{"id":764069,"date":"2026-02-01T17:02:22","date_gmt":"2026-02-01T17:02:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/764069\/"},"modified":"2026-02-01T17:02:22","modified_gmt":"2026-02-01T17:02:22","slug":"designer-johannes-boehl-cronau-zeigt-ein-letztes-mal-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/764069\/","title":{"rendered":"Designer Johannes Boehl Cronau zeigt ein letztes Mal in Berlin"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspBNlh tspBNli\">Wer neun Tage vor der Berliner Modewoche in die Verlegenheit kommt, zu einer Verabredung mit Johannes Boehl Cronau zu fr\u00fch zu erscheinen, der muss warten. Der Modedesigner ist gerade noch am Telefon und wohl auch sonst ziemlich besch\u00e4ftigt. <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/am-freitag-startet-das-mode-event-braucht-berlin-diese-fashion-week-noch-15193163.html?icid=in-text-link_15205016\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Am Freitag, zum Auftakt der Fashion Week<\/a>, wird er seine neueste Kollektion pr\u00e4sentieren, und \u00fcblicherweise bedeutet das: Stress.<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Als er fertig telefoniert hat und bereit ist, \u00fcber seine Arbeit zu sprechen, nimmt er hinter einem \u00fcberdimensionalen schwarzen Schreibtisch Platz \u2013 viel mehr steht nicht in seinem ger\u00e4umigen, hellen Arbeitszimmer, das Teil eines ebenso ger\u00e4umigen und hellen Ateliers in Berlin-Mitte ist. Er schaut erwartungsvoll und wirkt tiefenentspannt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/am-freitag-startet-das-mode-event-braucht-berlin-diese-fashion-week-noch-15193163.html?icid=single-topic_15205016___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCFn9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Am Freitag startet das Mode-Event Braucht Berlin die Fashion Week noch?  <\/a><\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Es ist das zweite und vorerst letzte Mal, dass Boehl Cronau mit seinem erfolgreichen Label ioannes in Berlin zeigen wird. Das behauptet er jedenfalls in jener Woche vor der Pr\u00e4sentation und wirkt dabei nicht kopflos. Im Gegenteil: Fast beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt er das im Verlauf des Gespr\u00e4chs. <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/er-verzichtet-auf-die-berliner-fashion-week-designer-dawid-tomaszewski-rechnet-mit-der-modebranche-ab-13936129.html?icid=in-text-link_15205016\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Format \u201eModenschau\u201c lohne sich schlicht nicht mehr<\/a>. <\/p>\n<p> Auf Umwegen zur Mode  <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Dass einer wie er das sagt, \u00fcberrascht. Nach au\u00dfen sieht alles schick aus: hochwertig produzierte Teile, aufwendig durchdachte Pr\u00e4sentationen, bekannte Kundinnen. Kylie Jenner oder Rihanna sollen unter anderem dazu geh\u00f6ren. Der Gesamteindruck von ioannes erinnert in seiner Professionalit\u00e4t eher an Paris oder London denn an Berlin. Boehl Cronaus Arbeit wirkt erwachsen, sowohl kreativ als auch handwerklich ausgefeilt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ioannes-bts-nils-unterharnscheidt11.jpeg\" alt=\"Ioannes, Credit: Nils Unterharnscheidt\" aria-labelledby=\"caption-15205965\" width=\"620\" height=\"930\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> \u00a0\u201eIch finde Geschmack nicht uncool\u201c, sagt Boehl Cronau. <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 Nils Unterharnscheidt <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Geboren und aufgewachsen ist er 1989 in einer l\u00e4ndlichen Region in Hessen. Nach dem Abitur absolvierte er zun\u00e4chst ein Praktikum bei einem Frankfurter Inneneinrichter, dann ein Grundkursstudium in Kunst an der Pariser Parsons-Universit\u00e4t. \u00dcber Umwege landete er bei der Mode und schloss in dem Fach den Bachelor mit Auszeichnung ab. Es folgte ein Praktikum bei Haider Ackermann, dann ein Master in Damenmode an der renommierten Central Saint Martins University in London.<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">F\u00fcr die Gr\u00fcndung des eigenen Labels zog er 2019 zur\u00fcck nach Paris. \u201eIch finde Geschmack nicht uncool\u201c, sagt Boehl Cronau und meint damit das \u00e4sthetische Selbstverst\u00e4ndnis der franz\u00f6sischen Hauptstadt. Ihm gefalle die Idee von Luxus und von Teuer: \u201eNicht um des Teuer-Seins willen, aber nach sechs, sieben Jahren, in denen ich selbstst\u00e4ndig bin, verstehe ich, warum etwas einen gewissen Preis haben muss.