{"id":755491,"date":"2026-01-29T09:13:11","date_gmt":"2026-01-29T09:13:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/755491\/"},"modified":"2026-01-29T09:13:11","modified_gmt":"2026-01-29T09:13:11","slug":"ach-diese-luecke-diese-entsetzliche-luecke-meyerhoff-im-falschen-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/755491\/","title":{"rendered":"\u201eAch, diese L\u00fccke, diese entsetzliche L\u00fccke\u201c: Meyerhoff im falschen Film"},"content":{"rendered":"<p>Wie wird so einer ein Theaterstar? Der Kinofilm \u201eAch, diese L\u00fccke, diese entsetzliche L\u00fccke\u201c nach Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman erz\u00e4hlt von einem norddeutschen Sturkopf, dem das wider alle Wahrscheinlichkeit gelingt. Aber gelingt deshalb auch der Film?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Kann aus einem Nussknacker ein Schauspieler werden? Ver\u00e4chtlich nennt die Sprechlehrerin diesen Joachim Meyerhoff so, den Novizen an der renommierten M\u00fcnchner <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Otto-Falckenberg-Schule<\/a>. \u201eDas muss lockerer werden!\u201c Wenn das sein einziges Problem w\u00e4re! Joachim, gespielt von Bruno Alexander, wei\u00df gar nicht, wie ihm geschieht, wenn er nun aufgefordert wird, \u201emit den Brustwarzen zu l\u00e4cheln\u201c oder auf der B\u00fchne einen Fontane-Text \u201eals Nilpferd\u201c vortragen.<\/p>\n<p>Eigentlich ist ihm sogar ein R\u00e4tsel (und auch dem Zuschauer), wie er es \u00fcberhaupt durch die strenge Aufnahmepr\u00fcfung geschafft hat, als einer von acht aus fast tausend Bewerbern. Astronaut zu werden, sei einfacher, hat Joachims Gro\u00dfvater gewarnt. Doch dann gen\u00fcgt ein Monolog aus B\u00fcchners \u201eDantons Tod\u201c \u2013 stockend vorgetragen im k\u00f6rperlichen Ausnahmezustand krasser \u00dcberm\u00fcdung und mit der Trauer um seinen vor Kurzem t\u00f6dlich verungl\u00fcckten Bruder vor dem inneren Auge.\u00a0<\/p>\n<p>Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/joachim-meyerhoff-ach-diese-luecke-diese-entsetzliche-luecke-9783462050349\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/joachim-meyerhoff-ach-diese-luecke-diese-entsetzliche-luecke-9783462050349&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eAch, diese L\u00fccke, diese entsetzliche L\u00fccke\u201c<\/a> spitzt das Drama eines wechselseitigen Missverst\u00e4ndnisses zu: Zuf\u00e4llig in die fremde Theaterwelt hineingeraten, introvertiert und unsicher, stolpert Joachim zwischen Improvisationen und Sprech\u00fcbungen herum. <\/p>\n<p class=\"c-inline-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<ul class=\"c-inline-teaser-list__content\">\n<li class=\"c-inline-teaser-list__element\">\n<p>Artikeltyp:MeinungTheater<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bruno Alexander spielt gekonnt einen vermeintlich untalentierten Klotz, der lediglich auf Touren kommt, wenn die G\u00e4ule mit ihm durchgehen, der nur in Rage geraten, aber keine Wut vorspielen kann. Geschweige denn eine gute Figur abgeben bei \u00dcbungen wie \u201eStellt euch jetzt alle vor, ihr seid Spaghetti im hei\u00dfen Wasser\u201c.