{"id":740822,"date":"2026-01-23T14:12:11","date_gmt":"2026-01-23T14:12:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/740822\/"},"modified":"2026-01-23T14:12:11","modified_gmt":"2026-01-23T14:12:11","slug":"theter-ensemble-zeigt-ferdinand-von-schirachs-drama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/740822\/","title":{"rendered":"theter-Ensemble zeigt Ferdinand von Schirachs Drama"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    \u201eJeder denkt, sich auf sein Gewissen verlassen zu k\u00f6nnen \u2013 aber das ist ein Irrtum.\u201c Dieser Satz\u00a0schwebt wie eine dunkle Gewitterwolke \u00fcber dem Pl\u00e4doyer der Staatsanw\u00e4ltin in Ferdinand von Schirachs Gedankenexperiment \u201eTerror\u201c, dem ersten St\u00fcck, das das theter-Ensemble seit dem vollzogenem Generationenwechsel <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/augsburg\/augsburg-der-city-club-muss-fuer-immer-bleiben-112588127\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"noopener\">im City Club<\/a> auf die B\u00fchne bringt. Der Vorstand ist ausgetauscht, das neue Ensemble nach der Friedensfest-Produktion \u201ePeace Out\u201c im letzten Jahr eingespielt, \u201edie gro\u00dfe aufgestaute Motivation und die Richtung, in die wir gehen wollen\u201c, von der Regisseurin und Dramaturgin Gabi Dunkel im Vorfeld berichtet, materialisiert sich in einem atemlosen St\u00fcck \u00fcber ein Thema, das schon Platon, Sartre und unz\u00e4hlige weitere m\u00e4nnlich gelesene Starphilosophen besch\u00e4ftigt hat: das ethische Dilemma.\n  <\/p>\n<p>            In von Schirachs \u201eTerror\u201c entkommt niemand der Zwickm\u00fchle<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Es ist eine gleichsam riskante wie kluge Wahl, von Schirachs St\u00fcck gut zehn Jahre nach Erscheinen auf die B\u00fchne zu bringen. Riskant, weil das sehr textlastige St\u00fcck wenig Spielraum f\u00fcr inszenatorisches Feuerwerk bietet und gleichzeitig klug, da sich eigentlich alle Menschen der morbiden Faszination der moralischen Zwickm\u00fchle schwer entziehen k\u00f6nnen. \u201eTerror\u201c wurde zu einem weltweiten Erfolg, die Geschichte des Kampfpiloten Major Koch, der ein von Terroristen entf\u00fchrtes Flugzeug mit 164 Passagieren zum Absturz bringt, um zu verhindern, dass es wenige Minuten sp\u00e4ter in die ausverkaufte M\u00fcnchner Fu\u00dfballarena mit Versicherungsnamen st\u00fcrzt, wurde auf allen f\u00fcnf Kontinenten aufgef\u00fchrt. Und in beiden Hemisph\u00e4ren war es das Publikum, das aus dem Inbegriff der Verhandlung sch\u00f6pft, um das Urteil zu f\u00e4llen: Wird Koch des 164-fachen Mordes verurteilt oder rechtfertigt sein Handeln einen Freispruch?\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Auch das Publikum des theter-Ensembles kann sich dieser Entscheidung nicht entziehen, \u201eder Spagat, das Publikum bis zum Ende hin zwiegespalten zu halten\u201c, ist Dunkel gelungen. Schauplatz ist ein Gerichtssaal mit schlichten, schwarzen Tischen und B\u00fcrost\u00fchlen aus dem Beh\u00f6rdenausstattungskatalog. Das Vokabular ist gepr\u00e4gt von authentischem und dementsprechend trockenem Juristendeutsch. Trotzdem h\u00e4ngt das Publikum an den Lippen von Staatsanwaltschaft, Angeklagtem und Verteidigerin, denn die Rollen sind gut besetzt und ihre Dialoge so komponiert, dass sich im Publikum Gedanken und Gewissen nicht darauf verlassen k\u00f6nnen, in der n\u00e4chsten Sekunde noch der gleichen festen \u00dcberzeugung zu sein wie einen Moment zuvor.\n  <\/p>\n<p>            Humor l\u00e4sst das theter-Ensemble mit Slapstick entstehen<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Die Schwere des Themas erlaubt keine Pointen, Humor erscheint entweder in Form eines kurzen Slapstickmoments, wenn die Verteidigerin (Maria Tipou) in der allgemeinen Anspannung kurz vor Prozessbeginn ihre Robe aus der Tasche zieht und dabei unter dem missbilligenden Blick des Vorsitzenden (Julius K\u00fchmstedt) den Inhalt der Handtasche durch den Gerichtssaal schleudert. Oder in einem Moment der Improvisation, als Tim Pauels als Zeuge Oberstleutnant Lauterbach versehentlich sein Aufwandsentsch\u00e4digungsformular zerrei\u00dft und im Dialog mit dem vorsitzenden Richter die Szene nicht nur rettet, sondern noch besser macht.