\u201c<\/p>\n<p>Die Kollektion <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Die neueste Kollektion von ioannes mit dem Titel \u201eapokalypsis\u201c \u2013 angelehnt an die urspr\u00fcngliche Bedeutung des Wortes als \u201eEnth\u00fcllung\u201c \u2013 versteht sich nicht als Ende, sondern als Moment der Offenbarung und markiert einen radikalen Wendepunkt f\u00fcr Johannes Boehl Cronau. F\u00fcr seine letzte klassische Runway-Kollektion tauchte Boehl Cronau tief in das eigene Archiv ein, um die Essenz des Labels in der Gegenwart zu destillieren. <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Die Entw\u00fcrfe sind eng mit pers\u00f6nlichen Erinnerungen verkn\u00fcpft \u2013 von den schwarzen Jil-Sander-B\u00fcroanz\u00fcgen seiner Mutter aus den 1990er-Jahren \u00fcber Referenzen an Marthe Keller in den 1970ern bis hin zu Madonnas Trainingsanz\u00fcgen. <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Florale Motive entstehen mittels Pyrografie: in Holz eingebrannt und anschlie\u00dfend auf die Stoffe \u00fcbertragen, wodurch eine rohe, verkohlte Textur entsteht. Diese trifft auf handgef\u00e4rbten Kaschmir und pr\u00e4zises, scharfes Tailoring. <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Flie\u00dfende Silhouetten begegnen strengen Anz\u00fcgen und bewegen sich zwischen Sinnlichkeit und \u00fcberzeichneten Proportionen. An anderer Stelle wird die Kollektion spielerisch: Ein winziger Kreditkartenhalter, als Schultertasche mit bodenlangem Fransenbesatz getragen, setzt einen Moment absurder Leichtigkeit.\u00a0<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Die R\u00fcckkehr nach Deutschland, der Umzug nach Berlin, ist dann eine dieser Corona-Entscheidungen: Die Berliner Wohnung der Schwester ist gerade frei \u2013 und warum nicht? Kurzerhand sucht er sich ein Studio und bleibt.<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">R\u00fcckblickend sagt er, dass dieser Schritt wichtig gewesen sei; er w\u00e4re sonst im allgemeinen Strudel der Branche untergegangen. Berlin eigne sich daf\u00fcr ganz gut als Ort, an den man als Kreativer fl\u00fcchten k\u00f6nne. Die Stadt biete genug Raum und Zeit, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. \u201eMan kann sich hier auf seine Arbeit konzentrieren, wenn man m\u00f6chte.\u201c<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Jetzt ist er also hier und eigentlich ganz gl\u00fccklich. Auch seine zweite Show \u2013 das stellt sich eine Woche sp\u00e4ter heraus \u2013 geh\u00f6rt inhaltlich wieder zu den st\u00e4rksten, die die Berliner Modewoche zu bieten hat. Trotzdem zweifelt er. An der Zukunft seiner Arbeit und an dem System.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ioannes-bts-nils-unterharnscheidt5.jpeg\" alt=\"Ioannes, Credit: Nils Unterharnscheidt\" aria-labelledby=\"caption-15205968\" width=\"620\" height=\"930\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> Boehl Cronau zweifelt an der Zukunft seiner Arbeit. <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 Nils Unterharnscheidt <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">\u201eIch entferne mich immer mehr vom Spektakel\u201c, sagt Boehl Cronau. Mit der aktuellen Kollektion lege er den Grundstein f\u00fcr die zweite Phase der Marke: \u201eErfahrung und ein gewisses Alter f\u00fchren dazu, dass ich neue Dinge priorisiere. Wenn wir jetzt Strick herstellen, geht es mir nicht mehr darum, dass es das Neueste und Coolste sein muss, sondern eher darum, ob das etwas ist, was jemand kaufen kann und m\u00f6chte und dann im besten Falle \u00fcber Jahre tr\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p> Ein Kaschmirpullover muss reichen  <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Grunds\u00e4tzlich gehe es ihm darum, dass die Qualit\u00e4t den Preis rechtfertigt und das fertige Teil trotzdem kreativ ist. Er l\u00f6se das unter anderem damit, dass er Prozesse sichtbar mache. So l\u00e4sst er seinen Strick etwa erst nach Fertigstellung von Hand f\u00e4rben. Dadurch entstehen kleine Abweichungen, vermeintliche Fehler, die jedes St\u00fcck zu einem individuellen machen.<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Menschen h\u00e4tten das Bed\u00fcrfnis nach etwas Sch\u00f6nem, nach etwas Wertigem, er als Designer sehe sich in der Verantwortung, diesem Bed\u00fcrfnis gerecht zu werden. \u201eIch schaffe das, indem ich zum Beispiel ein Produkt entwickle, das gen\u00fcgt. Wir sind aktuell offensichtlich am Ende eines Systems, und es geht ganz allgemein darum, Masse zu reduzieren. Wenn es mir wichtig ist, einen Kaschmirpullover zu besitzen, dann ist das sch\u00f6n und gut, aber einer sollte vielleicht genug sein.