{"id":77179,"date":"2025-05-02T00:38:09","date_gmt":"2025-05-02T00:38:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/77179\/"},"modified":"2025-05-02T00:38:09","modified_gmt":"2025-05-02T00:38:09","slug":"1-mai-in-berlin-als-eine-grussbotschaft-der-ex-terroristin-verlesen-wird-klatscht-die-menge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/77179\/","title":{"rendered":"1. Mai in Berlin: Als eine Gru\u00dfbotschaft der Ex-Terroristin verlesen wird, klatscht die Menge"},"content":{"rendered":"<p>Es dominieren anti-israelische Parolen, Aufrufe zur Revolution und Forderungen nach einem Ende des \u201eKriegs gegen Russland\u201c. Dazwischen posieren Teilnehmer f\u00fcr Selfies vor Rauchfackeln. Der sogenannte \u201eRevolution\u00e4re 1. Mai\u201c in Berlin schwankt zwischen militanter Nostalgie, digitaler Selbstdarstellung und offenem Antisemitismus.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Am sp\u00e4ten Nachmittag f\u00fcllt sich der Platz an der U-Bahnstation S\u00fcdstern in Berlin-Kreuzberg. Polizisten stehen auf D\u00e4chern, scannen die Menge. Die Lage ist angespannt. Banner werden hochgezogen, Gesichter vermummt. Umstehende Journalisten werden als \u201eKapitalistenschweine\u201c beschimpft. Eine Gruppe junger M\u00e4nner z\u00fcndet erste Pyrotechnik. An der Spitze des Zuges: ein k\u00f6rperlich behinderter Mann, eine bekannte Figur der propal\u00e4stinensischen Szene Berlins. Immer wieder hallt es: \u201eFree, free Palestine!\u201c<\/p>\n<p>Auch die FDP-Politikerin Karoline Preisler ist vor Ort \u2013 wie fast immer bei propal\u00e4stinensischen Demonstrationen. Sie setzt sich gegen den Israel-Hass und f\u00fcr die Freilassung der von Hamas-Terroristen verschleppten Israelis ein \u2013 sechs Polizisten sch\u00fctzen sie, w\u00e4hrend sie in Diskussionen verwickelt wird. <\/p>\n<p>In der Menge: Plakate mit antisemitischen Parolen, Banner des anti-israelischen Sanktionsb\u00fcndnisses BDS, der pal\u00e4stinensischen Organisation Samidoun, von kommunistischen Jugendb\u00fcnden. Im Lautsprecherblock wird skandiert: \u201eFreiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen.\u201c Ob die von der Hamas festgehaltenen Geiseln damit gemeint sind, bleibt offen. In einer Seitenstra\u00dfe stehen pro-israelische Demonstranten \u2013 auch sie unter Polizeischutz.<\/p>\n<p>Noch vor dem ersten Schritt der sogenannten revolution\u00e4ren Mai-Demonstration wurde ein Gru\u00dfwort der ehemaligen RAF-Terroristin Daniela Klette verlesen. Von \u201eV\u00f6lkermord an Pal\u00e4stinensern\u201c, deutscher Komplizenschaft, Kapitalismus und Revolution ist darin die Rede. Es wirkt wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit. Der Applaus ist lang<\/p>\n<p>Gleichzeitig l\u00e4uft eine zweite, visuelle Ebene mit. W\u00e4hrend der gesamten Demonstration entstehen Selfies, es wird vor Bannern posiert, Material f\u00fcr Social Media gesammelt. Da ist die Frau mit Kopftuch, die vor einem Polizeiauto die Revolution\u00e4rin mimt. Da sind die jungen M\u00e4nner, die vor dem schwarzen Block schnell grimmig in die Kamera schauen. Der 1. Mai wird f\u00fcr viele zur Fotokulisse.