{"id":755909,"date":"2026-01-29T13:12:12","date_gmt":"2026-01-29T13:12:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/755909\/"},"modified":"2026-01-29T13:12:12","modified_gmt":"2026-01-29T13:12:12","slug":"listening-bars-wo-jazzliebhaber-in-stuttgart-und-berlin-auf-ihre-kosten-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/755909\/","title":{"rendered":"Listening Bars: Wo Jazzliebhaber in Stuttgart und Berlin auf ihre Kosten kommen"},"content":{"rendered":"<p>In Listening Bars nach japanischem Vorbild l\u00e4uft Jazz \u00fcber High-End-Anlagen. Auch in Deutschland hat sich das Konzept etabliert. Neben Drinks und tollem Klang bieten manche Lokale sogar eine polyglotte K\u00fcche.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Von den W\u00e4nden gr\u00fc\u00dft das Oscar Peterson Trio. Das Julian \u201eCannonball\u201c Adderley Quartett. Und Duke Ellington. Aus den Boxen gr\u00fc\u00dfen sie ebenfalls, und sie sind nicht allein: \u00dcber 1000 Alben warten darauf, von Bernd Kreis auf den Plattenteller gelegt zu werden. <\/p>\n<p>Kreis ist Weinh\u00e4ndler und Sommelier, erw\u00e4hnte Jazzgr\u00f6\u00dfen h\u00e4ngen in seinem \u201eHigh Fidelity\u201c an der Wand. Das \u201eHigh Fidelity\u201c ist eine Weinbar. Ein Restaurant mit peruanischer K\u00fcche. Und: ein Listening Room. \u201eWas hier stattfindet, vereint meine Leidenschaften\u201c, erz\u00e4hlt der Inhaber. \u201eIch mag Musik und hatte schon immer ein Faible f\u00fcr hochwertige Wiedergabe. In einem fr\u00fcheren Weinladen ging es schon viel darum. Das wollte ich gerne in einem gr\u00f6\u00dferen Rahmen umsetzen.\u201c 2021, mitten in der Pandemie, fand Kreis den richtigen Ort in der Stuttgarter Altstadt, gab ihm ein neues Lichtkonzept und eine ordentliche Raumakustik.\u00a0<\/p>\n<p>Lokale wie das \u201eHigh Fidelity\u201c haben ihre Wurzeln in der Geschichte der japanischen Jazz Kissas. Japan wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum zweitwichtigsten Absatzmarkt f\u00fcr Jazz nach den USA. Doch Schallplatten, vor allem importierte, waren teuer, und nicht jeder hatte eine Stereoanlage zu Hause. So dienten die Caf\u00e9s als Orte der Zusammenkunft all derer, die auf Bebop und Hard Bop, sp\u00e4ter auch Free Jazz und Fusion standen. <\/p>\n<p>Diese L\u00e4den waren nicht nur Caf\u00e9s, sondern auch Orte, an denen man neue Musik entdeckte und diskutierte. Wobei das mit dem Diskutieren so eine Sache war: Die meisten Leute besuchten die Kissas, um konzentriert zuzuh\u00f6ren, denn die Betreiber legten extrem gro\u00dfen Wert auf die Klangqualit\u00e4t. Mit dem Aufkommen g\u00fcnstiger Stereoanlagen und dem Siegeszug der CD schlossen viele Jazz Kissas.<\/p>\n<p>Mit dem Vinyl-Boom kam das Revival<\/p>\n<p>Erst ab den fr\u00fchen Nullerjahren begann sich wieder etwas zu regen. Zu gro\u00dfen Teilen lag das an der Vinyl-Renaissance, vielleicht auch an einer allgemeinen Retromanie. Die \u201eListening Bar\u201c, die neue Inkarnation der Jazz Kissa, machte sich rasch auf den Weg um die Welt: Man findet sie heute nicht nur in Japan, sondern auch in Stuttgart und Berlin, in New York und Los Angeles, in Mailand und Barcelona. In manchen Lokalen herrscht ein hartes Regime, selbst kleine Gruppen von vier Besuchern sind