{"id":741054,"date":"2026-01-23T16:19:39","date_gmt":"2026-01-23T16:19:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/741054\/"},"modified":"2026-01-23T16:19:39","modified_gmt":"2026-01-23T16:19:39","slug":"clubsterben-so-viel-widerstand-wie-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/741054\/","title":{"rendered":"Clubsterben \u2013 So viel Widerstand wie m\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img317259\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/317259.jpeg\" alt=\"Singen gegen rechts: Mikes Theodorakis am Klavier 1972 im Club Voltaire\"\/><\/p>\n<p>Singen gegen rechts: Mikes Theodorakis am Klavier 1972 im Club Voltaire<\/p>\n<p>Foto: Club Voltaire<\/p>\n<p>Ein Auftritt, der viel Aufsehen erregte. Im Jahr 1964 kam die Schriftstellerin Christa Wolf aus der DDR in die Bundesrepublik, um dort aus ihrem Roman \u00bbDer geteilte Himmel\u00ab zu lesen. Die 35-J\u00e4hrige geh\u00f6rte bereits zu den bekanntesten Autorinnen ihrer Generation in der DDR, sie war Kandidatin im ZK der SED. Die Lesung Wolfs in Frankfurt am Main, schon seinerzeit Hauptstadt des bundesdeutschen Finanzkapitals, war bemerkenswert. Denn in den Augen der reaktion\u00e4ren, von Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) gef\u00fchrten Bundesregierung existierte die DDR \u00fcberhaupt nicht, gab es lediglich eine Sowjetische Besatzungszone (SBZ), zu der die BRD offiziell keine Beziehungen unterhielt. Doch der Club Voltaire in Frankfurt am Main, ein zwei Jahre zuvor gegr\u00fcndeter linker Treffpunkt, unterlief einfach die offizielle politische Linie der Bundesrepublik: Er lud Wolf ein und sie kam. Ihre erste Lesung \u00fcberhaupt in der BRD.<\/p>\n<p>Diese Aktion geh\u00f6rte zum politischen Profil des Clubs. Lange Zeit vor der Ostpolitik des Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) in den 70er Jahren kn\u00fcpften die Betreiber Else Gromball und Heiner Halberstadt Kontakte zum zweiten deutschen Staat. So war auch die Schriftstellerin Anna Seghers dort zu Gast, ebenso der ber\u00fchmte DDR-Schauspieler Erwin Geschonneck oder Mitglieder des Berliner Ensembles. Diese fr\u00fchen Verbindungen in die DDR sind nur ein Beispiel f\u00fcr das vielf\u00e4ltige politische und kulturelle Programm mit Veranstaltungen, Konzerten, Filmvorf\u00fchrungen, das der Club Voltaire in der Kleinen Hochstra\u00dfe 5 vom 1. Dezember 1962 bis heute bietet. Seit mehr als sechs Jahrzehnten k\u00e4mpft der Verein f\u00fcr eine \u00dcberwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems, ist Treffpunkt f\u00fcr viele kritische Bewegungen und Organisationen.<\/p>\n<p>\u00dcber viele Jahre haben rechte Kr\u00e4fte versucht, das Ende herbeizuf\u00fchren und sind dabei gescheitert. Ironischerweise ist es jetzt das Profitstreben des privaten Hausbesitzers, das existenzbedrohend wird. Die langen Verhandlungen um eine Verl\u00e4ngerung des Mietvertrages sind gescheitert, Ende 2026 soll Schluss sein. Doch der Vorstand des Vereins zeigt sich entschlossen, zu k\u00e4mpfen und so viel Widerstand wie m\u00f6glich zu mobilisieren \u2013 das wurde jetzt bei einer Pressekonferenz deutlich. Der Vorsitzende des Tr\u00e4gervereins Maxim Graubner und sein langj\u00e4hriger Vorg\u00e4nger Lothar Reininger forderten die Stadt Frankfurt auf, das Geb\u00e4ude Kleine Hochstra\u00dfe 5 zu kaufen. Ob die Stadt ein Vorkaufsrecht besitzt, ist allerdings unklar.<\/p>\n<p>Der Frankfurter Oberb\u00fcrgermeister Mike Josef (SPD) und die sozialdemokratische Kulturdezernentin Ina Hartwig sagen dem Club Unterst\u00fctzung zu. F\u00fcr einen Kauf des Hauses br\u00e4uchte es eine politische Mehrheit. Seit 2025 die Regierungskoalition im Parlament der f\u00fcnftgr\u00f6\u00dften deutschen Stadt mit ihren knapp 800 000 Einwohnern zerbrochen ist, herrschen instabile Verh\u00e4ltnisse. Und in Frankfurt wie in ganz Hessen stehen am 15. M\u00e4rz Kommunalwahlen an \u2013 die Vorzeichen deuten auf Gewinne der Rechten.<\/p>\n<p>Eine schwierige Lage f\u00fcr eine Institution, die politisch und kulturell Geschichte geschrieben hat. Benannt nach dem franz\u00f6sischen Aufkl\u00e4rer Voltaire: Das war 1962 die Idee eines K\u00e4mpfers der algerischen Untergrundorganisation FNL, die gegen die franz\u00f6sische Kolonialherrschaft stritten. Ihre Aktivisten trafen sich im Club wie viele andere, die in den 60er Jahren Widerstand leisteten: gegen Wiederbewaffnung und Aufr\u00fcstung der Bundesrepublik, gegen den blutigen Krieg der USA in Vietnam. Mitglieder des Clubs halfen US-Soldaten, die nicht in Vietnam sterben wollten und in Frankfurt, dem US-Hauptquartier in Europa, desertierten, teilweise unter Lebensgefahr.