{"id":742647,"date":"2026-01-24T07:08:11","date_gmt":"2026-01-24T07:08:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/742647\/"},"modified":"2026-01-24T07:08:11","modified_gmt":"2026-01-24T07:08:11","slug":"jacques-tilly-der-duesseldorfer-satirekuenstler-spricht-im-interview-ueber-den-prozess-der-in-moskau-gegen-ihn-gefuehrt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/742647\/","title":{"rendered":"Jacques Tilly: Der D\u00fcsseldorfer Satirek\u00fcnstler spricht im Interview \u00fcber den Prozess, der in Moskau gegen ihn gef\u00fchrt wird"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ein Interview mit Jacques Tilly hat etwas von einer geheimen Mission. Der Besucher muss unter strenger Aufsicht an der Eingangst\u00fcr zur Wagenbauhalle warten, bis er von Tilly abgeholt und in einen separaten Raum gef\u00fchrt wird. Keinesfalls darf vor Karneval bekannt werden, an welchen Themen und Motiven Tillys Team arbeitet. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wie haben Sie von dem Prozess erfahren, der gegen Sie in Moskau l\u00e4uft?<\/p>\n<p><b>Jacques Tilly:<\/b> Ende Dezember haben mir Mitglieder vom Verein Freies Russland NRW einen Text mit den Anklagepunkten geschickt. Dass ich bis heute nicht von russischer Seite \u00fcber die Anklage informiert wurde, ist schon ein starkes St\u00fcck.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Und wie lauten die Anklagepunkte?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Ich w\u00fcrde Falschmeldungen \u00fcber die russische Armee verbreiten, aus eigenn\u00fctzigen Motiven und aus Hass handeln. Wahrscheinlich sind das irgendwelche Standardvorw\u00fcrfe, die man auch gegen Kriegsgegner in Russland verwendet. Ich kann mir darauf keinen Reim machen. Einer solchen Anklage fehlt jede Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit. Sie ist geradezu absurd.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Steht Ihnen jemand bei in diesem Prozess?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Das Au\u00dfenministerium hat mich zwischen Weihnachten und Neujahr angerufen, die beraten mich. Und ein Vertreter der deutschen Botschaft war beim Prozessauftakt am 24. Dezember dabei. Ich habe angeblich auch eine Pflichtverteidigerin, die ich aber noch nie gesprochen oder gesehen habe. Weil sie beim zweiten Termin nicht erschien, wurde der Termin jetzt auf den 28. Januar verschoben.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Was hat sich in Ihnen abgespielt, als Sie von der Anklage erfuhren?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Es sind da zwei Gef\u00fchle, die sich abwechseln. Einerseits ist das nat\u00fcrlich bedrohlich, wenn man von Russland als Staatsfeind ins Visier genommen wird. Man wei\u00df ja nie, was daraus entsteht. Andererseits denke ich: Ist doch eine tolle Best\u00e4tigung meiner Arbeit. Satire tut wohl doch weh. Dass das, was wir machen, nicht nur karnevalistische Unterhaltung ist, sondern sogar bei Putin ankommt \u2013 das motiviert mich.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wie gehen Ihre Freunde und Ihre Familie damit um?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Meine Kinder sind ja schon gro\u00df und aus dem Haus. Und sie sind einiges gewohnt.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Warum?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Seit es die rechtspopulistischen Angriffe auf den liberalen Rechtsstaat gibt, nicht nur in Russland, sondern weltweit, lebe ich unter einer abstrakten Bedrohung. Ich habe schon viele Shitstorms und E-Mails abgekriegt, seit ich beispielsweise Wagen zur AfD gemacht habe. In solchen Mails sehe ich dann, wie das Weltbild der Rechten aussieht. \u201eMan sollte dir ein Messer in den Hals rammen\u201c, hei\u00dft es da. Oder: \u201eDu Untermenschenratte. Ab ins Gas mit dir.