\u201c<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Ein wenig klingt das nach der <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/deutsch-britische-freundschaft-vivienne-westwood-und-tacita-dean-werden-in-berlin-geehrt-11347729.html?icid=in-text-link_15205016\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2022 verstorbenen Designerin Vivienne Westwood<\/a>. Von der \u201eQueen of Punk\u201c ist das Zitat \u201ebuy less, choose well, make it last\u201c \u00fcberliefert: Kaufe weniger, w\u00e4hle mit Bedacht und sorge daf\u00fcr, dass es lange h\u00e4lt. Ein vermeintlicher Widerspruch zu einem durch Konsum am Laufen gehaltenen Prinzip Mode.<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Dass er sich mit solchen Themen besch\u00e4ftigen kann, empfindet Boehl Cronau als Privileg. Dadurch, dass er als junger Designer schnell relativ erfolgreich wurde, ohne je in den krassen Fokus der \u00d6ffentlichkeit zu geraten, k\u00f6nne er es sich heute leisten, sich nachhaltig mit der Zukunft seiner Arbeit zu besch\u00e4ftigen \u2013 und eventuell Ver\u00e4nderungen zu riskieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ioannes-bts-nils-unterharnscheidt10.jpeg\" alt=\"Ioannes, Credit: Nils Unterharnscheidt\" aria-labelledby=\"caption-15205971\" width=\"620\" height=\"930\" loading=\"lazy\" class=\"tspA1jf\"\/> Boehl Cronau wei\u00df: Mit den ganz Gro\u00dfen der Branche kann er nicht mithalten. <\/p>\n<p class=\"tspAFga\"> \u00a9 Nils Unterharnscheidt <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Eine konkrete Antwort auf die Frage, wie diese aussehen k\u00f6nnten, sei aktuell noch schwer zu formulieren. Es handle sich dabei auch um innere Konflikte, mit denen er nicht allein sei. Viele kleinere beziehungsweise unabh\u00e4ngige Labels st\u00fcnden dieser Tage vor dem Scheideweg. Die Feststellung, dass das Gesch\u00e4ft, so wie es einst war, nicht mehr funktioniere, sei geteilte Realit\u00e4t, sagt er: \u201eTrotzdem schlagen sich alle individuell mit dem Problem herum.\u201c<\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">F\u00fcr ihn sei es zun\u00e4chst das Wichtigste, sich zuzugestehen, dass er mit den ganz Gro\u00dfen der Branche nicht mithalten k\u00f6nne. Eine Konsequenz aus diesem Zugest\u00e4ndnis sei, dass sich auch die traditionelle Routine \u2013 die halbj\u00e4hrliche Arbeit an Kollektion, Pr\u00e4sentation, Verkauf und so weiter \u2013 nicht mehr lohne. \u201eIch kann jetzt schon sagen: Das ist das letzte Mal, dass ich eine traditionelle Show organisiere, und das ist das letzte Mal, dass ich eine traditionelle Kollektion zeige.\u201c<\/p>\n<p> Der Traum vom Atelierhaus <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">Letztendlich seien Modenschauen Messepr\u00e4sentationen im herk\u00f6mmlichsten Sinne, sagt er. \u201eWir zeigen unsere neue Kollektion, in der ersten Reihe sitzen Eink\u00e4ufer, die im besten Falle Sachen kaufen. Die Realit\u00e4t in Berlin ist allerdings eine andere. Letztendlich bauen wir hier eine Plattform f\u00fcr G\u00e4ste. Sie kommen zu unserer Show und stellen sich dar. Wir sind hier nicht an den Markt angebunden, wir m\u00fcssen trotzdem nach Paris fahren, um unsere Sachen zu verkaufen.\u201c <\/p>\n<p class=\"tspBNlh\">F\u00fcr Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und das Ego sei eine solche Show nat\u00fcrlich wichtig, und er sei dem Land Berlin auch sehr dankbar, dass er unter anderem finanzielle Unterst\u00fctzung erfahre. Wirtschaftlich sei das aber nicht.<\/p>\n<p>Mehr zum Thema <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/gallery-looks-in-der-gemaldegalerie-nur-die-herzogin-von-toledo-schmollt-in-ihrem-rahmen-15201611.html?icid=topic-list_15205016___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" data-hydrate-fingerprint=\"09740a54944caac75fd2c0c63fd5c5df\" data-hydrate-props=\"{&amp;escapedquot;element&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;type&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;relatedContent&amp;escapedquot;,&amp;escapedquot;fieldMap&amp;escapedquot;:{},&amp;escapedquot;relation&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;fields&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;isPaid&amp;escapedquot;:true},&amp;escapedquot;href&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;\/kultur\/gallery-looks-in-der-gemaldegalerie-nur-die-herzogin-von-toledo-schmollt-in-ihrem-rahmen-15201611.html&amp;escapedquot;,&amp;escapedquot;teaserTitle&amp;escapedquot;:{&amp;escapedquot;kicker&amp;escapedquot;:&amp;escapedquot;\u201eGallery Looks\u201c in der 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darum, seine Arbeit wieder auf das Wesentliche, das Urspr\u00fcngliche, das Handwerkliche, zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer neun Tage vor der Berliner Modewoche in die Verlegenheit kommt, zu einer Verabredung mit Johannes Boehl 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