\u00a0<\/p>\n<p>Zwar beschreibt auch Meyerhoff \u2013 bei Erscheinen des Buchs 2015 l\u00e4ngst ein Theaterstar \u2013 das Mismatch zwischen einem norddeutschen Sturkopf und dem zwanghaft kreativen Theaterklassenzimmer. Bei Verhoeven geht jedoch die Komik auf Kosten der Wahrscheinlichkeit. W\u00e4hrend die Mitstudenten auf Kommando ulknudelig abzappeln und drauflos chargieren (man sp\u00fcrt, wie viel Spa\u00df der Cast bei der Arbeit gehabt haben muss), ist Joachim buchst\u00e4blich im falschen Film. Aber alle haben \u00fcbermenschlich viel Geduld mit ihm.<\/p>\n<p>Meyerhoffs Vorlage, der dritte Teil seines <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus170434597\/Joachim-Meyerhoff-Die-Zweisamkeit-der-Einzelgaenger-Lesen-Sie-dieses-Buch-nicht-im-Zug.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus170434597\/Joachim-Meyerhoff-Die-Zweisamkeit-der-Einzelgaenger-Lesen-Sie-dieses-Buch-nicht-im-Zug.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zyklus \u201eAlle Toten fliegen hoch\u201c <\/a>ist ein klassischer Bildungsroman, der die tastende Entdeckung einer k\u00fcnstlerischen Berufung mit der Erfahrung von Tod und Verlust verbindet. W\u00e4hrend die beiden fr\u00fcheren B\u00fccher dem verungl\u00fcckten Bruder und dem verstorbenen Vater gewidmet sind, stehen in \u201eAch, diese L\u00fccke\u201c die Gro\u00dfeltern im Zentrum, in deren M\u00fcnchner Villa Joachim w\u00e4hrend seiner Falckenberg-Zeit wohnt, ein zur Karikatur geronnenes Bildungsb\u00fcrgerpaar, das sich zum and\u00e4chtigen Klassikh\u00f6ren auf den Teppich legt und beim Wandern Goethe rezitiert.\u00a0<\/p>\n<p>Inge, die ihren Joachim nur \u201eLiebeling\u201c ruft, war einst selbst eine erfolgreiche Schauspielerin, deren Karriere durch einen schweren Unfall torpediert wurde. Hermann ist ein emeritierter Philosophieprofessor (Meyerhoffs Gro\u00dfvater war der M\u00fcnchner Idealismus-Spezialist Hermann Krings), der seine Gedankensch\u00e4rfe in einen restlos durchgeplanten Ehe-Alltag \u00fcbertragen hat. Vor allem der Alkoholkonsum folgt strikten kategorischen Imperativen: Morgens wird mit Enzianschnaps gegurgelt, dann gibt es Sekt, um Punkt 18 Uhr jeden Tag Whisky und anschlie\u00dfend Rotwein, bis auch Joachim es nur noch im Treppenlift in die obere Etage schafft.<\/p>\n<p>Mit den Virtuosen Senta Berger und Michael Wittenborn gelingt Verhoeven die spezifisch Meyerhoff\u2019sche Gratwanderung zwischen Karikatur und dem warmherzig-nostalgischen Blick des Enkels. F\u00fcr beide sind das Paraderollen: Berger beherrscht wunderbar das Pathos der gealterten Diva, die immer noch alle in den Bann ihrer eingebildeten Aura schl\u00e4gt. Wittenborn ist kongenial in seiner passiv-aggressiven Pedanterie; ber\u00fchrend gerade am Ende, wenn Altersschw\u00e4che und Demenz Sand ins Getriebe der unumst\u00f6\u00dflichen Daseinsrituale streuen. Zusammen sind sie die perfekte Verk\u00f6rperung eines alternden Paares zwischen \u00e4u\u00dferlicher Erstarrung und innigster Vertrautheit.<\/p>\n<p>Als Inge von einem alten Regisseurs-Freund noch einmal eine Filmrolle angeboten bekommt, macht sie zur Bedingung, dass ihr Enkel ebenfalls mitspielen darf. Das f\u00fchrt zur Katastrophe, denn selbst am quasi-famili\u00e4ren Filmset erweist sich Joachim als Totalausfall. Nachdem er hochstaplerisch seine Lehrer und Mitsch\u00fcler mit seinem Engagement beeindrucken wollte, wird die Filmpremiere zur endg\u00fcltigen Dem\u00fctigung \u2013 man hat ohne sein Wissen die Dialogpassagen mit einem professionellen Sprecher synchronisiert.