg\u00e5rdisch selbstreferenziell-erwartbar waren auch seine Pr\u00e4sentation und sein Programm in Halle 4.<\/p>\n<p>Interessanter und aufregender war das, was in der Nachbarschaft am Stand von Traduki, dem Netzwerk f\u00fcr Autor*innen und \u00dcbersetzungen aus S\u00fcdosteuropa, passierte. Etwa, wenn die bosnisch-kroatische Autorin <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1150297.wir-brauchen-das-feuer.html?sstr=Asja Baki\u0107\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Asja Baki\u0107<\/a> aus \u00bbLeckerm\u00e4ulchen\u00ab, ihrem neuen zweiten Band mit Erz\u00e4hlungen im Verbrecher Verlag, vortrug, angek\u00fcndigt als \u00bbFeminismus im Zeitalter des posthumanen Barock\u00ab. Sie las eine Geschichte \u00fcber eine junge Frau, die \u00fcber Nacht blind wurde \u2013 weil sie, wie sich herausstellt, in einem Bett unter einem gl\u00e4sernen Kruzifix masturbiert hatte, das dann heruntergefallen und zerbrochen war. Eine kafkaeske Strafe von Gott oder von wem auch immer, sehr lustig. \u00bbWie werden solche Erz\u00e4hlungen in Kroatien aufgenommen?\u00ab, wollte die Traduki-Moderatorin Maja Gebhardt wissen, Baki\u0107 antwortete nur mit einem Wort: \u00bbSchlecht.\u00ab Sie sei \u00bbKommunistin und Feministin\u00ab, aber sie wolle keine Manifeste verfassen, erz\u00e4hlte sie, sondern Kurzgeschichten, weil die viel schwieriger zu schreiben seien, denn sie w\u00fcrden die Leser*innen allein lassen, ohne den erkl\u00e4renden Zusammenhang eines Romans. Gerade in den politisch \u00e4u\u00dferst schwierigen Zeiten, die auf uns zukommen, m\u00fcssten \u00bbwir lernen, irritiert zu sein\u00ab, meinte Gebhardt. Man sollte sich nicht immer super f\u00fchlen, \u00bbgl\u00fccklich ist gef\u00e4hrlich\u00ab.<\/p>\n<p>Vom Gef\u00fchl des Alleinseins handelt auch das sch\u00f6ne Buch \u00bbOstflimmern\u00ab, das der K\u00fcnstler Philipp Baumgarten und die Sozialwissenschaftlerin Annekathrin Kohout beim Mitteldeutschen Verlag herausgegeben haben. Darin findet sich eine Auswahl von Fotos eines leeren Ostdeutschlands; das sind aber keine alten verblichenen SED-Ruinen, sondern Zweckbauten aus den 90er Jahren, die aussehen wie gebaut und nicht abgeholt: Superm\u00e4rkte, Vorst\u00e4dte und Industriegebiete. Der Westen im Osten, der zum Westen wurde. Es gehe um die Kipppunkte, wie Baumgarten auf einer Veranstaltung des MDR erz\u00e4hlte, und um Wechselbeziehungen, so wie der Ostler erst zum \u00bbOssi\u00ab werde, wenn er im Westen auftauche und der Westler zum \u00bbWessi\u00ab im Osten. Als Baumgarten, geboren 1985 in Zeitz, im Westen studierte, fand er das zu doof und teilte seine Freunde in \u00bbS\u00fcdis\u00ab und \u00bbNordis\u00ab ein.<\/p>\n<p>Zusammen mit 13 Autor*innen, darunter Marlen Hobrack, Lukas Rietzschel und Paula Irmschler, pr\u00e4sentieren sich Baumgarten und Kohout als \u00bbWir Wende-Millenials\u00ab, die in den 80er und 90er Jahren geboren wurden, um \u00bbeine k\u00fchle Prise durch die Grabenk\u00e4mpfe der Gegenwart flimmern zu lassen\u00ab, wie Baumgarten sagte. Das Grundgef\u00fchl sei ein \u00bbHin- und-her-Gerissensein\u00ab zwischen Ostgeschichte und westlicher Popkultur. Die Verteidigung der DDR sei heute in die H\u00e4nde der Reaktion\u00e4re gefallen, die AfD und ihr Umfeld w\u00fcrden den untergegangenen Staat f\u00fcr sein Preu\u00dfentum preisen und betonen, dass es weder Reeducation-Programme noch 68er Rebellion gegeben habe.