{"id":746226,"date":"2026-01-25T17:21:11","date_gmt":"2026-01-25T17:21:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/746226\/"},"modified":"2026-01-25T17:21:11","modified_gmt":"2026-01-25T17:21:11","slug":"wie-funktioniert-das-system-der-prostitution-in-bremens-helenenstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/746226\/","title":{"rendered":"Wie funktioniert das System der Prostitution in Bremens Helenenstra\u00dfe?"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-toplinewrapper\">\n<p>Standdatum: 25. Januar 2026.<\/p>\n<p>Autorinnen und Autoren:<br \/>\nSebastian Manz<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"image -image-with-fallback -image-rounded  lazyload\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhEAAJAIAAAP\/\/\/\/\/\/\/yH5BAEKAAEALAAAAAAQAAkAAAIKjI+py+0Po5yUFQA7\"   alt=\"Es ist der Eingang der Helenenstra\u00dfe im Viertel zu sehen.\" data-image-owner=\"Radio Bremen\" data-image-title=\"Es ist der Eingang der Helenenstra\u00dfe im Viertel zu sehen.\" data-image-src=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/prostitution-bordell-viertel-sexarbeit-100~_v-800x450_c-1702493297769.jpg\" data-image-rights-src=\"\/bilder\/prostitution-bordell-viertel-sexarbeit-100~_v-640x360_c-1702493297769.jpg\"\/><\/p>\n<p>Bild: Radio Bremen<\/p>\n<p class=\"article-intro\">Mitten im Bremer Viertel verkaufen Frauen seit vielen Jahren ihren K\u00f6rper f\u00fcr Sex. Ein Gerichtsprozess gibt nun Einblick hinter die Kulissen der \u00e4ltesten Rotlichtmeile Bremens.<\/p>\n<p>Vor dem Bremer Landgericht wird derzeit ein Fall verhandelt, der weit \u00fcber eine einzelne Gewalttat hinausweist. Angeklagt ist ein versuchter Doppelmord: Im vergangenen Juli sollen eine 25-j\u00e4hrige Prostituierte und ihr 45-j\u00e4hriger Ehemann in ihrer Wohnung in Walle mit Messern angegriffen worden sein. Beide \u00fcberlebten schwer verletzt. Hintergrund der Tat soll ein Machtkampf innerhalb Bremens \u00e4ltester Rotlichtmeile, der Helenenstra\u00dfe, gewesen sein. Was den Prozess besonders macht, ist nicht allein die Brutalit\u00e4t der Tat. Er er\u00f6ffnet einen seltenen Blick in die sozialen, wirtschaftlichen und informellen Strukturen rund um die Helenenstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Helenenstra\u00dfe \u2013 ein regulierter Arbeitsort<\/p>\n<p>Die Helenenstra\u00dfe gilt seit Jahrzehnten als vergleichsweise streng regulierter Ort der Sexarbeit. Sie wird h\u00e4ufig als Schutzraum beschrieben: ein abgegrenztes Viertel, in dem Frauen selbstbestimmt arbeiten sollen \u2013 m\u00f6glichst ohne Zuh\u00e4lter, mit klaren Regeln und einer gewissen sozialen Kontrolle. So schilderte es auch die 25-j\u00e4hrige Prostituierte vor Gericht. Die Frau aus Bulgarien berichtete von einem festen Arbeitsrhythmus. Ihr Arbeitstag begann meist gegen 14 Uhr, das Ende hing vom Publikumsverkehr ab \u2013 zwischen 23 Uhr und ein Uhr nachts. <\/p>\n<blockquote class=\"citation -citation-type-simple\">\n<p class=\"citation-text\">Nicht wenige Frauen haben eine Sieben-Tage-Woche.<\/p>\n<p>Nicola Dreke, Sozialarbeiterin von der Prostituierten-Beratungsstelle Nitribitt<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Verwalterinnen statt Bordellbetreiber<\/p>\n<p>Die bulgarische Prostituierte beschreibt vor Gericht ihren Arbeitsalltag. Zu Beginn jeder Schicht miete sie, wie alle anderen Frauen auch, ein Zimmer in der Helenenstra\u00dfe an. Drei bis vier sogenannte Verwalterinnen k\u00fcmmerten sich um diese Verwaltungsaufgabe. Es handelt sich um ehemalige Sexarbeiterinnen, die im Auftrag der Hauseigent\u00fcmer die Zimmer organisieren. Sie k\u00fcmmern sich um Bettw\u00e4sche, Handt\u00fccher und Hygieneartikel und stehen den Prostituierten auch bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen oder organisatorischen Fragen zur Seite.\u00a0Die Frauen mieteten die Zimmer oft mehrere Tage am St\u00fcck an. Klassische Bordellstrukturen gebe es nicht. