{"id":755006,"date":"2026-01-29T04:41:13","date_gmt":"2026-01-29T04:41:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/755006\/"},"modified":"2026-01-29T04:41:13","modified_gmt":"2026-01-29T04:41:13","slug":"mit-janne-thomanek-geht-eine-neue-leipziger-ermittlerin-an-den-start-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/755006\/","title":{"rendered":"Mit Janne Thomanek geht eine neue Leipziger Ermittlerin an den Start \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Dresden hat seine Krimi-Reihe, selbst Halle hat eine. Auch f\u00fcr Leipzig gab es einmal eine Krimi-Reihe mit einem markanten Ermittler: die Lars-Kohlund-Serie, die Henner Kotte zwischen 2006 und 2010 ver\u00f6ffentlichte. Mancher fragte den 2024 viel zu fr\u00fch Verstorbenen: Wann kommt eigentlich der n\u00e4chste Band? Aber die Zeit war (noch) nicht reif. Und so wird es keinen weiteren zutiefst frustrierten Kohlund geben. Daf\u00fcr gibt es jetzt in einer neuen Reihe eine Ermittlerin, wie sie die s\u00e4chsische Krimi-Welt noch nicht erlebt hat.<\/p>\n<p>Und vielleicht war es jetzt tats\u00e4chlich an der Zeit, dass Kriminalkommissarin Janne Thomanek die B\u00fchne betritt. Dr. Janne Thomanek, bittesch\u00f6n. Auch wenn die Kollegen l\u00e4stern. Eine Kommissarin mit Doktortitel? Auch noch recht frisch im Gesch\u00e4ft, denn studiert hat sie eigentlich etwas v\u00f6llig anderes. Doch Staatsanwalt Dr. Gert h\u00e4lt gro\u00dfe St\u00fccke auf sie.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/d2a8444df4d2404b90c6a9dfd30dde8d.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/01\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/01\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Und traut ihr auch zu, den seltsamen Fall zu kl\u00e4ren, der sich an der Universit\u00e4tsbibliothek ereignet hat: In einer der Transportkisten, mit denen ausgeliehene B\u00fccher zur\u00fcck ins Depot fahren, taucht auf einmal eine abgetrennte Hand auf, die ein Buch in H\u00e4nden h\u00e4lt, das vor Jahren schon aus dem Bibliotheksarchiv verschwunden sein muss. Eine Dissertation mit einem wirren Kauderwelsch zu Marx und Hegel, die vor Jahrzehnten an der Uni T\u00fcbingen eingereicht wurde.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat Hanka Kross die Urfassung dieses Kriminalromans schon 2010 bis 2012 geschrieben. Das war die Zeit, als auf dem Krimi-Markt fast gar nichts ging. Das Manuskript blieb liegen und im Sommer 2025 setzte sich die Leipziger Autorin daran und \u00fcberarbeitete es komplett. Aber die Handlung belie\u00df sie in dieser Zeit, in der zugleich auch jene kurze Epoche in der Leipziger Stadtgeschichte begann, in der die Stadt nicht nur wuchs, sondern finanziell endlich ein bisschen Luft schnappen konnte.<\/p>\n<p>Ein kurzes goldenes Zeitalter, das erst jetzt so richtig baden geht, weil die verpeilte deutsche Steuerpolitik den Kommunen die Luft zum Atmen nimmt.<\/p>\n<p>Eine mysteri\u00f6se Dissertation<\/p>\n<p>Und gleichzeitig werden \u2013 so scheint es \u2013 die Menschen immer murriger, verbissener und aggressiver. Nur auf eine andere Art als seinerzeit der Lars Kohlund von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henner_Kotte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Henner Kotte<\/a>. Sie w\u00fcten gegen die Schw\u00e4chsten in der Republik, nicht gegen verkrustete Strukturen, die ehrlichen Kommissaren in ihrer Ermittlungsarbeit das Leben schwer machen.<\/p>\n<p>Mit solchen Strukturen bekommt es auch Janne Thomanek zu tun, mit grollenden Kollegen, l\u00e4hmender B\u00fcrokratie, deutscher Kleinstaaterei, die Ermittlungen an L\u00e4ndergrenzen behindert, und einem Typen namens Jo Rijkaard alias Hans-Joachim Schwarz.