{"id":760971,"date":"2026-01-31T12:19:18","date_gmt":"2026-01-31T12:19:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/760971\/"},"modified":"2026-01-31T12:19:18","modified_gmt":"2026-01-31T12:19:18","slug":"mit-martina-hefter-einen-ort-entdecken-an-dem-die-poesie-sich-versteckt-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/760971\/","title":{"rendered":"Mit Martina Hefter einen Ort entdecken, an dem die Poesie sich versteckt \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>2024 war ein \u00fcberraschendes Jahr f\u00fcr die Leipziger Autorin Martina Hefter. Nicht nur erschien ihr Roman \u201eHey, Guten Morgen, wie geht es dir?\u201c F\u00fcr das Buch bekam sie auch den Deutschen Buchpreis, dem dann noch drei weitere Ehrungen folgten, w\u00e4hrend sie mit ihrer Performance \u201eSoft War\u201c im Schauspiel Leipzig Premiere feierte.<\/p>\n<p>Manche Gro\u00dfautoren r\u00e4tselten zwar, warum Martina Hefter f\u00fcr \u201eHey, Guten Morgen, wie geht es dir?\u201c ausgezeichnet wurde. Aber die beiden Gedichtb\u00e4nde, die Klett-Cotta jetzt folgen l\u00e4sst, zeigen recht deutlich, warum die Ehrung einfach dran war.<\/p>\n<p>Den einen Gedichtband kennen die Leserinnen und Leser schon:<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2021\/08\/in-die-waelder-gehen-holz-fuer-ein-bett-klauen-poetische-texte-ueber-eine-welt-die-zur-ressource-verkommen-ist-403183\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"> \u201eIn die W\u00e4lder gehen, Holz f\u00fcr ein Bett zu klauen<\/a>\u201c\u00a0erschien erstmals 2021. Auch darin schlug sie schon den geradezu n\u00fcchternen Ton an, den man f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht mit Gedichten in Verbindung bringt. Die Texte lesen sich zuweilen wie Notate aus dem Alltag, aufmerksam betrachtete Vorg\u00e4nge, Zust\u00e4nde und Dinge, die sich im Gedankenspiel der Autorin ver\u00e4ndern, in Bewegung geraten.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/b934ddbaae0f4e5ba30ae786d5a153df.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/01\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/01\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Und trotzdem den Eindruck vermitteln: Das h\u00e4tte sie jetzt auch im gut gelaunten Gespr\u00e4ch \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. Es ist ein Blick in die Welt, wie ihn eigentlich viele teilen \u2013 nur nehmen sie meist nicht wahr, dass selbst in gew\u00f6hnlichen Alltagsmomenten eine Portion Poesie lauert, das Staunen \u00fcber die r\u00fchrende Lebendigkeit und Ma\u00dflosigkeit des Lebens.<\/p>\n<p>Und genauso arbeitet sie auch im zweiten, nun von Klett-Cotta ver\u00f6ffentlichten Gedichtband, der eigentlich ein Materialband ist. Direkt aus der Werkstatt. \u00dcber ein Thema, in dem man sonst eher keine Poesie wahrnimmt, weil es bedr\u00fcckend, verwirrend, verst\u00f6rend ist.<\/p>\n<p>Ein ganzer Kosmos von Texten rund um die Ein-Frau-Performance \u201eEs k\u00f6nnte auch sch\u00f6n werden\u201c, die Hefter selbst als Lehrst\u00fcck bezeichnet. Es ist der zur Ein-Frau-Vorstellung gewordene Besuch der Autorin bei ihrer Schwiegermutter im Pflegeheim.<\/p>\n<p>Die bald zur Schwermutter wird, denn sie ist an ihr Bett gefesselt und die Demenz l\u00e4sst sich auch nicht verleugnen. Und trotzdem oder gerade deswegen sind diese Besuche der Schwiegertochter der H\u00f6hepunkt in ihrem Alltag. Sie wartet regelrecht darauf, auch wenn sie dann, wenn die Schwiegertochter da ist, unkonzentriert ist, sich vom Alarmknopf ablenken l\u00e4sst und immerfort die Pflege ans Bett holen will.<\/p>\n<p>Im Fluss des Lebens<\/p>\n<p>Am Ende ist es das gemeinsame L\u00f6sen von Kreuzwortr\u00e4tseln, bei denen die beiden eine Ebene der Verst\u00e4ndigung finden. Auch wenn die Besucherin immerzu das Gef\u00fchl des Ungen\u00fcgens hat, des Unfertigen. Denn nat\u00fcrlich sind die Gespr\u00e4che m\u00fchsam.