{"id":742219,"date":"2026-01-24T03:08:12","date_gmt":"2026-01-24T03:08:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/742219\/"},"modified":"2026-01-24T03:08:12","modified_gmt":"2026-01-24T03:08:12","slug":"stuttgarter-extremsportler-laufen-lernen-leiden-christian-spangenbergers-lauf-durch-die-wueste-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/742219\/","title":{"rendered":"Stuttgarter Extremsportler: Laufen, lernen, leiden: Christian Spangenbergers Lauf durch die W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p>Der Stuttgarter Extremsportler Christian Spangenberger lief bei Temperaturen bis zu 50 Grad durch die mongolische Gobi. W\u00fcsten sind seine Sehnsuchtsorte.<\/p>\n<p>Der erste Tag in der Gobi ist der schlimmste. Dabei hat sich der geb\u00fcrtige Stuttgarter Christian Spangenberger akribisch vorbereitet auf seinen mittlerweile f\u00fcnften W\u00fcstenlauf. Hat daheim in Z\u00fcrich, wo er seit gut zehn Jahren lebt und als Fitnesstrainer arbeitet, kn\u00fcppelhart trainiert. Ist mit einem zehn Kilogramm schweren Rucksack ungez\u00e4hlte Kilometer gerannt. Und er ist sich im Fr\u00fchling 2025, drei Monate vor dem Start, sicher: \u201eIch habe gelernt aus den Erfahrungen der anderen W\u00fcstenl\u00e4ufe.\u201c Beim anstehenden Lauf in der Mongolei soll es besser laufen. Besonders schlimm war das Rennen in Namibia 2022. Damals tat vom ersten Tag an alles weh. Die F\u00fc\u00dfe haben geblutet, ein Zehnagel ging verloren, aber Spangenberger hat sich durchgebissenen. <\/p>\n<p>Nun also die Mongolei. Im Juni ist es in<a href=\"https:\/\/reportage2.stuttgarter-zeitung.de\/michael-martin\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"> der W\u00fcste Gobi <\/a>h\u00f6llisch hei\u00df, das Thermometer zeigt tags\u00fcber knapp 50 Grad Celsius. Nachts hingegen ist es bitterkalt in den Schlaf-Zelten. Auf dem Programm von Tag eins stehen 40 Kilometer. \u00dcber Stock und Stein. Und bereits nach zehn Kilometern ist da dieser Gedanke an Namibia und an die Schmerzen. Doch Spangenberger, 44, kommt durch diesen Tag eins. Irgendwie. \u201eIm Ziel habe ich geweint\u201c, erz\u00e4hlt der Ultrasportler gut ein halbes Jahr sp\u00e4ter w\u00e4hrend eines Besuchs in der alten Heimat, im Wohnzimmer seines Elternhauses in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>-Weilimdorf. \u201eIch war fix und fertig.\u201c Aber trotzdem happy. Gl\u00fccklich, dass er \u00fcberhaupt durchgehalten hat.<\/p>\n<p>Seine Zusatzmahlzeit: zwei Fruchtgummis aus einer Haribo-T\u00fcte <\/p>\n<p>Nach diesen ersten 40 Kilometern genehmigt sich Christian Spangenberger im Camp eine Zusatzmahlzeit: zwei Fruchtgummis aus einer Haribo-T\u00fcte, die eigentlich f\u00fcr den Ruhetag eingeplant sind. Die 100 L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer m\u00fcssen w\u00e4hrend der insgesamt 250 Kilometer alles, was sie f\u00fcr die sieben W\u00fcstentage brauchen, mit sich tragen. Kleidung, Schlafsack, Isomatte und das komplette Essen. Nur das Wasser nicht. Wer weniger Essen mitnimmt, hat also weniger Gewicht auf dem Buckel. Eine Gratwanderung. <\/p>\n<p>Christian Spangenberger erz\u00e4hlt, dass er f\u00fcr jeden Tag lediglich zwei schlichte Mahlzeiten trage: morgens gibt es M\u00fcsli, sp\u00e4ter ein paar N\u00fcsse, zum Abendessen gefriergetrocknete, \u201ehochkalorische\u201c Schnellgerichte, etwa 100 Gramm Spaghetti Bolognese zum \u00dcbergie\u00dfen mit hei\u00dfem Wasser.