{"id":750858,"date":"2026-01-27T13:32:16","date_gmt":"2026-01-27T13:32:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/750858\/"},"modified":"2026-01-27T13:32:16","modified_gmt":"2026-01-27T13:32:16","slug":"deutsches-theater-berlin-werdende-wueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/750858\/","title":{"rendered":"Deutsches Theater Berlin \u2013 Werdende W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img317410\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/317410.jpeg\" alt=\"Hier bleibt vieles im Halbdunkel: \u00bbHeimsuchung\u00ab am Deutschen Theater\"\/><\/p>\n<p>Hier bleibt vieles im Halbdunkel: \u00bbHeimsuchung\u00ab am Deutschen Theater<\/p>\n<p>Foto: Eike Walkenhorst<\/p>\n<p>Am Deutschen Theater hatte man in einer nachholenden, etwas peinlichen Geste der Klassikerst\u00fcrmung k\u00fcrzlich noch Schillers \u00bb<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1196429.genosse-shakespeare-die-raeuber-lass-schillern.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">R\u00e4uber<\/a>\u00ab der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben (und sich damit selbst ein bisschen l\u00e4cherlich gemacht). Nicht mehr als verstaubter Kanon, der gut aufgehoben ist in irgendwelchen Reclam-Heftchen, die man dann kost\u00fcmbildnerisch auf der B\u00fchne ausgestellt hat.<\/p>\n<p>Zu einem ebensolchen gelben Reclam-Heftchen hat es auch Jenny Erpenbecks \u00bbHeimsuchung\u00ab gebracht. Kein allt\u00e4glicher Fall f\u00fcr einen Roman, der keine 20\u2005Jahre alt ist. Ihr Buch ist fr\u00fch zu einem modernen Klassiker geworden, der im \u00dcbrigen von Volker Schl\u00f6ndorff derzeit f\u00fcr das Kino hergerichtet wird.<\/p>\n<p>\u00bbHeimsuchung\u00ab ist ein so klug wie elegant konstruierter Roman. Die Geschichte des 20.\u2005Jahrhunderts und seiner Verwerfungen erz\u00e4hlt Erpenbeck anhand eines Hauses, zwischen Frankfurt an der Oder und Berlin gelegen, direkt am Scharm\u00fctzelsee. Es ist das Haus, in dem sie als Kind zu Besuch war, in dem ihre Gro\u00dfeltern lebten, die kommunistischen Schriftsteller Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck.<\/p>\n<p>Die vielen Bewohner und G\u00e4ste werden mit eigenen Kapiteln bedacht: der Architekt, der sich hier verwirklichen will, die j\u00fcdische Familie, die von hier vertrieben wird und den Tod findet, Soldaten, die das Land einnehmen. Das Ungl\u00fcck der einen wird zum Gl\u00fcck der anderen; das ist die Gewalt der Geschichte. Und dazwischen begegnet uns immer wieder ein G\u00e4rtner, der sich fernh\u00e4lt von den Menschen und seiner nicht entfremdeten T\u00e4tigkeit nachgeht. Ein letztes bisschen Hoffnung angesichts untr\u00f6stlich stimmender Zeitl\u00e4ufte. <\/p>\n<p>Nun hat die Dramaturgieabteilung des Deutschen Theaters Berlin bemerkt, dass Erpenbecks Roman in mehreren Bundesl\u00e4ndern, darunter auch in der Hauptstadt, in diesem Jahr zum Abiturstoff erkl\u00e4rt wurde. Und hat eine Adaption auf den Spielplan gesetzt. Vielleicht, mag man sich gedacht haben, kann man so die Auslastungszahlen ein wenig in die H\u00f6he treiben. Die Entscheidung von Schauspielh\u00e4usern, ihr Repertoire ausgerechnet an Lehrpl\u00e4nen auszurichten, ganz so, als handele es sich bei Theatern um hochsubventionierte Einrichtungen f\u00fcr den Nachhilfeunterricht, ist zweifelhaft. In diesem Fall erscheint sie geradezu absurd, weil Erpenbecks Vorlage in Prosa eine Inszenierung auf der B\u00fchne durchaus nicht nahelegt.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/317411.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Die Dramaturgie hat sich also mit dem Curriculum f\u00fcr die Berliner Abiturienten vertraut gemacht. Und sonst? Nichts. Auf viel Kopfarbeit hat man offenbar verzichtet. Es handelt sich um einen weiteren Fall einer um sich greifenden Verpuffungsdramaturgie, die derzeit die Stadttheater regiert.