<\/p>\n<p>An der Spitze des Aufzugs: die Vereinigung \u201eMigrantifa\u201c. Hinter ihr marschiert eine Gruppe der Linkspartei mit pal\u00e4stinensischen Fahnen und Plakaten, auf denen steht: \u201eStop the Genocide\u201c. Der Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak (Linke) f\u00fchrt sie an. Er tr\u00e4gt eine Warnweste, die ihn als \u201eparlamentarischen Beobachter\u201c kennzeichnet.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article251306274\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article251306274&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Wie schon 2024 dominieren<\/a> vor allem propal\u00e4stinensische Parolen das Bild. Auf Plakaten steht: \u201eKeine Waffen f\u00fcr Israel\u201c, immer wieder werden Sprechch\u00f6re angestimmt \u2013 \u201eFrom the river to the sea\u201c. Die Polizei schreitet in mehreren F\u00e4llen wegen antisemitischer \u00c4u\u00dferungen ein. Die Emotionalisierung durch den Nahost-Konflikt ist sp\u00fcrbar \u2013 nicht zuletzt auf der Sonnenallee, wo Protest und Alltag seltsam ineinandergreifen. M\u00e4nner am Rand rufen Parolen wie \u201eFree, free Palestine\u201c, die Menge skandiert sie nach.<\/p>\n<p>Es sind nicht die einzigen Slogans, in denen eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr vollzogen wird. Auf einem gro\u00dfen Banner steht etwa: \u201eAntifaschismus hei\u00dft: Kampf der Nato. Stoppt den Krieg gegen Russland\u201c \u2013 ganz so, als h\u00e4tte nicht Russland die Ukraine \u00fcberfallen, sondern umgekehrt.<\/p>\n<p>Von einem Balkon h\u00e4lt ein kleiner Junge ein Blatt mit den Worten \u201eFree Palestine\u201c hoch. Die Menge bejubelt ihn. Ein Mann mit pinkfarbenem Banner (\u201eDolls &amp; Fags gegen Genocide\u201c) feuert die Menge an: \u201eThere is only one solution.\u201c Die Demonstrierenden rufen: \u201eIntifada! Revolution!\u201c Und erneut: \u201eFrom the river to the sea \u2013 Palestine will be free.\u201c<\/p>\n<p>In den Seitenstra\u00dfen von Neuk\u00f6lln sichern immer wieder Polizisten die Zug\u00e4nge. Als der Zug vorbeizieht, ruft es: \u201eGanz Berlin hasst die Polizei.\u201c Es bleibt zun\u00e4chst ruhig \u2013 bis in der N\u00e4he der Neuk\u00f6lln Arcaden eine volle Wasserflasche fliegt und eine Polizistin am Kopf trifft. Die Stimmung droht zu kippen.<\/p>\n<p>Ein Redner des kommunistischen Jugendbundes br\u00fcllt ins Mikrofon: \u201eAls Diener dieses Staates seid ihr unsere Feinde. Ihr seid das, was zwischen uns steht und der sozialistischen Revolution.\u201c Die Menge jubelt. Wenige Stra\u00dfen weiter, auf den Balkonen im b\u00fcrgerlichen Teil Neuk\u00f6llns, wird der Kampftag zur Gartenparty. W\u00e4hrend klassenk\u00e4mpferische Rhetorik durch die Stra\u00dfen hallt, gibt es W\u00fcrstchen, Bier, Selfies. Mitnicken im Takt.<\/p>\n<p>Inzwischen kehrt die Spitze des Zuges zum S\u00fcdstern zur\u00fcck. Polizei-Hundertschaften stehen bereit. Es sind ein paar Minuten, in denen die Stimmung kippen k\u00f6nnte. Pl\u00f6tzlich steht \u00fcberall Polizei. Die Beamten setzen ihre Helme auf. Es gibt erste Rangeleien. <\/p>\n<p>In einem Hauseingang wird ein Festgenommener von Polizisten abgeschirmt, umringt von einer w\u00fctenden Menge. \u201eShame on you\u201c, schreit es von allen Seiten. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Lautsprecherdurchsagen zur Aufl\u00f6sung der Versammlung bleiben aus. Immer wieder \u00e4hnliche Szenen: Ein junger Mann schreit einen Beamten an, scheinbar grundlos \u2013 der Beamte entscheidet sich gegen eine Festnahme und zieht weiter. <\/p>\n<p>Und dann ist da Shane O\u2019Brien. Das Pali-Tuch tief ins Gesicht gezogen, tanzt er vor einem Musikbus. Der Mann, der an der Besetzung eines H\u00f6rsaals der FU Berlin beteiligt war, <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article255845278\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article255845278&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">k\u00f6nnte bald sein Bleiberecht verlieren<\/a>. Heute aber tanzt er als w\u00e4re alles gut.<\/p>\n<p>Zwischen 15.000 und 18.000 Teilnehmer z\u00e4hlte die Polizei am Abend, die Veranstalter sprechen von bis zu 30.000. Sichtbar ist vor allem eines: Der linksautonome Block, der in fr\u00fcheren Jahren das Bild pr\u00e4gte, ist kaum noch auszumachen. Auch gr\u00f6\u00dfere Ausschreitungen bleiben aus. Die Polizei spricht von einzelnen Vorf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Damit wiederholt sich ein Bild aus dem vergangenen Jahr. Es sind Szenen, die eher an ein Stra\u00dfenfest erinnern als an die traditionell konfrontative 1.-Mai-Demonstration in Kreuzberg. Wer heute durch den Kiez zieht, trifft kaum noch auf die Geister der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Vor fast vier Jahrzehnten, im Mai 1987, wurde Kreuzberg erstmals zur Kampfzone. Steine flogen, Molotowcocktails brannten, Polizisten mussten sich unter der U-Bahntrasse ducken. Die Bilanz: Dutzende Verletzte, Pl\u00fcnderungen, brennende Autos \u2013 und das Bild eines ausgebrannten Supermarkts, das bundesweit zum Symbol wurde.<\/p>\n<p>In den Folgejahren institutionalisierten sich die Krawalle. Die sogenannte \u201eRevolution\u00e4re 1.-Mai-Demo\u201c wurde zum festen Bestandteil der linken Szene. 1989 eskalierte die Lage erneut: \u00fcber 340 verletzte Beamte, ein Millionenschaden. Der Senat hatte auf Deeskalation gesetzt \u2013 und war gescheitert. In den 90er-Jahren dann der Gegenschlag: martialisches Polizeiaufgebot, Pr\u00fcgeleien, Festnahmen, zerst\u00f6rte Kneipen. Gewalt auf beiden Seiten. Noch 2010 wurden fast 480 Menschen in der Nacht zum 2. Mai von der Polizei nach den Krawallen in Gewahrsam genommen. Die Statistik spricht f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Mit der Jahrtausendwende begann sich das Bild zu ver\u00e4ndern. Der damalige Kreuzberger Halis S\u00f6nmez hatte die Idee zum \u201eMyfest\u201c \u2013 einem Stra\u00dfenfest mit Musik, Kultur und Nachbarschaft. Aus dem Aufruhr wurde ein Ritual, aus dem Ritual ein Fest. Die Revolution wich dem Caipirinha, die brennenden Barrikaden der B\u00fchne. Mit dem Fest und einer ausgekl\u00fcgelten Polizeitaktik konnte der 1. Mai befriedet werden.<\/p>\n<p>Doch auch ohne Fest blieb es in diesem Jahr weitestgehend ruhig. Am Abend flogen vereinzelt Flaschen, Pyrotechnik wurde gez\u00fcndet. Es kam zu einzelnen Festnahmen. Bereits kurz nach 22 Uhr ist es ruhig am S\u00fcdstern. Keine Musik, kein Geschrei \u2013 nur Scherben, Flaschen, Einsatzwagen. Was mit dem verkl\u00e4rten Gru\u00dfwort begann, endet in Stille.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es dominieren anti-israelische Parolen, Aufrufe zur Revolution und Forderungen nach einem Ende des \u201eKriegs gegen Russland\u201c. 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