dort nicht gerne gesehen, w\u00e4hrend andere zumindest am Wochenende zu ganz normalen Bars werden. <\/p>\n<p>In einigen Etablissements herrscht strengstes Fotografierverbot, w\u00e4hrend andere sich gro\u00dfe M\u00fche geben, m\u00f6glichst instagramable zu sein. Immer steht der gemeinsame Musikgenuss im Mittelpunkt. Und manchmal gibt es, wie bei Kreis, auch passendes Essen. Das Restaurant sei zun\u00e4chst nicht geplant gewesen, erinnert er sich. \u201eWir hatten vor, nur eine ganz einfache K\u00fcche anzubieten.\u201c Doch zu den S\u00e1nguches, den ber\u00fchmten peruanischen Sandwiches, kamen bald ambitioniertere Gerichte hinzu.<\/p>\n<p>Auch die musikalische Bandbreite hat sich ver\u00e4ndert: Manche Betreiber h\u00e4ngen der reinen Jazz-Lehre an, andere blicken in Richtung Soul, Funk oder Elektronik. Was alle Listening Bars gemein haben, ist eine Anlage, die mindestens f\u00fcr sehr guten und im Idealfall f\u00fcr ganz hervorragenden Sound sorgt. Im \u201eHigh Fidelity\u201c, auch das ist nicht selten, war die Erste selbst gebaut. \u201eIch habe 2015 damit begonnen, mich ernsthaft mit den entsprechenden Ger\u00e4ten auseinanderzusetzen\u201c, sagt Kreis. <\/p>\n<p>Die Technik in seinem Lokal sei ein andauernder Prozess: \u201eHifi-Freaks sind selten lange zufrieden mit dem, was sie da stehen haben.\u201c So tauschte er unl\u00e4ngst die selbst konstruierten Boxen aus, denen manche G\u00e4ste eine \u201eSowjet-\u00c4sthetik\u201c nachsagten. Die neuen stammen von Tonapparate, einer Manufaktur in Wolfsburg. Die seien, so sagt Kreis, optisch \u201eeher dezent\u201c. Seine Platten laufen aktuell auf einem umgebauten Lenco L75.<\/p>\n<p>Wobei: Manchen Besuchern m\u00f6gen derlei Details gar nicht auffallen. Kreis hat das \u201eHigh Fidelity\u201c in zwei Bereiche aufgeteilt. In einem h\u00f6rt man die Musik eher im Hintergrund. Im anderen, dem sogenannten \u201eListening Room\u201c, spielt sie eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. Die Plattensammlung von Bernd Kreis umfasst vor allem Jazz in den verschiedensten Spielarten. \u201eWir haben ein ganz gutes Repertoire, denke ich. Nur Swing, Dixieland oder Hot Jazz l\u00e4uft hier nicht unbedingt. Und Free Jazz passt auch nicht so ganz zu uns.\u201c <\/p>\n<p>Wichtig und ebenfalls einer der Kerngedanken der Jazz Kissas: Die Platten gelten als zusammenh\u00e4ngende Kunstwerke und werden deshalb in voller L\u00e4nge abgespielt, Seite f\u00fcr Seite. Man darf sich durchaus unterhalten, w\u00e4hrend sie laufen, mit einer Ausnahme: Jeden zweiten Dienstag l\u00e4dt Kreis zu einer \u201eListening Experience\u201c, bei der ein Experte eine Einf\u00fchrung zu einem Album oder einem Musikgenre gibt.<\/p>\n<p>Was man im \u201eHigh Fidelity\u201c nicht findet, ist ein Mischpult. Und da ist Bernd Kreis in bester Gesellschaft. Auch im Berliner \u201eRhino\u00e7\u00e9ros\u201c werden maximal die Drinks gemixt. Die tragen Namen wie \u201eLong Story Short (for Peter Br\u00f6tzmann)\u201c, was darauf hindeutet, dass in dem kleinen Lokal im Prenzlauer Berg durchaus Platz f\u00fcr den bisweilen etwas fordernden Free Jazz ist. <\/p>\n<p>B\u00e9n\u00e9dict Berna er\u00f6ffnete das Lokal gemeinsam mit seiner Frau vor acht Jahren. Der Franzose kam \u00fcber die Samplekultur der 1990er-Jahre und DJs wie Gilles Peterson zum Jazz und fand Inspiration in B\u00fcchern wie Philip Arneills \u201eTokyo Jazz Joints\u201c. \u201eIch dachte sofort: Das ist es. Vintage-Equipment. Hifi. Ein gutes Angebot an Whiskey. Und die Musik.