{"id":761299,"date":"2026-01-31T15:18:17","date_gmt":"2026-01-31T15:18:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/761299\/"},"modified":"2026-01-31T15:18:17","modified_gmt":"2026-01-31T15:18:17","slug":"eine-wegbegleiterin-erzaehlt-was-den-regisseur-an-der-stadt-faszinierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/761299\/","title":{"rendered":"Eine Wegbegleiterin erz\u00e4hlt, was den Regisseur an der Stadt faszinierte"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspBNlh tspBNli\">Es gibt ein Foto von David Lynch, das ihn in Berlin zeigt, Ende des letzten Jahrtausends. Hinter ihm sind ein Wohnhaus und karge \u00c4ste, ein St\u00fcck Mauer und der immergraue Berliner Winterhimmel zu sehen. Lynchs Gesicht ist leicht unscharf. Er schaut direkt in die Kamera, irgendwie besorgt, die linke Augenbraue nach unten gezogen, die rechte nach oben, parallel zur Welle seiner Haartolle. \u201eEr guckt da so komisch, weil er Angst hatte, dass ich seine Kamera fallenlasse, eine Leica\u201c, sagt Heidrun Resh\u00f6ft, die das Foto aufgenommen hat. <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">David Lynch, der amerikanische Kult-Regisseur, kam damals, im Jahr 1999, f\u00fcr einige Tage nach Berlin, um Aufnahmen f\u00fcr seine Serie \u201eFactory Photographs\u201c zu machen, f\u00fcr die er vor allem verlassene Industriebauten fotografierte und die in der gerade er\u00f6ffneten Ausstellung \u201eDavid Lynch: On View\u201c in der Berliner Pace Gallery zu sehen sind. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/97322-lynch.jpeg\" alt=\"David-Lynch-Ausstellung in Berlin&#10;Credit: The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery\" aria-labelledby=\"caption-15203893\" width=\"620\" height=\"418\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> Fotografie eines Waschbeckens aus der Serie \u201eFactory Photographs\u201c, Berlin 1999. <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Lynch interessierte sich f\u00fcr die Architektur der Bauwerke, f\u00fcr ihren Verfall und das, was dieser freilegte, aber sicher auch f\u00fcr das Unheimliche, Gespensterhafte, die Heimsuchungen der Vergangenheit, die an diesen \u201eLost Places\u201c zu finden waren. Allerdings stieg er nicht, wie es etwas sp\u00e4ter zu einer beliebten Aktivit\u00e4t vieler (Hobby-)Fotografen wurde, illegal in die leer stehenden Fabrikgeb\u00e4ude ein, sondern holte sich vorher Genehmigungen, sagt Resh\u00f6ft. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/97316-lynch.jpeg\" alt=\"David-Lynch-Ausstellung in Berlin&#10;Credit: The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery\" aria-labelledby=\"caption-15203894\" width=\"620\" height=\"417\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> David Lynch interessierte sich f\u00fcr \u201eLost Places\u201c. <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Die Norddeutsche hatte Lynch bei Dreharbeiten zu einem Kurzfilm f\u00fcrs franz\u00f6sische Fernsehen kennengelernt, war sp\u00e4ter Produktionsassistentin bei seiner Serie \u201eTwin Peaks\u201c und dem Spielfilm \u201eWild at Heart\u201c. Und nun begleitete sie ihn bei seinem Berlintrip, fuhr ihn durch die Stadt, zu einer alten Eisfabrik in Kreuzberg oder raus \u00fcber die A24. Daran, in welchem Hotel Lynch bei diesem Besuch residierte, kann sie sich nicht erinnern. \u201eAber er mochte es, sch\u00f6n zu wohnen\u201c, sagt sie, das Adlon oder das Savoy geh\u00f6rten zu seinen typischen Anlaufstellen. <\/p>\n<p> Lynch interessierte sich f\u00fcr das Trauma des 20. Jahrhunderts <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/97317-lynch.jpeg\" alt=\"David-Lynch-Ausstellung in Berlin&#10;Credit: The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery\" aria-labelledby=\"caption-15203901\" width=\"620\" height=\"419\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> David Lynch mochte es, sch\u00f6n zu wohnen, sagt seine Wegbegleiterin Heidrun Resh\u00f6ft. <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Abends gingen sie essen und f\u00fchrten lange Gespr\u00e4che. Lynch habe sich f\u00fcr alles interessiert, was mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Trauma des 20. Jahrhunderts zu tun hatte, sagt Resh\u00f6ft. Wiederholt habe er sie nach der