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Ansonsten lastet die Verantwortung, das Publikum ohne gro\u00dfe Gesten im Duktus der Justiz zu einer Entscheidung zu bewegen, auf den Schultern der Darstellenden. Und die tragen die Last souver\u00e4n bis eindrucksvoll durch die Premiere. Lauterbach verliert seine milit\u00e4risch-korrekte \u00dcberlegenheit, als er mit seiner Doppelmoral konfrontiert wird, die Nebenkl\u00e4gerin Meiser (Alex Prantl) spielt die Hinterbliebene eines der Absturzopfer mit beklemmender Authentizit\u00e4t, Staatsanw\u00e4ltin Vanja Pagany \u00fcberzeugt in ihrer Rolle als entschlossene Ankl\u00e4gerin, die Koch vorwirft, \u201eGott zu spielen\u201c. Meist sitzt sie hinter dem Tisch und bl\u00e4ttert in Akten und zeigt damit, welche Wirkung selbst kleine Requisiten wie ein drohend erhobener Billigkugelschreiber oder \u00fcber Papier tanzende Fingern\u00e4gel haben k\u00f6nnen.\n  <\/p>\n<p>            Maximilian Starzyk spielt herausragend den Major Koch<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Das, was Maximilian Starzyk als Major Koch mit minimaler Mimik alles \u00fcber sein Inneres preisgibt, ist wohl die herausragendste schauspielerische Leistung des Abends. Die Verzweiflung \u00fcber seine Situation, in der alle Alternativen falsch waren, ist von der ersten Minute an in seinem blassen, schmallippigen Gesicht zu lesen, seine Augenringe sind tief, die Stimme d\u00fcnn und nerv\u00f6s. Nach dem Urteilsspruch huscht Erleichterung \u00fcber sein Gesicht, das trotzdem weiter zu einem gebrochenen Menschen geh\u00f6rt. \u201eWas ist ein Menschenleben wert, und wer darf dar\u00fcber entscheiden?\u201c Die Diskussionen im Nikotinnebel vor dem Club nach der Auff\u00fchrung zeigen, dass niemand eine endg\u00fcltige Antwort darauf finden konnte.\n  <\/p>\n<ul data-module-id=\"DragDropModule\" class=\"flex flex-wrap justify-start group-[.no-bookmarks]:hidden\">\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Sebastian  Kraus<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Terror<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"mb-3 mr-3\">\n    Ferdinand von Schirach<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eJeder denkt, sich auf sein Gewissen verlassen zu k\u00f6nnen \u2013 aber das ist ein Irrtum.\u201c Dieser Satz\u00a0schwebt wie&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":740823,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1846],"tags":[169606,680,772,3364,29,5983,548,663,3934,102326,169602,30,13,169603,169605,14,15,1998,12,1997,2546,169604],"class_list":{"0":"post-740822","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-augsburg","8":"tag-alex-prantl","9":"tag-augsburg","10":"tag-bayern","11":"tag-de","12":"tag-deutschland","13":"tag-dilemma","14":"tag-eu","15":"tag-europa","16":"tag-europe","17":"tag-ferdinand-von-schirach","18":"tag-gabi-dunkel","19":"tag-germany","20":"tag-headlines","21":"tag-julius-kuehmstedt","22":"tag-maximilian-starzyk","23":"tag-nachrichten","24":"tag-news","25":"tag-richter","26":"tag-schlagzeilen","27":"tag-staatsanwaltschaft","28":"tag-terror","29":"tag-tim-pauels"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115944826265711162","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/740822","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=740822"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/740822\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/740823"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=740822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=740822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=740822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}