<\/p>\n<p>Er wei\u00df vom Start des W\u00fcstenlaufs an: \u201eIch werde immer Hunger haben.\u201c Alles Kopfsache. Abendessen gibt es w\u00e4hrend W\u00fcstentage nie vor 19 Uhr, im Ziel sind die L\u00e4ufer aber meistens bereits gegen Mittag. Lange Stunden mit knurrendem Magen.<\/p>\n<p>Tag zwei wird besser. Viel besser. Der Mann, der in seiner Jugend Judoka war und sp\u00e4ter Fu\u00dfball gespielt hat, kommt immer besser ins Laufen. Das Training war wohl doch effektiv. Der Rucksack, erz\u00e4hlt er, f\u00fchlt sich dabei an \u201ewie eine Umarmung von hinten\u201c. Alles Kopfsache. Spangenberger rennt sich in der Mongolei in einen wahren Rausch. Er ist unter den Top f\u00fcnf. <\/p>\n<p>Nach drei Tagen mit jeweils 40 Kilometern steht dann die K\u00f6nigsetappe an: Tag vier, 80 Kilometer sind zu bew\u00e4ltigen. \u201eDas war ein einzige Kampf.\u201c Christian Spangenberger hat immer wieder Magenkr\u00e4mpfe, schafft es aber nach rund elf Stunden bis ins Ziel \u2013 kurz bevor ein Unwetter aufzieht mit Blitz, Donner und sintflutartigen Regenf\u00e4llen. Alle L\u00e4ufer werden mit Bussen evakuiert und in einer Halle untergebracht. <\/p>\n<p>Danach der Ruhetag \u2013 ohne die zwei Haribos, die eigentlich eingeplant waren. Die Sportler h\u00e4ngen ab, chillen im Camp, trinken lauwarmes Wasser mit Elektrolyten und Tee. Spangenberger genie\u00dft die Stille, lutscht ein paar Macadamia-N\u00fcsse, macht sich Notizen.<\/p>\n<p> Er sehnt sich nach der W\u00fcstenstille  <\/p>\n<p> Warum tun sich wohlhabende Menschen aus allen Ecken der Welt so was an? Geben rund 6000 Euro aus f\u00fcr das zweifelhafte Vergn\u00fcgen, eine Woche lang durch die W\u00fcste zu rennen? Schlafen in ihren verschwitzen Laufklamotten auf d\u00fcnnen Liegematte mitten in einer kargen, w\u00fcsten Landschaft? Mit zu wenig Essen. Ohne Duschen. <\/p>\n<p>F\u00fcr ihn, sagt Spangenberger, sei die Stille der W\u00fcste eine \u201eheimliche Sehnsucht\u201c. In einer Welt, die nicht aufh\u00f6ren k\u00f6nne laut zu sein, sei er fasziniert von der Stille und davon, \u201ewas mit meinem K\u00f6rper und in meinem Geist geschieht, wenn ich den Mute-Knopf dr\u00fccke\u201c. Die W\u00fcste habe f\u00fcr ihn \u201eeine magische Anziehungskraft\u201c. In der W\u00fcste sei er gl\u00fccklich und zufrieden, k\u00f6nne ohne Ablenkung seine Potenziale abrufen. \u201eAber ich will auch k\u00f6rperlich aktiv sein, geistig stark, ich strebe nach Momenten intensiver, psychischer Ausnahmezust\u00e4nde.\u201c <\/p>\n<p>Sein Aush\u00e4ngeschild sei schon lange kein dickes Auto mehr, sondern seine au\u00dfergew\u00f6hnliche sportliche Leistung. Seit er immer wieder durch W\u00fcsten renne, wisse er: \u201eIch kann nicht nur alleine sein, ich will alleine sein.\u201c Diese Kombination aus Stille, Alleinsein, k\u00f6rperlicher Aktivit\u00e4t und geistiger Herausforderung f\u00fchre ihn an einen Ort, \u201ean dem das Leben auf das Wesentliche reduziert ist\u201c. Christian Spangenberges K\u00f6rper und Geist sind seit Jahren gepolt auf drei Ls: laufen, leiden, lernen. \u201eBeim W\u00fcstenlauf komprimiere sich die gesamte Gef\u00fchlswelt innerhalb eine Woche.