\u201c \u201eNach der Machtergreifung werden wir dich vor ein Volksgericht stellen.\u201c<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wissen Sie, was genau die jetzige Anklage ausgel\u00f6st hat? Sie haben schon viele Wagen mit Putin-Motiven gebaut. Ihr Wagen, auf dem Putin in einer Badewanne voller Blut zu sehen ist, stand 2024 vor der russischen Botschaft in Berlin.<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Keine Ahnung. Vielleicht war auch der Wagen \u201ePutin in Jail\u201c der Ausl\u00f6ser, den wir 2024 vor den internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt haben \u2013 anl\u00e4sslich von Putins neuerlicher Amtseinf\u00fchrung als Pr\u00e4sident.  <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie arbeiten sich seit Jahren an Putin ab. Wann haben Sie damit angefangen?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Das war 2009. Obwohl sich damals Putins despotische Ambitionen noch nicht so deutlich zeigten wie heute. Aber ich war nie ein Putin-Versteher und habe immer vor ihm gewarnt. Damals ging es mir um die Gefahr, der kritische Journalisten in Russland ausgesetzt waren. Ich habe ihn als Pistole gebaut, der Griff war sein Gesicht. Obendrauf stand: \u201ePutins Pressefreiheit\u201c.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ist es fr\u00fcher schon vorgekommen, dass ein ausl\u00e4ndischer Staatschef, der sich \u00fcber seine Darstellung im D\u00fcsseldorfer Karneval aufgeregt hat, juristisch gegen Sie vorgehen wollte?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Nein. \u00c4rger gab es allerdings h\u00e4ufiger. Die polnische PiS-Partei hat sich zweimal bei der deutschen Regierung beschwert. Die damalige Regierungschefin Beata Szydlo schimpfte bei einem Besuch bei Angela Merkel \u00fcber unseren Wagen. Geert Wilders von der niederl\u00e4ndischen rechtspopulistischen Partei PVV hat einen ihm gewidmeten Wagen als krank bezeichnet.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie haben vorhin die Drohungen angesprochen, die Sie wegen kritischer Wagen bekommen haben. Wann hat das angefangen?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Um das Jahr 2015 gab es einen Wendepunkt, an dem sich viele Milieus radikalisiert haben. Dank Social Media \u00fcbrigens, das ist der Kanal f\u00fcr diese Gruppen. Nur so lassen sich diese Irrsinnsnarrative verbreiten. Und seitdem bekomme ich verst\u00e4rkten Gegenwind. Ich und mein Team, wir sind zwar parteipolitisch neutral, aber wenn es um die Verletzung demokratischer Werte geht, dann sind wir sehr meinungsstark. Und der rechtspopulistische Angriff auf unsere Freiheit ist ein Bruch mit diesen Werten. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> War es fr\u00fcher einfacher, Wagen zu machen \u2013 mit Motiven, die sich \u00fcber die Obrigkeit lustig machen und sonst keinem wehtun?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Meine Arbeit ist wichtiger geworden im Laufe der letzten Jahrzehnte. Davor war es halt eher harmlos. Man hat auf Merkel eingehauen. Oder auf Berlusconi. Oder auf Clinton. Das war das Gesch\u00e4ft. Aber seit zehn Jahren verschiebt sich die Grundtektonik der Gesellschaft, die Spannungen werden gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Karneval ist eigentlich ein integrierendes Fest, an dem sich alle in den Armen liegen und gemeinsam Spa\u00df haben. Jetzt legen Sie sich mit einem Teil der Menschen an, die am Zugrand Ihre Wagen sehen.   <\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Nat\u00fcrlich gibt es immer welche, die sich aufregen und mir ihren Hass in Form der vorhin zitierten E-Mails mitteilen. Aber noch ist es zumindest in D\u00fcsseldorf so, dass die breite Bev\u00f6lkerung die Wagen toll findet, weil sie Trump und Putin zutiefst ablehnen. Es geht darum, das in ein Bild zu setzen, was die Leute mehrheitlich f\u00fchlen, was atmosph\u00e4risch in der Luft liegt. Die Leute m\u00fcssen ihr Handy z\u00fccken und sagen: super Wagen! Dass ich nicht alle bedienen kann, ist klar. Wenn ich irgendwann merken sollte, dass ich die Mehrheitsmeinung nicht mehr spiegeln kann, w\u00fcrde ich aufh\u00f6ren. Und wenn das rechtspopulistische Weltbild mehrheitsf\u00e4hig wird, kann ich nicht mehr arbeiten. Das w\u00e4re auch f\u00fcr den Karneval eine Bedrohung.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Gibt es auch Themen, bei denen Sie unsicher sind, was die Leute f\u00fchlen?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Corona war so ein Thema. Da gab es nicht nur die Verschw\u00f6rungsirren, die gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen waren, sondern auch Menschen mit vern\u00fcnftigen Argumenten und berechtigter Kritik. Da habe ich mich zur\u00fcckgehalten. Ich habe die Weisheit nicht mit L\u00f6ffeln gefressen. Und ich bin nicht so wahrheitssicher, wie es vielleicht den Anschein hat. Auch der Israel-Pal\u00e4stina-Konflikt ist ein solches Thema.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Inwiefern? <\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Ich habe schon zwei Mal Wagen dazu gebaut, aber die hatten beide Seiten kritisch im Blick. Ich bin zwar vom Existenzrecht Israels \u00fcberzeugt und auch davon, dass Israel dieses Recht milit\u00e4risch verteidigen darf. Aber der j\u00fcngste Krieg mit den Zehntausenden Opfern ging \u00fcber jedes Ma\u00df hinaus. Inzwischen bin ich der Meinung, dass das Thema viel zu komplex ist, um es auf eine einfache Formel zu bringen. Mottowagen m\u00fcssen aber ganz einfach sein, damit die Menschen sie sofort verstehen, egal welchen Bildungspegel sie haben. Ein Wort, ein Satz, eine einfache Bildformel. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Was ist Ihr innerer Kompass f\u00fcr Ihre Arbeit?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Ich arbeite relativ konsequent nach den Werten, die meiner Meinung nach f\u00fcr unsere Gesellschaft wichtig sind \u2013\u00a0Menschenrechte, Pluralismus, offene Gesellschaft, Rechtsstaatlichkeit. Ich halte die Menschenrechte f\u00fcr die wichtigste Erfindung, die die Menschheit je gemacht hat. Es gibt keine Trennung mehr in \u201ewir\u201c und \u201edie\u201c \u2013 wir alle sind Menschheit. Bei den Menschenrechten wird die Binnenethik einer Stammeshorde auf alle Menschen dieser Welt ausgeweitet. Doch im Moment sind wieder die Menschenrechtsfeinde jedweder Couleur in der Offensive. Sie fragten vorhin danach, was sich ver\u00e4ndert hat in den letzten Jahren: In meiner Jugend war ich sehr kritisch gegen\u00fcber der Gesellschaft, man war gegen Aufr\u00fcstung, Atomkraft oder Franz-Josef Strau\u00df. Heute werde ich oft als Systemling beschimpft \u2013 da sage ich: Das bin ich auch! In einer Situation, in der dieses System als diktatorisch angegriffen wird, als \u201eHonecker 2.0\u201c, muss man sich vor dieses System stellen. Wir leben im freiesten Staat, den wir je auf deutschem Boden hatten.