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/helenenstrasse-104~_v-512x288_c-1769353520727.jpg\" data-gallery-entry-for=\"bremen-helenenstrasse-gerichtsprozess-100\" data-size=\"1920x1080\" class=\"text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"image -image-with-fallback -image-rounded  lazyload\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhEAAJAIAAAP\/\/\/\/\/\/\/yH5BAEKAAEALAAAAAAQAAkAAAIKjI+py+0Po5yUFQA7\"   alt=\"Die Helenenstra\u00dfen in Bremen aus der Luft aufgenommen.\" title=\"Bild: Radio Bremen\" data-image-owner=\"Radio Bremen\" data-image-title=\"Die Helenenstra\u00dfen in Bremen aus der Luft aufgenommen.\" data-image-src=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/helenenstrasse-104~_v-512x288_c-1769353520727.jpg\" data-image-rights-src=\"\/bilder\/helenenstrasse-104~_v-640x360_c-1769353520727.jpg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Die Eigent\u00fcmer der H\u00e4user in der Helenenstra\u00dfe sollen aus b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen kommen.<\/p>\n<p>Bild: Radio Bremen<\/p>\n<p>Die Geb\u00e4ude geh\u00f6ren nach Kenntnis von Nitribitt \u00fcberwiegend Privatpersonen oder Immobilienunternehmen, alle aus b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen \u2013 f\u00fcr organisierte Kriminalit\u00e4t gebe es \u2013 was die Geb\u00e4ude betrifft \u2013 keinerlei Anzeichen. &#8222;42 Frauen arbeiteten zuletzt in der Helenenstra\u00dfe, die meisten stammen aus Bulgarien und Rum\u00e4nien&#8220;, sagt Nicola Dreke. Arbeitskr\u00e4fte aus diesen L\u00e4ndern d\u00fcrfen seit 2014 uneingeschr\u00e4nkt in Deutschland arbeiten und leben \u2013 das hat auch die personelle Zusammensetzung in den Helenenstra\u00dfe stark ver\u00e4ndert. <\/p>\n<p>Sicherheitsdienst als Eigeninitiative<\/p>\n<p>Auf Wunsch der Sexarbeiterinnen gibt es an\u00a0den Wochenenden einen privaten Sicherheitsdienst. Den bezahlen die Prostituierten per Umlage selbst. Die Frauen haben sich au\u00dferdem ausdr\u00fccklich f\u00fcr eine Video\u00fcberwachung des Eingangsbereichs ausgesprochen, berichtet Nitribitt. Umgesetzt wurde diese Ma\u00dfnahme bislang nicht, soll aber im Zuge der geplanten Kamera\u00fcberwachung des davor liegenden Ziegenmarktes installiert werden.\u00a0<\/p>\n<blockquote class=\"citation -citation-type-simple\">\n<p class=\"citation-text\">Gerade dieses ausgepr\u00e4gte Sicherheitsbed\u00fcrfnis ist f\u00fcr uns ein Beleg daf\u00fcr, dass viele Frauen gro\u00dfen Wert auf Selbstbestimmung legen \u2013 und sich bewusst gegen Abh\u00e4ngigkeiten stellen.<\/p>\n<p>Nicola Dreke, Sozialarbeiterin von der Prostituierten-Beratungsstelle Nitribitt<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Lange ging ihr Verein Nitribitt deshalb auch davon aus, dass Zuh\u00e4lterei in der Helenenstra\u00dfe kaum ein Thema ist.<\/p>\n<p>Der Prozess und der Bruch mit dem Idealbild<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/prozess-helenenstrasse-100~_v-512x288_c-1768999324517.jpg\" data-gallery-entry-for=\"bremen-helenenstrasse-gerichtsprozess-100\" data-size=\"1600x900\" class=\"text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"image -image-with-fallback -image-rounded  lazyload\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhEAAJAIAAAP\/\/\/\/\/\/\/yH5BAEKAAEALAAAAAAQAAkAAAIKjI+py+0Po5yUFQA7\"   alt=\"Eine Frau im grauen T-Shirt sitzt an einem Tisch in einem Gerichtssaal. Hinter ihr steht ihre Anw\u00e4ltin.\" title=\"Bild: Radio Bremen\" data-image-owner=\"Radio Bremen\" data-image-title=\"Eine Frau im grauen T-Shirt sitzt an einem Tisch in einem Gerichtssaal. Hinter ihr steht ihre Anw\u00e4ltin.\" data-image-src=\"https:\/\/www.butenunbinnen.de\/bilder\/prozess-helenenstrasse-100~_v-512x288_c-1768999324517.jpg\" data-image-rights-src=\"\/bilder\/prozess-helenenstrasse-100~_v-640x360_c-1768999324517.jpg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Eine 25-j\u00e4hrige Prostituierte aus Bulgarien sagte vor Gericht aus.