\u201c Ein extremer Ort der Entschleunigung, abgeschnitten vom Rest der Welt. Auch ein magischer Ort.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/1769224092_194_media.media.88f22b8f-bcdf-49ee-86d0-a42f8c633c48.original1024.media.jpeg\"\/>     Spangenberger vor seinem Elternhaus    Foto: Martin Tschepe    <\/p>\n<p>Spangenberges Weg zum Laufen war ein langer. Fr\u00fcher, sagt er mit einem Lachen, w\u00e4re er nie im Leben auf die Idee gekommen, ohne Ball am Fu\u00df zu rennen. Zeitweise kickte der Sportwissenschaftler in der w\u00fcrttembergischen Landesliga. Nach dem Studium an der Ruhr Uni in Bochum war er zun\u00e4chst bei einem Zentrum f\u00fcr Training und Therapie in Oberhausen angestellt, dann bei einem Rehazentrum in Gerlingen. Damals sei die Familie richtig froh gewesen, \u201edass der Bub wieder daheim ist\u201c, daheim im L\u00e4ndle. Doch was macht der Bub nach kaum eineinhalb Jahren? Er beschlie\u00dft, nach Kanada zu gehen, findet in Vancouver einen Job \u2013 und eine Freundin. Als die Beziehung zerbricht, beginnt er zu laufen \u201ewie ein Verr\u00fcckter\u201c. Zun\u00e4chst ohne Plan und ohne ein gr\u00f6\u00dferes sportliches Ziel. Bald l\u00e4uft er seinen ersten Marathon. Und dann sieht Spangenberger diesen Film, der alles ins Rollen bringt: \u201eRunning the Sahara\u201c: Er wei\u00df sofort: \u201eDas will ich auch machen.\u201c Seinem ersten W\u00fcstenlauf 2015 in China folgen weitere. <\/p>\n<p> 2015 startet er zu seinem ersten W\u00fcstenlauf <\/p>\n<p>Tag vier in der mongolischen Gobi mit der Extremetappe ist also bew\u00e4ltigt. Man k\u00f6nnte sagen: Alles was nun noch kommt, ist Zugabe. Christian Spangenberger liegt zeitweise auf Patz drei der Gesamtwertung. Er erz\u00e4hlt von einer \u201eguten Drucksituation\u201c. Die 40 Kilometer an Tag sechs sind easy. Und am letzten Tag stehen nur noch zehn Kilometer auf dem Programm. Er l\u00e4uft die schnellste Zeit von allen, gewinnt seine Altersklasse und holt Platz vier in der Gesamtwertung!<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/1769224092_309_media.media.ac0d4ba4-d2a5-46fb-9cee-0280a3df4951.original1024.media.jpeg\"\/>     Wegzehrung    Foto: privat    <\/p>\n<p>Also alles erreicht? Christian Spangenberger winkt ab. Er laufe im Grunde nur f\u00fcr sich allein, sagt er. Platzierungen seien ihm nicht wirklich wichtig. Er werde noch lange, sehr lange weiter laufen, der \u00e4lteste L\u00e4ufer in der Mongolei sei schon Mitte 60 gewesen. <\/p>\n<p>Ein Highlight in diesem Jahr sei der berufliche Neustart. Spangenberger will sich neu erfinden, sein zweites Studium erfolgreich fortsetzen und bald als <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Sport\" title=\"Sport\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sport<\/a>&#8211; und Englischlehrer arbeiten. Nebenher will er gelegentlich in Firmen Vortr\u00e4ge halten. Das n\u00e4chste Gastspiel an seinem Sehnsuchtsort ist freilich schon fest eingeplant: der W\u00fcstenlauf in Jordanien, diesmal \u201enur\u201c 220 Kilometer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Stuttgarter Extremsportler Christian Spangenberger lief bei Temperaturen bis zu 50 Grad durch die mongolische Gobi. 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