\u00a0<\/p>\n<p>Im Roman ist das eine Anekdote, nat\u00fcrlich schmerzlich, aber auch irgendwie komisch und jedenfalls nicht wirklich tragisch. Im Film ist das ein H\u00f6he- und Wendepunkt, der finale Beweis f\u00fcr Joachim, dass er in dieser Welt des sch\u00f6nen Scheins nichts verloren hat.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eEchten Schmerz benutzen\u201c<\/p>\n<p>Eine an Joachims Undurchdringlichkeit verzweifelnde Schauspiellehrerin gibt ihm einen Rat. \u201eVersuch doch mal, einen echten Schmerz zu benutzen. Erinner\u2019 dich an etwas, das dir wirklich fehlt. Eine L\u00fccke in dir.\u201c Dabei kann er an gar nichts anders denken, und muss vielmehr bef\u00fcrchten, dass alle D\u00e4mme brechen, wenn er seiner Trauer wirklich Ausdruck verleiht. Doch die selbst immer gebrechlicher werdenden Gro\u00dfeltern werden zum Katalysator seiner Gef\u00fchlsreaktionen. Auf einem Spaziergang zitieren die beiden die Zeile aus dem \u201eWerther\u201c, der dem Film den Titel gibt. \u201eDiese entsetzliche L\u00fccke\u201c werden sie schlie\u00dflich selbst hinterlassen.\u00a0<\/p>\n<p>Als Joachim sich von seiner Klasse verabschieden will, singt er das Lieblingslied seines Bruders: Soft Cells \u201eTainted Love\u201c, a cappella und schief, mit Aussetzern \u2013 aber eben \u201eechter Schmerz\u201c. Die absolute, nackte Aufrichtigkeit erweist sich paradoxerweise als Bedingung f\u00fcr das Rollenspiel. Pl\u00f6tzlich geh\u00f6rt er dazu.<\/p>\n<p>Die Konfrontation mit den inneren D\u00e4monen weist Joachim einen Weg, der ihn nicht nur zum Theaterstar macht, sondern auch, viel sp\u00e4ter, zum Schriftsteller, der aus dem Totenged\u00e4chtnis eine tragikomische Poetik der Erinnerung entwickeln wird. Einmal stellt Inge ihren Enkel zur Rede, weil sie seine Notizen gelesen hat, in denen sich auch scharfe Portr\u00e4ts seiner Gro\u00dfeltern \u2013 und gro\u00dfz\u00fcgigen Gastgeber \u2013 finden. Statt des erwarteten Eklats gibt es Lob f\u00fcr seine Beobachtungsgabe.<\/p>\n<p>Am Schluss schl\u00e4gt der Film den Bogen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article148829476\/Joachim-Meyerhoffs-neuer-Roman-Unter-Schauspielschuelern.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article148829476\/Joachim-Meyerhoffs-neuer-Roman-Unter-Schauspielschuelern.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zu seiner Vorlage<\/a>. Joachim Meyerhoff entwickelte seine Romane urspr\u00fcnglich <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/wams\/kultur\/article113514803\/Tod-und-Komik-sind-ein-Paar-Tod-und-Komik-ein-Paar.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/wams\/kultur\/article113514803\/Tod-und-Komik-sind-ein-Paar-Tod-und-Komik-ein-Paar.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aus Soloabenden mit autobiografischen Texten<\/a>. Von hinten n\u00e4hert sich die Kamera, w\u00e4hrend Bruno Alexander die bewegenden Schlusszeilen des Romans liest, in denen Meyerhoff vom \u201everl\u00e4sslichen Besuch aus dem Totenreich\u201c erz\u00e4hlt, die seine Gro\u00dfeltern ihm bei jedem Gedanken an sie abstatteten: \u201eWie auch immer sie das geschafft haben, die Verg\u00e4nglichkeit verschont sie und die Zeit tr\u00e4gt sie, wann immer ich es will, bereitwillig auf H\u00e4nden zu mir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, diese L\u00fccke, diese entsetzliche L\u00fccke\u201c ist ab dem 29. Januar 2026 im Kino zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie wird so einer ein Theaterstar? 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