<\/p>\n<p>Der ist Teilhaber eines obskuren Unternehmens, das Unternehmen aufkauft und weiterverkauft und gerade auch \u00c4rger mit einem Leipziger Unternehmen hat, dessen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sich kantig und erfolgreich gegen einen Weiterverkauf an einen s\u00fcdkoreanischen Konkurrenten wehrt. Das k\u00f6nnte ein triftiger Grund sein, warum hier nach dem T\u00e4ter zu suchen w\u00e4re, der m\u00f6glicherweise den Tod von Rijkaard auf dem Gewissen hat. Nur: Was hat es mit dessen alter, zusammengeschluderter Dissertation auf sich?<\/p>\n<p>Und so richtig wohl f\u00fchlt sich Janne Thomanek auch nicht, als sie nun in der Universit\u00e4tsbibliothek die F\u00e4den dieses Falles aufdr\u00f6seln muss, einem Ort, der sie an einige deprimierende Zeiten des Studiums und der Arbeit an der eigenen Doktorarbeit erinnert. Aber sie l\u00e4sst sich von ihren eigenen Gespenstern nicht einsch\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Und unterscheidet sich damit gravierend nicht nur von Lars Kohlund, sondern von einer ganzen Reihe von ber\u00fchmten Kommissaren in Film, TV und Buch. Sie betrachtet den Fall als eine gro\u00dfe Herausforderung, folgt jedem Einfall, reist quer durchs Land, l\u00e4sst ihre Vermutungen zu und schreckt auch schon mal nachts aus dem Schlaf, weil sich in ihren Kopf wieder zwei Puzzlest\u00fccke zusammenschieben.<\/p>\n<p>Konkurrenz und \u00dcberforderung<\/p>\n<p>Und weil Hanka Kross genau das zul\u00e4sst, wird der ganze verzwickte Fall auch f\u00fcr die Leserinnen und Leser ein R\u00e4tselvergn\u00fcgen. Nicht der bedr\u00fcckende Zustand der Gesellschaft wird zur Leitmelodie, sondern die ungebrochene Neugier der jungen Kommissarin, die eher das Gef\u00fchl hat, nicht alle Einf\u00e4lle und Verdachtsmomente verfolgen zu k\u00f6nnen, immer wieder in Sackgassen zu landen und Leute, die eben noch als Hauptverd\u00e4chtige galten, wieder von der Liste streichen zu m\u00fcssen. Das nagt am Selbstbewusstsein.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig merkt sie, dass sie mit ihrer Art bei den Menschen, die sie vernimmt, dennoch gut ankommt, einige sogar flugs dabei sind, sich in sie zu verlieben. Und auf einmal ist man in einer Welt, die einem auf einmal sehr vertraut vorkommt. Nein, es sind nicht die gro\u00dfen gesellschaftlichen Friktionen, die uns m\u00fcrbe, einsam und w\u00fctend machen.<\/p>\n<p>Es ist unsere Dummheit, den ganzen Zirkus viel zu ernst zu nehmen. Und dabei zu \u00fcbersehen, dass unsere Welt in Wirklichkeit aus echten Begegnungen mit echten Menschen besteht. Die unterschiedlich auf uns reagieren. Und zur heutigen Wahrheit geh\u00f6rt wohl auch: Das verwirrt uns.<\/p>\n<p>Gerade, wenn diese Reaktionen herzlich sind und uns signalisieren, dass wir in all unserer gef\u00fchlten \u00dcberforderung (oder dem aktuell so hei\u00df diskutierten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%BCnchhausen-Syndrom\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">M\u00fcnchhausen-Syndrom<\/a>) auf andere vielleicht doch kompetent und attraktiv wirken.<\/p>\n<p>Wir zweifeln nur st\u00e4ndig daran. Und da ist Janne Thomanek nicht die einzige. Unsere ganze Gesellschaft mit ihren starren Hierarchien, ihrem eingepflanzten Konkurrenz- und Neiddenken ist so konstruiert, dass gerade hoch kompetente Menschen immer wieder das Gef\u00fchl eingepflanzt bekommen, nicht zu gen\u00fcgen, am falschen Platz zu sein, sich zu viel anzuma\u00dfen und so weiter.<\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft wertet nicht auf und f\u00f6rdert auch nichts (auch wenn das Jubelmeldungen immer wieder behaupten), sie bremst eher, verhindert und wertet ab. Und das Gef\u00fchl haben nicht nur Akademikerinnen wie Janne, die mit der Leipziger Polizei in eine neue Welt ger\u00e4t, in der Status- und Hoheitsdenken tief verwurzelt sind.<\/p>\n<p>Einsame Zeitgenossen<\/p>\n<p>W\u00e4hrend andere Krimi-Autoren ihren F\u00e4llen dadurch Druck machen, dass sie den Ermittlern die Zeit, die Vorgesetzten und eine wild gewordene Presse auf den Hals schicken, lebt man mit Janne ein doppeltes Leben. Denn neben ihrer Arbeit als Kommissarin hat sie auch noch ein richtiges Familienleben, auch wenn sie mit Piet schon seit drei Jahren vergeblich auf ein Kind wartet.