{"id":747326,"date":"2026-01-26T04:08:36","date_gmt":"2026-01-26T04:08:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/747326\/"},"modified":"2026-01-26T04:08:36","modified_gmt":"2026-01-26T04:08:36","slug":"ukraine-kaelte-als-waffe-putin-nimmt-den-menschen-strom-heizung-wasser-und-den-schlaf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/747326\/","title":{"rendered":"Ukraine \u2013 K\u00e4lte als Waffe: Putin nimmt den Menschen Strom, Heizung, Wasser und den Schlaf"},"content":{"rendered":"<p>Ein harter Winter beherrscht die Ukraine. In W\u00e4rmezelten sitzen in Kiew die Betroffenen mit abgek\u00e4mpften Gesichtern. Vom Aufgeben spricht trotzdem niemand.<\/p>\n<p>Veteran Alexej hat sich mit seinen Kr\u00fccken die Treppen herunter gearbeitet. Ein nicht ganz ungef\u00e4hrliches Unterfangen. \u00dcber glatte Betonstufen huscht der Schein der Taschenlampe seines Smartphones, wirft einen schwachen Lichtkegel vor dem Mann. Neun Stockwerke geht es so in v\u00f6lliger Dunkelheit hinab. Stufe f\u00fcr Stufe. Der 45-J\u00e4hrige hat sein rechtes Bein als Infanterist bei der Kursk-Offensive eingeb\u00fc\u00dft. Dort, wo es sich befand, hat er die Jeans nach oben geklappt. Alexej besitzt eine Prothese. \u201eDoch bei den vielen Treppenstufen ist mir das zu gef\u00e4hrlich, sie zu nutzen. Da brauche ich den Aufzug\u201c, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n<p>Dann erreicht der Ex-Soldat hat sein Ziel: einen mobilen W\u00e4rmepunkt. Das gro\u00dfe Zelt steht nahe seinem Wohnhaus aus Sowjetzeiten. 1300 station\u00e4re und 50 mobile <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.video-ereignisse-zeitgeschehen-notstand-und-eisige-kaelte-in-der-ukraine-eu-schickt-notstromaggregate.5f29a37f-58a8-4b91-914a-d1bd4c49693b.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">W\u00e4rmepunkte <\/a>sind \u00fcber ganz Kiew verteilt. Vor allem \u00f6stlich des Flusses Dnipro sind sie besonders bitter notwendig. Hier leiden die Menschen unter den Folgen der russischen Angriffe derzeit am meisten. Und hier ist auch Alexej zu Hause.<\/p>\n<p>Einige wenige Lichter sind in den Fenstern der umgebenden Blocks zu sehen. Hinter den Glasscheiben leuchten vereinzelt LED-Lampen oder flackert gelegentlich schwach Kerzenlicht. Doch die meisten Fenster sind schwarze Rechtecke im Dunkelgrau des Betons. Das ganze Viertel ist im Dunkel versunken. Die Hochh\u00e4user zeichnen sich als Konturen im Abendhimmel ab. Ab und sieht man das Mauerwerk, wenn Autoscheinwerfer aufscheinen.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.d8129b70-dd2d-4d15-8033-b65c16b9db90.original1024.media.jpeg\"\/>     Kleine Lichtkegel zerschneiden die Dunkelheit der Hauptstadt.    Foto: AFP    <\/p>\n<p>\u201eSeit vier Tagen keinen Strom mehr und die Heizung liefert kaum W\u00e4rme\u201c, sagt der ehemalige K\u00e4mpfer kurz. Er hat sich auf einem Stuhl niedergelassen und das Ladekabel seines Smartphones an eine bereit gestellte Steckdose angeschlossen. Von au\u00dfen brummt der Klang eines m\u00e4chtigen Gebl\u00e4ses. \u201eSch\u00f6n warm hier\u201c, seufzt er. Vor dem Zelt ist die Temperatur auf minus 15 Grad gesunken. Der Atem wirft dort dicke Wolken.<\/p>\n<p>Es ist der h\u00e4rteste <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Winter\" title=\"Winter\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Winter<\/a> seit einem Jahrzehnt <\/p>\n<p>Auf den Schneefl\u00e4chen zwischen den Geb\u00e4uden, auf den vereisten Gehsteigen, irrlichtern Lichtkegel von kleinen Lampen, die die Passanten vor sich halten. Die Schritte der Menschen, die Zuflucht im W\u00e4rmepunkt suchen, knirschen vor dem Zelt auf eisigem Schnee. Viele kommen jetzt am Abend. Kyjiw erlebt den h\u00e4rtesten Winter seit einem Jahrzehnt. Bis auf minus 20 Grad <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/K%C3%A4lte\" title=\"K\u00e4lte\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00e4lte<\/a> sanken