{"id":756044,"date":"2026-01-29T14:25:12","date_gmt":"2026-01-29T14:25:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/756044\/"},"modified":"2026-01-29T14:25:12","modified_gmt":"2026-01-29T14:25:12","slug":"rechtsextremismus-in-unserer-nachbarschaft-fink-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/756044\/","title":{"rendered":"Rechtsextremismus in unserer Nachbarschaft &#8211; FINK.HAMBURG"},"content":{"rendered":"<p>Deniz \u00c7elik vermutet, dass viele Vorg\u00e4nge im Verborgenen bleiben: \u201eEs wird mehr im Geheimen agiert. Auch die Schmiererei ist wahrscheinlich nachts passiert\u201d. Seiner Ansicht nach muss der Kampf gegen Rechtsextremismus konsequenter gef\u00fchrt werden. \u201eHamburg ist nicht anders als Th\u00fcringen oder Sachsen. Nat\u00fcrlich ist es eine andere Dimension, aber das hei\u00dft nicht, dass wir verharmlosen d\u00fcrfen, was hier passiert\u201d, betont \u00c7elik.<\/p>\n<p>Auch innerhalb der Sicherheitsbeh\u00f6rden sieht er Defizite: \u201eEs ist wichtig, bei den Sicherheitsorganen genauer hinzuschauen und auch solche Themen wie strukturellen Rassismus oder institutionellen Rassismus zu behandeln, damit auch rechte Netzwerke innerhalb der Sicherheitsorgane bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen.\u201d\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/akademie-der-polizei.hamburg.de\/resource\/blob\/1029176\/3acbf3a7483080472eb5e2ed1a6bb611\/projekt-dewepol-bericht-2024-do-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eine Studie der Hochschule der Polizei Hamburg<\/a> zusammen mit der Universit\u00e4t M\u00fcnster und der Polizeiakademie Niedersachsen aus dem Jahr 2024 hat ergeben, dass innerhalb der Hamburger Polizei 45 Prozent der Befragten der \u201eAbwertung asylsuchender Menschen\u201d zustimmen.\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-165193\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/IMG_8063-300x200.jpg\" alt=\"Das Bild zeigt mehrere Polizist*innen von hinten, als sie vor der Demonstration hergehen. Sie tragen dunkelblaue Uniformen und halten wei\u00dfe Helme in der Hand.\" width=\"494\" height=\"329\"  \/>Knapp zwei Dutzend Polizisti*innen gehen vor der Demonstration her. Foto: Benjamin Possin<\/p>\n<p>Rund 2000 Polizist*innen (knapp 18 Prozent der Hamburger Polizei) nahmen an der Studie teil, die \u00fcber eine Online-Befragung an alle Polizist*innen in Hamburg verschickt wurde. Allerdings haben nur 12,7 Prozent der Polizist*innen die Befragung vollst\u00e4ndig ausgef\u00fcllt. Es wurden aber auch abgebrochene Frageb\u00f6gen ausgewertet. W\u00e4hrend der Befragung konnten die Polizist*innen ihre Haltung zu Themen wie Identit\u00e4t, Werte und Vorurteilen zu Personengruppen auf Skalen einordnen. Diese gingen von \u201eStimme \u00fcberhaupt nicht zu\u201d, bis zu \u201eStimme voll und ganz zu\u201d.<\/p>\n<p>Dabei fallen negative Stereotype wie \u201eundemokratisch\u201d und \u201efremdartig\u201d auf, die die Befragten insgesamt vergleichsweise h\u00e4ufiger mit der Gruppe \u201emuslimischer Menschen\u201d verbinden. Attribute wie \u201ezivilisiert\u201d oder \u201etolerant\u201d werden dagegen h\u00e4ufiger der nicht weiter definierten Gruppe \u201edeutscher Menschen\u201d zugeschrieben.\u00a0<\/p>\n<p>Bei spezifischen Aussagen, wie zum Beispiel \u201ewenn Arbeitspl\u00e4tze knapp werden, sollte man die Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder wieder in ihre Heimat zur\u00fcckschicken\u201d, stimmen jedoch nur 2,19 Prozent voll oder eher zu.\u00a0<\/p>\n<p>Die Studie verfolgt das Ziel, werte- und demokratiebezogene Einstellungen innerhalb der Hamburger Polizei zu erforschen, um der \u00f6ffentlichen Forderung nach mehr Transparenz nachzukommen. Die Ergebnisse sind das erste von drei Forschungsmodulen. Es sollen als zweites Modul Gruppendiskussionen mit Fokus auf F\u00fchrungskr\u00e4ften durchgef\u00fchrt und als drittes Modul Handlungsoptionen f\u00fcr die Polizei entwickelt werden.