<\/p>\n<p>Bild: Radio Bremen<\/p>\n<p>Der aktuelle Prozess stellt dieses Bild infrage. Die 25-j\u00e4hrige Prostituierte aus Bulgarien sagte aus, sie sei \u00fcber Monate von zwei M\u00e4nnern bedr\u00e4ngt worden \u2013 einem 22-J\u00e4hrigen und dessen 39-j\u00e4hrigem Vater. Beide h\u00e4tten sie regelm\u00e4\u00dfig an einem Kiosk nahe der Helenenstra\u00dfe abgepasst und unter Druck gesetzt, k\u00fcnftig f\u00fcr sie zu arbeiten. Sie habe dies verweigert. Kurz darauf kam es zu der Tat in Walle. &#8222;Diese Tat richtet sich auch gegen die Selbstbestimmtheit der Sexarbeiterinnen in der Helene \u2013 die allermeisten Frauen dort arbeiten auf eigene Faust&#8220;, sagt Sozialarbeiterin Nicola Dreke.<\/p>\n<p>Wohnen am Rand des Milieus<\/p>\n<p>Die Wohnung der Gesch\u00e4digten liegt in der Auguststra\u00dfe in Walle. Laut Nitribitt ist die Wohnsituation des Paares typisch f\u00fcr Menschen aus dem Milieu der Helenenstra\u00dfe. Der Geb\u00e4udekomplex besteht aus zwei heruntergewohnten Mehrparteienh\u00e4usern und einem angeschlossenen Gewerbetrakt. Vor Gericht sagen die Prostituierte und ihr Mann aus, dass dort nur Bulgaren wohnten. Die Miete zahle man immer bar. Die Bewohner wechselten h\u00e4ufig. Viele M\u00e4nner gingen Gelegenheitsjobs nach, die Frauen arbeiteten fast ausschlie\u00dflich in der Helenenstra\u00dfe. <\/p>\n<p>Nachbarn berichten von regelm\u00e4\u00dfigen L\u00e4rmbel\u00e4stigungen, insbesondere in den Sommermonaten, wenn im Innenhof bis sp\u00e4t in die Nacht gefeiert und Alkohol konsumiert werde. Vermieter ist ein Kleinunternehmer aus Weyhe. Auf eine Anfrage von buten un binnen zu Vermietungspraxis, Verwaltung und Perspektiven der Immobilie reagierte er nicht. <\/p>\n<p>Wohnungsmarkt als Nadel\u00f6hr<\/p>\n<p>Nach Beobachtungen von Nitribitt sind Unterk\u00fcnfte wie die in Walle f\u00fcr Sexarbeiterinnen durchaus attraktiv. Sie sind vergleichsweise g\u00fcnstig, kurzfristig anmietbar und erfordern kaum Offenlegung der eigenen Lebensumst\u00e4nde. Auf dem regul\u00e4ren Wohnungsmarkt h\u00e4tten Prostituierte oft kaum Chancen, da viele Vermieter eine Vermietung ablehnten, sobald der Beruf bekannt werde. Etablierten sich solche H\u00e4user, w\u00fcrden sie h\u00e4ufig ausschlie\u00dflich von Menschen aus demselben Herkunftsland bewohnt, oft sogar aus derselben Region. &#8222;Es spricht sich halt rum in einer sozialen Gruppe&#8220;, erkl\u00e4rt Nicola Dreke.<\/p>\n<p>Arbeiten auf Zeit \u2013 mit hoher Intensit\u00e4t<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Frauen in der Helenenstra\u00dfe ist Sexarbeit ein Modell auf Zeit. Manche arbeiten im Drei-Monats-Rhythmus dort und kehrten dann f\u00fcr Monate in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcck, andere arbeiteten fast das ganze Jahr dort. &#8222;Das Einkommen verschafft vielen Frauen eine hohe wirtschaftliche Eigenst\u00e4ndigkeit&#8220;, sagt Nicola Dreke. Innerhalb ihrer Familien seien sie oft zentrale Versorgerinnen. Das Geld reiche oft f\u00fcr den Bau eines H\u00e4uschens oder die Unterst\u00fctzung\u00a0Angeh\u00f6riger.<\/p>\n<p>Wenn Selbstbestimmung zur Zielscheibe wird<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wiegt der Vorwurf im aktuellen Gerichtsverfahren besonders schwer. Sollte sich best\u00e4tigen, dass die Angeklagten versucht haben, eine freischaffende Sexarbeiterin mit Gewalt in eine Zuh\u00e4lterstruktur zu zwingen, tr\u00e4fe dies den Kern des Systems Helenenstra\u00dfe. <\/p>\n<p class=\"article-legal-broadcast-reference\"><strong>Dieses Thema im Programm:<\/strong><br \/>\nbutenunbinnen.de, &#8222;Wie funktioniert das System der Prostitution in Bremens Helenenstra\u00dfe?&#8220;, 25. Januar 2026, 16 Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Standdatum: 25. Januar 2026. 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