{"id":752432,"date":"2026-01-28T04:30:11","date_gmt":"2026-01-28T04:30:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/752432\/"},"modified":"2026-01-28T04:30:11","modified_gmt":"2026-01-28T04:30:11","slug":"berlin-papiere-der-vernichtung-mit-einer-ueberlebenden-im-archiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/752432\/","title":{"rendered":"Berlin | Papiere der Vernichtung \u2013 Mit einer \u00dcberlebenden im Archiv"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Auch heute noch, auf den Tag genau 81 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem KZ, graust es Tova Friedman, wenn sie solche in kalter, deutscher B\u00fcrokratensprache abgefassten Dokumente in den H\u00e4nden h\u00e4lt. Unterlagen, die Einblick gew\u00e4hren in die organisierte Ermordung der Juden durch die Nazis. \u00abSo viele Papiere\u00bb, sagt die 87-j\u00e4hrige Holocaust-\u00dcberlebende, als sie der Pr\u00e4sident des Bundesarchivs, Michael Hollmann, durch die von nummerierten Kisten ges\u00e4umten R\u00e4ume seiner Beh\u00f6rde f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein Dokument, das beide an diesem kalten Januartag gemeinsam anschauen, ist ein als \u00abgeheim\u00bb eingestufter \u00abSchnellbrief\u00bb aus dem Februar 1943 mit dem Betreff \u00abAbbef\u00f6rderung von Juden aus Theresienstadt\u00bb. In dem Schreiben, das heute im Bundesarchiv lagert, wurde einst um eine Genehmigung gebeten, um \u00abzun\u00e4chst 5.000 \u00fcber 60 Jahre alte Juden\u00bb ins Vernichtungslager Auschwitz zu bringen.<\/p>\n<p>Die US-Amerikanerin Tova Friedman wurde 1938 als Tola Grossman in Gdingen unweit von Danzig geboren. Die Nationalsozialisten deportierten sie als F\u00fcnfj\u00e4hrige in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im besetzten Polen. Sie und ihre Mutter \u00fcberlebten Auschwitz. Ihr Vater wurde von Auschwitz in das KZ Dachau verschleppt und \u00fcberlebte ebenfalls. In Berlin kamen die drei nach dem Krieg in einem \u00dcbergangslager wieder zusammen, bevor die Familie sp\u00e4ter in die USA auswanderte.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Gerechtigkeit<\/p>\n<p>Ein Papier, das ihr Hollmann zeigt, besch\u00e4ftigt die Zeitzeugin bei ihrem Besuch im Bundesarchiv besonders. Es ist die Personalkarteikarte eines SS-Hauptscharf\u00fchrers, der ab September 1942 in der H\u00e4ftlingsverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz besch\u00e4ftigt war.<\/p>\n<p>Daraus geht hervor, dass der Mann aus Ansbach in Mittelfranken im Juni 1932 als 20-J\u00e4hriger in die Partei \u2013 gemeint ist die NSDAP \u2013 eintrat und urspr\u00fcnglich Maler war. \u00abK\u00f6nnen Sie die Familien ausfindig machen und ihnen das zuschicken?\u00bb, fragt die Besucherin. Sie selbst w\u00e4re bereit, diese Menschen zu finden und sie in ihrem Zuhause aufzusuchen. Es sei doch wichtig, dass die Nachkommen dieses Mannes und auch die anderer Nazi-Verbrecher w\u00fcssten, was ihre Vorfahren damals getan haben.<\/p>\n<p>Zeugnis ablegen \u2013 in Kurzvideos bei Tiktok\u00a0<\/p>\n<p>Tova Friedman ist nicht allein nach Deutschland gekommen. Bei ihrer dritten Reise durch das Land, das sie, wie sie selbst sagt, 75 Jahre lang gemieden hat, wird sie begleitet von ihrer Tochter und ihrem Enkel Aron Goodman. Er betreibt mit ihr zusammen einen Tiktok-Kanal, wo sie als Zeitzeugin in Kurzvideos von den Verbrechen des Nationalsozialismus berichtet.<\/p>\n<p>Ein Erlebnis, von dem sie dort erz\u00e4hlt, ist ihre Freude, als ihre Mutter ihr an ihrem sechsten Geburtstag als Geschenk ein St\u00fcck Brot in die Kinderbaracke schickte. Noch heute, wenn sie daran zur\u00fcckdenkt, ist sie erstaunt, dass der Kanten Brot, der durch die H\u00e4nde mehrerer hungriger KZ-Insassen gegangen sein musste, \u00fcberhaupt bei ihr ankam.<\/p>\n<p>Ihr Enkel sagt, gerade in einer Zeit, in der die Verbreitung falscher Nachrichten und manipulierter Bilder durch KI stark zugenommen habe, sei der Beitrag der Zeitzeugen sehr wichtig. Auf den langen Wegen durch die G\u00e4nge und Galerien des Bundesarchivs h\u00e4lt er die Hand seiner Gro\u00dfmutter. Die lacht gerne und sieht mit ihrer bestickten Jacke und den modischen Stiefeln aus wie eine Frau, die auch im hohen Alter noch intensiv teilnimmt an dem, was gesellschaftlich und politisch um sie herum geschieht.<\/p>\n<p>Dokumente lagern in ehemaliger SS-Kaserne<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude in Berlin-Lichterfelde, in dem die aus den USA angereiste Zeitzeugin empfangen wird, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die einstige Preu\u00dfische Kadettenanstalt wurde 1933 zur Kaserne der Leibstandarte SS Adolf Hitler. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 zogen hier US-Besatzungssoldaten ein. Heute befindet sich auf dem Gel\u00e4nde einer der wichtigsten Standorte des Bundesarchivs, das seinen Hauptsitz in Koblenz hat.<\/p>\n<p>Die Leitung des Vernichtungslagers Auschwitz habe kurz vor Kriegsende versucht, noch m\u00f6glichst viele Papiere zu vernichten, damit sie den n\u00e4her r\u00fcckenden russischen Soldaten nicht in die H\u00e4nde fallen, erkl\u00e4rt der Pr\u00e4sident des Bundesarchivs seinem Gast. Er zeigt ihr ein Dokument, aus dem hervorgeht, was wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee auf Lastwagen verladen und abtransportiert wurde: \u00abDie wichtigsten Unterlagen, B\u00fcromaschinen usw. der Au\u00dfendienststelle Auschwitz.\u00bb<\/p>\n<p>Gedenkrede im Bundestag<\/p>\n<p>Der Bundestag hat Tova Friedman eingeladen, in seiner traditionellen Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede zu halten. Nerv\u00f6s ist sie nicht vor dem Termin. Schlie\u00dflich ist sie inzwischen daran gew\u00f6hnt, Zeugnis abzulegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Auch heute noch, auf den Tag genau 81 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem KZ,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":752433,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,1180,29,30,2989,1940,57,1938,64],"class_list":{"0":"post-752432","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-bundestag","13":"tag-deutschland","14":"tag-germany","15":"tag-geschichte","16":"tag-nachrichten-aus-berlin","17":"tag-nationalsozialismus","18":"tag-news-aus-berlin","19":"tag-usa"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115970849217412036","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/752432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=752432"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/752432\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/752433"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=752432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=752432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=752432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}