<\/p>\n<p>Der Alltag im Heim kreist letztlich nur noch um sich selbst. Um die Mahlzeiten, die Rufe nach den Pflegern, die Besch\u00e4ftigungsangebote f\u00fcr die Pfleglinge, die sich wie in Kindergartenzeiten zur\u00fcckversetzt f\u00fchlen. Aber Martina Hefter gibt sich selbst den Raum zum gedanklichen Abschweifen, dem stillen und oft sehr farbigen Kommentieren, wie es in unseren K\u00f6pfen eigentlich immer passiert.<\/p>\n<p>Gerade in Situationen, die z\u00e4h und erm\u00fcdend sind. Aus denen wir aber nicht fortlaufen wollen, weil wir wissen, dass selbst das Wenige, was an Kommunikation passiert, wichtig ist, eine w\u00e4rmende Insel in einem Alltag, der nur noch aus Warten besteht.<\/p>\n<p>In dem Ausfl\u00fcge im Rollstuhl, die der Sprecherin den Schwei\u00df auf die Stirn treiben, schon echte H\u00f6hepunkte sind. Wenn auch frustrierend, weil die Schwermutter sich nicht mehr konzentrieren kann und mit den Angeboten da drau\u00dfen \u00fcberfordert ist.<\/p>\n<p>Und dieses Lehrst\u00fcck ist der Kern dieses Bandes, der auch noch einen ebenso poetischen Brief an das Publikum enth\u00e4lt und lauter Gedichte, in denen Martina Hefter die Motive aus dem St\u00fcck aufgenommen und verwandelt hat. Angefangen mit all den Teufeln, die ja nicht nur ihrer Besucherin im Pflegeheim immerzu im Nacken sitzen.<\/p>\n<p>Wir kennen sie alle, diese unzufriedenen Gedanken, Mahnungen, Ablenkungen und Infragestellungen. Sind wir eigentlich gute Menschen, wenn wir \u2013 wie Martina Hefter \u2013 dreimal in der Woche ins Pflegeheim gehen? Stellvertretend darf die Heimkatze diese bohrende Frage stellen. Zur Emp\u00f6rung der Besucherin: Wie soll man auf solche Fragen antworten? Ist das Leben nicht schon kompliziert genug?<\/p>\n<p>Das ganze Leben<\/p>\n<p>Aber auch die Besuchte bekommt ihre Gedichte, in denen Schlaf und Warten zum Thema werden. W\u00e4hrend die Autorin \u00fcber das Verg\u00e4ngliche und Endliche nachdenkt, den immer gegenw\u00e4rtigen Tod, der nicht nur mit dem Ged\u00e4chtnislicht auf dem Heimflur anwesend ist.<\/p>\n<p>\u201eDa, der Tod bringt einen Teller herein. \/ Man h\u00f6rt nie, wenn die T\u00fcr geht.\u201c Sie muss es gar nicht ausmalen. Solche kurzen, n\u00fcchternen Eindr\u00fccke machen die Situation sichtbar, in der die Erz\u00e4hlerin dasitzt und das Heim mit allen Sinnen aufnimmt. Eine eigentlich karge Welt, die aber gerade durch die Lakonie der Verse Plastizit\u00e4t und Tiefe gewinnt. Jene Pr\u00e4senz, die man als Besucher im Heim durchaus als bedr\u00fcckend empfinden kann.<\/p>\n<p>Und trotzdem steckt darin das ganze Leben. Wenn auch jetzt eins, das nur noch aufs Ende hin gedacht ist und auf die kleinen, getakteten Abwechslungen im Heimalltag: \u201eGet\u00f6se mittags, drau\u00dfen auf dem Flur, \/ Teller werden bef\u00fcllt, ausgeteilt, \/ es weckt alles an ihr, aber es hilft nicht.\u201c<\/p>\n<p>Und man ahnt beim Lesen, warum Martina Hefter 2024 f\u00fcr \u201e<a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2024\/08\/hey-guten-morgen-wie-geht-es-dir-junos-taenzerisches-leben-zwischen-benu-und-jupiter-599323\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Hey Guten Morgen, wie geht es dir?<\/a>\u201c den Deutschen Buchpreis bekommen hat. Genau f\u00fcr diese Lakonie, mit der sie das scheinbar so gew\u00f6hnliche Leben erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ganz ohne Farbeimer, ohne die Bl\u00fctenstr\u00e4u\u00dfe \u201epoetischer\u201c Adjektive, ohne die die meisten Dichter hierzulande nicht meinen auszukommen. Weil sie weder ihren Lesern noch der Sprache vertrauen, der kantigen Wucht der W\u00f6rter, die ganz von allein Kulissen erschaffen, wenn sie dastehen.<\/p>\n<p>Bilder, bei denen man h\u00f6rt, sp\u00fcrt, schmeckt und riecht. Auch in Texten, in denen Martina Hefter die alten Leute im Heim \u00fcber das Essen reden l\u00e4sst, \u00fcber die Pfleger und das Drau\u00dfen, an dem sie nicht mehr wirklich teilhaben.