die Temperaturen in den vergangenen N\u00e4chten. Eine K\u00e4lte, die die russischen Invasoren wohl herbeigesehnt haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Wladimir_Putin\" title=\"Putin\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Putin<\/a> nutzt die Winterk\u00e4lte als Waffe gegen die ukrainische Zivilbev\u00f6lkerung. Mit Tausenden von Raketen und Drohnen hat er in den vergangenen Monaten die Angriffe aus der Luft auf die ganze <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Ukraine\" title=\"Ukraine\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ukraine<\/a> intensivieren lassen. Die Attacken dauern oft viele Stunden. Maschinengewehre schie\u00dfen h\u00e4mmernd auf Drohnen, die Luftabwehr kracht, Explosionen ersch\u00fcttern die Nacht. Am n\u00e4chsten Tag hat niemand in der Millionen-Metropole Schlaf gefunden. Die Menschen kommen aus Metro-Stationen, Luftschutzbunkern und Hauskellern hervor, in denen sie Zuflucht gesucht haben. Mit m\u00fcden Gesichtern, wie jetzt im W\u00e4rmepunkt. UN-Menschenrechtskommissar Volker T\u00fcrk hat sich am 20. Januar in Genf emp\u00f6rt \u00fcber die russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur ge\u00e4u\u00dfert: \u201eAngriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur sind ein klarer Versto\u00df gegen die Regeln der Kriegsf\u00fchrung.\u201c<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/media.media.1217df27-eca1-4479-b36c-c1da11c6ade9.original1024.media.jpeg\"\/>     Die Menschen trotzen den brutalen Bedingungen in der Gemeinschaft.    Foto: AFP    <\/p>\n<p>Die Ukraine greift mittlerweile ebenfalls Ziele in Russland mit Drohnen an. Mit einem gro\u00dfen Unterschied zu Russland: Es werden nicht Tausende von Drohnen und Raketen gegen zivile Einrichtungen wie Krankenh\u00e4user oder die Wasser- und Energieversorgung geschickt. Ziele der ukrainischen Armeen sind Raffinerien, Produktionsst\u00e4tten von Waffen und Einrichtungen der russischen Armee. Raffinerien bereiten das \u00d6l auf, mit denen Putin seinen Krieg finanziert. Gezielte Kampagnen gegen \u00fcberlebenswichtige zivile Infrastruktur werfen V\u00f6lkerrechtler und internationale Organisationen der Ukraine nicht vor. <\/p>\n<p>Die Menschen der Ukraine wissen nach vier Jahren Invasion aus eigener Erfahrung, dass sich Russland wenig um das humanit\u00e4re V\u00f6lkerrecht k\u00fcmmert. Schon in drei vorigen Kriegswintern gab es Angriffe auf die Energieinfrastruktur und schwere Blackouts. Doch die Temperaturen sanken nicht so tief wie in diesem Winter. Gesch\u00e4fts- und Caf\u00e9besitzer kauften Generatoren. Ihr r\u00f6hrender Klang geh\u00f6rt mittlerweile zum Alltag in ukrainischen St\u00e4dten. Sie k\u00f6nnen nur einen Bruchteil der Energieversorgung stemmen. Ziel der russischen Attacken sind Kraftwerke und Umspann-Stationen. Kaum sind diese wieder repariert, kommt oft der n\u00e4chste Schlag darauf. Die Wasserversorgung nimmt ebenfalls Schaden. In gro\u00dfen Teilen des \u00f6stlichen Kiews flie\u00dft kein Wasser mehr. <\/p>\n<p>Strom gibt es in der Stadt seit Monaten nur noch rationalisiert, das hei\u00dft nach Zeitpl\u00e4nen f\u00fcr Stra\u00dfenz\u00fcge und Viertel. \u201eIch habe schon seit vier Tagen am St\u00fcck keinen Strom mehr\u201c, sagt der 45-j\u00e4hrige Alexej. Alina kann da nur traurig nicken. \u201eWenn es wenigstens wieder zu bestimmten Zeiten sicher Strom gibt. Ich kann mich dann darauf einstellen\u201c, sagt sie. <\/p>\n<p>Aus dem rundlichen Gesicht der 26-J\u00e4hrigen blicken warme m\u00fcde Augen. Die junge Frau ist Witwe, ihr Mann blieb im Krieg. Jetzt k\u00fcmmert sich die Mutter um ihre beiden Kinder. Die malen gerade an den bereit gestellten Tischen. \u201eDie Sirenen, die Explosionen bei den russischen Angriffen, das macht ihnen Angst. Jetzt kommt auch noch die K\u00e4lte dazu\u201c, sch\u00fcttelt sie traurig den Kopf. \u201ePutin hat mir meinen Mann genommen. Aber er hat noch nicht genug Unheil angerichtet. Es wird wohl noch schlimmer werden\u201c, bef\u00fcrchtet sie. Jede Nacht kann einen neuen Angriff bringen. \u201eNur wenn ich die Flammen des Gasherds voll aufdrehe, komme ich wenigstens in der K\u00fcche auf 15 Grad plus. Meine beiden Kinder werde ich heute wieder unter einen Berg von Decken einmummeln\u201c, erkl\u00e4rt die Mutter.