<\/p>\n<p>Aber wer hat diesen Staat dann 1989\/90 Hals \u00fcber Kopf abgeschafft? Es war nicht die implodierte SED, sondern die CDU in Ost und West. Daran erinnerte eine Veranstaltung der Konrad Adenauer Stiftung am Freitagabend, als zwei dicke B\u00e4nde mit den zeithistorisch aufbereiteten Protokollen der CDU\/DA-Fraktion in der 1990 frei gew\u00e4hlten Volkskammer, die bei Herder erschienen sind, vorgestellt wurden. Zur Erinnerung: DA war die Abk\u00fcrzung f\u00fcr die damals neu gegr\u00fcndete Kleinpartei Demokratischer Aufbruch, der auch Angela Merkel angeh\u00f6rte, die entgegen allen Umfragen aber kaum gew\u00e4hlt wurde, weil ganz kurz vor der Wahl herauskam, dass ihr Parteivorsitzender ein Abgesandter der Staatssicherheit war. Die CDU wurde dann die st\u00e4rkste Partei und <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1189821.volkskammerwahlen-der-ddr-bergmann-pohl-es-war-ein-fleissiges-parlament.html?sstr=bergmann-pohl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sabine Bergmann-Pohl<\/a> \u00fcber Nacht zur Parlamentspr\u00e4sidentin und damit auch zum letzten Staatsoberhaupt der DDR, die dann mit 164 Gesetzen und 93 Beschl\u00fcssen der Volkskammer ver\u00e4ndert und schlie\u00dflich versenkt wurde. Die Volkskammer war ein \u00bbArbeitsparlament\u00ab, wie Bergmann-Pohl erl\u00e4uterte, und einzigartig in der deutschen Politikgeschichte, weil ihre Hauptaufgabe darin bestand, sich selbst abzuschaffen, um in der BRD aufzugehen.<\/p>\n<p>Doch das werde den damaligen Politikern nicht gedankt, klagte auf dem Podium der eingeladene SPD-Politiker und kurzzeitige DDR-Au\u00dfenminister Markus Meckel, der die Sonntagsreden an den Gedenktagen zu Mauerfall und Wiedervereinigung als vorhersehbar und langweilig empfindet und die letzte DDR-Regierung f\u00fcr wissenschaftlich zu wenig untersucht h\u00e4lt und als allgemein zu wenig ernst genommen. Stattdessen werde immer nur von Helmut Kohl geredet und das sei falsch. Von den anwesenden CDUlern gab es nur leichten Widerspruch. Und es gab <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1162482.der-appell-da-ist-eine-bombe-in-der-torte.html?sstr=eppelmann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rainer Eppelmann<\/a>, den einstigen und bislang einzigen deutschen \u00bbAbr\u00fcstungsminister\u00ab, der sich im halb kabarettistischen Ton in langatmigen, selbstgerechten Ausf\u00fchrungen erging. Urspr\u00fcnglich hatten sie die DDR \u00bbbunter, besser, ehrlicher, erfolgreicher\u00ab machen wollen, meinte er. Aber dann war auf einmal alles hin. Cordula Schubert, die f\u00fcr die CDU damals Ministerin f\u00fcr Jugend und Sport gewesen war, erinnerte sich an Plastikt\u00fcten, die sie in Karl-Marx-Stadt aus dem Westen bekommen hatten, mit Deutschlandfahne und CDU drauf. Die wurden f\u00fcr eine Mark verkauft und auf einmal liefen in der Stadt alle damit rum. So kann man den Untergang der DDR auch erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kurz vor Platzangst: Ab Samstagmittag wurden den Besuchermassen keine Tickets mehr f\u00fcr die Messe verklauft. 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