<\/p>\n<p>Mit reichlich Nebel und diffusem Licht, einer Kinderdarstellerin und musikalischem Klimbim, mit gro\u00dfen Gesten und unz\u00e4hligen Runden, die die Drehb\u00fchne kreist, wird der Text atmosph\u00e4risch zugekleistert. Das kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der Regisseur <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176366.deutsches-theater-berlin-weltall-erde-mensch-warten-auf-erloesung.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Alexander Eisenach<\/a>, der auch die Textfassung besorgt hat, mit dem Roman auf der B\u00fchne nichts anzufangen wei\u00df, dass hier nur szenischer Leerlauf herrscht, dem das Publikum f\u00fcr zwei und eine dreiviertel Stunde ausgesetzt ist. <\/p>\n<p>Worin besteht eigentlich die St\u00e4rke des Erpenbeck\u2019schen Textes? Die etwas zum Klischee verkommene Feststellung, die Sprache in einem Roman sei \u00fcberaus poetisch \u2013 hier stimmt sie wirklich. \u00bbHeimsuchung\u00ab ist unfassbar verdichtet geschrieben, nahezu monolithisch (und auch deshalb f\u00fcr eine B\u00fchnenadaption ungeeignet). Naturbeschreibung und Schilderung innerer Eindr\u00fccke, skizzierte Lebensl\u00e4ufe und Beschreibung \u00e4u\u00dferer Einschl\u00e4ge f\u00fcgen sich zu einem Ganzen und verleihen dieser Literatur, mit ihr der Geschichte des 20.\u2005Jahrhunderts, etwas bedr\u00fcckend Schicksalhaftes. Die Hausbewohner wechseln wie die Gezeiten, und am Ende wird auch der m\u00e4rkische See nur mehr W\u00fcste sein.<\/p>\n<p>Erpenbeck erz\u00e4hlt keine Handlung, die sich in Szenen aufl\u00f6sen lie\u00dfe, sondern l\u00e4sst Geschichte eindrucksvoll zu Sprache werden. Der Versuch, dem Gewicht des Textes auf dem Theater gerecht zu werden, scheitert zwangsl\u00e4ufig. Der rein illustrative Umgang mit dem Text und die affektierten \u00dcberbetonungen besch\u00e4digen die Vorlage nur. H\u00f6chstens ein n\u00fcchterner Vortrag dieses gewaltigen Textes und ein B\u00fchnengeschehen, das diesen nicht bebildert, sondern ihn kontrapunktisch herausfordert, h\u00e4tte zumindest f\u00fcr Spannung im Zuschauersaal sorgen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>\u00bbLiteratur\u00ab, so lie\u00df Heiner M\u00fcller einmal wissen, \u00bbmuss Widerstand gegen das Theater leisten.\u00ab Aber, will man heute hinzuf\u00fcgen, das Theater muss diesen Widerstand auch produktiv zu machen wissen. <\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">N\u00e4chste Vorstellungen: 30.1., 4. und 13.2. <br \/><a href=\"http:\/\/www.deutschestheater.de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.deutschestheater.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hier bleibt vieles im Halbdunkel: \u00bbHeimsuchung\u00ab am Deutschen Theater Foto: Eike Walkenhorst Am Deutschen Theater hatte man in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":750859,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[296,29,30,93,36442,94],"class_list":["post-750858","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-berlin","tag-deutschland","tag-germany","tag-literatur","tag-roma","tag-theater"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115967318332257051","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/750858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=750858"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/750858\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/750859"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=750858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=750858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=750858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}