<\/p>\n<p>Aber als fr\u00fchere Generationen alter Leute, die noch in ihren Familien alt wurden und unterm Ahornbaum die Tage verstreichen sahen. Seitdem hat sich die Welt der Alten (und auch der Jungen) verwandelt, leben sie fast nur noch in Innenr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Das Drau\u00dfen wird fremd. Und man merkt mit Martina Hefter, wie viele Welten in so einem Heim gegenw\u00e4rtig sind. Vielleicht auch nur im Kopf der Dichterin, die sich Momente, Situationen, Motive zu Herzen nimmt und weiterdenkt.<\/p>\n<p>Damit die scheinbar so passiven Alten doch wieder mit einem eigenen Sein versieht. Und damit auch sichtbar macht, was uns selbst in den Kopf kommt. Immerfort. Wir sehen die Welt ja in Geschichten, verpassen auch den scheinbar abgestumpften Alten eine Geschichte, wenn wir sie sehen. Und sp\u00fcren ja selbst den Fluss, in dem alles flie\u00dft und treibt.<\/p>\n<p>Wie Kirschb\u00e4ume<\/p>\n<p>Im Warten der Alte sehen wir dann oft unsere eigenen Momente am Fluss. \u201eAll die Leute, die, weil sie alt sind, \/ um ihr Leben k\u00e4mpfen, \/ man betrachtet sie wie Kirschb\u00e4ume, die auch um ihr Leben k\u00e4mpfen \/ aber nicht weil, sondern wenn sie alt sind, \/ und das macht den Unterschied.\u201c<\/p>\n<p>Im Grunde l\u00e4sst Martina Hefter die Alten selbst auf die B\u00fchne treten in \u201eHalbtotengespr\u00e4che\u201c. Da sitzen sie nicht schweigend und warten auf das Ende, sondern k\u00f6nnen sich noch einmal begeistern wie kleine Kinder.<\/p>\n<p>Eigentlich sollten auch die Pfleger noch ihren eigenen Auftritt bekommen. Aber warum sie das nicht zu Text gemacht hat, verr\u00e4t Martina Hefter am Schluss. Denn die Arbeitsbedingungen in den Pflegeheimen erz\u00e4hlen nat\u00fcrlich von unser aller Umgang mit den Alten. Und eben auch den Jungen, die oft nur auf ihren Nutzen reduziert werden und als lebendige Menschen hinter der Maschinerie der Heime verschwinden.<\/p>\n<p>Und damit hat Martina Hefter ein Thema in Gedichte gesetzt, das in all der poetischen Lakonie zeigt, dass selbst die verschlossenen Pflegeheime Orte sind, an denen das Leben flie\u00dft. Anders als drau\u00dfen, manchmal sogar intensiver. Und durchsetzt mit dem Gef\u00fchl des Ungen\u00fcgens, das sich auch nach dem n\u00e4chsten Besuch bei der Schwiegermutter nicht aufl\u00f6sen will.<\/p>\n<p>Verk\u00f6rpert von sieben Teufeln, die Martina Hefter am Ende auch noch in Worten malt. Damit wir uns daran erinnern, dass selbst unsere widerspr\u00fcchlichen Gef\u00fchle stets in wilder Maske daherkommen. Verwirrend, nervend, verst\u00f6rend. Manchmal mitten in der Nacht. Unruhestifter, die uns daran erinnern, dass es weder einfache Fragen noch einfache Antworten gibt.<\/p>\n<p><strong>Martina Hefter <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/ISBN: 9783608967098@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Es k\u00f6nnte auch sch\u00f6n werden<\/a><\/strong>, Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 22,00 Euro.<\/p>\n<p><strong>Martina Hefter <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/ISBN: 9783608967104@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">In die W\u00e4lder gehen, Holz f\u00fcr ein Bett klauen,<\/a><\/strong> Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 22 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"2024 war ein \u00fcberraschendes Jahr f\u00fcr die Leipziger Autorin Martina Hefter. Nicht nur erschien ihr Roman \u201eHey, Guten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":760972,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,118248,30,71,859],"class_list":["post-760971","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-gedichte","tag-germany","tag-leipzig","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115989680418183490","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760971","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=760971"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/760971\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/760972"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=760971"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=760971"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=760971"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}