<\/p>\n<p>Hamburger Polizeigewerkschaft kritisiert Studie<\/p>\n<p>Die Studie insgesamt soll neue Erkenntnisse f\u00fcr die Aus- und Weiterbildung der Polizei bringen. Die Deutsche Polizeigewerkschaft Hamburg (DPolG Hamburg) \u201ebetrachtet die Studie jedoch als kritisch\u201d, wie der Landesvorsitzende der DPolG Hamburg, Thomas Jungfer, auf Anfrage von FINK.HAMBURG mitteilt. \u201eWir haben in Hamburg ein gutes System, mit dem wir fr\u00fchzeitig Menschen aussortieren k\u00f6nnen, von rechts wie links.\u201d<\/p>\n<p>Jungfer kritisiert neben den Fragestellungen auch die Methodik und Auswertung der Studie. Es werde kommuniziert, dass 18 Prozent der Hamburger Polizei an der Studie teilgenommen h\u00e4tten, so der Landesvorsitzende. \u201cEs haben nur 12 Prozent tats\u00e4chlich mitgemacht.\u201d Damit meint Jungfer die Angabe in der Studie, dass auch abgebrochene Frageb\u00f6gen gewertet wurden. Vollst\u00e4ndig ausgef\u00fcllt haben, wie Jungfer sagt, 12 Prozent der ganzen Hamburger Polizei die Fragen.\u00a0\u201eWir brauchen diese Art Studie nicht. Wir sind kein strukturierter rassistischer Haufen\u201d, kritisiert er.\u00a0<\/p>\n<p>Auch der Verfassungsschutz stand insbesondere im Kontext der NSU-Morde in der Kritik, Rechtsextremismus nicht ausreichend zu bek\u00e4mpfen. Im <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/17\/146\/1714600.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abschlussbericht<\/a> des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags aus dem Jahr 2014 hei\u00dft es dazu: \u201eDie Analyse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden in Bund und L\u00e4ndern zur rechtsterroristischen Gefahr war falsch und grob verharmlosend. Dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz, das relevante Erkenntnisse von den Landesbeh\u00f6rden erh\u00e4lt, sie auswertet und damit einen \u00dcberblick \u00fcber die Gefahrenlage in Deutschland hat, kommt hier eine besondere Verantwortung zu. Es hat unbestreitbar versagt.\u201d<\/p>\n<p>In <a href=\"https:\/\/www.hamburgische-buergerschaft.de\/service-\/pressemitteilungen\/pm-nsu-komplex-aufarbeitung-1022084\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hamburg<\/a> l\u00e4uft seit Anfang 2025 eine wissenschaftliche Untersuchung zu den NSU-Morden, f\u00fcr die das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz rund 250.000 Seiten an Akten bereitgestellt hat.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der Verfassungsschutzberichte<\/p>\n<p>Die j\u00e4hrlichen Verfassungsschutzberichte der Stadt Hamburg sollen die \u00d6ffentlichkeit dar\u00fcber informieren, wie es um die rechtsextremistische Szene steht. Sie entscheiden dar\u00fcber, wer als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird und wen der Verfassungsschutz als Verdachtsfall beobachtet.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund bieten die Verfassungsschutzberichte auch eine M\u00f6glichkeit, sich den Strukturen und Entwicklungen der rechtsextremistischen Szene in Hamburg anzun\u00e4hern. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (LfV) Hamburg selbst stellt nur die Berichte der letzten drei Jahre online zur Verf\u00fcgung. Doch<a href=\"https:\/\/verfassungsschutzberichte.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Open-Data-Aktivist*innen<\/a> betreiben ein umfangreiches Archiv und machen hunderte Berichte aus den letzten Jahrzehnten \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich.\u00a0<\/p>\n<p>FINK.HAMBURG hat aus den Hamburger Berichten von 2015 bis 2024 die Kapitel zum Thema Rechtsextremismus extrahiert, die Daten maschinenlesbar bereinigt und analysiert. Entstanden ist dabei ein Textkorpus von \u00fcber 700.000 Zeichen. Aus dieser Datenmenge lassen sich deutliche Ver\u00e4nderungen von Hamburgs rechtsextremistischer Szene ableiten.<\/p>\n<p>Die Top-Begriffe der Rechtsextremismus-Kapitel in den Hamburger Verfassungsschutzberichten 2015 bis 2024<\/p>\n<p>Weniger Struktur, mehr Subkultur<\/p>\n<p>In seinem Bericht von 2024 schreibt das LfV Hamburg, dass sich insbesondere junge Menschen vermehrt im Internet vernetzen. Die Szene ver\u00e4ndere sich weg von festen Organisationen, welche verboten und \u00fcberwacht werden k\u00f6nnen, hin zu einem lose vernetzten Spektrum.