\u201c Den Begriff der Listening Bar sieht er differenziert. \u201eWir haben uns nie so definiert. Es ist ein Trend, aber jeder Laden ist anders. Es geht nicht nur um tolle Speaker und ein paar Platten.\u201c Dass es sein Laden mit jeder tradierten Listening Bar aufnehmen kann, zeigt sein Musikequipment, das Fans aufhorchen l\u00e4sst: der Micro-Seiki DQX-500-Plattenspieler und die Altec-Boxen wirken massiv, ein bisschen wie Porsche-Motoren in einem VW K\u00e4fer. \u201eDas sind Kinolautsprecher, die f\u00fcr S\u00e4le mit bis zu 500 Sitzen konzipiert wurden\u201c, erkl\u00e4rt Berna. \u201eDie k\u00f6nnen richtig laut werden!\u201c<\/p>\n<p>Um Mitternacht wird \u201e\u2019Round Midnight\u201c aufgelegt<\/p>\n<p>Nicht jeder versteht das Konzept. Beziehungsweise: Nicht jeder akzeptiert, dass im \u201eRhino\u00e7\u00e9ros\u201c die Dinge etwas lockerer gesehen werden. Da kann es schon mal sein, dass jemand bei Google einen Bewertungsstern hinterl\u00e4sst, weil das Publikum scheinbar nicht diszipliniert genug f\u00fcr eine Listening Bar ist. Andere wiederum nervt, dass die Musik zu laut ist. \u201eDu musst es auch nach acht Jahren immer noch erkl\u00e4ren\u201c, sagt Berna. Aber mittlerweile seien viele Besucher voll dabei. Freuen sich, dass Berna um Mitternacht gerne irgendeine Version von Thelonious Monks \u201e\u2019Round Midnight\u201c auflegt \u2013 oder \u00fcber eines der Alben, die er am selben Tag im Berliner \u201eRecordstore\u201c gekauft hat. Bestellen sich noch einen der Signature Drinks, weil eine der Jazz-Geheimwaffen sie im Laden h\u00e4lt: Hard Bop sei toll produzierte Pick-me-up-Musik, zu der die Leute gerne blieben, sagt Berna. <\/p>\n<p>Auch das \u201eRhino\u00e7\u00e9ros\u201c l\u00e4dt regelm\u00e4\u00dfig zur Listening Session: Einmal im Monat ist \u201eNo Room For Squares\u201c. Dann werden die Lichter gedimmt, man bittet um Ruhe. Externe L\u00e4rmquellen, wie der K\u00fchlschrank, werden ausgeschaltet. Und es l\u00e4uft Musik, die die Grenzen dessen, was als Jazz gilt, auch mal ausreizen darf.<\/p>\n<p>Was beide Orte in Stuttgart und Berlin verbindet: Auch Bernd Kreis musste sich sein Publikum ein St\u00fcck weit erziehen. \u201eUnser Konzept ist sehr speziell. Und wir ziehen das konsequent durch. Wer im Listening Room sitzt, muss die Musik aushalten, die ich gut finde. Basta.\u201c Das habe sich aber rasch austariert. \u201eViele erleben zum ersten Mal so eine Art von Musikwiedergabe. Das fasziniert die dann, und sie lassen sich im Sweet Spot vorm Plattenspieler nieder.\u201c<\/p>\n<p>Ein gutes Glas Wein. Eines seiner peruanischen Gerichte \u2013 allein daf\u00fcr lohnt sich der Besuch in Stuttgart. Dazu das Oscar Peterson Trio. Das Julian \u201eCannonball\u201c Adderley Quartett. Duke Ellington, oder was Kreis auch immer in den Sinn kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Listening Bars nach japanischem Vorbild l\u00e4uft Jazz \u00fcber High-End-Anlagen. 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