{"id":743833,"date":"2026-01-24T18:13:23","date_gmt":"2026-01-24T18:13:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/743833\/"},"modified":"2026-01-24T18:13:23","modified_gmt":"2026-01-24T18:13:23","slug":"wetterkapriolen-der-winter-ist-ueberhaupt-nicht-gegessen-was-hamburg-noch-bevorsteht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/743833\/","title":{"rendered":"Wetterkapriolen: \u201eDer Winter ist \u00fcberhaupt nicht gegessen\u201c \u2013 was Hamburg noch bevorsteht"},"content":{"rendered":"<p>Hamburg erlebt einen der h\u00e4rtesten Winter seit Jahrzehnten. Eis, Schnee und Frost setzen Verkehr, Stadtreinigung und Infrastruktur unter Druck. Meteorologe Frank B\u00f6ttcher erkl\u00e4rt, warum die Lage au\u00dfergew\u00f6hnlich ist \u2013 und was noch bevorstehen kann.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es sind zwar keine echten Eisberge, sondern aufget\u00fcrmte Fluss\u2011Eisschollen, die sich an der Geesthachter Elbwehr zu meterhohen Eisw\u00e4nden zusammengeschoben haben \u2013 ihre Wirkung verfehlen sie dennoch nicht: Die Elbe und ihre Ufer wirken in diesen Tagen wie eine arktische Eislandschaft.<\/p>\n<p>Doch so beeindruckend sich dieser Winter auch pr\u00e4sentiert, so erbarmungslos legt er die Schw\u00e4chen einer Gro\u00dfstadt wie Hamburg offen. W\u00e4hrend Schnee und Frost f\u00fcr Postkartenmotive sorgen, k\u00e4mpft man hier mit glatten Stra\u00dfen, \u00fcberlasteten R\u00e4umdiensten und einem Nahverkehr, der mehr als nur stockt. Rettungskr\u00e4fte registrieren mehr Eins\u00e4tze, Kliniken mehr Sturzverletzungen \u2013 und selbst dort, wo Hamburg sonst zuverl\u00e4ssig funktioniert, ger\u00e4t die Infrastruktur an ihre Grenzen. Dabei ist ein Winterende l\u00e4ngst nicht in Sicht. Im Gegenteil: In der kommenden Woche sollen Eis und Schnee zur\u00fcckkehren. WELT AM SONNTAG blickt auf zentrale Bereiche der Stadt.<\/p>\n<p>Energie<\/p>\n<p>Nach Angaben der Hamburger Energiewerke gab es w\u00e4hrend der j\u00fcngsten K\u00e4ltephase keine Einschr\u00e4nkungen in der Fernw\u00e4rme. Das lag auch daran, dass zeitweise eigene Eisbrecher beauftragt wurden, um die Kohlelieferungen vom Hafen zum Heizkraftwerk Tiefstack sicherzustellen. Wegen der Str\u00f6mung waren die Fahrtrouten teils binnen Stunden erneut mit Eisschollen bedeckt \u2013 auch noch Tage nach dem Ende der k\u00e4ltesten Phase.<\/p>\n<p>F\u00fcr die kommenden Winterwochen geben sich die Energiewerke gelassen. Man habe sich auf die gesamte Heizperiode vorbereitet. \u201eAuch bei anhaltend kaltem Winterwetter ist die W\u00e4rmeversorgung in Hamburg gew\u00e4hrleistet\u201c, sagte Unternehmenssprecher David Kappenberg. Das Unternehmen versorgt rechnerisch mehr als 538.000 Wohneinheiten. Die Fernw\u00e4rme wird \u00fcberwiegend an den Standorten Tiefstack und Wedel erzeugt, bei hoher Nachfrage kommen zus\u00e4tzliche Heizwerke hinzu.<\/p>\n<p>Auch an anderer Stelle war das Fernw\u00e4rmenetz in den vergangenen Wochen gefordert. \u00dcber den Standort Borsigstra\u00dfe liefert auch die Stadtreinigung W\u00e4rme ins Netz. Dort kam es im Januar zu mehreren St\u00f6rungen, unter anderem durch explodierende Lachgasflaschen, die unsachgem\u00e4\u00df im M\u00fcll entsorgt worden waren, sowie durch Druckschwankungen. <\/p>\n<p>In diesem Jahr gab es bislang zwei Ausf\u00e4lle infolge solcher Explosionen sowie einen weiteren aus technischen Gr\u00fcnden. Pro Linienausfall reduzierte sich die W\u00e4rmeeinspeisung um rund 60 Megawatt. Das entspricht \u2013 je nach Au\u00dfentemperatur und Verbrauch \u2013 der Heizleistung f\u00fcr grob 15.000 bis 20.000 durchschnittliche Hamburger Haushalte. Die Problematik ist seit L\u00e4ngerem bekannt; bereits im vergangenen Jahr hatte die Stadtreinigung eine Kampagne zur korrekten Entsorgung der Kartuschen gestartet.