{"id":766078,"date":"2026-02-02T12:14:38","date_gmt":"2026-02-02T12:14:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/766078\/"},"modified":"2026-02-02T12:14:38","modified_gmt":"2026-02-02T12:14:38","slug":"mode-warum-antike-statuen-heute-moderner-wirken-als-aktuelle-trends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/766078\/","title":{"rendered":"Mode: Warum antike Statuen heute moderner wirken als aktuelle Trends"},"content":{"rendered":"<p>Woran man guten Stil erkennt, war lange eine Frage der Dekade. Von Pr\u00eat-\u00e0-porter bis Protestmode lieferte jede Zeit ihre eigene Antwort. Heute tr\u00e4gt diese Logik nicht mehr. Und guter Stil beginnt wieder dort, wo Kleidung auf K\u00f6rper, Material und Proportion trifft.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Woran erkennt man einen gut gekleideten Menschen? Blickt man im Schnelldurchgang auf die Geschichte der postmodernen Mode zur\u00fcck, hatte jede Dekade ihre eigene Antwort. Die Sechziger definierten sie \u00fcber Anstand und eine neue Lust am Objekt selbst. Mode war bis dahin exklusiv gewesen, nun entstand Pr\u00eat-\u00e0-porter: Designerware von der Stange, demokratisiert, ohne banal zu sein.<\/p>\n<p>In den Siebzigern war Rebellion guter Stil. Das bewusste Brechen von Regeln, Nonkonformit\u00e4t und \u00e4sthetischer Eigensinn machten jemanden modern. Die Achtziger f\u00fchrte das zu \u00dcberzeichnungen, schrillen Farben und scharfen Silhouetten. Die Neunziger reagierten mit Ruhe: Reduktion, Purismus, einer R\u00fcckkehr zum Handwerk, Tragbarkeit. Das kurbelte den Konsum an und lie\u00df Designer zu Stars und H\u00e4user zu Legenden werden, sodass in den Nullerjahren das Logo am lautesten schreien konnte. Celebrity-Kultur, It-Pieces und Fast Fashion lie\u00dfen den Markt pulsieren.<\/p>\n<p>In diesem Klima wurde der Laufsteg zun\u00e4chst zur gut gemeinten Fashiondemo, siehe Chanel, wo die Models Protestschilder hochreckten. Ironische Mode machte sich breit. Dann schrieb man sich aktivistische Botschaften auf die Brust, und m\u00fcndete schlie\u00dflich in einer antikapitalistisch gepr\u00e4gten Identit\u00e4tskrise. Ein Look aus r\u00fcckst\u00e4ndigem Feminismus mit unf\u00f6rmigen Gew\u00e4ndern, Debatten \u00fcber indoktrinierte Sch\u00f6nheitsideale, und Genderneutralit\u00e4t dominierte die Laufstege.<\/p>\n<p>Und die Zwanziger? Die stehen vor daraus resultierenden oder ganz neuen Problemen: Selbst gro\u00dfe H\u00e4user leiden unter krisenbedingt eingeschr\u00e4nkter Kaufkraft. Schnell rotierende Kreativdirektionen verwischen Markenidentit\u00e4ten. Die Superkraft der Algorithmen belohnt den Einheitslook. Neue Ideen zeichnen sich nur noch \u00e4u\u00dferst selten ab. Stattdessen werden die hauseigenen Archive ausgeschlachtet. Unternehmerisch erfolgreich sind Klassiker, die \u00fcber Jahre hinweg eine Formsprache kultiviert haben, Entw\u00fcrfe der vergangenen Jahrzehnte, die gebraucht gekauft werden, wo sie auch noch g\u00fcnstiger sind.<\/p>\n<p>Was in allen Epochen eher als nebens\u00e4chlich betrachtet, aber schon immer das verl\u00e4sslichste Zeichen f\u00fcr guten Stil war: Wer es drauf hatte, das Outfit mit seiner Art, mit seinem Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, zum Leben zu erwecken und es dann auch noch etwas weniger konform arrangierte, der war stets gut angezogen. Wer Kleidung einfach nur trug, weil sie gerade Mode war und sie nicht verk\u00f6rperte, sah darin immer schlecht gekleidet aus. <\/p>\n<p>Wenn Kleidung ihren Halt verliert<\/p>\n<p>Auch all die Debatten \u00fcber <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/plus255260184\/Warum-Body-Positivity-eine-Farce-war.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/trends\/plus255260184\/Warum-Body-Positivity-eine-Farce-war.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sch\u00f6nheitsideale <\/a>der vergangenen Jahre bleiben nicht folgenlos. Designer &#8211; ein paar Namen ausgenommen, unter anderem Saint Laurent &#8211; richten sich zunehmend nach einem Zeitgeist, der Sch\u00f6nheitsideale kritisiert, aber gleichzeitig besessen davon zu sein scheint. Bei der Kundschaft wird Geschlecht, K\u00f6rperform, Identit\u00e4t permanent neu verhandelt. K\u00f6rper gelten als variabel, ver\u00e4nderbar, reversibel, K\u00f6rperteile werden aufgeblasen, ausgestopft, an- und dann wieder abmontiert. Die Kleidung auf dem Laufsteg soll diese Beweglichkeit begleiten, kommentieren oder absichern. <\/p>\n<p>F\u00fcr Designer entsteht daraus ein kaum einl\u00f6sbarer Anspruch. Entw\u00fcrfe treffen auf st\u00e4ndig wechselnde Bed\u00fcrfnisse, individuelle Sensibilit\u00e4ten und immer neue Zuschreibungen. Sobald der K\u00f6rper nicht mehr Arbeitsgrundlage, sondern Diskursgegenstand wird, verliert Kleidung ihren Halt. Auch deshalb hat man sich mal ganz am Anfang auf einheitliche, gesunde K\u00f6rperma\u00dfe auf dem Laufsteg geeinigt \u2013 und auf Konfektionsgr\u00f6\u00dfen im Laden.