tragischen Geschichte ihrer Familie in dieser Zeit befragt. Ihn h\u00e4tten die psychologischen Aspekte des Lebens im Nationalsozialismus interessiert, die Gewissenskonflikte und Fragen danach, was es mit jemandem macht, wenn man nicht wei\u00df, wem man vertrauen kann und wem nicht. <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Auch f\u00fcr die DDR und die Teilung Berlins interessierte er sich. \u201e\u00dcber Silvester 1989 bin ich aus den USA, wo ich damals gelebt habe, nach Berlin geflogen, um David ein St\u00fcck Mauer abzuschlagen\u201c, sagt sie und googelt parallel. \u201eAh, ich sehe gerade, das wurde bei einer Auktion seines Nachlasses f\u00fcr 9000 Dollar verkauft.\u201c&#13;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/nachruf-auf-david-lynch-er-liess-das-kino-fur-uns-traumen-13034119.html?icid=single-topic_15203878___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCFn9\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nachruf auf David Lynch Er lie\u00df das Kino f\u00fcr uns tr\u00e4umen <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Als Lynch vor einem Jahr, wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag, \u00fcberraschend <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/leute-erkrankter-starregisseur-david-lynch-warnt-andere-raucher-12710948.html?icid=in-text-link_15203878\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">an den Folgen einer Lungenerkrankung starb<\/a>, war Resh\u00f6ft gerade im Flugzeug nach Los Angeles, um ihn zu besuchen. Noch immer halle die Trauer in ihr nach. \u201eEr war so ein feinf\u00fchliger Mensch, immer interessiert an anderen\u201c, sagt sie am Telefon. <\/p>\n<p> Hundert Meter lang ist die Schlange vor der Galerie <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Auch bei der Ausstellungser\u00f6ffnung ist die L\u00fccke, die Lynch im Leben vieler hinterlassen hat, zu sp\u00fcren. Die Pace Gallery, die sich in einer umgebauten Tankstelle in Sch\u00f6neberg befindet und mit ihrem Roadmovie-Charme, den Fichten im Vorgarten und den im halb vereisten Teich ruhenden Kois selbst etwas lynchianisches hat, ist am Er\u00f6ffnungsabend brechend voll. Sicher 100 Meter lang ist die Schlange an Menschen, die sich gegen 18.30 Uhr vor der Galerie gebildet hat, was sicher nicht allein an den Freigetr\u00e4nken liegt. <\/p>\n<p>Zur Ausstellung<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Die Schau <strong>\u201eDavid Lynch: On View\u201c<\/strong> l\u00e4uft noch bis zum 29. M\u00e4rz in der Pace Gallery Berlin, B\u00fclowstra\u00dfe 18 in Sch\u00f6neberg, Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Im Herbst findet eine gr\u00f6\u00dfere Lynch-Ausstelllung in der Pace-Dependance in Los Angeles statt.<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Drinnen sind auch einige Weggef\u00e4hrten Lynchs, wie Sabrina Sutherland, die als Produzentin mehr als 35 Jahre mit Lynch gearbeitet hat und eine enge Freundin wurde. Sie erz\u00e4hlt, wie emotional die Ausstellung f\u00fcr sie ist. \u201eIch musste vorhin weinen, weil ich ihn in all diesen Werken f\u00fchlen kann\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Die Schau zeigt die etwas weniger bekannte, aber sehr umfangreiche und wichtige Seite seines k\u00fcnstlerischen Werks: Gem\u00e4lde, Skulpturen, Fotografien und ein fr\u00fcher Kurzfilm. \u201eThe Alphabet\u201c von 1969 verbindet Lynchs malerisches Schaffen mit Filmaufnahmen. In dem Video \u00fcber ein M\u00e4dchen, gespielt von Lynchs erster Ehefrau, das Buchstaben schlucken muss und daraufhin Bluttropfen ausspuckt, sind bereits die Themen zu sehen, f\u00fcr die er sp\u00e4ter weltber\u00fchmt wurde: das Absurde, das Surreale, das (Alp)traumhafte. Der Horror des Banalen und das Unschuldige, das auf rohe Gewalt trifft. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/82577-lynch.jpeg\" alt=\"David-Lynch-Ausstellung in Berlin&#10;Credit: The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery\" aria-labelledby=\"caption-15203895\" width=\"620\" height=\"617\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> David Lynch, \u201eBilly (and his friends) did find Sally in the Tree\u201c, 2018 <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">\u201eEs gibt eine bestimmte Art lynchianischer Sprache, die in den Filmen pr\u00e4sent und ber\u00fchmt ist, deren Ursprung aber in Lynchs Denken als Maler liegt\u201c, sagt Oliver Shultz, Chefkurator der Pace Gallery. Dazu geh\u00f6rt etwa die Zerlegung des K\u00f6rpers in seine einzelnen Teile, ein Motiv, das sich durch Lynchs Kunst zieht: Das abgetrennte Ohr, das bei \u201eBlue Velvet\u201c im Gras liegt, findet in der Malerei und Fotografie seine Entsprechung in einzelnen Gliedma\u00dfen, k\u00f6rperlosen K\u00f6pfen und Fragmenten nackter K\u00f6rperstellen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/img-6871.jpeg\" alt=\"David-Lynch-Ausstellung in Berlin&#10;Fotos der Ausstellungsansichten: Jana Weiss\/Tsp\" aria-labelledby=\"caption-15203896\" width=\"620\" height=\"826\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> Auch von Lynch gebaute Lampen sind in der Pace Gallery zu sehen (und zu erwerben). <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery\/Foto: Jana Weiss <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Mit der Malerei begann David Lynch bereits als Jugendlicher, studierte sie in Boston und Philadelphia. Auch als er sich in Los Angeles mehr der lukrativeren Arbeit im Filmbusiness zuwandte, h\u00f6rte er nie auf zu malen. Lynchs Kunstwerke sind d\u00fcster, dominiert von Schwarz in unterschiedlichen Strukturen und St\u00e4rken, und von einer eigent\u00fcmlichen Sch\u00f6nheit. \u201eWir haben oft Angst, dorthin zu schauen, wo die Schatten sind. David ist, der Angst zum Trotz, immer tiefer in diese dunklen Orte eingedrungen. F\u00fcr ihn lag dort eine Form der Erl\u00f6sung\u201c, sagt Shultz.&#13;<\/p>\n<p> Dass Lynch noch so viele begeistert, ist ein gutes Zeichen <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Lynch spielte dabei gerne mit scheinbar banalen, h\u00e4uslichen Motiven, hinter denen sich eine m\u00f6gliche Bedrohung verbirgt. Irgendwas stimmt nicht. Aber was? Wie bei der ber\u00fchmten Szene im roten Raum bei \u201eTwin Peaks\u201c, in dem ein Mann (gespielt von Michael J. Anderson) in einer unheimlichen, fremden Sprache spricht, die man aber doch irgendwie versteht. Um diesen Effekt zu erzielen, lie\u00df Lynch Anderson S\u00e4tze auf ein Tonband sprechen, das Lynch dann r\u00fcckw\u00e4rts abspielte. Anderson sprach die r\u00fcckw\u00e4rts abgespielten Worte erneut ein, und anschlie\u00dfend wurde das Ganze wieder umgedreht. Das Ergebnis wirkt auf seltsame Art verst\u00f6rend. <\/p>\n<p>Mehr aktuelle Ausstellungen<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/gallery-looks-in-der-gemaldegalerie-nur-die-herzogin-von-toledo-schmollt-in-ihrem-rahmen-15201611.html?icid=topic-list_15203878___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" data-hydrate-fingerprint=\"09740a54944caac75fd2c0c63fd5c5df\" 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Lynch ist bekannt daf\u00fcr, keine All\u00fcren am Set gehabt zu haben, seine Wegbegleiterinnen beschreiben ihn als lustig und liebenswert. Er meditierte \u00fcber 50 Jahre lang zweimal t\u00e4glich und war fest davon \u00fcberzeugt, dass die Welt durch transzendentale Meditation zu einem besseren Ort werden k\u00f6nne. Diese \u00dcberzeugung h\u00e4tte Berlin fast zu einer \u201eFriedensuniversit\u00e4t\u201c gebracht, die Lynch zusammen mit dem Guru Raja Schiffgens auf dem Teufelsberg errichten wollte. <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/bezirk-mauert-gegen-david-lynchs-friedens-uni-6581746.html?icid=in-text-link_15203878\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Das bizarre Projekt<\/a> scheiterte an der Baugenehmigung. <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">So wie zwischen seiner Pers\u00f6nlichkeit und dem, was er k\u00fcnstlerisch darstellte, eine Diskrepanz herrscht, kann man auch nie ganz greifen, was in Lynchs Kunst passiert. Dass sie auf ihre r\u00e4tselhafte, oft obskure und dem Mainstream ferne Art trotzdem \u2013 oder gerade deswegen \u2013 noch so viele Menschen unterschiedlicher Generationen und Herk\u00fcnfte begeistert, ist zumindest ein gutes Zeichen f\u00fcr unsere Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt ein Foto von David Lynch, das ihn in Berlin zeigt, Ende des letzten Jahrtausends. 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