<\/p>\n<p>Nahezu alle rechtsextremistischen Gewalttaten seien von Personen ver\u00fcbt worden, die keine Anbindung an Szenestrukturen haben. Nur drei von 19 Tatverd\u00e4chtigen solcher Taten waren dem Verfassungsschutz 2019 bereits bekannt. Bei den Straftaten waren es 2017 und 2018 unter zehn Prozent der Tatverd\u00e4chtigen. Seit 2020 macht das LfV dazu keine Angaben mehr in seinen Berichten.<\/p>\n<p>Auch Hamburgs klassische Neonazi-Szene sei nur sporadisch politisch aktiv und \u201enur kurzzeitig und anlassbezogen mobilisierbar\u201d. Au\u00dferdem existiere eine subkulturelle Szene, die sich digital, \u00fcber Musik, Sport oder Kampfsport vernetze. In Hamburg fehle es aber an Treffpunkten und damit an \u00f6ffentlicher Aktivit\u00e4t.\u00a0<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte daraus schlie\u00dfen, dass Rechtsextremismus in Hamburg ein Randph\u00e4nomen ist. Die Entwicklung der Hamburger Szene zeigt sich jedoch in einem stetigen Anstieg der Zahl an Menschen, die der Verfassungsschutz dem Spektrum der unstrukturierten Rechtsextremist*innen zuordnet.<\/p>\n<p>Ziel der \u201eNeuen Rechten\u201d: Den Diskurs verschieben<\/p>\n<p>Eine weitere Herausforderung ist etwa das Erstarken der sogenannten Neuen Rechten. Diese Str\u00f6mung sieht sich als intellektuelle Elite der rechten Bewegung. Sie versucht, durch eine Verschiebung des Diskurses, eine Br\u00fccke zwischen extremistischen und nicht-extremistischen Akteur*innen zu bauen.<\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden nennen dieses Ph\u00e4nomen \u201eEntgrenzung\u201d. In Hamburg ist die \u201eNeue Rechte\u201d immer h\u00e4ufiger in den Berichten vertreten. Auch dies zeigt eine Weiterentwicklung der klassischen Neonazi-Szene.<\/p>\n<\/p>\n<p>Eine bekannte neurechte Gruppe ist die \u201eIdentit\u00e4re Bewegung\u201d (IB), welche sich in Hamburg laut Verfassungsschutz inzwischen gemeinsam mit der Regionalgruppe Schleswig-Holstein unter dem Namen \u201eNordfeuer\u201d organisiert. Der Verfassungsschutz beobachtet die IB in Hamburg bereits seit 2016. Die Aktivit\u00e4ten der Gruppe seien aber zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p>Im j\u00fcngsten Bericht erw\u00e4hnt der Verfassungsschutz zudem einen neuen Verdachtsfall. \u201eJung &amp; Stark\u201d sei eine neue Gruppierung, welche sich in den sozialen Medien vernetze und durch Proteste gegen queere Veranstaltungen in Deutschland aufgefallen sei. \u201eJS Hamburg\u201d bestehe aus einer niedrigen zweistelligen Anzahl an Menschen. Der Verfassungsschutz sieht in der Gruppierung ein Beispiel f\u00fcr Personen, die sich virtuell kennenlernen und \u201eihre Feindbilder auch im realen Leben angreifen wollen\u201d.<\/p>\n<p>Rechtsextremismus in Hamburgs Stadtteilen<\/p>\n<p>Politisch rechts motivierte Kriminalit\u00e4t zeigte sich 2024 in Hamburgs Bezirken und Stadtteilen auf unterschiedliche Weise. Gewaltdelikte wie K\u00f6rperverletzung und schwere K\u00f6rperverletzung kamen in allen Bezirken vor.\u00a0<\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt des Interviews von Deniz \u00c7elik mit FINK.HAMBURG sind sieben Wochen vergangen, seit das Hakenkreuz an \u00c7eliks B\u00fcro geschmiert wurde. An seiner Arbeit als linker Abgeordneter habe sich nichts ge\u00e4ndert, sagt er. Jedoch betrachtet \u00c7elik sein Umfeld nun mit anderen Augen: \u201eWenn ich durch den Stadtteil laufe, gucke ich dann auch genauer hin, ob ich solche Symbole entdecke\u201d, sagt er dazu.<\/p>\n<p>Wie ist die Lage in eurer Nachbarschaft? Auf den Karten k\u00f6nnt ihr herausfinden, wie viele rechts motivierte Straftaten in eurem Bezirk und Stadtteil im Jahr 2024 erfasst wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Deniz \u00c7elik vermutet, dass viele Vorg\u00e4nge im Verborgenen bleiben: \u201eEs wird mehr im Geheimen agiert. 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