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Seit einiger Zeit beschweren sich Karnevalisten, die um sich greifende Wokeness mache bald jeden Witz unm\u00f6glich. Sie haben auch schon einen Wagen gebaut, mit dem Sie die Kritik an sogenannter kultureller Aneignung l\u00e4cherlich gemacht haben. <\/p>\n<p><b>Tilly<\/b> (lacht): Nat\u00fcrlich sind viele Exzesse und \u00dcbertreibungen von Wokeness und linksidentit\u00e4rem \u00dcbereifer l\u00e4cherlich \u2013 und sie verengen den Blick. Und nat\u00fcrlich macht man sich als Karikaturist dar\u00fcber lustig, wenn man die Begriffe Frau oder Mutter nicht mehr verwenden soll. Das ist genauso absurd wie die Tatsache, dass man in den 70er-Jahren in den WGs die Klot\u00fcren ausgeh\u00e4ngt hat, damit es blo\u00df keine Privatsph\u00e4re mehr gibt. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie scheinen sich dennoch nicht besonders dar\u00fcber aufzuregen.   <\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Es gibt ja Leute im Karneval und in der Comedy, die ausschlie\u00dflich auf die Wokeness und das linksliberale Milieu draufhauen. Das geht mir auf die Nerven, weil ich es f\u00fcr v\u00f6llig unangemessen halte. Im Vergleich zu der rechten Repression, die uns etwa in Amerika erwartet, ist die Wokeness ein harmloser Spa\u00df.  <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ihr ganzes Erwerbsleben besteht daraus, dass Sie Wagen f\u00fcr den D\u00fcsseldorfer Karneval bauen. Wie kam es zu diesem eigenartigen Beruf?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Das war Zufall. Nach Abitur und Zivildienst wollte ich eigentlich Journalist werden, die Welt verstehen. Ich wusste aber nicht, ob ich daf\u00fcr gut genug schreiben kann. Aber ich wusste, dass ich einigerma\u00dfen stark im Bild bin. Karikaturen etwa f\u00fcr die Sch\u00fclerzeitung habe ich immer schon gemacht. Dann fragte mich ein Schulfreund, ob ich nicht im Karneval helfen wolle, da w\u00fcrden Leute gesucht. So kam ich mit 20 zum ersten Mal in die Wagenbauhalle, Helmut war grade Kanzler geworden. 1983 war das. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Und was hat Ihnen daran so gut gefallen, dass Sie geblieben sind? <\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Die Mischung aus Politik und Humor fand ich unwiderstehlich. Humor fand ich immer wichtig \u2013 aber nur wenn es dabei um etwas geht. Einfach so Slapstick ist nichts f\u00fcr mich. Die alten MAD-Satirehefte haben mich impr\u00e4gniert, die haben mich mit einem Grundspott der Welt gegen\u00fcber ausgestattet.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Was war auf dem ersten Mottowagen zu sehen, den Sie gebaut haben?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Helmut Kohl, der faul in der Matte lag und von Wirtschaftskrise und Lehrstellenmangel umschlungen wurde. Das ging mir alles leicht von der Hand. So bin ich im Jahr darauf wiedergekommen. Und ich dachte: Tolle Sache, Karneval findet jedes Jahr statt \u2013 wenn ich da einen Platz finde, habe ich einen Job bis ins Jahr 2050. Als Illustrator stehst du nach jedem Kinderbuch wieder vor dem Nichts.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Einen Job bis ins Jahr 2050? Sie gehen davon aus, dass es dann noch Rosenmontagsz\u00fcge geben wird?<\/p>\n<p><b>Tilly: <\/b>Es geh\u00f6rt zum Biorhythmus des Rheinl\u00e4nders, einmal im Jahr die Sau rauszulassen. Also wird es auch immer Karneval geben. Aber ob wir dann immer noch die politischen Freiheiten haben werden wie im Moment, wei\u00df ich nicht. Ich bin kein Hellseher. Aber ich bin auch kein Pessimist. Ich glaube nicht, dass Trump, AfD und Putin zum endg\u00fcltigen Ende der offenen, freien Gesellschaft f\u00fchren werden. Es ist ein Angriff, aber wir werden ihn abwehren. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> 2050 werden Sie 87 Jahre alt. Wird man nicht irgendwann zu alt, um gute Satire zu machen? <\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Die Frage ist mehr als berechtigt. Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Ich bin in einer sehr freien Zeit gepr\u00e4gt worden, in einer Zeit des Aufbruchs, in der es gro\u00dfe soziale Bewegungen gab. Es ist immer \u00e4rgerlich, wenn alte Leute mit ihren Pr\u00e4gungen und Denkschablonen, die l\u00e4ngst pass\u00e9 sind, versuchen, die Wirklichkeit einzuordnen. Dar\u00fcber mache ich mir schon Gedanken. Allein schon wegen meiner bewussten Ignoranz den Social Media gegen\u00fcber. Da habe ich den Anschluss verloren und bekomme bestimmte Dinge nicht mehr mit. Ich habe zum Gl\u00fcck ein junges Team, das mich da korrigiert.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wie gro\u00df ist der Anteil des Teams an einem Tilly-Wagen?  <\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Wir sind das ganze Jahr \u00fcber acht Leute, in der hei\u00dfen Phase kommen noch einige Freie hinzu. Viele meiner Bildhauer sind beim Herstellen der Maschendrahtger\u00fcste besser als ich. Malen k\u00f6nnen sie sowieso fast alle besser als ich. Aber die inhaltlichen Ideen f\u00fcr die Wagen kommen nach wie vor von mir. Diese Arbeit ist nicht so einfach. Man muss meinungsstark sein, und man muss manchmal auch zu weit gehen. Aber eben doch nicht zu weit zu weit. Und knapp daneben ist auch vorbei.  <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sind Sie selbst mal zu weit zu weit gegangen? <\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> In der Tat. Zum Beispiel 2011, als Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zur\u00fccktreten musste. Da haben wir einen Guttenberg gebaut, der mit D\u00fcsenjet ins Kanzleramt rast. Der Text dazu lautete: \u201eMerkels 11. September\u201c. Ein Attentat mit 3000 Toten als Karnevalspointe \u2013 im R\u00fcckblick w\u00fcrde ich sagen: Das war unangemessen. Auch wenn das damals seine Gr\u00fcnde hatte, dass wir das so gebaut haben.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Welche Gr\u00fcnde?<\/p>\n<p><b>Tilly:<\/b> Wir hatten schon Tage vorher einen Guttenberg-Wagen fertig. Dann brachte die Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c am Donnerstag vor Rosenmontag exakt unser Bild mit einer gekippten Statue auf der Titelseite. Reiner Zufall, denn wir haben ja strenge Geheimhaltung, was unsere eigenen Motive angeht. Da war ich sauer und dachte: Jetzt m\u00fcssen wir ein h\u00e4rteres Bild bringen. Aber das war nichts. Ich sehe mich als Humanist \u2013 da kann ich keine Opfer verh\u00f6hnen. Genauso heikel ist es, Hitler zu karikieren. Zeigt man Hitler als Witzfigur mit Knollennase, verharmlost man damit den Holocaust. Ich habe Hitler schon zweimal gebaut \u2013 hatte dabei aber immer Bauchschmerzen.<\/p>\n<p>Jacques Tilly, geboren 1963 in D\u00fcsseldorf, studierte in Essen Kommunikationsdesign. Als 20-J\u00e4hriger kam er erstmals als Aushilfskraft in die Wagenbauhalle des D\u00fcsseldorfer Karnevals. Tilly pr\u00e4gte in den folgenden Jahren den bissig-satirischen Stil, f\u00fcr den die Wagen des D\u00fcsseldorfer Rosenmontagszugs ber\u00fchmt sind. Dabei verwendet er eine einfache Technik, die aus einer Innenkonstruktion aus Dachlatten, einem dar\u00fcber geformten Geflecht aus Kaninchendraht sowie einer Schicht mit in Leim getr\u00e4nktem Papier besteht. Das macht es m\u00f6glich, dass Tilly und sein Team innerhalb eines Tages einen Wagen bauen und so auf aktuelle Ereignisse eingehen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>afa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Interview mit Jacques Tilly hat etwas von einer geheimen Mission. 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