<\/p>\n<p>Gleichzeitig w\u00e4chst die Distanz zu den K\u00e4ufern, die sich nicht permanent neu definieren wollen, sondern St\u00fccke erwarten, die Bestand haben. Die Kleidung aus den urspr\u00fcnglichen Gr\u00fcnden suchen: wegen Form, Material, Tragbarkeit, Dauer. <\/p>\n<p>Damit verschiebt sich etwas Entscheidendes: Ob bewusst oder unbewusst, leitet der Designer seinen Kunden zu Autonomie an. Zu einem erneuten Interesse an Qualit\u00e4t, Stofflichkeit, daran, wie das Material f\u00e4llt, wie es sich zu anderen Materialien verh\u00e4lt. <\/p>\n<p>Gekauft werden zwar noch sogenannte Mikrotrends, virale oft alberne Accessoires, aber kaum eine Vision schafft es mehr, der komplexen Gegenwart die passende Garderobe zu geben. Stattdessen trenden haptische Begriffe: Layering, heavy, Detail, bis hin zu spezifischen Anforderungen, wie crisp, soft, beweglich. Selbst die Highstreet ersetzt Pullover aus Poly durch weichen Kaschmir. Bei M\u00e4nnern dreht sich alles um Tailoring.<\/p>\n<p>Guter Stil zeigt sich im Verh\u00e4ltnis von Kleidung zum K\u00f6rper<\/p>\n<p>Diese neue Herangehensweise setzt etwas voraus, das lange nicht mehr gefragt war: Die Kenntnis der eigenen Proportionen. Ein Blick f\u00fcr Linien, ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Volumen, ein Bewusstsein f\u00fcr die eigene Silhouette \u2013 oder im Zweifel eben eine verl\u00e4ssliche Adresse f\u00fcr Ma\u00dfanz\u00fcge. Man arrangiert, man drapiert und schlie\u00dflich wird der Tr\u00e4ger sein eigener Designer. <\/p>\n<p>Nicht ohne Grund r\u00fccken Stilvorbilder wieder in den Vordergrund die genau das beherrschten. \u201eWenn ich etwas erreichen will\u201c, sagte <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article248735394\/Carolyn-Bessette-Bis-heute-wird-ihr-modisches-Erbe-mit-nahezu-sakraler-Ehrfurcht-gepflegt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article248735394\/Carolyn-Bessette-Bis-heute-wird-ihr-modisches-Erbe-mit-nahezu-sakraler-Ehrfurcht-gepflegt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Carolyn Bessette Kennedy<\/a> mal, \u201edann mit Textur\u201c. Bei der Stillegende, die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article230921727\/Verstorbene-Stilikonen-auf-Instagram-wer-steckt-dahinter.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article230921727\/Verstorbene-Stilikonen-auf-Instagram-wer-steckt-dahinter.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">posthum<\/a> neu gefeiert wird, wirkten selbst komplett monochrome Outfits aufregend aus, weil sie verstand, Materialien mit Gef\u00fchl und Pers\u00f6nlichkeit zu kombinieren: schwarze Lederhose, schwarzer Kaschmirpullover, schwarze Krokostiefel. Das ehemalige Posh-Spice Victoria Beckham wird auf einmal ernst genommen, weil sie den Auftrag einer Modedesignerin, dem K\u00f6rper der Frau zu dienen, mit <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article68f0b19406329773ec673f9d\/victoria-beckham-in-wahrheit-eine-grosse-designerin-unserer-zeit.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article68f0b19406329773ec673f9d\/victoria-beckham-in-wahrheit-eine-grosse-designerin-unserer-zeit.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">skulpturaler Schneiderkunst<\/a> einl\u00f6st. Und auch der Erfolg von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article6967a0a5e954401861ee056f\/phoebe-philo-man-muss-keine-frau-sein-um-erfolgreich-fuer-frauen-zu-entwerfen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/mode\/article6967a0a5e954401861ee056f\/phoebe-philo-man-muss-keine-frau-sein-um-erfolgreich-fuer-frauen-zu-entwerfen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Phoebe Philo<\/a> l\u00e4sst sich so erkl\u00e4ren, deren Materialien so flie\u00dfend sind, dass sie sich m\u00fchelos arrangieren lassen. Ihre Kampagnen sind keine Abbildungen von fertigen Looks mehr, sondern zoomen manchmal fast ausschlie\u00dflich auf Details. <\/p>\n<p>Die Logik, nach der sich jede Dekade \u00e4sthetisch an der vorherigen abgearbeitet hat, ist durch kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisen gestoppt worden. Wenn Mode sich gerade \u00fcberhaupt auf etwas Grunds\u00e4tzliches einigt, dann auf etwas, das vor dem modernen Prinzip der Trends liegt. In gewisser Weise setzt sie gestalterisch sehr weit zur\u00fcck an, n\u00e4mlich in der Antike. Chiton, Himation und Peplos waren variable Systeme. Je nach Bindung, Faltung, G\u00fcrtelung entstand eine andere Silhouette. Genau deshalb wirken antike Statuen bis heute so modern: Sie zeigen Kenntnis von Proportionen, von Schwere und Leichtigkeit, von Spannung und Entlastung. <\/p>\n<p>Mode im heutigen Sinn, als Abfolge von Trends, als etwas, das st\u00e4ndig etwas Neues behaupten muss, funktioniert gerade nicht mehr. Wer sich davon freimacht, ist am Ende einfach nur noch gut gekleidet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Woran man guten Stil erkennt, war lange eine Frage der Dekade. 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