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4sst sich von Gef\u00fchlen beeindrucken (und manchmal auch ausknocken), versteht aber auch, dass es ihre Ermittlerkollegen manchmal auch aus den Latschen haut.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich sind die Orte, an denen sie mit den Verd\u00e4chtigen spricht, oft nicht wirklich angenehm. Manchmal ger\u00e4t sie auch mittenhinein in die Trauer und Einsamkeit von Zeugen, die mit ihren eigenen Verlusten im Leben nicht fertig geworden sind. Sie l\u00e4sst das alles an sich heran, ist noch nicht abgebr\u00fcht, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft.<\/p>\n<p>Und gerade weil sie Mitgef\u00fchl zeigt und den Gespr\u00e4chspartnern das Gef\u00fchl gibt, respektiert zu werden, findet sie an unverhoffter Stelle weitere Hinweise, die das Bild des Falles erg\u00e4nzen. Manchmal scheinbare Durchbr\u00fcche, die sich dann doch wieder in Luft aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Aber ihre Hartn\u00e4ckigkeit wird belohnt, denn sie geht den Fall wie eine wissenschaftliche These an, \u00fcberpr\u00fcft jede Vermutung, beleuchtet jede m\u00f6gliche Verstrickung. Und die Leser werden immer mitgenommen. Alles liegt klar zutage, jeder Ermittlungsschritt. Bis sich der Fall tats\u00e4chlich zu einer L\u00f6sung zuspitzt, die man bei all den Begegnungen mit der Familie des offensichtlich Get\u00f6teten so nicht erwartet h\u00e4tte. Eine Familie voller Verwundungen, Verleugnungen, unaufgearbeiteter Vergangenheit.<\/p>\n<p>Kaltschn\u00e4uzigkeit und stille Wut<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, dass Hanka Kross auch das deutsch-deutsche Dilemma streift, das Ost-West-Gehacke, das auch 2010 schon nervte. Aber das kommt ja nicht von ungef\u00e4hr. Es hat mit all den Gef\u00fchlen von Zur\u00fccksetzung und Nichtbeachtung zu tun, den tats\u00e4chlichen Dissonanzen mit zuweilen aalglatten Gesch\u00e4ftsleuten, wie Rijkaard einer war.<\/p>\n<p>Er ist zwar der Tote, aber so richtig Mitleid hat ganz offensichtlich kaum jemand f\u00fcr ihn. Eben auch, weil er f\u00fcr eine gef\u00fchllose Kaltschn\u00e4uzigkeit steht, die nicht nur in der deutsch-deutschen Malaiuse so viel Schaden angerichtet hat, sondern auch in der Wirklichkeit unserer heutigen Gesellschaft, in der Menschenverachtung zum neuen Habitus geworden ist.<\/p>\n<p>Und so hat man am Ende viel mehr Empathie f\u00fcr jene Person, die Janne verhaften muss, nachdem sich die Indizien immer mehr verdichtet hatten. Auch weil sie gehandelt hat, wie so viele von uns handeln w\u00fcrden, wenn Gef\u00fchle wie Wut und Zur\u00fccksetzung die Regie \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden wir die L\u00f6sung nicht verraten. Dieser Krimi l\u00e4dt tats\u00e4chlich \u2013 anders als viele andere Arbeiten des Genres \u2013 ein zum Hinterfragen, sich selbst und das Erlebte infrage zu stellen und hinter die Fassaden zu schauen. Und dabei trotzdem nicht die Zuversicht zu verlieren und mit Janne St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ein R\u00e4tsel zu l\u00f6sen, das ganz offensichtlich auch gestellt wurde, damit endlich jemand nachfragt.<\/p>\n<p>Und es ist nicht der einzige Band, verr\u00e4t die Autorin. Mit \u201eNach Wehen\u201c ist auch der Folgeband schon erh\u00e4ltlich, mit dem sie ihre Kommissarin Janne Thomanek in Leipzig auf die Spur schickt, den n\u00e4chsten vertrackten Fall zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Hanka Kross <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783565041237@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eHinter Fragen. Ein Leipzig-Krimi\u201c<\/a><\/strong> epubli, Berlin 2025, 15,60 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dresden hat seine Krimi-Reihe, selbst Halle hat eine. 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