<\/p>\n<p>Mit dem Gasherd zu heizen ist in Sachen Brandschutz nicht ungef\u00e4hrlich. Der indirekte Schaden, den die Luftangriffe mit sich bringen, ist immens. Juri, 42, ist als leitender Inspektor beim Zivilschutz t\u00e4tig. Er sorgt daf\u00fcr, dass die W\u00e4rmepunkte laufen. \u201eDie starken Spannungsschwankungen in den Stromleitungen f\u00fchren zu Kabelbr\u00e4nden. Oft stammen die betagten Leitungen noch aus Sowjetzeiten. Das ist ein Problem. In manchen H\u00e4usern sinken die Temperaturen so tief unter dem Gefrierpunkt, dass Wasserleitungen aufplatzen. Bei den ebenfalls oft betagten Wasserleitungen kommt es durch die Druckschwankungen zu Problemen, Pumpen fallen ohne Stromzufuhr aus. Das ist eine weitere Herausforderung f\u00fcr die Spezialisten der Reparatur-Teams\u201c, erkl\u00e4rt der 41-J\u00e4hrige. Mittlerweile wird aus der ganzen Ukraine Unterst\u00fctzung nach Kiew entsandt \u2013 aus St\u00e4dten, die selbst in Not sind.<\/p>\n<p>Der Oberb\u00fcrgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, hatte bereits nach massiven Angriffen am 9. Januar die Bev\u00f6lkerung aufgerufen, nach M\u00f6glichkeit die Stadt zu verlassen. Laut Stadtverwaltung haben das 600\u2009000 Menschen getan. Das ist fast jeder sechste Mensch, der in der Hauptstadt wohnt. Immer noch sollen rund 4000 Mehrfamilienh\u00e4user ohne Heizung sein. Laut Klitschko hatten am Mittwoch mehr als eine Million Bewohnerinnen und Bewohner keinen Strom.<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcrde mit meinen Kindern auch gehen, aber ich habe keine Verwandten au\u00dferhalb der Stadt\u201c, sagt Alina. Zu Beginn der Invasion floh sie mit ihren beiden Kindern nach Ober\u00f6sterreich. \u201eWir kamen zur\u00fcck, die Ukraine ist doch unsere Heimat. Aber wenn sich die Lage wieder verschlechtert \u2013 ich muss doch meine Kinder sch\u00fctzen\u201c, sagt die junge Mutter. Neben ihr stehen Kateryna und Victoria und trinken warmen Tee, der wie die Suppe kostenlos ausgeschenkt wird. Betreiber des W\u00e4rmepunkts ist der Zivilschutz. \u201eWir w\u00e4rmen uns auf, laden die Smartphones und dann geht es zur\u00fcck in die kalten Wohnungen\u201c, erkl\u00e4rt Victoria. \u201ePutin will unser Leben unertr\u00e4glich machen. Aber er untersch\u00e4tzt uns. Wir halten aus. Der Fr\u00fchling wird kommen. In Europa m\u00fcssen die Menschen verstehen, Putin ist kein Mann, der einen Frieden will. Er will Unterwerfung\u201c, sagt Kateryna.<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rt man in drei Metern Entfernung Kinderkichern. Ein Vierbeiner sorgt f\u00fcr ein L\u00e4cheln in m\u00fcden Gesichtern. Hund Ritchie hat mit Frauchen gerade Zuflucht im W\u00e4rmepunkt gefunden. Ritchie ist sich offensichtlich bewusst, dass er Star des Zelts ist. Das Tier genie\u00dft die Streicheleinheiten der Kinder mit halb geschlossenen Augen. Der Kriegsversehrte Alexej hat ein sch\u00fcchternes L\u00e4cheln im Gesicht, als er den Hund sieht. Wenn sein Phone aufgeladen ist, wird er wieder im Dunklen die Treppen nach oben keuchen, seine H\u00e4nde am Gasherd w\u00e4rmen, um dann voll bekleidet unter der Decke zu verschwinden. Mit seiner M\u00fctze auf dem Kopf, auf der das ukrainische Wappen zu sehen ist. Aufgeben? Daf\u00fcr hat er sein Bein nicht an der Front geopfert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein harter Winter beherrscht die Ukraine. In W\u00e4rmezelten sitzen in Kiew die Betroffenen mit abgek\u00e4mpften Gesichtern. 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