<\/p>\n<p>Verkehr<\/p>\n<p>Der Hamburger Senat r\u00e4umt nach dem Wintereinbruch Anfang Januar erhebliche St\u00f6rungen im S\u2011Bahn\u2011Netz ein. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD werden f\u00fcr den Zeitraum vom 2. bis 5. Januar 2026 insgesamt 529 Teilausf\u00e4lle und 930 Gesamtausf\u00e4lle genannt. Besonders betroffen war der 4. Januar mit 310 Gesamtausf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Auch der HVV spricht von massiven Problemen im Schienenverkehr. Pressesprecher Rainer Vohl nennt Schneeverwehungen sowie vereiste Weichen und Stromschienen als Hauptursachen; Strecken seien teils kurz nach R\u00e4umung erneut nicht passierbar gewesen. Trotz Vorbereitung mit Wetteranalysen und n\u00e4chtlichen Leerz\u00fcgen seien technische Grenzen erreicht worden. Von den 2755 Weichen in Hamburg seien 1961 beheizt, auch diese h\u00e4tten bei starkem Schneefall nicht immer zuverl\u00e4ssig funktioniert. Die S\u2011Bahn sei dennoch durchgehend gefahren. Beim Busverkehr habe es je nach Stra\u00dfenlage regional sehr unterschiedliche Einschr\u00e4nkungen gegeben.<\/p>\n<p>Meteorologie<\/p>\n<p>Wetterexperten stufen den Wintereinbruch Anfang Januar als au\u00dfergew\u00f6hnlich ein. In Teilen Norddeutschlands lagen die Schneeh\u00f6hen so hoch wie seit der Schneekatastrophe 1978\/79 nicht mehr. \u201eSeit damals gab es nur rund f\u00fcnf vergleichbare Lagen\u201c, sagt Meteorologe Frank B\u00f6ttcher. M\u00f6glich wurde die Schneemenge, weil mehrere Tiefdruckgebiete innerhalb kurzer Zeit nahezu dieselbe Zugbahn nahmen. Normalerweise bringt ein solches Tief zehn bis f\u00fcnfzehn Zentimeter Schnee, der anschlie\u00dfend rasch wieder taut. Diesmal folgten jedoch zwei oder sogar drei Sch\u00fcbe aufeinander, die alle denselben Raum trafen. \u201eSo entstehen dann pl\u00f6tzlich Schneeh\u00f6hen von 30 oder 40 Zentimetern. Am Ende ist es Ausdruck der bestehenden Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert. Es wird zwar immer durch den Klimawandel unwahrscheinlicher, bleibt aber m\u00f6glich\u201c, sagt B\u00f6ttcher.<\/p>\n<p>Dass viele Menschen die Intensit\u00e4t als \u00fcberraschend empfanden, f\u00fchrt B\u00f6ttcher auch auf eine ver\u00e4nderte Erwartungshaltung zur\u00fcck. Die meisten h\u00e4tten lange keine markanten Schneewinter mehr erlebt; viele J\u00fcngere \u00fcberhaupt nicht bewusst. Entsprechend gering sei das Bewusstsein daf\u00fcr, dass solche Lagen in Mitteleuropa weiterhin auftreten k\u00f6nnen \u2013 selten, aber nicht ausgeschlossen. \u201eWir erwarten solche Winter nicht mehr, deshalb f\u00fchlen sie sich extremer an, als sie meteorologisch mitunter sind.\u201c<\/p>\n<p>Der weitere Verlauf des Winters sei offen. Die aktuelle Gro\u00dfwetterlage bleibe eine sogenannte Grenzwetterlage: sehr kalte Luftmassen \u00fcber Nordosteuropa treffen wiederholt auf mildere Atlantikluft. Kleine Verschiebungen in den Zugbahnen der Tiefdruckgebiete k\u00f6nnten daher \u00fcber Tauwetter oder neue Schneesch\u00fcbe entscheiden. \u201eDer Winter ist \u00fcberhaupt nicht gegessen\u201c, sagt B\u00f6ttcher. F\u00fcr die kommenden Tage seien gute Prognosen m\u00f6glich, doch was der Februar bringe, lasse sich meteorologisch nicht verl\u00e4sslich vorhersagen. Die Spannbreite reiche von anhaltender Milderung bis zu einer weiteren Schnee\u2011 und K\u00e4ltephase.