<\/p>\n<p>In der Revolte des Jahres 1968, die eine ganze BRD-Generation erfasste, bildete die Stadt neben West-Berlin den zweiten Schwerpunkt \u2013 und der Club Voltaire war ein organisatorisches Zentrum. Hier gr\u00fcndete sich 1968 der \u00bbWeiberrat\u00ab des SDS \u2013 das erste politische Gremium der Studentenbewegung, dem nur Frauen angeh\u00f6ren durften. Vorbild f\u00fcr viele \u00e4hnliche Gruppen in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>So wie der Club Nachahmer fand in vielen bundesdeutschen St\u00e4dten, von Stuttgart \u00fcber Hannover und T\u00fcbingen bis M\u00fcnchen. Doch keine dieser Institutionen hatte lange Bestand. Der Frankfurter Club dagegen entwickelte sich zu einem politischen und kulturellen Anziehungspunkt weit \u00fcber die Bundesrepublik hinaus. Mitglieder der militanten Black-Panther-Bewegung aus den USA traten hier ebenso auf wie die US-Liedermacherin Joan Baez oder 1972 der Komponist Mikis Theodorakis mit Liedern gegen die griechische Milit\u00e4rdiktatur.<\/p>\n<p>Junge Umweltsch\u00fctzer planten hier in den 70er Jahren die Gr\u00fcndung einer Partei, die dann 1980 entstand: die Gr\u00fcnen. Zur gleichen Zeit k\u00e4mpfte eine ganze Region gegen den Bau der neuen Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens. Die \u00bbBunte Hilfe\u00ab organisierte den Widerstand vom Club aus. Obwohl Hunderttausende protestierten, setzte der Staat das Projekt mit viel Polizeigewalt durch. Die Erfahrung einer politischen Niederlage, die eine Generation pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Auch das Ende der DDR 1989\/90 wurde von den Menschen im Club Voltaire nicht so positiv oder gar euphorisch gesehen wie von vielen anderen in der Bundesrepublik. Tats\u00e4chlich lie\u00df sich eine Verunsicherung sp\u00fcren bei den Linken. Und das wiederum zeigte sich in weniger Zuspruch f\u00fcr den Club und sein Programm. Erstmals war von Krise die Rede und von hohen Schulden. Eine drohende Schlie\u00dfung konnte in den 90er Jahren unter anderem durch Solidarit\u00e4tskonzerte bekannter Musiker wie etwa des Jazz-Saxofonisten Emil Mangelsdorff abgewendet werden.<\/p>\n<p>Als 1998 zum ersten Mal eine \u00bbrot-gr\u00fcne\u00ab Bundesregierung entstanden war, wich der anf\u00e4ngliche Optimismus rasch gro\u00dfer Ern\u00fcchterung. Ausgerechnet die Sozialdemokraten reduzierten die sozialen Leistungen f\u00fcr die \u00c4rmsten und ebneten dem internationalen Kapital durch ihre \u00bbReformen\u00ab den Weg. In der Linken brodelte es. Viele wandten sich endg\u00fcltig von der SPD ab \u2013 der Beginn eines Niedergangs der Partei, der bis heute anh\u00e4lt. 2007 bildeten sich die Linken als neue politische Kraft \u2013 auch das spiegelte sich im Programm in der Kleinen Hochstra\u00dfe 5.<\/p>\n<p>Und heute? Heute, in einer Zeit des erstarkenden Rechtsextremismus, wird ein Ort wie der Club Voltaire erst recht gebraucht. Wir sollten f\u00fcr ihn k\u00e4mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Singen gegen rechts: Mikes Theodorakis am Klavier 1972 im Club Voltaire Foto: Club Voltaire Ein Auftritt, der viel&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":741055,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1829],"tags":[129,29,2050,2051,30,2052,93,810,64],"class_list":{"0":"post-741054","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankfurt-am-main","8":"tag-ddr","9":"tag-deutschland","10":"tag-frankfurt","11":"tag-frankfurt-am-main","12":"tag-germany","13":"tag-hessen","14":"tag-literatur","15":"tag-musik","16":"tag-usa"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115945325564391154","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/741054","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=741054"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/741054\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/741055"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=741054"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=741054"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=741054"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}