<\/p>\n<p>Stra\u00dfenr\u00e4umung<\/p>\n<p>F\u00fcr die Stadtreinigung Hamburg waren die vergangenen Wochen eine lange Belastungsprobe. Der Wintereinbruch zu Jahresbeginn mit anhaltendem Schneefall und dem Sturmtief \u201eElli\u201c f\u00fchrte zu elf nahezu aufeinanderfolgenden Volleins\u00e4tzen im Winterdienst. Nacht f\u00fcr Nacht waren Einsatzkr\u00e4fte unterwegs, um Stra\u00dfen und Hauptverkehrsachsen zu sichern.<\/p>\n<p>Die Eins\u00e4tze bedeuteten eine hohe k\u00f6rperliche und organisatorische Belastung, zugleich habe sich der Zusammenhalt in der Belegschaft gezeigt, hei\u00dft es. Positives Feedback aus der Bev\u00f6lkerung habe zus\u00e4tzlich motiviert. Die zuletzt sonnige und trockene Witterung brachte eine kurze Entlastung, auch wenn der Winterdienst weiter aktiv blieb. F\u00fcr eine erneute K\u00e4ltephase sieht sich das Unternehmen vorbereitet.<\/p>\n<p>Mehr als 1000 Besch\u00e4ftigte der Stadtreinigung sind in den Winterdienst eingebunden, vom operativen Einsatz bis zur Einsatzplanung. Gearbeitet wird in rotierenden Schichtsystemen. Auch beim Streumittel sieht man sich ger\u00fcstet, die Salzhallen seien ausreichend gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Grenzen zeigten sich vor allem in vereisten Nebenstra\u00dfen, f\u00fcr deren R\u00e4umung die Stadtreinigung nicht zust\u00e4ndig ist. Dort konnte die M\u00fcllabfuhr teils nicht durchgef\u00fchrt werden, auch wegen schlecht ger\u00e4umter Zug\u00e4nge zu Tonnen. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden mussten Leerungen zeitweise ausgesetzt werden. Die ausgefallenen Abfuhren wurden zuletzt mit zus\u00e4tzlichem Personal nachgeholt.<\/p>\n<p>Sch\u00e4den<\/p>\n<p>Mit dem Abtauen der Schneedecke wurden in den vergangenen Tagen die Sch\u00e4den des bisherigen Winters sichtbar: Auf Hamburgs Stra\u00dfen \u00f6ffneten sich an vielen Stellen Schlagl\u00f6cher. Besonders betroffen sind nach Angaben der Beh\u00f6rde f\u00fcr Verkehr und Mobilit\u00e4tswende \u00e4ltere, bisher nicht sanierte Fahrbahnabschnitte sowie stark belastete Stra\u00dfen mit hohem Verkehrs\u2011 und Lkw\u2011Anteil.<\/p>\n<p>Einen stadtweiten \u00dcberblick \u00fcber das Ausma\u00df der Sch\u00e4den gebe es derzeit noch nicht. Die Lage ver\u00e4ndere sich dynamisch, eine belastbare Bewertung sei erst nach Ende der Wintersaison m\u00f6glich. Erfahrungsgem\u00e4\u00df fielen die Sch\u00e4den in strengen Wintern deutlich h\u00f6her aus als in milden.<\/p>\n<p>Akute Gefahrenstellen werden kurzfristig gesichert, meist durch provisorische Reparaturen mit Kaltasphalt oder durch Warnschilder. Dauerhafte Sanierungen sind haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Zeit nach dem Winter vorgesehen, wenn die Witterung stabiler ist und das gesamte Schadensbild beurteilt werden kann. K\u00fcrzlich sanierte Stra\u00dfen erwiesen sich dabei als deutlich widerstandsf\u00e4higer.<\/p>\n<p>Um Wintersch\u00e4den auszugleichen, stellt die Verkehrsbeh\u00f6rde den Bezirken in dieser Saison zus\u00e4tzlich bis zu acht Millionen Euro zur Verf\u00fcgung. Wie hoch die Kosten am Ende ausfallen, lasse sich derzeit noch nicht sagen. Erfahrungsgem\u00e4\u00df k\u00f6nnten sie in strengen Wintern zwei\u2011 bis dreimal so hoch sein wie in milden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hamburg erlebt einen der h\u00e4rtesten Winter seit Jahrzehnten. 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